Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Brendan O'Neill:
Irak: Eine Inspektion der Lage
Kai Rogusch:
Eine "Revolution im verteidigungspolitischen
Denken"
Mick Hume:
Krieg der Hasenfüße
Brendan O'Neill:
Nordkorea: vom Niemandsland zum Kriegstreiber?
[Heft S.18]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Michael Miersch:
Angst wollen Seele essen?
Oliver Rautenberg:
Bt-Baumwolle: Hoffnung für Indiens Landwirte
Kamesware Rao:
Transgene Baumwolle ist pflegeleichter, resistenter,
ökonomischer
Michael Breu:
Die aufgeklebten Motten
[Heft S.31]
POLITIK &
GESELLSCHAFT
Sebastian Anders:
Therapie auf Teufel komm raus
Jennie Bistrow:
Ächten, was nicht stattfand
[Heft S.35]
Michael Fitzpatrick:
Die therapeutische Gesellschaft
Elisabeth Lasch-Quinn:
Das Zeitalter der Manipulation
[Heft S.39]
Matthias Heitmann:
Der Blick durch den Bauchnabel
MEDIEN &
KULTUR
Hanko Uphoff:
Steht die Revolution bevor?
[Heft S.43]
Wolfgang Müller-El Abd:
Invasion der Bilder
[Heft S.44]
Bernd Herrmann:
Killerbienen in Kanada?
Stefan Chatrath:
Fußballprofis wie Erwachsene behandeln
Christoph Bausenwein:
Lasst sie das später beim Bierchen regeln
[Heft S.49]
RUBRIKEN
STICHWORT
Deutschlands durchschlagende Weltpolitik
von Sabine Reul
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.7]
OBACHT
von Thomas L. Friedman: Oh, diese erhabenen Europäers
[Heft S.17]
BÜCHER
[Heft S.24]
MITTE
Die Zukunft ist möglich! Das Zukunftsmanifest von Matthias Horx
[Heft S.26]
EINSPRUCH
von Walter Krämer:
Studiengebühren sind sozial
GRÄTSCHE
von Matthias Heitmann: Kruzitürken, äh, Schotten
[Heft S.49]
INNOVOTION
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.50]
|
Irak: Eine Inspektion der Lage
Hinter der amerikanischen Kriegsrhetorik verbirgt sich viel Unsicherheit,
Unentschlossenheit und Defensivität, sagt Brendan
O'Neill.
Seit November 2002 inspizierten 70 UN-Waffeninspekteure insgesamt 400
Einrichtungen im Irak. Zeitgleich begann der Aufmarsch der Vereinigten
Staaten am Golf. Anfang Februar war dort bereits eine Streitmacht von
100.000 Mann versammelt, während britische und amerikanische Kampfflugzeuge
vermehrt Ziele im Norden und Süden des Landes bombardierten. Doch
es blieb unklar, ob, wann und vor allem warum die Vereinigten Staaten
und deren Verbündete im Irak einmarschieren wollen.
Seit man in Washington in den Wochen nach dem 11. September 2001 einen
Krieg gegen den Irak ins Auge fasste, machte die US-Regierung über
die Kriegspläne, -gründe und -ziele außerordentlich widersprüchliche
Angaben. Bis Spätsommer 2002 wurde der Sturz Saddam Husseins als
strategisches Ziel benannt, dann verwies man auf dessen mögliche
Verbindungen mit dem Terrornetz Al Qaida und seit Ankunft der UN-Waffeninspekteure
am 18. November 2002 schließlich auf sein vorgebliches Arsenal an
Massenvernichtungswaffen.
Mit den Waffeninspektionen steigerte sich die Inkongruenz der Verlautbarungen
aus Washington weiter. Bevor die irakische Regierung am 7. Dezember 2002
den Vereinten Nationen gemäß UN-Resolution 1441 vom vergangenen
Herbst ihren Bericht über die irakischen Waffenprogramme vorlegte,
hatte der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, erklärt:
"Die Beweislast liegt bei Saddam Hussein", und den irakischen
Staatschef aufgefordert, eine "aktuelle, präzise, vollständige
und umfassende Erklärung über jeden Aspekt seiner Waffenentwicklungsprogramme"
vorzulegen.1 Doch als diese dann eintraf, wurde sie als Lügenpaket
denunziert, noch bevor jemand das 12.000 Seiten starke Dossier überhaupt
gelesen hatte. Jack Straw, Außenminister des engsten US-Verbündeten
Großbritannien, hatte schon einen Tag vor der Veröffentlichung
bekannt gegeben, dass der Irak "ein irreführendes Dossier"
vorlegen werde2 und erklärte 24 Stunden nach dessen Erscheinen
jedes Wort aus Saddams Mund sei "normalerweise eine Lüge".3
Die mangelnde Plausibilität dieses Vorgehens gab natürlich jenen
Auftrieb, die ohnehin der Ansicht zuneigen, Amerika wolle ungeachtet des
Ausgangs der Inspektionen um jeden Preis Krieg. Der anerkannte britische
Nahostexperte Robert Fisk sprach aus, was viele denken: "Der Krieg
gegen Saddam ist ausgemachte Sache... Amerika will den Krieg, einerlei,
was die UN-Inspektoren finden."4 Als abwegig lässt
sich diese Sicht der Dinge angesichts der wirren Verlautbarungen aus Washington
und London zwar nicht eben bezeichnen. Aber sie wirft die Frage auf, warum
sich die USA, wenn sie schon einen Krieg um jeden Preis wünschen,
überhaupt so lange mit den UN und deren Inspektionsprogramm aufgehalten
haben.
Auch in seiner Rede zur Lage der Nation vom 29. Januar 2003, in der Präsident
Bush seine Kriegsrhetorik gegen Saddam Hussein verschärfte, sprach
er unter Verweis auf einschlägige UN-Resolutionen noch immer von
der Möglichkeit einer friedlichen Lösung, sofern Saddam binnen
kurzem schlüssig beweise, dass der Irak seine Massenvernichtungswaffen
zerstört und alle Auflagen der UN erfüllt habe. Zwar wollte
Bush von einer Verlängerung der Inspektionen nun - anders als in
den Wochen zuvor - nicht mehr sprechen, berief sich aber nach wie vor
auf die Schiedsrichterrolle der UN im Irakkonflikt.
Was
geht hier vor? Wie können westliche Regierungen Saddam Hussein die
Beweislast auferlegen, um im nächsten Moment alles, was er sagt,
unbesehen als Lüge zu denunzieren? Warum haben Bush und sein Kabinett
den Waffeninspektionen zugestimmt, um dann die Glaubwürdigkeit und
Autorität der Inspekteure zu untergraben? Und wenn Bush wirklich
unbedingt Krieg führen will - warum hat er dann die Entscheidung
über Krieg und Frieden vom Ausgang der Waffeninspektionen abhängig
gemacht?
Die Ungereimtheiten der amerikanischen Irakpolitik sind Ausdruck der Unsicherheit
der amerikanischen Elite. Sie schwankt zwischen Furcht vor entschiedenem
Vorgehen gegen den Irak und dem beharrlichem Streben, die Irakkrise im
Mittelpunkt des Weltgeschehens zu halten. Das zähe Ringen zwischen
dem Weißen Haus und dem Hauptquartier der Vereinten Nation am Potomac
in New York, das seit Dezember die Welt in Atem hielt, ist ein Hinweis
auf diese Spannung. Die US-Regierung möchte ein unilaterales Vorgehen
am Golf meiden, gleichzeitig aber möglichst viel Kapital aus der
Irakkrise ziehen.
Viele
glauben, die USA verfolgten mit ihrer Irakpolitik und dem Krieg gegen
den Terror imperiale Ambitionen. Doch noch nie hat eine US-Regierung unilaterales
Handeln so nachdrücklich gemieden wie in der Irakkrise. Westliche
Regierungen haben heute wenig Appetit auf Alleingänge - und das gilt
auch für die unbestrittene Supermacht USA. In den internationalen
Beziehungen ist Unilateralismus inzwischen ein Schimpfwort; alle Westmächte
verfolgen ihre außenpolitische Interessen zunehmend durch multilaterale
Institutionen.
Seit der Irak im August 2002 zum Mittelpunkt des internationalen Geschehens
wurde, war die amerikanische Regierung bestrebt, die UN im Boot zu halten.
Bush und seine Minister riefen die UN wiederholt auf, durch Zustimmung
zu einem entschiedenen Vorgehen gegen Saddam Hussein ihre Legitimität
und Relevanz unter Beweis zu stellen. "Werden die Vereinten Nationen
ihrem Gründungsauftrag gerecht werden oder sich als irrelevant erweisen?",
fragte Bush in seiner Ansprache vor der UN-Vollversammlung in New York
am 12. September vergangenen Jahres.5 Aussagen wie diese galten
vielen als Beleg der imperialen Arroganz, mit welcher die USA die UN vor
den Karren ihrer nationalen Interessen spannen wolle. Man kann sie aber
auch als Hinweis auf die Furcht der USA vor einem Alleingang am Golf werten.
Trotz der oft harschen Tonlage gegenüber den Vereinten Nationen kehrte
die Bush-Regierung immer wieder an den Potomac zurück, um sich Legitimation
für ihre Irakpolitik zu holen, und stimmte schließlich als
Kompromiss dem Waffeninspektionsprogramm zu.
Von unilateralem Vorgehen sprach Präsident Bush in seiner Rede vor
der UN-Vollversammlung nur einmal, und zwar in einem Seitenhieb gegen
Saddam Hussein. "Das irakische Regime verstößt zur Zeit
unilateral gegen UN-Resolutionen", sagte Bush. "Wir wollen,
dass die Resolutionen der wichtigsten internationalen Institution eingehalten
werden."6 Die Botschaft des Präsidenten war deutlich:
Unilaterales Handeln ist böse und eben die Art Hinterhältigkeit,
die man nur von Despoten wie Saddam zu erwarten habe.
Die Bush-Regierung hat nationale Ambitionen in der Irakkrise immer wieder
ausgeschlossen. "Wir haben keine territorialen Ambitionen",
sagte der Präsident am 11. November 2002. "Wir suchen kein Empire."7
Bush hob hervor: "Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir
böse Regime bekämpft und dabei sich selbst regierende und prosperierende
Völker hinterlassen." Nur gemeinsam, so gab Bush zu verstehen,
könne man im Fall Irak erfolgreich sein. "Gemeinsam arbeiten
wir einfach besser", sagte der Präsident im November.
Selbst
der als Falke bekannte Nahostberater im Pentagon, Richard Perle, hat für
Unilateralismus kein gutes Wort mehr übrig. Zwar wird Perle in der
europäischen Presse gern zitiert, wenn möglichst kraftvolle
Äußerungen amerikanischer Eigeninteressen gefragt sind. Als
die deutsche Regierung den USA im vergangenen November vorwarf, in der
Irakfrage unilateral vorzugehen, gab er diesen Vorwurf jedoch zurück:
"Deutschland hat sich einem moralisch tauben Pazifismus überantwortet",
zischte Perle. "Wenn der deutsche Bundeskanzler sagt, er wolle nichts
mit einem Vorgehen gegen den Irak zu tun haben, auch wenn es die Vereinten
Nationen unterstützen, ist das Unilateralismus."8
Bush denunziert also Saddam Hussein als Unilateralisten, und Perle sagt
das gleiche über das "moralisch taube" Deutschland. Diese
Ausbrüche verdeutlichen, dass Unilateralismus auf dem internationalen
Parkett inzwischen eines der gröbsten Schimpfworte ist.
Selbstverständlich hegen viele Beamte im Weißen Haus keine
warmen Gefühle für die Vereinten Nationen. Auch mögen manche
Falken sich wundern, warum das mächtige Amerika nicht einfach tut,
was ihm gefällt. Doch selbst wenn Mitglieder der US-Regierung harsche
Worte an die Adresse der UN richten, räumen sie der UN neuerdings
große Autorität ein. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld,
Veteran des ersten Golfkriegs und mit Sicherheit keine Taube, forderte
im Dezember, die UN "müssen entscheiden, ob die Resolution,
die sie einstimmig verabschiedet haben, eingehalten wird oder nicht".9
Rumsfeld schätzt die UN vielleicht nicht sehr, aber in der Irakfrage
überlässt er die Entscheidung offenbar gerne der zahnlosen Behörde
am Potomac.
Kriegsgegner
behaupten, Amerika beabsichtige, die Welt seinen Wünschen entsprechend
neu zu formen. Doch die Projektion nationaler Machtansprüche und
ein Krieg im Namen unilateraler Interessen scheinen der US-Regierung Bauchschmerzen
zu bereiten. Die These, Amerika verfolge am Golf eine imperiale Agenda,
berücksichtigt nicht, wie sehr sich die internationalen Beziehungen
in den 1990er-Jahren gewandelt haben.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges
verlor der Westen sein "Reich des Bösen", einen Feind also,
gegen den er sich selbst und seine Weltpolitik definieren konnte. Die
Begeisterung über den Sieg des Westens dauerte nur kurz. Schon im
August 1990 publizierte John. J. Mearsheimer in der Zeitschrift Atlantic
Review seinen wegweisenden Artikel "Warum wir bald den Kalten Krieg
vermissen werden". Darin schrieb er: "Eines Tages wachen wir
wahrscheinlich auf und beklagen den Verlust der Ordnung, die der Kalte
Krieg in die Anarchie der internationalen Beziehungen brachte."10
Die Gewissheiten der vorausgegangenen 45 Jahre zerfielen. Westliche Staaten
fanden es immer schwieriger, ihre globale Macht zu legitimieren und durchzusetzen.
Die Wende zur humanitären Intervention in den 90er-Jahren war eine
Antwort auf dieses Problem. Aber der humanitäre Interventionismus
verschärfte es letztlich, da er Institutionen untergrub, die seit
dem Zweiten Weltkrieg die internationale Ordnung zusammengehalten hatten.
In den 90er-Jahren wurden internationale Interventionen zunehmend durch
humanitäre Ziele legitimiert. Das galt selbst für den ersten
Golfkrieg im Jahre 1991. Obgleich damals ein evidenter Verstoß des
Irak gegen das Völkerrecht vorlag, wurde die Invasion der US-geführten
Streitmacht schließlich als humanitäre Mission zum Schutz der
Schiiten im Süden und der Kurden im Norden des Landes begründet.
Auch "Operation Restore Hope", die Invasion Somalias im Jahre
1993, wurde als Versuch beschrieben, die Somalis von skrupellosen Kriegsherren
und entsetzlicher Armut zu befreien. Die Bombardierung des Kosovo 1990
bezeichnete das westliche Kriegsbündnis ebenfalls als humanitäre
Aktion zum Schutz der albanisch-stämmigen Kosovaren vor den Serben.
"Human"
war an diesen Kriegen wenig. Tausende starben, Nationen wurden zerrissen,
alte Gräben zwischen Volksgruppen vertieft und neue gezogen. Aber
diese humanitären Missionen wurden primär für ein westliches
Publikum aufgeführt. Die westlichen Eliten suchten in ihnen neue
moralische Legitimität zu gewinnen, an der es ihnen im Inneren oft
mangelte. Diese humanitären Kriege wirkten jedoch destabilisierend,
weil sie alte Normen und Regeln der internationalen Beziehungen außer
Kraft setzten. Zwar steigerte die humanitäre Außenpolitik das
Ansehen westlicher Regierungen - vor allem in den Augen ihrer ehemals
linken Kritiker, die schon bald zu leidenschaftlichen Befürwortern
des humanitären Interventionismus wurden. Aber sie untergruben zugleich
die Legitimität einer von westlichen Eigeninteressen bestimmten Außen-
und Militärpolitik. Die bloße Vorstellung einer Intervention,
die nicht aus altruistischen Motiven, sondern zur Durchsetzung nationaler
Interessen Amerikas, Frankreichs oder Großbritanniens erfolgt, wurde
inakzeptabel. Wie weit dieser Prozess inzwischen gegangen ist, zeigt die
Defensivität, mit der westliche Regierungen heute auf den Vorwurf
reagieren, sie führten Kriege für Öl, Prestige oder sonstige
eigennützige Zwecke.
Im
Laufe der 90er-Jahre kam es durch diese Entwicklung zu einer Inversion
der Machtverhältnisse in den internationalen Beziehungen. Streitkräfte
wurden zunehmend in Stellung gebracht, um jenen zu helfen, denen es schlechter
geht als uns selbst. Macht und Ansehen genossen nicht mehr Staaten, die
selbstbewusst und arrogant auftraten, sondern jene, die sich am meisten
um die Förderung des "Humanitarismus" bemühten. Die
Absage an nationale Interessen, territoriale Ansprüche und strategische
Ambitionen wurde den westlichen Eliten im Laufe der 90er-Jahre zur zweiten
Natur. Die unweigerliche Folge war eine nachhaltige Diskreditierung unilateralen
Handelns auf der Weltbühne. Daher wurde sogar der Krieg gegen Afghanistan
im Oktober 2001 - eine Reaktion auf die Bombardierung von New York und
Washington am 11. September - mit selbstlosen, humanitären Zwecken
begründet.
Nach dem schwersten Angriff auf amerikanisches Territorium seit vielen
Jahrzehnten wurde generell erwartet, der dem konservativen Flügel
der Republikaner zuzurechnende George Bush werde Afghanistan und jedes
andere Regime, dem eine Verbindung mit Al Qaida angehängt werden
könne, mit fürchterlichen Kriegen überziehen. Doch selbst
die Bombardierung Afghanistans wurde als humanitäre Mission zum Schutz
der Afghanen vor Taliban und Al Qaida begründet - nicht als Strafaktion
gegen den terroristischen Feind.
In seinem Bericht zur Nationalen Sicherheitsstrategie vom September 2002
erklärte Bush zum Konflikt in Afghanistan: "Wir werden weiter
mit internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen, Nicht-Regierungsorganisationen
und anderen Staaten zusammenarbeiten, um die humanitäre, politische,
wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unterstützung zu sichern,
die erforderlich ist, um Afghanistan wieder aufzubauen, damit es seine
Menschen nie wieder missbraucht..."11
Die Darstellung des Afghanistan-Krieges als den Versuch, einen zerfallenen
Staat mit Hilfe der Vereinten Nationen und Hand in Hand mit Nicht-Regierungsorganisationen
wieder aufzubauen, verdeutlicht, wie schwer es Amerika inzwischen fällt,
sein außenpolitisches Handeln anders als unter Berufung auf humanitäre
Zwecke und internationale Anliegen zu rechtfertigen.
Zwar
versuchten viele Kriegsbefürworter den Afghanistan-Krieg als Kampf
des guten Amerika gegen die Bösen Terroristen zu präsentieren.
Es war aber gerade die moralische und militärische Konfusion über
diesen Einsatz, welche die Aufmerksamkeit des Westens wieder dem Irak
zuwandte. Schließlich verlief das Afghanistan-Abenteuer nicht eben
überzeugend. Es gab viele misslungene Operationen und sich ständig
ändernde (nie eingelöste) Kriegsziele.
Im Januar 2002 erklärte Präsident Bush, der Krieg gegen den
Terror sei ein Krieg gegen "den verborgenen Feind in den dunklen
Winkeln der Erde" - ein Statement, das sich als Hinweis nicht nur
auf die Schwächen der US-Geheimdienste, sondern auch auf eine Vertrauenskrise
der Regierung Bush verstehen lässt. Mitten im Afghanistan-Debakel
wollte man die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf Amerikas
langjährigen Feind Saddam Hussein lenken, um dem "verborgenen
Feind" deutlichere Konturen zu geben.
Doch selbst in diesem Kampf erscheint die Bush-Regierung so unsicher,
zaudernd und gespalten wie kaum eine amerikanische Regierung zuvor. Der
Irak-Konflikt ist in vieler Hinsicht exemplarisch für die Entwicklung
der internationalen Beziehungen seit dem Ende des Kalten Krieges, denn
der Irak ist seit geraumer Zeit Gegenstand verschiedenster Ansätze
der Kriegslegitimation.
Der
erste Golfkrieg im Jahre 1991 war noch eine Art Übergangsphänomen
zwischen der Welt des Kalten Krieges und der neuen Periode der altruistischen
Intervention. Danach galt der Irak als humanitäres Katastrophengebiet,
in dem man zum Schutz der kurdischen und schiitischen Minderheit Flugverbotszonen
errichtete. Als nächstes geriet das Thema Massenvernichtungswaffen
in den Blick, und Saddam wurde beschuldigt, Atombomben zu bauen. Und schließlich
wurde ihm auch eine Verbindung zum Terrornetz Al Qaida vorgeworfen. Entsprechend
dem sich wandelnden Fokus der humanitären Kriegspolitik wurde gegenüber
dem Irak im Laufe der 90er-Jahre also fast jeder denkbare Kriegsgrund
aufgeführt. Das Land wurde zum symbolischen Prügelknaben der
westlichen Welt, der jedes Mal Schläge bezieht, wenn es aus westlicher
Sicht geboten erscheint.
Mit dem Irak selbst hatten diese Auseinandersetzungen der letzten zehn
Jahre wenig zu tun. Die verschiedenen Interventionen gegen diesen schwachen
Staat dienten primär dazu, die USA und Großbritannien als die
starken Männer der Weltpolitik erscheinen zu lassen und dem Westen
einen Feind zu bieten, gegen den man in der post-sowjetischen Ära
ein Empfinden moralischer Überlegenheit entfalten konnte.
Das schier endlose Tauziehen zwischen der US-Regierung, ihren zunehmend
skeptischen Verbündeten und den Vereinten Nationen um einen neuen
Krieg gegen den Irak verweist auf die inhärenten Widersprüche
dieser Politik. Die amerikanische Regierung möchte Saddam als "bad
guy" der internationalen Beziehungen und seinen Staat als "böses"
Regime im Visier behalten, gegen das Amerika seine humanitäre Agenda
durchsetzen kann. Doch was geschieht, wenn die UN-Inspektoren schließlich
doch abschließende Erkenntnisse über den Irak vorlegen? Sollten
sie feststellen, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besitzt
und Saddams Regime nicht wirklich gestürzt werden muss, sondern sich
"modifizieren" lässt - was wird dann aus der These, der
Irak sei eine Gefahr für den Weltfrieden, die immer wieder "in
den Käfig" gesperrt werden muss?
Dies erklärt wohl das seltsame Verhältnis zwischen der US-Regierung
und den UN-Waffeninspektoren. Die USA scheuen einen entschiedenen Kriegseinsatz
im Irak, möchten sich aber alle Optionen offen halten. Daher stimmte
Washington dem Inspektionsprogramm zu, fürchtete aber gleichzeitig
seinen möglichen Ausgang. Washington unterstützt die Inspektionen
offiziell, schürt aber gleichzeitig beharrlich Zweifel an deren Effizienz
und Aussagekraft. Die USA zögern vor einem möglicherweise blutigen
Invasionskrieg, wollen den Irak aber offenbar als Weltbedrohung im Visier
der internationalen Politik halten.
Aus
dem Englischen übersetzt von Sabine Reul, Textbüro Reul GmbH,
Frankfurt am Main (www.textbuero-reul.de).
Brendan O'Neill ist Mitarbeiter des britischen Novo-Partnermagazins
Sp!ked-Online (www.spiked-online.com).
Dort ist auch dieser Artikel erschienen. In Novo58/59 ist zuletzt von
ihm erschienen "Antirassismusexperten befördern, was sie verhindern
wollen" über Elisabeth Lasch-Quinns Buch Race Experts.
ANMERKUNGEN
1
"Saddam: Iraq to Give the Inspectors a Chance", Washington
Post, 5.12.02.
2 "Iraq Prepares Weapons Dossier", Sky
News, 6.12.02.
3 "UK Backing for UN Inspectors", BBC
News, 8.12.02.
4 Robert Fisk: "We are being set up for a War
against Saddam", The Independent, 4.12.02.
5 Transkription der Rede Bushs, MSNBC News,
12.9.02.
6 ebd.
7 "Bush warns of full force' against Iraq,
if needed", Reuters, 12.11.02.
8 "Europe lacks Moral Fibre, says US Hawk",
Guardian, 13.11.02.
9 "US Readies Case on Iraq Weapons", Washington
Post, 6.12.02.
10 John J. Mearsheimer: "Why we Will Soon Miss
the Cold War", Atlantic Review, August 1990.
11 The National Security Strategy of the United
States of America, White House, September 2002.
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