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Peter Handke über Filme, Bilder und auch Bücher. Von Michael Wetzel.
Peter Handke hat sich Zeit seines Lebens nie gescheut, Standpunkte zu beziehen. Vom legendären Auftritt in Princeton bis hin zum Engagement in der so genannten Jugoslawienfrage hat er aber auch gezeigt, dass Standpunkte nur Momentaufnahmen im Verlaufe eines Gedankengangs darstellen. In diesem Sinne ist Handke immer ein großer Geher gewesen, ein Wanderer durch die Wüsten der Wirklichkeit, auf die Berge und bis ans Ende der Welt, ohne von sich je zu behaupten, in allem bewandert zu sein. Es ist eher ein Wahr-Nehmen als ein Wissen der Wahrheit, was Handkes Schreiben bestimmt. Für ihn gilt, was rund hundert Jahre zuvor Rilke seinem Malte Laurids Brigge in den Mund legte, dass nämlich die Zeit der großen Erzählung vorbei sei und es vielmehr darauf ankomme, Sehen zu lernen. Auf
die Frage "Wohin gehen wir?" gab Novalis die berühmte Antwort:
"Immer nach Haus!" Nur wenige kennen die Fortsetzung des romantischen
Triebes, sich überall zuhause zu fühlen. Auch Handke stand seit
Langsame Heimkehr im Verdacht der Heim-Suchung durch Heilsvorstellungen
und Holismen, dabei ist er doch ebenfalls einer, der sich in der Fremde
zuhause fühlt und sich daher gern zu jenen Orten flüchtet, an
denen andere Welten, andere Wirklichkeiten zuhause einbrechen, und die
er liebevoll altfränkisch Lichtspieltheater nennt. Handke
war und ist ein großer Kinogänger, wie er den von ihm
selbst übersetzten Roman Moviegoer von Walker Percy betitelte.
Der neueste Sammelband von Reden und Aufzeichnungen zu Filmen, Malerei
und neuerer Literatur dokumentiert diese Leidenschaft, die sich selbst
noch im Sprechen über andere Bilder und Texte durchsetzt. Sicherlich,
das neue Buch wurde als gewissermaßen sekundärer Verstärker
von Handkes letztem Großroman Der Bilderverlust, also der
Erzählung von den Bildern, die in keinem Film vorkommen, auf den
Markt gebracht. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Handkes Kinoleidenschaft
eine alte Geschichte ist. Sie ist vielleicht so alt wie die Leidenschaft
für Literatur, sie reicht auf jeden Fall zurück bis in die Zeiten
seiner zweiten oder dritten Sozialisation im Dunkel der Kinosäle,
in denen sich - anders als in den Büchern - das Andere als Wirklichkeit
erschloss. Die
Erinnerung an Duras, die Doppelbegabung im Medium der Literatur und der
Kinematographie, unterstreicht auch das implizite Motto, das Handke im
Vorwort seiner Textsammlung bei Horaz findet. Das berühmte ut
pictura poesis schreibt nämlich einer ganzen abendländischen
Tradition das Gleichnis von Malerei und Dichtung ins Merkbuch. Auch Handke
hat dieses Gleichgewicht zu wahren gesucht und vor allem in der langjährigen
Zusammenarbeit mit Wim Wenders um eine Übersetzung seiner Textwelten
in entsprechende Bildwelten gerungen. Dass die dabei sich stellenden Probleme
der Übertragung den sprachlichen nicht fremd sind, zeigt Handke in
den zwei kleinen, seinem englischen und seinem französischen Übersetzer
gewidmeten Beiträgen. Sie werden ergänzt um andere Publikationen
über Maler und Dichter, die aber immer wieder aus der Perspektive
des Kinogängers betrachtet werden: so wenn die Prosa von Hermann
Lenz auf ihre unmetaphorische Erlebnisweise einer praktischen Bildmontage
zurückgeführt oder Josef Jankers Autor-Leistung mit der Herstellung
von Schnappschüssen verglichen wird.
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