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NOVO 61/62

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Warum die Tobin-Steuer
nichts taugt


von Alexander Ewald


 
 
 


 
 
 
 
 

James Tobin, der für den freien Welthandel eintrat, distanzierte sich von den Zielen von Attac.

 

 


 
 
 
 
 
 
 

Reale Wirtschaft und Finanzwirtschaft sind wesentlich intensiver miteinander verwoben, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

 

 


 
 


 
 
 
 
 

Die Forderung nach stärkerer Regulierung durch IWF, Weltbank oder Welthandelsorganisation (WTO) wird nichts daran ändern, dass diese primär die Interessen der mächtigen Industriestaaten durchsetzen.

 

Heft 61/62: Übersicht
 




Warum die Tobin-Steuer nichts taugt

 

Attac will mit der Besteuerung internationaler Finanztransaktionen die globale Spekulation eindämmen. Alexander Ewald hält diesen Ansatz für unbrauchbar.



Das 1996 erschiene Buch der Spiegel-Redakteure Harald Schumann und Hans-Peter Martin Die Globalisierungsfalle wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem Bestseller. Den Autoren gelang es, das weit verbreitete Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber unkontrollierbaren Prozessen zu projizieren. Sie identifizierten dafür insbesondere die mächtigen Finanzmärkte und die Spekulation und hielten fest: "So wächst Jahr für Jahr die Wahrscheinlichkeit, dass die wildgewordene Finanzmaschine weltweite Krisenwellen auslöst, die allein mit dem Glauben an die ordnende Kraft des Marktes nicht zu beherrschen sind. Aber bald schon könnte auch der Ruf nach dem Staat ins Leere zielen. Denn die Internationale Hochfinanz untergräbt unentwegt, worauf sie am dringendsten angewiesen ist: die Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten und ihrer internationalen Institutionen."
Die kurz nach Publikation des Buches hereinbrechende Asienkrise schien die Befürchtungen der Autoren zu bestätigen. Sie waren bereits zuvor von Wirtschaftswissenschaftlern geäußert wurden. 1986 prägte die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Susan Strange mit ihrem gleichnamigen Buch den Begriff vom "Casino Capitalism". Sie monierte, dass Gesellschaft und Wirtschaft zunehmend dem Rhythmus der Finanzsysteme ausgesetzt werde und dass hierin eine der größten Gefahren der Zivilisation liege.
Seit der Asienkrise hat sich in Politik und Wirtschaft die Auffassung gefestigt, dass die angeschwollenen Finanzmärkte für erhebliche Instabilität sorgen und ein wesentlicher Auslöser für Wirtschaftskrisen sind. Die Frage, wie sie kontrolliert werden können, ist daher immer brisanter geworden. Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), der sich ansonsten für die weltweite Durchsetzung freier Märkte einsetzt, meint inzwischen, freier Kapitalverkehr könne Ursache heftiger Krisen sein.

Sand ins Getriebe
Die wohl größte Öffentlichkeit dieser Sichtwiese erreichte die 1998 in Frankreich gegründete Attac ("Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse des Bürgers"). Attac fordert die Regulierung der Finanzmärkte und zu diesem Zweck eine Steuer auf alle internationalen Finanztransaktionen, um eine Eindämmung der Spekulation zu bewirken. Sie soll vor allem eine deutliche Reduzierung von kurzfristig angelegtem Kapital bewirken. Kurzfristige transnationale Kapitalbewegungen, die sich heute bereits bei geringsten Kursdifferenzen verschiedener Märkte lohnen, würden dadurch uninteressant. Die Stabilität der internationalen Finanzwirtschaft würde dadurch erhöht. Außerdem könnten die Steuereinnahmen zur Unterstützung von Entwicklungsländern genutzt werden. 2

Diese Idee geht auf einen Vorschlag des kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgers James Tobin zurück. Er bracht die Devisenumsatzsteuer in den 70er-Jahren ins Gespräch. Nach dem Zusammenbruch des Systems der festen Wechselkurse wollte er damals die Wechselkurse stabilisieren. Zu Lebzeiten distanzierte sich Tobin, der für den freien Welthandel eintrat, von den Zielen von Attac. Die Tobin-Steuer wird derzeit vom Deutschen Gewerkschaftsbund, der PDS und den Grünen gefordert. Sogar in der Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Bundesregierung hat sie Einzug erhalten.
Die Wirkungen der Tobin-Steuer sind in der wissenschaftlichen Diskussion allerdings sehr umstritten. Ihren Protagonisten wird entgegengehalten, dass sie die Effizienz der Finanzmärkte negativ beeinflussen würde, da kleinste Kursdifferenzen nicht mehr ausgeglichen werden und somit noch gravierendere Störungen als bisher auftreten könnten. Außerdem wird selbst von Befürwortern der Tobin-Steuer vermutet, dass ihre Bemessungsgröße von weniger als einem Prozent des transferierten Kapitals keinesfalls ausreichen würde, um die massiven Kapitalbewegungen einzudämmen, die z. B. zum Kollaps der asiatischen Volkswirtschaften Ende der 90er-Jahre geführt hatten. Deshalb ist vorgeschlagen worden, eine Bandbreite für den Wechselkurs festzulegen. Sobald dieser Korridor verlassen wird, soll die Steuer so massiv erhöht werden, dass praktisch der gesamte Kapitalverkehr zum Erliegen kommen kann. 3

Irrationales Finanzsystem
Unabhängig davon, ob die propagierte Steuer tatsächlich die gewünschte Wirkung entfalten kann, zeigt sich an der Diskussion um die Regulation der Finanzmärkte, dass heute grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass sie weitgehend von der realen Ökonomie abgetrennt sind. Typisch dafür ist die Formulierung, dass "die spekulativen Geschäfte der Banken und Fonds sich von der realwirtschaftlichen Basis abgelöst haben" und Krisen im Finanzsystem "wieder auf die Realwirtschaft und damit auf die gesamte gesellschaftliche Entwicklung zurückschlagen" können. 4 Der Zusammenhang zwischen den spekulativen Finanzmärkten und realer Wirtschaft wird bestenfalls sehr technisch interpretiert.
Harald Schumann, der sich in seinem neueren Buch mit großer Sympathie über die Ziele von Attac äußert, sieht die Ursache für die explodierenden Finanzmärkte im Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse Anfang der 70er-Jahre: "Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems machte den Weg frei für den explosiven Aufstieg eines Wirtschaftszweiges, der wie kein anderer das Schicksal der Menschheit beeinflusst: die globale Finanzindustrie." 5 Im Umkehrschluss argumentieren die Autoren ganz so, als ob eine Regulation der Finanzmärkte dieses "Problem" beheben könnte.
Die Ansicht, dass das Finanzsystem außerhalb der "normalen" Marktwirtschaft steht, ist selbst bei Wirtschaftswissenschaftlern verbreitet. So sieht der Nobelpreisträger und ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Joseph Stiglitz, den IWF als wohl wichtigstes und einflussreichstes Instrument nicht etwa der Industriestaaten, sondern von Sonderinteressen aus der Finanzwelt. Er schreibt: "Die Institutionen werden nicht einfach von den reichsten Industriestaaten beherrscht, sondern insbesondere von Sonderinteressen der Handels- und Finanzwelt in diesen Ländern…" Außerdem agiere der IWF "ideologisch motiviert". 6

Vagabundierendes Kapital
Reale Wirtschaft und Finanzwirtschaft sind aber wesentlich intensiver miteinander verwoben, als es den zitierten Autoren auf den ersten Blick erscheinen mag. In den 80er- und 90er-Jahren sind in allen global agierenden Industrieunternehmen große Finanzabteilungen entstanden. Diese sorgen nicht mehr nur dafür, dass Kursrisiken aus dem traditionellen Industriegeschäft abgesichert werden. Die möglichst effiziente Verwaltung der teilweise enormen liquiden Mittel hat bei vielen Unternehmen auch dazu geführt, dass die Finanzaktivitäten einen höheren Ergebnisbeitrag bringen als das traditionelle Industriegeschäft.
Aber auch volkswirtschaftliche Zusammenhänge sind erkennbar. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich vor dem Hintergrund stabiler und im historischen Vergleich sehr hohen Wachstumsraten. Hohe Investitionen in Maschinen und Anlagen sorgten in Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren für ein "Wirtschaftswunder". Ende der 60er und vor allem in den 70er-Jahren gingen die Wachstumsraten in Deutschland und der Weltwirtschaft deutlich zurück. Seitdem sind rückläufig Wachstumsraten zu beobachten. Das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes lag in den 50er- und 60er-Jahren bei über 5 Prozent, in den 70er- und 80er-Jahren bei 2,8 und 2,6 Prozent und in den 90er-Jahren bei nur noch 1,5 Prozent. 7
Im gleichen Maße, wie die Investitionen und die Wachstumsraten in den Industrieländern zurückgingen, stieg der Kapitalexport in die Entwicklungsländer. Während in den 70er-Jahren jährlich nur 25,5 Mrd. US-Dollar als Nettokapitalimport in die Entwicklungsländer geflossen sind, stieg der jährliche Betrag auf 154,3 Mrd. US-Dollar in den 90er-Jahren. 8
Die langfristigen Bewegungen des Kapitals machen deutlich, dass es nicht technische Änderungen wie die Liberalisierung des Kapitalverkehrs waren, die ursächlich für den Kapitalexport verantwortlich sind. Diese Anpassungen bieten nur den wirtschaftspolitischen Rahmen, der der neuen Situation angemessen war.
Da sich in den hochentwickelten Industriestaaten nicht mehr so günstige Investitionsmöglichkeiten wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben, musste sich das Kapital bessere Verwertungsbedingungen suchen. Die Expansion der asiatischen Tigerstaaten in den 80er- und 90er-Jahren steht insofern auch in einem sehr engen Kontext mit der Stagnation der Wirtschaft in den hochentwickelten Industriestaaten. Ebenso besteht ein innerer Zusammenhang zwischen den relativ schwachen Investitionen in Maschinen und Anlagen und dem massiven Anschwellen der Kapitalmärkte. Erzielte Gewinne werden nicht mehr unbedingt für weitere Investitionen genutzt, sondern sie füllen die "Kriegskassen" der Unternehmen. Diese Mittel können dann gewinnbringend vor allem für kurz- und mittelfristige Finanzgeschäfte genutzt werden.

Risikobewusstsein
In den 90er-Jahren haben gesellschaftliche Veränderungsprozesse diese ökonomischen Trends überlagert. Das gesellschaftliche Risikobewusstsein hat sich auch in den Chefetagen der Unternehmen festgesetzt. Statt langfristig die Entwicklung von Unternehmen zu planen, was oft mit einschneidenden Investitionsentscheidungen und daher hohen Risiken verbunden ist, begnügt man sich heute eher mit Maßnahmen, die kurzfristiger und bezüglich der potenziellen Risiken überschaubarer scheinen. Die Bewertung von Gewinnchancen und Verlustrisiken hat sich zu einer stärkeren Beachtung der Risiken verschoben und führt somit zu einer schwächeren Investitionsneigung. 9

Kurzsichtigkeit
Die Perspektive der Globalisierungskritiker, die in der Aufblähung der Kapitalmärkte eine Gefahr sehen und die sich daher für die Einführung einer Spekulationssteuer einsetzen, ist mithin sehr kurzsichtig. Anstatt die Kapitalmärkte als Teil eines komplexen, aber durchaus durchdringbaren sozialen Systems zu verstehen, das sich statt produktiver Investitionen verstärkt auf Finanzgeschäfte konzentriert, ignorieren die Globalisierungskritiker diese Beziehung und polemisieren einseitig gegen das "globale Kasino", was Ursache und Wirkung weitgehend verschleiert.
Besonders negativ dabei ist, dass mit dem Ruf nach verstärkter Regulierung der internationalen "Unordnung" den Menschen in den Entwicklungsländern ein Bärendienst erwiesen wird. Die Forderung nach stärkerer Regulierung der internationalen Ordnung durch Organisationen wie den IWF, die Weltbank oder die Welthandelsorganisation (WTO) wird (selbst wenn sich die geforderten Reformen durchsetzen ließen, die Entwicklungsländer mehr Mitsprache bekämen und die Ideologie des "Neoliberalismus" ausgetrieben würde) nichts daran ändern, dass dies Organisationen sind, in der primär die mächtigen Industriestaaten ihre Interessen durchzusetzen pflegen.
Das Problem ist, dass Regulierung durch derartige Organisationen immer die Gefahr birgt, dass sie zum Nachteil der schwächeren "Partner" abläuft. Für die schwächeren Länder wäre es daher besser, auf Eigenständigkeit gegenüber diesen mächtigen Apparaten zu setzen und sich mehr Freiraum zu erkämpfen. Die Forderung nach einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte kann nur das Gegenteil bewirken.

 

Fußnoten
1 Hans-Peter Martin, Harald Schumann: Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand, Rowohlt Tb. 1998, S.135f.
2 Peter Wahl / Peter Waldow: Devisenumsatzsteuer. Ein Konzept mit Zukunft, WEED, Bonn 2001.
3 s.a. Paul Bernd Spahn: Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zur Durchführbarkeit einer Devisentransaktionssteuer, Frankfurt 2002.
4 Peter Wahl / Peter Waldow: Devisenumsatzsteuer. Ein Konzept mit Zukunft, WEED, Bonn 2001.
5 Christiane Grefe / Mathias Greffrath / Harald Schumann: attac - Was wollen die Globalisierungsgegner, Berlin 2002.
6 Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung, Siedler, 2002, S.33.
7 Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung, 18.7.2002.
8 Deutsche Bundesbank Monatsbericht: "Wechselkurspolitische Konsequenzen zunehmender Kapitalströme - weltweite Erfahrungen und Perspektiven", Juni 2002, S.62.
9 Phil Mullan: "New Economy: Kapitalismus der Feiglinge", Novo54.

 

 

 


 

Alexander Ewald lebt als freier Journalist in Berlin. In Novo57 ist von ihm erschienen "Lohnsubventionen: Gift für Arbeitnehmer und Wirtschaft".



 



   
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