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Inside Älterwerden?
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Dass es immer mehr Hundertjährige gibt, ist eine Folge des gesellschaftlichen Reichtums - und nicht der Vorbote seines Untergangs. Von Phil Mullan.
Die Sorge, eine Bevölkerung mit hohem Altersdurchschnitt könne man sich nicht leisten, hat bei Regierungen und Behörden einen Aktionismus ausgelöst, der die Situation älterer Menschen zumeist verschlechtert. Renten und Pflegesätze werden gekürzt, und die Gefahr wächst, dass viele Menschen nach dem Ende ihres Arbeitslebens arm sein werden. Und all das geschieht ohne zwingenden Grund. Ein steigender Altersdurchschnitt wird als Problem wahrgenommen, da man annimmt, die Älteren müssten von den Jüngeren mitversorgt werden. Diese Sicht beruht auf der Überzeugung, dass nicht nur Rente und Pflege der Älteren von den Jüngeren zu finanzieren seien, sondern dass auch nur die Jüngeren die Produktivität erbringen könnten, die es möglich machen würde, das Sozial- und Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten. Eine längere Lebenserwartung, so meinen viele, bedeutet, dass immer weniger Menschen arbeiten. Und wenn das so ist, können immer weniger Berufstätige die immer größere werdende Zahl der Rentner nicht mitversorgen. Um diese Annahme zu untermauern, wird meist auf die steigende Abhängigkeitsquote bzw. fallende Versorgungsquote verwiesen. Mit der Versorgungsquote bemisst man das zahlenmäßige Verhältnis der Personen im berufstätigen Alter zu denen im Rentenalter. Zur Zeit schätzt man, dass diese Quote von heute 4,2 bis zum Jahr 2031 auf 2,6 fallen wird. Auf den ersten Blick scheint die Argumentation einleuchtend: Immer weniger arbeitende Menschen können nicht immer mehr Rentner nachhaltig mitversorgen. Ein Aspekt, der aber stets übersehen wird, ist die Tatsache, dass die Anzahl der Berufstätigen, die erforderlich ist, um einen Rentner "mitzuversorgen", bereits erheblich zurückgegangen ist: 1900 waren noch 14 Berufstätige nötig, um einen Rentner zu versorgen; 1990 waren es gerade noch vier. Die Versorgungsquote ist deshalb ein unzuverlässiger Gradmesser dafür, wie sich eine älter werdende Bevölkerung versorgen lässt. Die Versorgungsquote ist aus mehreren Gründen irreführend. Da die Produktivität steigt, wird die arbeitende Bevölkerung in 30 Jahren viel produktiver sein als heute. Die Produktivität eines Berufstätigen wird sich bis zum Jahr 2031 vermutlich verdoppeln. Das Modell, das der Versorgungsquote zugrunde liegt, vergleicht folglich Äpfel mit Birnen. Die genannten statistischen Quoten lassen außerdem außer Acht, dass eine Zunahme der Gruppe der Älteren einher geht mit einem Rückgang der Zahl der Jüngeren. Auch diejenigen unterhalb des Arbeitsalters müssen mitversorgt werden. Die Gesamtquote derjenigen, die selbst kein Einkommen erwirtschaften, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte erstaunlich konstant geblieben. Das ist kein Zufall. In einer älter werdenden Bevölkerung geht zwangsläufig die Zahl der ganz Jungen zurück. Eine niedrige Geburtenrate ist fast immer die Hauptursache für einen steigenden Altersdurchschnitt. Was es kostet, ein Kind bis zum Arbeitsalter aufzuziehen oder einen Rentner zu versorgen, ist nicht direkt vergleichbar. Das Verhältnis der jeweiligen Aufwendungen unterscheidet sich sowohl historisch als auch von Land zu Land. Sieht man aber von den Feinheiten ab, wird klar, dass eine geringe Zahl an Kindern und Jugendlichen die steigenden Aufwendungen für die Versorgung der Alten zu wesentlichen Teilen ausgleicht. Ein
weiterer Mangel der Versorgungsquote ist die Annahme, Menschen über
65 bzw. 60 würden zur Produktivität nicht beitragen. In Großbritannien
waren 1999 etwa 15 Prozent der Männer zwischen 65 und 69 und 30 Prozent
der Frauen zwischen 60 und 64 berufstätig. Wichtiger noch: Millionen
von Menschen im Arbeitsalter arbeiten nicht. In Großbritannien sind
das ungefähr elf Millionen. In den meisten Industrieländern
beläuft sich der Anteil der nicht-berufstätigen Menschen im
Arbeitsalter auf ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung. Auf den ersten Blick scheint die Quote, so berechnet, noch ungünstiger auszufallen: Weniger als ein Arbeiter (0,8 %) würde jeweils eine nicht-arbeitende Person unterstützen. Aber diese Zahl belegt auch, wie produktiv die arbeitende Bevölkerung bereits ist. Heute kann jede berufstätige Person ungefähr zwei Menschen versorgen, nämlich sich selbst und eine zweite. In dreißig bis vierzig Jahren wird jede berufstätige Person vermutlich in der Lage sein, vier Personen (den heutigen Lebensstandard zugrunde gelegt) zu versorgen - und dass auch dann, wenn man von einem nur bescheidenen Zuwachs der Produktivität ausgeht. Zwei Schlüsse lassen sich aus dieser bereinigten Versorgungsquote ziehen: Zum einen zeigt sich, dass in den Prognosen für die nächsten 30 Jahre die bereinigte Versorgungsquote um nur 14 Prozent ansteigen wird. Zum Vergleich: Nimmt man als Berechnungsgrundlage die Versorgungsquote allein für Rentner, kommt man auf den vierfachen Wert. Zum anderen zeigt sich, dass der Arbeitsmarkt stärker auf die Versorgungsquote einwirkt als die Altersstruktur der Bevölkerung. Die
Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter, die arbeiten wollen, sowie
der Prozentsatz derjenigen, die tatsächlich Arbeit haben, verändert
sich rascher und merklicher als die Alterstruktur einer Bevölkerung.
Beide Zahlen spiegeln unmittelbar die wirtschaftliche Lage wieder und
sind zudem Beleg für gesellschaftliche Veränderungen, wie z.B.
die steigende Zahl berufstätiger Frauen und, bedingt durch die Zunahme
höherwertiger Ausbildung, die rückläufige Zahl junger Berufstätiger. Die
Beschäftigungsrate ist aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Gründen zeit-, regionen- und länderspezifisch sehr starken Schwankungen
unterworfen. In Italien beispielsweise beträgt der Anteil der Berufstätigen
an der Gesamtbevölkerung zirka 50 Prozent, in Deutschland und Frankreich
sind es 60, in Großbritannien 70 und in den USA und Japan 75 Prozent
der Bevölkerung. Diese Unterschiede stehen in keinem unmittelbaren
Zusammenhang mit der Altersstruktur der jeweiligen Bevölkerung. Bestimmt
werden sie vor allem von der Struktur des jeweiligen Arbeitsmarktes, der
Konjunktur, sowie von soziokulturellen Faktoren (die beispielsweise einen
großen Einfluss auf den Anteil berufstätiger Frauen haben). Die Vorstellung, der steigende Altersdurchschnitt der Bevölkerung führe zu einem Mangel an Arbeitskräften, lässt sich durch Fakten nicht belegen. Die steigende Arbeitsfähigkeit älterer Menschen könnte, verbunden mit dem immer häufiger auftretenden Wunsch, weiter zu arbeiten, sogar dazu führen, dass die Versorgung der nicht-arbeitenden Bevölkerung in Zukunft mehr als gesichert ist - und das selbst dann, wenn das Unmögliche einträte: ein Stagnieren der Produktivität über einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren. Das
britische Statistikamt schätzt, dass 2030 in Großbritannien
27,2 Millionen Menschen berufstätig sein werden - 44,5 Prozent der
geschätzten Gesamtbevölkerung von dann 61,1 Millionen. 1999
waren 27,6 Millionen Briten berufstätig - das entsprach 47,8 Prozent
der 57,7 Millionen Briten. Um auch 2030 das gleiche Verhältnis von
arbeitender zu nicht-arbeitender Bevölkerung herzustellen, müssten
zwei Millionen mehr Menschen berufstätig werden. Eine Steigerung um fünf Prozent könnte allein dadurch erreicht werden, dass die Teile der Bevölkerung mit einer heute unterdurchschnittlichen Zahl von Berufstätigen aufholen. Heute sind 72 Prozent der Frauen und 84,5 Prozent der Männer im Arbeitsalter berufstätig. Würde der Anteil der berufstätigen Frauen auf nur 80 Prozent steigen, wäre die notwendige Zunahme schon so gut wie hergestellt. Berücksichtigt man, dass die Frauen der Babyboom-Generation als erste halbwegs gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ist es nicht abwegig, davon auszugehen, dass die Beschäftigungsrate bei 40- und 50-jährigen Frauen (und vielleicht sogar bei 60-jährigen) im Laufe der nächsten 20 Jahre erheblich zunehmen wird. Das Beispiel des Anteils berufstätiger Frauen zeigt, wie vergleichsweise rasch Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt einen höheren Altersdurchschnitt der Bevölkerung ausgleichen können. Die Möglichkeiten, solche Veränderungen durch eine konkrete Beschäftigungspolitik herbeizuführen, sind groß. Berücksichtigt
man, dass im Laufe der letzten 25 Jahre immer mehr Berufstätige frühzeitig
in Rente gegangen sind, stößt man auf ein weiteres Potenzial
an Arbeitskräften. Vor 1980 waren zirka 75 Prozent der Männer
zwischen 55 und 64 berufstätig; heute sind es noch 40 Prozent. Die
Zunahme der Frühverrentung hatte vor allem wirtschaftliche und keine
demografischen Gründe. Frühverrentung wurde genutzt, um die
Arbeitslosenquote zu senken. Um das zu erreichen, wurden staatliche Unterstützungen
gezahlt und Rentenfonds umgestrickt. Eine
Umkehr dieser Politik würde den Anteil der berufstätigen Bevölkerung
erhöhen. Zudem hätten die Menschen dann die Wahl, selbst zu
entscheiden, was sie mit ihrem Leben machen. Die Frühverrentung ist
nicht nur Vergeudung von Produktivkraft. Viele Menschen, die frühzeitig
in Rente gingen und gehen, würden, hätten sie die Wahl, gerne
weiter berufstätig sein. Wie falsch es ist, davon auszugehen, dass Überalterung und eine fallende Versorgungsquote unvermeidliche Entwicklungen sind, zeigt die hohe Zahl fitter alter Menschen. Das Rentenalter ist keine feste Größe. Die heute 50-, 60-, 65- oder 75-jährigen lassen sich nicht mit Menschen dieses Alters vor 50 oder 30 Jahren vergleichen. Genauso wenig kann man davon ausgehen, dass Menschen dieses Alters in 30 Jahren so sein werden, wie die von heute. Die Größe der potenziell arbeitsfähigen Bevölkerung geht mit einem steigenden Altersdurchschnitt nicht zurück, sondern kann im Gegenteil deutlich zunehmen. Da immer mehr Menschen auch im fortgeschrittenen Alter gesund und fit sind, besteht kein Grund, an einem Rentenalter von 65 festzuhalten. Menschen, die das Rentenalter erreichen, verwandeln sich nicht über Nacht von aktiven Berufstätigen in unnütze Mitesser. Es ist nicht so, dass alle Menschen jenseits des Rentenalters vom Arbeitsmarkt verschwinden. Mit steigender Gesundheit und Lebenserwartung wird auch die Zahl älterer Menschen zunehmen, die nicht nur arbeiten können, sondern vor allem auch länger arbeiten wollen. Zieht man all diese Faktoren in Betracht, wird klar, dass Veränderungen in der regionalen, der geschlechterspezifischen und vor allem in der generationalen Beschäftigungsquote jederzeit die Probleme ausgleichen können, die durch ein Altern der Gesellschaft entstehen könnten. Schon kleine Veränderungen in den genannten Bereichen würde genügen, um die Versorgungsquote wieder auszugleichen. Bleibt also die Frage: Warum herrscht trotzdem heute Angst vor Überalterung in der Gesellschaft? Die Angst vor einer Überalterung der Gesellschaft ist keine Reaktion auf wirtschaftliche Probleme oder die Situation am Arbeitsmarkt. Der Fall der Versorgungsquote ist weder ein Naturphänomen, noch ist er zwangsläufig. Die Besorgnis rund um diese Fragen ist Ausdruck einer viel allgemeineren Angst vor der Zukunft. Die
Angst vor der Überalterung der Gesellschaft verursacht zwei handfeste
Probleme. Einerseits führen Maßnahmen, die heute ergriffen
werden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, dazu, dass wir alle in
Zukunft schlechter leben werden. Zum anderen führt übertriebene
Sorge auch dazu, dass das Alter an sich als Problem wahrgenommen wird. Statt
es zu begrüßen, dass ältere Menschen heute länger
wertvolle Arbeit leisten und ein unabhängiges Leben führen können,
fördern oder erzwingen wir nach wie vor den Vorruhestand. Die meisten
gesetzlichen Regelungen sowie unser Sozial- und Rentenversicherungssystem
sind nicht mehr zeitgemäß. Nach wie vor werden Menschen, die
ein willkürlich festgesetztes Rentenalter erreichen, ob sie wollen
oder nicht, in den Lebensabend abgeschoben - und dann als Bürde wahrgenommen. Unser
Problem ist nicht der steigende Altersdurchschnitt, unser Problem ist
die Unfähigkeit, diese Entwicklung zu gestalten. Wir müssen
ältere Menschen in die Lage versetzen, länger ein aktives, unabhängiges
Leben zu führen. Es gibt Ansätze dazu, aber zahlreiche Regelungen
und Gesetze stehen ihnen noch im Wege. Das muss sich ändern. Das
Rentenalter darf keine unverrückbare Größe, es muss eine
persönliche Entscheidung sein.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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