| | Aktuell
(Home/News) | Dafür
steht
NOVO | Wer liest NOVO
| Archiv | Kontakt/Impressum | | Das aktuelle Heft | LifeScience | Infoletter | Einzelheft | NOVO abonnieren | |
| WISSENSCHAFT & ÖKOLOGIE |
INFOS
Inside Das Schaf als
|
|||||||||
|
|
Von Pharmern und Schimären berichtet Scott Anderson.
Der Pharmer der Zukunft könnte eine Herde von etwa 100 Schafen halten, die dann den gesamten Weltmarkt mit einem bestimmten hochkomplexen Medikament versorgen, das sonst nur schwer zu produzieren wäre. Jedes Tier könnte so auf sein Leben hochgerechnet Millionen von Dollar wert sein. Weil die Schafe genetisch so verändert wurden, dass sie menschliche Gene in sich tragen, werden sie zu transgenen Tieren, die auch Schimären genannt werden. Dieser Name rührt von der mythischen Figur der Griechen her, die Merkmale eines Löwen, einer Ziege und einer Schlange trug. Der Mythos besagt, dass Bellerophon - auf dem geflügelten Pferd Pegasus sitzend - die feuerspeiende Schimäre schließlich erschlug. Jeremy
Rifkin ist ein moderner Bellerophon. Er kämpft gegen das Pharming
und, um genau zu sein, gegen jede Art Forschung, die mit Schimären
zu tun hat. Aber da Millionen von Leben auf dem Spiel stehen, wäre
er gut beraten, stichhaltige Argumente vorzubringen. Rifkin, der Präsident
der in Washington ansässigen Foundation on Economic Trends ist, gilt
als erfahrener Provokateur, der das Geschick besitzt, Aufmerksamkeit zu
erregen und zu Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress eingeladen
zu werden. Was er sagt, hat wohl oder übel also Gewicht. Rifkin
aber lässt sich durch diese Versprechen der Forscher nicht besänftigen
und versucht seit langem, Regierungen dazu zu bewegen, schärfere
Gesetze zu verabschieden. Würden seine Forderungen umgesetzt, kämen
weite Bereiche des medizinischen Fortschritts zum Erliegen. Doch
wovon reden diese Herren überhaupt? Es gibt bereits eine ganze Menge
ausgesprochen nützlicher Schimären, die jeweils für eine
spezielle Therapie gedacht sind. Schauen wir uns also die Forschung, die
Rifkin und Newman in Angst und Schrecken versetzt, einmal etwas näher
an. Transgene
Labormäuse, die menschliche Gene in sich tragen, wurden schon vor
Jahren patentiert. Aber Mäuse sind eben Mäuse und nicht die
schrecklichen Monster, die sich Rifkin und Newman ausmalen. Diese Mäuse
werden meist zu Testzwecken verwendet. Wenn Biologen früher Medikamente
für Menschen an Mäusen getestet haben, war immer nur eine relativ
vage Einschätzung der Ergebnisse möglich. Die Verwendung von
Mäusen mit menschlichen Genen macht diese Tests viel genauer und
verringert die Notwendigkeit, groß angelegte Tests an Menschen durchzuführen. Bald auch erhältlich: Menschliche Gene, die in die Saat für Lebensmittel transplantiert werden. Es gibt also bald Medikamente, die quasi auf dem Feld angebaut werden können. Das ist ein neuer Zweig des Pharming. Die "Früchte" dieser Forschung könnten entweder gegessen oder als kostengünstige Methode in der Diagnostik eingesetzt werden, so dass hochentwickelte Tests einem breiteren Markt zugänglich gemacht werden können. Die
Transplantation, zum Beispiel das Einsetzen der Herzklappe eines Schweins
in ein menschliches Herz, ist eine andere Methode der Herstellung einer
menschlich-tierischen Schimäre. Diese Menschen möchten nach
wie vor wie Menschen behandelt werden, denn sie zeigen kein schweinisches
Verhalten. Rifkin sollte einmal ein intensives Gespräch mit diesen
Schimären führen, bevor er ihre Genmischung als ketzerisch verurteilt. Unglaublich,
aber wahr: Die am weitesten verbreitete Schimäre könnte Ihre
Mutter sein. Wissenschaftler haben unlängst festgestellt, dass bei
einigen und vielleicht sogar allen Müttern die DNA ihrer eigenen
Kinder noch Jahrzehnte nach der Geburt im Blut durch den Körper fließt.
In gewisser Weise erbt die Mutter die DNA ihrer Kinder. Dies mag sich
seltsam anhören, ist aber völlig natürlich. Und es kann
auch zu Schwierigkeiten führen: Wissenschaftler spekulieren darüber,
ob autoimmune Krankheiten wie Hauttuberkulose oder Arthrose entstehen
könnten, wenn das Immunsystem der Mutter versucht, die fremde DNA
auszuschalten. Ein
neu entdeckter Schimärismus bei Transplantationspatienten begeistert
nun die Forscher: Nach der Transplantation fangen Zellen aus dem Wirt
an, ins eingesetzte Organ einzudringen. Wissenschaftler haben festgestellt,
dass ein Spenderherz schon wenige Tage nach der Transplantation bis zu
20 Prozent aus Gewebe des Wirts bestehen kann. Dies zeigt, dass ein Organ
keine homogene DNA benötigt, um richtig zu funktionieren und dass
verschiedenartige Zellen sehr gut zusammenleben können. Wäre Rifkins Kreuzzug gegen die Schimären mit Erfolg beschieden, würden Transplantationen von Knochenmark und anderen Organen bald der Vergangenheit angehören. Rifkin wiederholt hier die Panik, die seinerzeit die ersten Transplantationen menschlicher Organe begleitete. Damals meinten die Kritiker, Transplantationen entwürdigten das Prinzip des Lebens und würden unsere Seelen zerstören. Sie forderten, diese Forschung sofort einzustellen, um bleibende Schäden an der menschlichen Gattung zu verhindern. Das Zeter und Mordio endete, als - wie von den Wissenschaftlern prognostiziert - die Transplantationen den Menschen ein längeres Leben ermöglichten, ohne dass sie dafür ihre Seele opfern mussten. Bei
einer weiteren Form des Schimärismus wird ein tierisches Ei verwendet,
um eine menschliche Stammzelle zu erschaffen. In diesem Fall besteht der
biologische Zauber darin, dass Eizellen, unabhängig von ihrer Spezies,
sehr anpassungsfähig sind. Sie können eine erstaunliche Vielfalt
an gespendeter DNA aufnehmen und diese "umbauen," so dass die
DNA kopiert werden kann. Bei dieser Methode wird dem Patienten ein kleines
Stück Haut entfernt, um seine DNA zu ermitteln. Nachdem der Zellkern
aus dem Ei entfernt wurde, wird die DNA des Patienten eingesetzt. Durch
einen zugeführten Schock beginnt das Ei, die DNA umzubauen und sich
zu spalten. Nach einigen Teilungen können die Wissenschaftler die
Stammzellen ernten und für therapeutische Zwecke weitergeben. Die wundersamste Schimäre allerdings sind Sie selbst. Tief in Ihrer DNA tragen Sie Überbleibsel Ihrer tierischen Vergangenheit - und noch einiges mehr. Sie haben 99 Prozent Ihrer Gene mit dem Affen gemeinsam.1 Auch wenn Sie eines dieser Gene transplantieren würden, würde sich nichts ändern. Über die Hälfte der Gene, die sich in Fliegen finden, wurden auch schon in Menschen gefunden.2 Sie haben teilweise sogar die gleichen Gene wie Pflanzen und selbst Bakterien. Noch verwunderlicher ist die Tatsache, dass ihre gesamte DNA von viralen Genen durchsetzt ist, eingeführt von Retroviren, die einige der Keimzellen Ihrer Vorfahren in den letzten drei Milliarden Jahren infiziert haben. Ihre DANN - oder unser aller DNA - repräsentiert eine riesige Menge an Angriffen, die wir als Gattung überlebt haben. Wir
können all diese Schimären in zwei Gruppen zusammenfassen: Tiere
mit zusätzlichen Genen und Menschen mit zusätzlichen Genen.
Im ersten Fall besteht der Kernpunkt darin, ein genetisch verändertes
Tier entstehen zu lassen, das umweltfreundlich ist und wertvolle Eiweiße
produziert. Dies wären natürlich immer Tiere, und man käme
wohl kaum auf die Idee, sie mit Menschen zu verwechseln. Im zweiten Fall
geht es um Menschen mit all ihren Rechten. Patienten, die durch die Kombination
von Genen vor dem sicheren Tod bewahrt wurden, sind trotzdem Menschen
geblieben und teilen die abergläubische Furcht, die Rifkin bezüglich
ihrer Therapie hegt, nicht. Abstrakt
lässt sich natürlich immer behaupten, dass etwas möglicherweise
ins Verderben führt, aber wo die Kausalkette brüchig wird, fallen
die Schlussfolgerungen bisweilen absurd aus. Rifkin scheint nicht zu bemerken,
wie surreal seine Thesen sind. Er sagt: "Ich habe lange untersucht,
wie die Eugenik kommerzieller und marktorientierter geworden ist. Wenn
es einen Feind gibt, dann sind es diejenigen von uns, die mit gutem Grund
gesunde Babys wollen."3 Rifkin meint also, das Verderben
beginne mit gesunden Babys - zweifelsohne ein interessanter Kreuzzug. Selbstverständlich ist, wie überall, auch hier Leichtfertigkeit nicht angesagt. Wenn wir unser eigenes Schicksal bestimmen wollen, brauchen wir eine durchdachte Überwachung. Deshalb haben auch führende Wissenschaftler wie Ian Wilmut - der Mann, der Dolly geklont hat und dessen Arbeit den Grundstein für die medikamentproduzierenden Schafe legte - immer wieder öffentliche Diskussionen angeregt. "Wir wollen eine fundierte öffentliche Diskussion darüber anregen, wie diese Technologie missbraucht werden könnte und wie man sicherstellen kann, dass adäquate Gesetze gegen Missbrauch verabschiedet werden", sagt Wilmut. "Wir machen uns aber auch Sorgen darüber, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird. Es gibt hier große potenzielle Vorteile, und die Angst vor Missbrauch sollte die wertvollen Vorteile dieser Forschung nicht zunichte machen."4 Dann
gibt es noch die Frage der Genmanipulation, also der Vorgänge, die
weder heilen noch Schaden zufügen und bei denen es lediglich darum
geht, ein Kind "besser" zu machen. Das könnten beispielsweise
blaue Augen oder höhere Intelligenz sein. Bei diesem Thema geraten
Rifkin und andere in Rage. Hier, so sagen sie, erscheint das teuflische
Potenzial der Eugenik in Reinkultur. Aber wie problematisch sind diese
Dinge wirklich? Rifkin
möchte nicht nur Schimären verhindern, sondern auch Genpatente.
Diese Patente werden aber gar nicht auf die eigentlichen Gene ausgestellt,
sondern auf die Therapien und Diagnostikmethoden, in denen sie zum Einsatz
kommen. Der spezifische genetische Code wird im Patent detailliert dargelegt,
allerdings nur, um den Schutzumfang des Patents festzulegen. Ohne Patente
würde die ganze multimilliardenschwere Biotech-Branche über
Nacht zusammenbrechen und Millionen von Patienten hilflos ihrem Schicksal
überlassen.5 Stuart
Newman schreibt: "Der Privatbesitz von Erfindungen ist nicht die
einzige Art, in der im Laufe der Geschichte wissenschaftliche und medizinische
Fortschritte erzielt wurden." Das mag sein, aber es ist erwiesenermaßen
der effektivste Weg. Der Los Angeles Times sagte Newman: "Was man
mit dem menschlichen Leben machen kann, ist völlig schrankenlos.
Es gibt da keinen natürlichen Endpunkt. Ich denke, es wird zu genveränderten
Menschen führen, die man kaufen kann." Das hört sich apokalyptisch
an, aber wovon redet der gute Doktor? Es gibt reichlich Grenzen für
das, was man mit Menschen machen kann und was nicht; sie zu verkaufen,
ist keine attraktive Option. Das verhindert allein schon das 13. Amendment
der amerikanischen Verfassung, das die Sklaverei verbietet. Rifkin
sollte sich entspannen und verstehen, dass die Wissenschaft trotz ihrer
unschönen Seiten die gesunde Lebenserwartung der Menschen in den
entwickelten Ländern in weniger als einem Jahrhundert verdoppelt
hat. Wissenschaftler - obwohl oft mit Doktor Frankenstein gleichgesetzt
- haben sehr starke Motive, das Leben zu verbessern. In einer Marktwirtschaft
ist es nämlich ausgesprochen schwer, sich über Wasser zu halten,
wenn man Dinge schafft, die keiner haben will. Aus dem Englischen übersetzt von Patrick Kessler, Textbüro Reul GmbH, Frankfurt.
Fußnoten
|
|||||||||
Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
Dafür steht NOVO