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Was will uns Martin Walser über Reich-Ranicki sagen? Ist der Tod eines Kritikers ein antisemitisches Machwerk? Und, ganz am Rande: taugt das Buch was? Bernd Herrmann hat nachgelesen.
"Wer Preise erkennt und Preise stellt, / der will am End' auch, daß man ihm gefällt.' (Meistersinger, 3. Akt). In der Preisära Reich-Ranicki stellt sich das Junktim etwas verzwickter dar: Der Preisgeber erwartet vom Gepriesenen, daß dieser jenen fürchtet, so lange, bis jener, ihn malträtierend, diesem am Ende gar gefällt." (Eckhard Henscheid: Sudelblätter, S.390) Eckhard Henscheid hat sich seit Ende der 70er-Jahre mit dem Phänomen Reich-Ranicki auseinander gesetzt. Noch bevor Reich-Ranicki das Fernsehen eroberte, brachten Henscheids Polemiken und Parodien (heute in jeder Comedy-Show nachgeahmt) das Prinzip des fuchtelnden und krächzenden Kritikerdarstellers auf den Punkt. Für eine seiner Persiflagen erntete Henscheid, ähnlich wie Walser heute, den Vorwurf, Antisemit zu sein - "von Lutz Tarnow in der Saarbrücker Zeitung - und zwar deshalb, weil ich bei meiner Reich-Ranicki-Persiflage Herrmann Burrger' aus dem Jahr 1984, zu der ich bei Lesungen auch jeweils mit bescheidenen Mitteln des Parodierten Stimme und Vortragsduktus ein wenig nachahmte, Biecher' statt Bücher' sage. Dies aber sei ein jüdischer Ideolekt'." (Henscheid: Sudelblätter, S.132). Der Vorwurf zog damals allerdings keine weiten Kreise. Was sind also die Gründe für die Aufregung über Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers? Reich-Ranicki nannte es ein "Buch, das gegen Juden hetzt". Ist da etwas dran? Oder liegen heute die Empfindlichkeiten anders? Walsers
Roman ist ein Schlüsselroman, zahlreiche Figuren sind hinter den
fiktiven Namen - die Reich-Ranicki-Figur heißt ein wenig albern
Ehrl-König - und den etwas abgewandelten Biografien und Beschreibungen
leicht zu erkennen. Gibt
es Anhaltspunkte für antisemitische Tendenzen? Ehrl-König kommt
wie Reich-Ranicki aus einer jüdischen Familie. Zu Hans Lachs Angriff
auf Ehrl-König heißt es im Roman, Lach habe ausgerufen: "Die
Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen.
Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen." Ein zweiter Vorwurf gegen Walser wurde von seiner ausführlichen Parodie von Reich-Ranickis Sprechstil abgeleitet. Hier, so der Vorwurf (wie schon gegen Henscheid), werde das Jiddische veralbert, und das sei antisemitisch. Was aber ist einfacher, näher liegend, platter, als Reich-Ranickis Sprechstil nachzuahmen? Er ist eines seiner Markenzeichen, einer der Gründe seines Erfolgs im Fernsehen. Parodien darauf hört man ständig. Es sind Parodien auf die Fernsehfigur Reich-Ranicki und keine Hetze gegen das Jiddische oder gar gegen Juden. Einen weiteren Vorwurf hat Jan Philipp Reemtsma in der FAZ herausgearbeitet. Reemtsma behauptet, Walser zeichne Ehrl-König als Karikatur eines Juden, als Zerrbild quasi im Stile der Nazi-Propaganda: "Die Ohren, der ,stets das überentwickelte Kinn überwölbende Wulstmund', die ,so kräftige wie feine Nase'. Kräftige Nase muss sein, aber wieso soll das eine antisemitische Karikatur sein, höre ich jemanden einwenden, da steht doch ,feine Nase'? Eben darum. Weil es auffällt, dass da etwas fehlt am Klischee, fällt es auf. Immer wenn Walser etwas verbergen will, zeigt er es überall herum." Das klingt vielleicht nicht überzeugend, dafür wirkt es scharfsinnig. Dann jedenfalls, wenn man davon absieht, dass Reemtsma im Eifer seines schon festen Vorurteils nicht etwa Walsers Beschreibung der Physiognomie des Kritikers Ehrl-König, sondern die des potenziellen Antisemiten Hans Lach zitiert (die Stelle findet sich im Roman auf S.55). Gibt es sonst Belege dafür, dass der Roman "ein Dokument des Hasses" (Frank Schirrmacher) ist, ein Buch voll "ungezügelter Mordlust" (Hellmuth Karasek), dafür, dass "die ganze Story ... nach Judenfeindschaft" schmeckt (Bernd Lunkewitz)? Man liest und liest und findet - nichts. Wie
ist es hiermit: Der Autor Hans Lach hat ein Buch mit dem Titel Der Wunsch,
Verbrecher zu sein geschrieben. Nach den Zitaten zu urteilen, handelt
es sich dabei um ein recht ödes Werk. Walser setzt dieses Werk in
seinem Roman unter anderem dazu ein, um sich über die auto-biografische
Interpretation von Literatur zu mokieren. Nicht nur Kommissar Wedekind,
auch eine Reihe anderer Figuren zitieren aus diesem Werk Lachs, um, nachdem
dieser unter Mordverdacht steht, kopfschüttelnd zu bemerken, man
hätte es ja schon früher wissen können. Das Geschrei über Tod eines Kritikers hat vor allem eines gezeigt: Kritik, Diskussion, Nachdenken findet nicht statt. Es gibt feste Lager, Klüngel, die deshalb besonders absonderlich wirken, da sie sich selbst nicht mehr glauben - weshalb dann umso lauter geschrien werden muss. Der schlimmste Vorwurf in Deutschland ist der des Antisemitismus - von der Kritik gerne dahingehend verfeinert, es handele sich um latenten Antisemitismus' (was noch schlimmer zu sein scheint als offener Antisemitismus).* Mit Argumentation hat das nichts zu tun, das Schema ist bekannt: Irgendjemand sagt, tut etwas, was anderen nicht in den Kram passt. Leider können die anderen nicht so recht sagen, weshalb und wieso - sie glauben ihren eigenen Argumenten nicht mehr. Es folgt Plan B: "Antisemitismus". Wie die einleitenden Zitate zeigen, ist diese Tendenz im Laufe der letzten Jahre stark angewachsen. Bei Brinkmanns Ausfall kam noch niemand auf den Gedanken, "Antisemitismus" zu schreien. Es war klar, dass die Attacke andere Gründe hatte. Man kannte diese Gründe und konnte ihnen beistimmen oder auch nicht. Mit der Degeneration der politischen Auseinandersetzung - heute gibt es in der Politik nur noch eine große, schwammige Mitte - wurden politische Debatten in den Bereich der Kultur, ins Feuilleton verlegt. Und sie wurden in den Bereich der Moral, der verborgenen, vermuteten, unterstellten persönlichen Ressentiments verlegt. Eine öffentliche Debatte findet nicht mehr statt. Es gibt keine Öffentlichkeit mehr. Sie ist ersetzt worden durch kulturwissenschaftliches "close reading", das inzwischen aus allem jedes ableiten darf. Da aber so vieles beliebig geworden ist, müssen, will man gehört werden, die letzten starken Argumente her. Und das ziemlich letzte Verbliebene ist der "Antisemitismus". Sagt jemand heute, etwas sei "antisemitisch", so heißt das nichts Konkretes mehr. Außer: Das mag ich nicht, das gehört verboten. Und
was ist von Walsers Roman zu halten? Das Buch ist - so mittel. Am störendsten
ist Walsers alte Macke, immer wieder in Tiefsinn zu verfallen, in bedeutungsschwangere
Zitate, die ohne Sinn und Zweck fallen, außer dem, uns zu zeigen:
"Ein tiefsinniger Bursche, dieser Walser". Zu Nietzsche treten
dieses Mal die Mystiker Seuse und Blake. Dazu gibt es - der vorgebliche
Erzähler ist ja angeblich Spezialist für "Mystik, Kabbala,
Alchemie, Rosenkreuzertum" (warum eigentlich?) - Verweise auf Esoterisches
mit einer Prise Saturnismus, beigesteuert von Frau Pelz. All das ist Wichtigtuerei.
Im Romanplot spielt es weiter keine Rolle. Noch weniger überzeugt
es, wenn sich später herausstellt, dass der Erzähler Landolf
eine Maske Lachs ist. Wie sich das mit der Alchemie vereinbaren lässt?
Wir erfahren es nicht. Es
gibt in Tod eines Kritikers aber auch sehr Gelungenes, zum Beispiel
das zähe Wechselspiel zwischen Landolf und Kommissar Wedekind. Der
Kommissar liest Lachs Bücher und versucht daraus Mordmotive zu gewinnen.
Der Schriftsteller hingegen macht auf Kriminalist. Dieser Rollentausch
ist witzig gestaltet. Und am Ende liegen selbstverständlich beide
schwer daneben. Bei Mani Mani läuft Walser zu großer Form auf, er ist präzise, originell und witzig. Leider aber - gerade hebt der Roman nach zähem Beginn an gut zu werden - ist der Kriminalfall sogleich aufgeklärt, der Plot abgespult. Dennoch folgt ein dritter Teil, "Verklärung", der einfach gar nichts mehr sagt, uns aber wieder sehr ausführlich zeigen will, welchen Tiefgang Walser erreichen kann - so tief, dass es tiefer und öder kaum geht. Und zu allem Überfluss wird es dann auch noch erotisch... : Nein! Wozu es diesen dritten Teil braucht? - es wird Walsers Geheimnis bleiben. Ansonsten: streckenweise gar kein so verkehrtes Buch.
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