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60  Sept./Okt. 2002 WISSENSCHAFT UND ÖKOLOGIE

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NOVO 60

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"Der weltweit schlimmste
Umweltverschmutzer
ist die Armut."


Interview mit Dr. Clive James


 
 
 
 
 
 
 
 

Wir müssen nicht länger spekulieren und über den potenziellen Nutzen von GV-Pflanzen reden, sie sind bekannt: Produktionssteigerung, ein möglicher Beitrag zur Artenvielfalt, ein sehr bedeutender Beitrag zum Umweltschutz und, nicht zuletzt, eine Erhöhung der Ertragsstabilität.

 


 
 
 
 
 
 
 

Während Tausende von Wissenschaftlern an der Biosicherheit und anderen Problemen arbeiten, basteln die Kritiker an ihrer Philosophie des "Was wäre, wenn...".

 


 
 
 
 
 
 
 

Die Vorzüge transgener Pflanzen werden mittlerweile von vielen Politikern, Entscheidungsträgern und Institutionen weltweit anerkannt.

 


 
 
 
 
 
 
 

Auf lange Sicht wird Europa kaum den bestechenden Vorteilen widerstehen können, die GV-Pflanzen der Gesellschaft bieten.

 


 
 
 
 
 
 
 

Europa beraubt durch das Verzögern des Biotechnologieeinsatzes sich selbst, seine Produzenten wie seine Verbraucher.

 

Heft 60: Übersicht
 




"Der weltweit schlimmste Umweltverschmutzer ist die Armut."

 

Clive James über die Möglichkeiten der Grünen Gentechnik im Kampf gegen den Welthunger und die Zerstörung der natürlichen Ressourcen.



Warum haben Sie vor zehn Jahren den ISAAA ins Leben gerufen?
Clive James: In der Vergangenheit hatten Entwicklungsländer, denen die Ernährung ihrer Bevölkerung immer Schwierigkeiten bereitete, nicht patentrechtlich geschützte, konventionelle Technologien aus dem öffentlichen Sektor des Nordens zur freien Verfügung. Die Biotechnologie hat das Geschäftsgebaren weltweit verändert: Zum einen werden transgene Pflanzen hauptsächlich von der Privatwirtschaft entwickelt. Zum anderen handelt es sich um patentrechtlich geschützte Verfahren, die zudem relativ teuer sind. Die Herausforderung bestand darin sicherzustellen, dass den Entwicklungsländern der Zugang zu modernen biotechnischen Anwendungen nicht verwehrt bleibt. Man brauchte eine Institution, um eine Brücke zur Privatwirtschaft zu schlagen und diese dazu zu bewegen, Technologie kostenlos an die Entwicklungsländer abzugeben. Zu diesem Zweck wurde der ISAAA 1991 gegründet. Wir sehen uns als Vermittler, die den Entwicklungsländern den freien Zugang zu Biotechnologien verschaffen.

Warum konzentriert sich der ISAAA auf den Süden?
Clive James: Wir betrachten es als große Herausforderung, die Welt von morgen zu ernähren, genauer: die 815 Millionen Menschen in den Entwicklungsländern, die gegenwärtig an Unterernährung leiden. Täglich verhungern 24.000 Menschen. Die Aufgabe liegt darin, auf 1,5 Mrd. Hektar Ackerland weltweit die landwirtschaftlichen Erträge bei gleichbleibender Fläche zu verdoppeln. Man muss sich nur vor Augen führen, dass die Menschheit in den kommenden 50 Jahren doppelt so viel Nahrung verbrauchen wird wie in den vergangenen 10.000 Jahren seit den Anfängen der Landwirtschaft. Afrika ist die größte Herausforderung: In Somalia, Burundi, dem Kongo, in Eritrea, Mosambik und Angola ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterernährt. Es macht mir Mut zu sehen, dass führende Politiker in mehreren afrikanischen Ländern - so der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki - die Biotechnologie befürworten. Im Jahre 2001 wurde in Südafrika erstmalig eine zur Ernährung vorgesehene gentechnisch veränderte (GV-)Pflanze vermarktet: weißer Bt-Mais mit einer Insektenresistenz. Soweit ich weiß, war die Nachfrage nach diesem Produkt recht groß.

Glauben Sie, dass die Biotechnologie die einzige mögliche Lösung für die Entwicklungsländer ist?
Clive James: Wir sollten transgene Pflanzen nicht als Allheilmittel betrachten. Niemand aus Wissenschaft oder Industrie wird ernsthaft behaupten, dass transgene Pflanzen in der Lage sind, sämtliche Ernährungsprobleme zu lösen, aber sie können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Der Herausforderung, die Welt zu ernähren, kann nicht mit einer einzelnen Strategie begegnet werden - das gilt auch für Futtermittel und Faserstoffe. Es ist offensichtlich, dass hierbei die verschiedensten Herangehensweisen kombiniert werden müssen. Wissenschaftler und Entwickler sind der Auffassung, dass allein konventionelle Verfahren es uns nicht ermöglichen werden, die Nahrungsproduktion zu verdoppeln. Das Zusammenspiel von konventionellen Verfahren und GV-Pflanzen ist der vielversprechendste Ansatz. Wir müssen uns eingestehen, dass die Biotechnologie auf bestimmten Gebieten viel erfolgversprechender ist als konventionelle Verfahren. So ist mit ihr zum Beispiel der Virenbefall von Pflanzen viel effektiver in den Griff zu bekommen.

Was macht Sie so optimistisch?
Clive James: Die Erfolge beim Einsatz von GV-Pflanzen in den letzten Jahren sind sehr eindrucksvoll. Bisher hat man sich bei ihrem Anbau hauptsächlich auf die wichtigen Futter- und Faserpflanzen konzentriert. Führend ist hier Soja: Zwischen 2000 und 2001 stieg der Anteil von GV-Pflanzen auf den 72 Mio. Hektar Fläche des weltweiten Sojaanbaus von 36 auf 46 Prozent. Bei Baumwolle stieg der Anteil in diesem Zeitraum von 16 auf 20 Prozent bei insgesamt 34 Mio. Hektar. GV-Raps wurde 2001 auf 11 Prozent der 25 Mio. Hektar Ackerfläche angebaut, und GV-Mais wuchs auf 7 Prozent der weltweiten Anbaufläche von insgesamt 140 Mio. Hektar. Betrachten wir diese vier Hauptpflanzen gemeinsam, so ergibt sich für das Jahr 2001 eine Gesamtfläche von 271 Mio. Hektar, von der 19 Prozent mit GV-Pflanzen bewirtschaftet wurden.

Wenn man aber sieht, wo diese GV-Pflanzen hauptsächlich angebaut werden, bekommt man den Eindruck, dass die Entwicklungsländer an diesem Prozess nicht teilhaben.
Clive James: Das ist nicht der Fall. Alle drei südlichen Kontinente - Asien, Lateinamerika und Afrika - vermarkten GV-Pflanzen. Im Jahr 2001 brachte Indonesien in Sulawesi erstmals Bt-Baumwolle auf den Markt. Und im März 2002 traf Indien die wichtige Entscheidung zur Markteinführung von GV-Pflanzen; Indien plant, im Jahr 2002 auf bis zu 150.000 Hektar Bt-Baumwolle anzubauen. Zwar befinden sich gegenwärtig ca. 75 Prozent der GV-Anbauflächen in den Industrieländern, aber die der Entwicklungsländer wachsen stetig. Sie machen bereits ein Viertel der weltweiten Fläche aus. Im Jahr 2001 bewirtschafteten die vier Hauptanbauländer von GV-Pflanzen - USA, Argentinien, Kanada und China - 99 Prozent der weltweit 52,6 Mio. Hektar. Unter den vier wichtigsten Anbauländern sind zwei Entwicklungsländer.
Noch bemerkenswerter sind die Zahlen, wenn man statt der Größe der Anbaufläche oder der Anzahl der Biotechnologie einsetzenden Länder die Zahl der mit transgenen Pflanzen arbeitenden Bauern vergleicht. Ungefähr 85 bis 90 Prozent der Bauern, die heute Biotechnologien einsetzen, leben in Entwicklungsländern. Rund fünf Millionen Kleinbauern der südlichen Hemisphäre bauen GV-Pflanzen an, in den Industrieländern sind es hingegen nur 0,5 Millionen.

Läuft man Ihrer Meinung nach denn nicht Gefahr, erneut den Fehler zu begehen, armen Ländern eine Technologie zur Verfügung zu stellen, die viel zu teuer und anspruchsvoll ist, um langfristig erfolgreich zu sein?
Clive James: Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die komplizierten und teuren, von der Privatwirtschaft entwickelten biotechnologischen Anwendungen das Letzte wären, was man einem afrikanischen Kleinbauern anbieten möchte. Doch bei eingehender Betrachtung etwa des Süßkartoffelanbaus stellt man fest, dass gerade diese afrikanischen Bauern - zu 80 Prozent handelt es sich hierbei um Frauen - die gravierendsten Ernteverluste durch Virenbefall der Pflanzen erleiden. Biotechnologie kann hier beträchtliche Wirkung entfalten, weil sie es ermöglicht, die raffinierteste Technologie, die die Wissenschaft je hervorgebracht hat - die Gentechnologie - in die für jeden Bauern auf der Welt einfachste und vertrauteste Technologie zu verpacken: in das Saatgut. Auf diese Weise kommen Kleinbauern ohne zusätzlichen Aufwand in der Handhabung in den Genuss der bedeutenden Vorzüge der transgenen virusresistenten Süßkartoffel. Vergleicht man den Anbau von GV-Pflanzen mit den Technologien der Grünen Revolution, die zusätzliche Bewässerung und Düngung erfordern, gestattet die moderne Biotechnologie in vielen Fällen ohne den Einsatz äußerer Hilfsmittel oder besonderer Bewirtschaftungssysteme Vorteile zu erzielen.

Wird der Einsatz der Biotechnologie in Zukunft im selben Tempo zunehmen?
Clive James: Meiner Überzeugung nach hat die Biotechnologie eine viel versprechende Zukunft. Man betrachte nur die rasante Entwicklung der letzten sechs Jahre und frage Bauern nach ihrer Meinung über GV-Pflanzen. Die Bauern sind sehr clever und wahre Meister der Risikovermeidung. Wohl kann man sie einmal, nicht aber ein zweites Mal hinters Licht führen. Seit 1996 baut eine stetig wachsende Zahl von Bauern immer wieder GV-Pflanzen an - folglich haben sie gute Erfahrungen gemacht. Zwischen 2000 und 2001 erlebten wir weltweit einen 19-prozentigen Zuwachs im Anbau von transgenen Pflanzen. Das ist annähernd eine Verdopplung gegenüber dem elfprozentigen Zuwachs des Vorjahres. Dieses globale Vertrauensvotum führte dazu, dass die Anbauflächen für GV-Pflanzen weltweit von 1,7 Mio. Hektar 1996 auf 52,6 Mio. Hektar 2001 anwuchsen. Dies entspricht einer 30fachen Steigerung. Für 2002 wird eine Zunahme der Anbauflächen für das sechste Jahr in Folge erwartet.

Sehen Sie in den Bauern die treibende Kraft hinter der Anwendung von Biotechnologien?
Clive James: Ja. Im Jahr 2001 entschlossen sich 5,5 Mio. Bauern in sieben Industrie- und sechs Entwicklungsländern, auf einer Gesamtfläche von 52,6 Mio. Hektar GV-Pflanzen anzubauen. Basierend auf unmittelbaren oder mittelbaren früheren Erfahrungen mit GV-Pflanzen haben alle diese Bauern individuell die bewusste Entscheidung getroffen, transgene Nutzpflanzen möglichen konventionellen Varianten vorzuziehen. Bauern treffen traditionell sehr umsichtige Entscheidungen, was den Einsatz von Technik betrifft, und wählen Technologien sehr sorgfältig nach ihrem Nutzen aus. Können sich 5,5 Mio. Landwirte bezüglich GV-Pflanzen irren? Ich denke nein. Ist ein Bauer erst einmal von der Überlegenheit einer Technologie überzeugt, wird er versuchen, sie anzuwenden, in manchen Fällen sogar ungeachtet der Gesetzeslage, so wie man es in Brasilien gesehen hat. Dort kann ein Bauer im Grenzgebiet miterleben, wie sein argentinischer Nachbar mit transgenem Soja bis zu 35 US-Dollar mehr pro Hektar verdient. Häufig sind Bauern der Wissenschaft einen Schritt voraus und in der Lage, alle wesentlichen Faktoren im Zusammenhang zu sehen und in die Risikoabwägung mit einzubeziehen. Insbesondere ressourcenarme Kleinbauern sind wahre Meister der Risikovermeidung, weil für sie nicht nur eine Einkommenssteigerung, sondern das Überleben auf dem Spiel steht. Somit ist es verständlich oder sogar legitim, dass Bauern in Entwicklungsländern gelegentlich die Dinge selbst in die Hand nehmen, wenn Regierungen nicht in der Lage sind, auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Illegale Praktiken sind zwar nicht gutzuheißen, aber andererseits ist es auch bedenklich, Bauern das Recht zu nehmen, die ihrer Meinung nach bessere Technologie anzuwenden.

China ist ein relativ neuer Akteur auf dem Feld der Biotechnologie. Worum handelt es sich beim so genannten "Bt-Baumwollwunder"?
Clive James: Früher wurde in China auf 6,7 Mio. Hektar Baumwolle angebaut. Diese Fläche reduzierte sich mit der Zeit auf 4,5 Mio. Hektar, und das nur aus einem einzigen Grund: Auf einem Gebiet von ca. 2,2 Mio. Hektar ließ sich Baumwolle nicht wirtschaftlich produzieren, weil der Baumwollkapselwurm, ein verbreiteter Schädling, für große Verluste sorgte. Dieser Produktionsrückgang hatte einschneidende wirtschaftliche Konsequenzen: Der traditionelle Baumwollexporteur China war gezwungen, eine bedeutende Menge des Rohstoffs zu importieren. Durch den Einsatz von Bt-Pflanzen, die resistent gegen den Baumwollkapselwurm sind, beginnt sich die Lage zu entspannen. Gegenwärtig wird in China auf einer Fläche von 1,5 Mio. Hektar Bt-Baumwolle angebaut, also auf rund einem Drittel der Baumwollanbauflächen des Landes. Hier kann auf 80 Prozent der vormals eingesetzten Insektizide verzichtet werden. Statt 20 Einsätze jährlich finden nur noch sieben statt - eine Ersparnis von 13 Spritzungen. Das bedeutet jährlich 15.000 Tonnen Insektizide weniger.

Inwieweit profitieren die chinesischen Bauern davon?
Clive James: In China gibt es um die fünf Millionen ressourcenarme Kleinbauern, die meist weniger als einen Hektar bewirtschaften und auf 0,15 bis 0,5 Hektar ihres Landes Bt-Baumwolle anbauen. Die Zahlen des Jahres 1999 belegen, dass die Produktionskosten für Bt-Baumwolle um 28 Prozent geringer sind als die für konventionelle Baumwolle. 80 bis 85 Prozent der Gesamteinnahmen für Bt-Baumwolle gingen in diesem Zeitraum an chinesische Bauern. Das Einkommen chinesischer Bt-Baumwollbauern erhöhte sich um 185 bis 400 US-Dollar pro Hektar, während das jährliche Pro-Kopf-Einkommen der Bauern nur 250 US-Dollar betrug.

Aber von manchen wird die Ansicht vertreten, dass die Lage in China chaotisch und außer Kontrolle sei.
Clive James: China ist sehr pragmatisch an die biotechnologischen Optionen herangegangen. Einige sind der Meinung, dass dort mit der frühen Einführung einer Gesetzgebung zur Biotechnologie voreilig gehandelt wurde. Aber die dortigen Maßnahmen zur Regulierung von GV-Pflanzen sind mittlerweile durchaus im Einklang mit internationalen Standards. Präsident Jiang Zemin steht vor der großen Herausforderung, die 1,3 Mrd. Bürger seines Landes mit Nahrung, Futtermitteln und Faserstoffen zu versorgen. Weiter muss er sicherstellen, dass es nicht zu einem signifikanten Einkommensgefälle zwischen Stadt- und Landbevölkerung kommt. Ein Weg, dies zu erreichen, liegt darin, die ländlichen Gebiete mit Technologien zur Nutzung profitablerer GV-Pflanzen auszustatten.

Greenpeace hat kürzlich gewarnt, dass Bt-Baumwolle in China zu großen Problemen führt, da die entsprechenden Insekten schnell gegen Bt resistent werden. Ist dieses Problem in den Griff zu bekommen?
Clive James: Niemand bezweifelt, dass die Resistenzentwicklung von Insekten ein wichtiges Problem der Bt-Baumwolle ist. Aber es gibt effiziente Möglichkeiten, damit fertig zu werden. In den Vereinigten Staaten gibt es beispielsweise aus Privatwirtschaft und öffentlichen Einrichtungen zusammengesetzte Konsortien, die gemeinsam am Thema Resistenzmanagement arbeiten, um die Wirksamkeitsdauer der Transgene zu maximieren. Es ist wichtig, diese Erfahrungen mit Experten auf der ganzen Welt zu teilen, die zum Resistenzmanagement verschiedene Kontrollsysteme, wie z. B. Rückzugsorte für die Insekten, so genannte Refugien, einsetzen. Ein weiteres Element bei der Behandlung von resistenten Insekten ist der Einsatz von Pflanzenarten mit hochdosiertem Bt. Bis 2003 sollten auch doppelte Bt-Konstrukte erhältlich sein, die die Wirksamkeit von schädlingsresistenten Genen merklich verbessern. China setzt bereits das Trypsin-CPTI-Gen in Verbindung mit Bt ein, um verbesserte und dauerhaftere Resistenz zu erreichen. Die Entstehung von Resistenzen gegen Bt-Baumwolle in China, auf die Greenpeace sich bezieht, wird von renommierten Institutionen wie der "Chinese Agricultural Academy of Science" (CAAS) beobachtet. Prof. Jia Shirong und Prof. Yufa Peng von der CAAS haben die Behauptungen von Greenpeace widerlegt und angemerkt, dass nur ein sehr begrenzter Datenbestand herangezogen und eine Reihe umfangreicher Forschungsergebnisse, die den Nutzen von Bt-Baumwolle für die Umwelt in China bestätigen, von Greenpeace ignoriert wurde.

Welche Bilanz würden Sie ziehen, wenn Sie die potenzielle Risken und den potenziellen Nutzen von GV-Pflanzen gegeneinander abwägen?
Clive James: Wir befinden uns heute an einem sehr wichtigen Punkt: Wir müssen nicht länger spekulieren und über den potenziellen Nutzen von GV-Pflanzen reden, da uns Informationen öffentlicher, unabhängiger Organisationen ihren vielfältigen praktischen Nutzen bestätigen: Produktionssteigerung, ein möglicher Beitrag zur Artenvielfalt, ein sehr bedeutender Beitrag zum Umweltschutz und, nicht zuletzt, eine Erhöhung der Ertragsstabilität. Dies sind die vier wichtigsten Vorzüge. Die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten ist entscheidend. Von der Technologie können Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen profitieren. Das "United Nations Development Programme" (UNDP) kommt in seinem "Human Development Report" von 2001 zu dem Schluss, dass Technik, genauer Biotechnik, eine viel versprechende Waffe im Kampf gegen Armut sein kann. Wir wissen auch, dass die Hungersnöte der vergangenen Jahre primär durch die unbeständige Ertragslage verursacht wurden. Hier kann Biotechnologie zu einer Stabilisierung beitragen, insbesondere in Bezug auf biotische Belastungen durch Schädlinge und abiotische Belastungen in Zusammenhang mit Dürre oder Versalzung des Bodens.

Aber die potenziellen Risiken bestehen weiterhin.
Clive James: Es gibt Risiken, aber sie sind überschaubar. Bei der Biotechnologie ist es nicht anders als bei jeder anderen Technologie: Sie hat Stärken und Schwächen. Einige Umweltschützer scheinen die wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse zu diesem Thema zu ignorieren. Es gibt in zunehmendem Maße Belege dafür, dass der Großteil ihrer Risikoszenarien jeder realistischen Grundlage entbehrt. Eine ausführliche Untersuchung, die kürzlich in der Zeitschrift Nature Biotechnology1 veröffentlicht wurde, kam beispielsweise zu dem Schluss, dass die Auswirkungen unkontrollierten Gentransfers aller Wahrscheinlichkeit nach zu vernachlässigen sind. Der Artikel beschreibt auch, wie Wissenschaftler Probleme vorhersehen und bestehende biotechnologische Anwendungen ständig verbessern.

Halten Sie es nicht für sinnvoll, auf potenzielle Gefahren hinzuweisen?
Clive James: Selbstverständlich ist das wichtig. Deshalb arbeiten gegenwärtig Tausende von Wissenschaftlern an der Biosicherheit und anderen Problemen, während im Gegensatz dazu die Kritiker an ihrer Philosophie des "Was wäre, wenn..." basteln, in der Regel, ohne brauchbare Belege für ihre Thesen beizusteuern. Der Artikel in Nature Biotechnology besagt auch, dass es keinen zwingenden wissenschaftlichen Beleg für einen grundsätzlichen Unterschied zwischen transgenen und konventionellen Nutzpflanzen gibt. Trotzdem bleiben einige Umweltschützer pessimistisch und entwerfen Schreckensszenarien.

Besteht kein Widerspruch zwischen Biotechnologie und Belangen des Arten- und Umweltschutzes?
Clive James: Es ist sicher sehr wichtig, künftigen Generationen eine intakte Umwelt zu hinterlassen. Der Schutz der Artenvielfalt ist dabei sehr bedeutend. Aber in diesem Zusammenhang sollten wir uns über die relative Bedeutung einzelner umweltbelastender Faktoren im Klaren sein. Weder Pestizide noch Industrieabfälle bilden die Hauptbelastung; gegenwärtig ist der weltweit schlimmste Umweltverschmutzer die Armut. 1,3 Mrd. Menschen sind von ihr betroffen. Jeder führt heutzutage das Wort "Nachhaltigkeit" im Munde, oft genug geht es dabei eher um Philosophie als um handfeste Technologie. GV-Pflanzen können eindeutig zur Nachhaltigkeit beitragen. Ein wichtiger Faktor hierbei ist, dass sie kompatibel mit Ackerbausystemen sind, bei denen auf das Pflügen der Böden ganz oder fast vollständig verzichtet wird - so genannte "no-till-" und "low-till systems". Diese Kombination ermöglicht es, den Wasser- und Nährstoffgehalt des Bodens zu bewahren und die Bodenerosion zu begrenzen. GV-Pflanzen sind auch energieeffizient: Im Jahr 2000 sparten kanadische Bauern aufgrund effizienterer Bewirtschaftung beim "low-till"-Anbau von GV-Raps 31 Mio. Liter Treibstoff ein. Auch die Bt-Technologie bietet bedeutende Vorteile. Damit einher geht ein bedeutender Rückgang des konventionellen Pestizideinsatzes. Wir geben jährlich annähernd 8 Mrd. US-Dollar für Pestizide aus. Der Wirkstoff des Bacillus thuringiensis (Bt) wäre in der Lage, einen bedeutenden Teil dieses Insektizidaufkommens zu ersetzen. 1999 sparte die US-Baumwollindustrie bereits 1200 Tonnen ein. Biotechnologien zur Einsparung von Düngemitteln sind in Vorbereitung und versprechen ein gleichbleibendes Ertragsniveau bei einem Drittel weniger Düngung. Auch Flächenverbrauch kann die moderne Biotechnologie verringern. Sie ermöglicht Bauern die Verdoppelung der Produktion bei gleichzeitiger Beibehaltung der Anbaufläche und trägt damit zum Erhalt von Waldgebieten und dem Schutz der Artenvielfalt bei.

Strittig ist die Frage, inwieweit Bauern von GV-Pflanzen profitieren. Was ist Ihre Erfahrung?
Clive James: Kritiker weisen gerne verallgemeinernd auf wenige Einzelfälle hin, in denen unter besonderen Umständen auf einzelnen Höfen der Erfolg ausblieb. Besser wäre es, die Sache global und langfristig zu betrachten. Aus diesem Blickwinkel bestätigt die Fachliteratur, dass transgene Nutzpflanzen in der Regel die Produktionskosten verringern und die Erträge steigern. So erhöhte sich etwa in Argentinien dank des Bt-Einsatzes gegen den Maiszünsler der Maisertrag um 20 Prozent. In Südafrika, in den Makhatini Flats in der Provinz Kwazulu Natal, wuchs die Produktion um bis zu 40 Prozent durch Bt-Baumwolle. Geringere Produktionskosten, höhere Erträge, ökologische Vorteile - weltweit sind dies die Trends im Zusammenhang mit GV-Pflanzen.
1999 erzielten US-amerikanische Bauern einen Nettogewinn von 100 Mio. US-Dollar allein durch den Anbau von Bt-Baumwolle. Es ist davon auszugehen, dass die Bauern im mittleren Westen der USA zumindest in drei von vier Jahren durch Einsatz von Bt-Mais gegen den Maiszünsler profitieren werden. Weltweit betrug der geschätzte Nettogewinn für Bauern allein aus dem Anbau von Bt-Baumwolle fast eine Viertelmilliarde US-Dollar.

Und welche Vorteile hat der Verbraucher?
Clive James: Von verbessertem Umweltschutz und sinkenden Preisen durch Produktivitätssteigerung profitieren die Verbraucher indirekt. Wir sollten auch an die Gesundheit der Bauern in den Entwicklungsländern denken, die - anders als Bauern in den Industrienationen - sowohl Hauptnahrungsproduzenten als auch -verbraucher sind. Ressourcenarme Kleinbauern benutzen zum Schutz ihrer Felder auf den Rücken geschnallte Handsprühgeräte. Allein in China wenden 15 bis 20 Mio. Baumwollbauern diese Methode der Insektenvernichtung an. Bt-Pflanzen können ihr Leben leichter und sicherer machen. Die Bt-Technologie hat Vergiftungen durch Insektizide unter chinesischen Kleinbauern von 22 auf 5 Prozent reduziert. Außerdem kann der Einsatz von Bt-Pflanzen in der Maisproduktion zu einer erheblichen Verminderung von Mykotoxinen führen - das sind Pilzgifte in Futter- und Speisemais, die für Tiere und Menschen gleichermaßen schädlich sein können. Die Schweiz hat für Mykotoxin bereits einen Grenzwert von 1 mg pro Kilogramm eingeführt. Bei den Merkmalen der zweiten Generation transgener Pflanzen wird man sich auf bessere und gehaltvollere pflanzliche Nahrung für Mensch und Tier konzentrieren.

Woher rührt Ihrer Meinung nach die Abneigung gegen transgene Pflanzen?
Clive James: Die ablehnende Haltung hat primär gesellschaftspolitische Gründe, aber ich habe den Eindruck, dass sich dies langsam verändert. Die Vorzüge, die ich beschrieben habe, werden mittlerweile von vielen Politikern, Entscheidungsträgern und Institutionen weltweit anerkannt. Eine der Auswirkungen ist die zunehmende Unterstützung der Biotechnologie in den letzten zwei Jahren. Seit Sommer letzten Jahres nimmt auch die EU-Kommission eine positivere Haltung zur Biotechnologie ein. Auf akademischem Gebiet sollte man den von den Wissenschaftsakademien in Großbritannien, den USA, China, Brasilien, Indien und Mexiko sowie der "Third World Academy of Sciences" gemeinsam herausgegebenen Bericht der "Joint Academy of Sciences" aus dem Jahr 2000 erwähnen. All diese Institutionen unterstützen die Biotechnologie.

Halten Sie die europäischen Pläne zur Kennzeichnung von GV-Produkten und zu ihrer Rückverfolgbarkeit auf globaler Ebene für durchführbar?
Clive James: Ich denke, wir sollten es respektieren und darauf reagieren, wenn die Gesellschaft nach Informationen verlangt. Aber unsere Reaktionen müssen sich an den realen Gegebenheiten orientieren. Wir müssen einsehen, dass dies mit erheblichen Zusatzkosten verbunden ist. Außerdem sollten wir darauf hinweisen, dass eine Kennzeichnung von GV-Produkten nicht bedeutet, dass irgendwelche Risiken für den Verbraucher bestehen. Im Gegenteil: GV-Produkte werden sehr gründlich getestet und ihre Sicherheit ausdrücklich bestätigt. Schließlich dürfen wir die wirklich bedeutsamen Themen nicht aus den Augen verlieren: In einigen Entwicklungsländern können nur wenige lesen und schreiben, ein Großteil des Einkommens wird für Ernährung ausgegeben, viele Waren sind unverpackt. Die Einführung von Kennzeichnungen und Rückverfolgbarkeit von Waren auf globaler Ebene ist eine große Herausforderung und nicht so leicht umsetzbar, wie manche zu glauben scheinen.
Überzogene Vorschriften führen möglicherweise dazu, dass mittellose afrikanische und asiatische Bauern ihre Produkte nicht mehr auf dem Weltmarkt anbieten können. Sie wären nicht in der Lage, alle Auflagen für die Freigabe ihrer Erzeugnisse zu erfüllen. Dies ist eine sehr reale Gefahr und einer der Hauptgründe, warum einige Entwicklungsländer zögern, GV-Erzeugnisse zu vermarkten. Dr. Zhangliang Chen, ein prominenter chinesischer Biotechnologe, verbringt viel Zeit damit, seinem heimischen Publikum zu versichern, dass Biotechnologien relativ sicher sind. Ständig muss er Fragen zur Situation in Europa beantworten, da die Öffentlichkeit in ausländischen Medien von einer angeblichen Bedrohung von Mensch und Natur durch die Biotechnologie liest.

Wie wird sich die Biotechnologielandschaft in naher Zukunft verändern?
Clive James: Wir werden erleben, dass Länder wie China nicht nur Biotechnologien einsetzen, sondern sie auch mit anderen Ländern des Südens teilen. China hat im Jahr 1999 annähernd 112 Mio. US-Dollar in die Grüne Gentechnik investiert und sich verpflichtet, diesen Betrag bis 2005 um 400 Prozent zu erhöhen. In China gibt es 70.000 Agrarwissenschaftler.
Länder wie China, Argentinien und Südafrika werden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, da sie ihre Erfahrungen miteinander und mit anderen südlichen Ländern teilen können. Dies könnte dazu führen, dass sich die Zahl der Entwicklungsländer, die transgene Pflanzen anbauen, innerhalb der kommenden fünf Jahre verdoppelt. Der nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo hat kürzlich seine Absicht erklärt, in jedem der nächsten drei Jahre eine Viertelmilliarde US-Dollar in Biotechnologien zu landwirtschaftlichen und medizinischen Zwecken zu investieren. Entwicklungsländer wie die Philippinen, Vietnam, Pakistan, Brasilien, Chile, Ägypten, Kenia und Uganda werden voraussichtlich in naher Zukunft ebenfalls eine Rolle in der Grünen Gentechnik spielen. Die Einsatzmöglichkeiten für die Biotechnologie allein in der Baumwollherstellung sind bedeutsam: 75 Prozent der Baumwollanbauflächen befinden sich in Entwicklungsländern. Zehn afrikanische Staaten bauen auf mehr als 100.000 Hektar Baumwolle an. Indonesien mit seiner Bevölkerung von 200 Mio. Menschenbegann im Jahr 2001, Bt-Baumwolle zu vermarkten. Indien hat eine Einwohnerzahl von einer Milliarde und vermarktet seit 2002 Bt-Baumwolle. Mit 9,5 Mio. Hektar und bis zu 30 Mio. beteiligten Kleinbauern ist es das Land mit der weltweit größten Anbaufläche. Warum sollte ein Baumwollbauer, der durch den Baumwollkapselwurm erhebliche wirtschaftliche Verluste erleiden würde, nicht von den Vorzügen der Bt-Pflanzen profitieren wollen?

Bislang spielt Europa nur eine untergeordnete Rolle. Wird sich das Ihrer Meinung nach ändern?
Clive James: Trotz der nur geringen Anbaufläche ist Europa bereits eingebunden - Tendenz steigend. Auf lange Sicht wird Europa kaum den bestechenden Vorteilen widerstehen können, die GV-Pflanzen der Gesellschaft bieten. Europa beraubt durch das Verzögern des Biotechnologieeinsatzes sich selbst, seine Produzenten wie seine Verbraucher. Längst werden GV-Pflanzen in geringem Umfang in diversen europäischen Ländern angebaut - in Bulgarien, Rumänien, Spanien und Deutschland. In Russland plant man gegenwärtig die Vermarktung von Bt-Kartoffeln. Weitere osteuropäische Staaten werden folgen. In immer mehr Ländern wird der Einsatz moderner Biotechnologien ernsthaft in Betracht gezogen.

Die Produktivität der europäischen Landwirtschaft ist denkbar hoch. Was hätten europäische Landwirte zu gewinnen?
Clive James: Die Vorteile wären mit denen vergleichbar, die auch in den USA, Kanada und anderen GV-Anbauländern erzielt wurden. Der weltweite Pestizidumsatz pro Jahr beträgt annähernd 32 Mrd. US-Dollar. Hauptanwendungen sind der Obst- und Gemüseanbau und die Produktion von Nähr- und Futtermitteln. Europa ist ein bedeutender Abnehmer für Schädlingsbekämpfungsmittel. Kartoffeln etwa erfordern einen hohen Pestizideinsatz. Da bietet es sich doch an, GV-Pflanzen wie die längst entwickelten Bt-Kartoffeln zu nutzen, um diese Pestizidmenge deutlich zu reduzieren. Eine andere Möglichkeit eröffnet sich bei der Zuckerrübe, einer bedeutenden Nutzpflanze Europas. Dr. Phipps und Dr. Park, zwei europäische Wissenschaftler, schätzten jüngst, dass, wenn EU-weit der Anbau von Mais, Raps, Zuckerrüben und Baumwolle zu 50 Prozent in GV-Varietäten dieser Nutzpflanzen erfolgte, die benötigte Pestizidmenge pro Jahr um 14,5 Mio. Kilogramm verringert werden könnte (bezogen auf das gebrauchsfertige Produkt mit 4,4 Mio. Kilogramm aktiven Bestandteilen).2 Außerdem müssten 7,5 Mio. Hektar Ackerland weniger behandelt werden, was 20,5 Mio. Liter Dieselöl einsparen und damit 73.000 Tonnen Kohlendioxidemissionen vermeiden würde. Es gibt also weit reichende Einspar- und Gewinnmöglichkeiten für die europäischen Bauern und Verbraucher.

Vielen Dank für das Gespräch.


Aus dem Englischen übersetzt von Frank Süßdorf (Textbüro Reul GmbH, Frankfurt/Main, www.textbuero-reul.de).


Fussnoten
1 International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (Internationaler Service für den Erwerb agrar-biotechnologischer Anwendungen, www.isaaa.org)
2Philip J. Dale / Belinda Clarke / Eliana M.G. Fontes, "Potential for the Environmental Impact of Transgenic Crops", in: Nature Biotechnology, Bd. 20, Juni 2002, S. 567-574.
3 R. H. Phipps und J.R. Park, "Environmental Benefits of Genetically Modified Crops: Global and European Perspectives on Their Ability to Reduce Pesticide Use", in: Journal of Animal and Feed Sciences, Bd. 11, 2002, S. 1-18.

 

 

 


 

Dr. Clive James ist Gründer und Vorsitzender des "Board of Directors of the International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications" (Internationaler Service für den Erwerb agrar-biotechnologischer Anwendungen, www.isaaa.org). Der ISAAA, gegründet 1991, ist nicht auf Gewinn ausgerichtet. Er fördert die Teilhabe von Regierungen und Bauern des Südens an der modernen Biotechnologie im Bereich der Agrarforschung, um die Armut zu bekämpfen und die Versorgung mit Nahrung und Faserstoffen sicherzustellen. Das Interview führte Thomas Deichmann.

 




   
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