Editorial
Inhalt
POLITIK &
GESELLSCHAFT
Phil Mullan:
Angst frisst Habgier
Kenan Malik:
Menschen sind potenziell gleich, Kulturen nicht
Kai Rogusch:
Die Selbstaufgabe des Liberalismus
[Heft S.14]
Michael Miersch:
"Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge."
[Heft S.17]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Colin Berry:
Risiko, Wissenschaft und Gesellschaft
[Heft S.20]
Michael Fitzpatrick:
Keine Bio-Revolution in Sicht
Interview mit Clive James:
"Der schlimmste Umweltverschmutzer ist
Armut"
Walter Krämer:
Ökochonder vergiften Lebensmittel
[Heft S.32]
Pia Rufener Al Mazyad und Klaus Ammann:
China versus Greenpeace
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Die Zukunft und ihre Feinde
Auszug aus ihrem neuen Buch
[Heft S.38]
Reimar von Alvensleben:
BSE, Nitrofen und der Ökolandbau
[Heft S.42]
MEDIEN &
KULTUR
Bernd Herrmann:
Hilfe, Mord! Achtung, Buch!
Stefan Chatrath:
Brasilien ist Europameister!
[Heft S.48]
RUBRIKEN
STICHWORT
Bundestagswahlen
von Sabine Reul
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.7]
SCHWERHÖRIBERT
Z wie Zeit zu gehen
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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Angst frisst Habgier
Das WorldCom-Debakel ist kein Zeichen einer realen Wirtschaftskrise. Es
ist weitaus schlimmer, sagt Phil Mullan.
Die Aufdeckung des bislang angeblich größten Bilanzschwindels
der amerikanischen Geschichte beim Telekommunikationsriesen WorldCom war
nur eine von vielen Affären dieser Art, die in den Vereinigten Staaten
und auf den internationalen Märkten in den letzten sechs Monaten
für Wirbel gesorgt haben. Nach Enron, Arthur Andersen, Tyco, Global
Crossing, ImClone, WorldCom, Xerox scheint die gesamte amerikanische Wirtschaft
von einem seltsamen Krisentaumel erfasst.
Rezessionen decken zwar immer auf, was die Bilanzprüfer - ob versehentlich
oder absichtlich - übersehen haben, aber dieses Mal ist die Sache
anders: Seltsam an der aktuellen "Krise des Kapitalismus" ist,
dass sie in genau dem Moment eintritt, in dem die amerikanische Wirtschaft
nach der Rezession von 2001, wenn auch verhalten, wieder zu wachsen beginnt.
Manche Beobachter bezweifeln sogar, dass in den USA im vergangenen Jahr
eine Rezession stattfand, oder sie werten sie zumindest als außergewöhnlich
mild. Technisch definiert man als Rezession zwei aufeinander folgende
Quartale mit negativem Wachstum - und das gab es 2001 in den USA nicht.
Die Diskrepanz zwischen einer flach, aber stetig wachsenden realen Wirtschaft
und den durch Skandalmeldungen verunsicherten Aktienmärkten liefert
einen Hinweis darauf, was wirklich in der amerikanischen Wirtschaft los
ist.
In den letzten 30 und vor allem den letzten 10 Jahren hat die reale Wirtschaft
an Bedeutung verloren, während eine neue Finanzwirtschaft in den
Vordergrund trat. Die Industrie hat sich tendenziell in Regionen der ehemaligen
Dritten Welt verlagert, während die Lücke in den westlichen
Ländern durch Dienstleistungen gefüllt wurde.
Diese wirtschaftlichen Trends sind auch das Ergebnis kultureller und gesellschaftlicher
Veränderungen. Wirtschaftswachstum gilt nicht mehr wie einst als
erstrebenswert, und Unternehmen verfolgen unter dem Eindruck der Forderung
nach Umweltschutz und Nachhaltigkeit neue soziale und ethische Grundsätze.
Selbst in der kalten Welt der wirtschaftlichen Erfolgsrechnung, in der
es einst nur um Produktion und Sachwerte ging, gewinnen Indikatoren für
Zufriedenheit, Kreativität und andere immaterielle Werte an Bedeutung.
Man denke nur an das große Echo auf Richard Floridas Buch The Rise
of the Creative Class in den USA in den letzten Monaten.*
Dieses wachstumsfeindliche Klima auf der einen und reale materielle Veränderungen
auf der anderen Seite haben dazu geführt, dass der "schmutzige"
Prozess der Herstellung von Produkten hinter den Aktivitäten auf
den Finanzmärkten zurücktrat. Das wurde bis vor kurzem noch
optimistisch als New Economy gefeiert - eine Wirtschaft des Wissens, der
Innovation und der Informationstechnik. In Wirklichkeit haben aber einfach
Finanztransaktionen im Unternehmensalltag zunehmend eine Bedeutung gewonnen,
die mit den realen wirtschaftlichen Gegebenheiten in keinem rechten Verhältnis
mehr steht.
Natürlich geht die Produktion weiter, denn von Ideen und Kreativität
allein kann die Gesellschaft nicht leben. Aber die Produktion büßte
im Zuge der 90er-Jahre nicht nur ihren ideellen Status ein, sondern auch
ihre Dynamik. Die Welt versank in eine anhaltende Periode der Wachstumsschwäche,
die nur oberflächlich von den Luftblasen der Finanzmärkte verdeckt
wurde. Angetrieben wurde die Wirtschaft in den 90er-Jahren durch Übernahmen,
Fusionen und Finanztransaktionen - nicht durch Produktivität und
reale Wirtschaftsleistung. Ein Indiz dafür war die zunehmende Kluft
zwischen den Aktienkursen vieler Unternehmen und ihrem tatsächlichen
Gewinnpotenzial.
Problematisch an dieser Entwicklung ist, dass eine Finanzwelt, die sich
so weit von der realen Wirtschaftsaktivität entfernt, ihrer Natur
nach instabil ist und dazu neigt, zu implodieren.
Das war der Hintergrund der asiatischen Finanzkrise von 1997 und 1998:
Damals wurden junge, aber kräftige Wirtschaften durch massive Zuflüsse
spekulativen Finanzkapitals überwältigt. Nach diesem Crash floss
das Geld aus Asien ab in das Internet und die IT-Wirtschaft. Doch in einer
Kultur, die zwar von Technik besessen ist, aber nicht mehr die strategische
Fähigkeit zu haben scheint, Technik wirklich für produktive
Zwecke einzusetzen, musste auch diese Blase irgendwann platzen. Der berühmte
Dotcom-Boom war ebenfalls eher finanzieller als realer Natur und endete
im März 2000.
Was heute in Amerika stattfindet, ist die Fortschreibung der Abwicklung
dieses Finanzbooms. Zunächst waren vor allem junge Internetfirmen
mit geringer Kapitaldecke betroffen; jetzt erleben wir eine Ausbreitung
der Krise vor allem auf die Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranchen
(TMT).
Die Debatte über WorldCom konzentriert sich meist auf die Frage,
wer wann was tat (oder verbarg). Doch Skandale, Korruption, Betrug oder
"kreative Buchhaltung" sind im Kapitalismus nicht neu. Man denke
nur an berüchtigte Namen wie Michael Milken, BCCI, Polly Peck, Robert
Maxwell oder Barings. Was heute anders ist, ist, dass inzwischen ein viel
größerer Anteil amerikanischer Unternehmen - und für europäische
gilt hier nichts anderes - Bestandteile der neuen Financial Economy geworden
sind, in der Finanztransaktionen oft nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern
Selbstzweck sind.
Viele Unternehmen betrachten heute die kurzfristigen Ergebniszahlen und
die Aktienkursentwicklung - also das, was man beschönigend als Shareholder
Value bezeichnet - als die ausschlaggebenden Erfolgskriterien. Es ist
daher wenig überraschend, dass viele Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsräte
und deren Finanzberater ein aggressives Ertragsmanagement betreiben, das
in Extremfällen in fiktive Buchhaltungsmanöver wie bei WorldCom,
Xerox und anderen Firmen ausufert.
Indem die Implosion der aufgeblähten Finanzwirtschaft in den Vereinigten
Staaten voranschreitet, werden die anfälligsten und exponiertesten
Bereiche seiner Unternehmenswelt diesem Reinigungsprozess anheimfallen.
Dieser Prozess ist zu einem gewissen Grad ein Ersatz für die reinigende
Rolle traditioneller Rezessionen. Im Zuge früherer Rezessionen wurde
Kapital zerstört, die Arbeitslosigkeit wuchs, schwache Unternehmen
gingen bankrott, und die überlebenden gingen gestärkt aus diesem
Reinigungsprozess hervor.
Da aber die reale Wirtschaftsentwicklung seit den 90er-Jahren stagniert,
waren die Spannungen, die früher Rezessionen auslösten, eher
begrenzt und gedämpft. Dies erklärt, wieso im Zuge der Mini-Rezessionen
des vergangenen Jahres nur wenig Kapital zerstört wurde und auch
die Arbeitslosigkeit kaum zunahm. Unsere heutigen Unternehmenszusammenbrüche
spielen zwar eine ähnliche Rolle wie frühere Rezessionen, aber
nur in den begrenzten Bereichen, in denen dies erforderlich ist. Zum Beispiel
sehen wir heute einen enormen Wertverlust der physischen Kabelnetze, in
die eine Reihe großer Telekommunikationsfirmen, die heute kurz vor
dem Konkurs stehen, in den späten 90er-Jahren, als Geld billig zu
haben war, überinvestiert hatte.
Die Auswirkungen solcher Zusammenbrüche auf die Gesamtwirtschaft
sind zu gering, um neue Wachstumsimpulse auszulösen, wie das bei
früheren Rezessionen der Fall war. Die überschüssige Liquidität
wird sich einfach neue Anlagemöglichkeiten suchen. Vielleicht ist
die Immobilienbranche die nächste Seifenblase, die platzen wird.
Die Finanzwirtschaft wird weiter leben, wenn auch in neuen Formen. Gravierender
ist aber der Umstand, dass die durch die Firmenzusammenbrüche in
den Vereinigten Staaten ausgelöste Krisenstimmung Reaktionen auslöst,
die die reale Wirtschaft nur noch mehr in Mitleidenschaft ziehen werden.
Schon sind viele dabei, die jüngsten Ereignisse als gerechte Strafe
für die Habgier und Verantwortungslosigkeit amerikanischer Manager
auszulegen. Aber diese Art Kritik war selten so unangebracht wie heute.
Was Führungskräfte in den Unternehmen heute auszeichnet, ist
eher relative Zurückhaltung, Vorsicht und begrenzter Ehrgeiz. Die
meisten scheuen Investitionen in wirkliche strategische Expansionsprojekte
und mischen lieber immer wieder die Finanzkarten neu.
Ein Großteil der Kommentatoren warnt in den letzten Monaten vor
einem Vertrauensverlust der Anleger und Verbraucher. Viel problematischer
ist aber der Vertrauensmangel in den Unternehmen selbst. Sie haben jede
Krise der letzten Jahre übertrieben und so ihr Selbstvertrauen mit
negativen Folgen für Investitionen und Wachstum immer weiter untergraben.
Seit dem russischen Schuldenmoratorium von 1998 erleben wir mit den Dotcom-Zusammenbrüchen,
den Terrorangriffen vom 11. September und nun den Wirtschaftskrisen in
Argentinien und Brasilien eine Spirale der Verunsicherung in der Geschäftswelt.
Die Reaktion auf jedes dieser Ereignisse war eine ständig stärker
werdende Risikoaversion. Jedes Mal, wenn sich herausstellt, dass ein weiteres
Unternehmen in Schwierigkeiten ist, wird die Stimmung auf den Führungsebenen
noch konservativer und zurückhaltender.
Der Ruf nach größerer Vorsicht, Kostenreduzierungen und stärkerer
Regulation, der immer einmütiger in Unternehmenskreisen erhoben wird,
führt zu noch weniger Investitionen in künftiges Wachstum. Die
Unternehmen werden ihre Geschäftspläne zurückschrauben,
während die Banken noch weniger geneigt sein werden, Geld für
"riskante" Anlagen bereitzustellen. Am 24. Juni 2002 stellte
die Zeitschrift Business Week fest, das gesunkene Vertrauen der Vorstände
habe bereits zu einem Rückgang der Ausrüstungs- und Expansionsinvestitionen
geführt: "Die nahezu täglichen Meldungen über Bilanzskandale
bewegen Vorstandsvorsitzende dazu, sich auf Kostenreduzierung und Buchhaltung
zu konzentrieren statt auf Anlageninvestitionen oder Expansion."
Die Skandale bei WorldCom, Tyco oder Enron sind nicht Zeichen einer von
den wirtschaftlichen Grunddaten angetriebenen Krise. Sie sind in vieler
Hinsicht allerdings schlimmer als klassische Wirtschaftskrisen. An die
Stelle des alten Wirtschaftszyklus mit Boom, Krise und Aufschwung tritt
eine anhaltende Periode schwacher produktiver Aktivität und Vergeudung
wirtschaftlicher Potenziale, unterbrochen durch die jeweils neueste Turbulenz
an den Finanzmärkten. Und das sind keine besonders erfreulichen Aussichten.
* Richard
Florida: The Rise of the Creative Class: And How It's Tranforming Work,
Leisure, Community and Everyday Life, Basic Books, 2002.
Aus
dem Englischen übersetzt von Sabine Reul (Textbüro Reul GmbH,
Frankfurt/Main, www.textbuero-reul.de)
Phil Mullan ist Autor des Buches The Imaginary Time Bomb. Why
An Ageing Population is Not a Social Problem (IB Tauris, Londen 2000).
Sein Artikel ist auch im britischen Novo-Partnermagazin Sp!ked erschienen
(www.spiked-online.com).
Zuletzt ist von Mullan in Novo57 erschienen "Die herbeigefürchtete'
Rezession".
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