aktuell
60  Sept./Okt. 2002 STICHWORT BUNDESTAGSWAHLEN

INFOS

Info zum Autor zur Autorin

Literaturtipps Literaturtipps

Literaturtipps Medienwahlkampf...

 

 
NOVO abonnieren
 
 

Inside

NOVO 60

Cover NOVO 60

STICHWORT
Bundestagswahlen


von Sabine Reul


 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Heft 60: Übersicht
 




Die Entzauberung der Politik

 

Von Sabine Reul.



Fünf Wochen vor den Wahlen am 22. September lagen CDU/CSU und FDP laut Umfragen in der Wählergunst mit ca. 50 Prozent deutlich vor der amtierenden Regierungskoalition aus SPD und Grünen. Aber mehr als 40 Prozent der Wähler bekundeten gleichzeitig, über die Abgabe ihrer Stimme noch unentschlossen zu sein. Beim Umgang mit Umfrageergebnissen ist zwar Vorsicht angesagt. Trotzdem darf man diese ungewohnt starke Unentschiedenheit der Wähler wohl als Bestätigung dafür werten, dass die Wahlentscheidung 2002 schwer fällt und der Wahlkampf selbst in fortgeschrittenem Stadium nicht so recht zündet.
Unter dem Strich können die Wähler sich offenbar weder für die Schröder-Mannschaft noch für das unionsgeführte Lager unter Edmund Stoiber begeistern. Das Ganze lässt sich wohl so auslegen, dass vielen ein Regierungswechsel zwar nicht unrecht wäre, aber eben auch nicht sehr wichtig, und dass man einfach der Dinge harrt, die noch kommen mögen.
Im Vergleich wirkt der 98er-Wahlkampf daher rückblickend geradezu wie eine grandiose Parteienschlacht. Die "Kampa" der SPD unter Gerhard Schröder vor vier Jahren wurde zwar (nicht zuletzt in dieser Zeitschrift) als inhaltsleeres Medienspektakel kritisiert, und ein solches war sie auch. Aber damals verband sich der Wunsch der Wähler nach einem Regierungswechsel nach 16 Jahren Helmut Kohl mit positiven Erwartungen an die Politik. Und hier liegt wohl der entscheidende Unterschied.
Die rot-grüne Koalition gewann 1998 die Mehrheit nicht wegen ihrer bestechenden Argumente, sondern weil die Mehrheit den Wechsel wollte. Die von den Wahlkampfmanagern der SPD erdachten - genauer gesagt von Bill Clinton, Tony Blair und dessen Berater Anthony Giddens übernommenen - Formeln lauteten: "Politikwende", "Modernisierung", "Politik der Mitte", "Dritter Weg" und, als besonderer Beitrag der Grünen, "Ökologische Wende". Selbst Insider oder das, was man gemeinhin die politische Öffentlichkeit nennt, nahmen diese Formeln zwar oft wohlwollend und unkritisch, aber doch mit einem gewissen Befremden zur Kenntnis. Man verstand sie wohl nicht recht, nahm sie aber auch nicht sonderlich ernst. Auch in diesen Kreisen verfolgt man schließlich nicht pausenlos die Debatten sich einst der Linken zurechnender Politik- und Sozialwissenschaftler, die den in den Vereinigten Staaten und Großbritannien schon vollzogenen "Politikwechsel" unter Clinton und Blair geistig unterfüttert hatten.

Dass diese Formeln breite Wählerschichten im Detail nur mäßig interessierten, kann man daher getrost annehmen, war aber letztlich nicht von Bedeutung. Denn mit diesen und ähnlichen Schlagworten gelang es den Wahlkampfberatern der SPD, dem Wunsch der Wähler nach einem Wechsel lagerübergreifend Form zu geben. In seinem kürzlich erschienenen Buch Der Medienkanzler schreibt Richard Meng dazu ganz treffend: "Manchmal ist es für politische Kampagnenplaner von erheblichem Vorteil, dass eine internationale Öffentlichkeit jenseits der großen außen- und militärpolitischen Fragen noch nicht einmal in Ansätzen besteht, denn so können sie, die Nachahmer einer politischen Linie, sich als deren Erfinder aufspielen."* Hätte man über den nationalen Tellerrand geblickt, hätte man unschwer feststellen können, dass der von Rot-Grün verheißungsvoll angebotene Politikwechsel anderenorts längst und mit nicht unbedingt beeindruckenden Ergebnissen vollzogen worden war.
Entscheidend war aber: Im Spätsommer 1998 lag tatsächlich Aufbruchstimmung über dem Land. Weil sie nicht nur Renten, Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Steuern und Umwelt ansprach, sondern zu verstehen gab, sie verfüge über ein neues, übergreifendes Politikmodell, gelang es der SPD, den Eindruck zu wecken, sie habe eine politische Mission. Natürlich war auch das nicht neu. Clinton hatte bekanntlich schon vor seinem Wahlsieg im Jahre 1992 die eminente wahlpolitische Bedeutung des "mission thing" erkannt. Aber es wirkte. Der Eindruck entstand, die SPD - und in ihrem Schlepptau die Grünen - verkörperte ein politisches Projekt.
Dass Kanzlerkandidat Schröder kurz vor dem Wahltermin dieses Bild mit dem Gelöbnis, "nicht alles anders, aber vieles besser" machen zu wollen, auf ein Format zurechtschnitt, das ihm auch für Wähler, die Veränderungen nicht so schätzen, verdaulich schien, tat diesem Eindruck keinen Abbruch. Im Gegenteil: Es unterstrich noch einmal, hier stehe jenseits der alten politischen Lager, gänzlich ideologiefrei und pragmatisch, eine wirklich neue Politik ins Haus, die in der Lage sein könne, überfällige Reformen umzusetzen und verkrustete, unzeitgemäße Strukturen aufzubrechen. Dafür wurde - unter dem Strich und in der Mehrheit - die Regierung Schröder gewählt. Und wenn sie in diesem Wahlherbst 2002 bestraft wird, dann dafür, dass das nicht stimmte.

Die SPD und die Grünen hatten kein Projekt - oder genauer gesagt, kein gesellschaftspolitisches Projekt. Soweit man es so nennen soll, richtete es sich im Kern nach innen. Das Problem war nicht, dass es Schröder "bloß um die Macht" gegangen sei, wie viele Kritiker seinerzeit monierten. Um die Macht geht es schließlich in wohl noch jedem Wahlkampf. Das rot-grüne Projekt war selbstbezüglich. Die Linke sollte endlich und unwiderruflich von dem ihr noch immer anhaftenden Stigma der Markt- oder Systemgegnerschaft befreit werden.
So relevant dieses Vorhaben SPD und Grünen auch erschienen sein mag (und so nachvollziehbar angesichts des geballten Hasses, der ihnen oft aus dem gegnerischen Lager entgegenschlug): für die Gesellschaft war es Schnee von gestern. Und eben deshalb wird es wohl nicht von bleibender politischer Bedeutung sein.
Oft - und meist hämisch - wurde in den letzten vier Jahren darauf verwiesen, wie Gerhard Schröder einst am Tor zum Bundeskanzleramt gerüttelt und gerufen habe: "Ich will hier rein!" Dass die politische Phantasie gerne immer wieder auf dieses Bild zurückkommt, liegt wohl daran, dass es die Selbstbezüglichkeit des rot-grünen Projekts schon fast ins Narzisstische gesteigert andeutet. Doch nicht immer wird dieser Zusammenhang richtig begriffen. Das rot-grüne Projekt war nach innen gerichtet, also auf die lang ersehnte Ankunft der Linken im Zentrum der Gesellschaft. Soweit es vorgab, ein gesellschaftspolitisches zu sein, war es, wie Anhänger der CDU und CSU es immer wieder gerne ausdrücken, deshalb in der Tat eine "Mogelpackung".
Aber festhalten sollte man, dass diese Selbstbezüglichkeit neben den Schwächen der rot-grünen Regierung und den nicht zu gering zu veranschlagenden Entsetzlichkeiten, die sie vollbracht hat, wohl auch ihren besseren Seiten zugrunde liegt. Im Guten wie im Bösen sind SPD und Grüne in jedem Fall viel fleißiger als ihre Vorgänger, weil sie beweisen wollten, mit den Hebeln der Macht umgehen zu können.

Deshalb ist manche Regierungsschelte nicht angebracht. Man kritisiert die rot-grüne Regierung häufig für Dinge, für die sie - zumindest in der direkten Form, die dabei meist unterstellt wird - nicht verantwortlich ist. Die aktuelle Wirtschaftsschwäche und die hartnäckig steigende Arbeitslosigkeit, zum Beispiel (dazu mehr an anderer Stelle in diesem Novo), sind das Ergebnis sozialer und kultureller Veränderungen, die in der gesamten westlichen Welt zu beobachten sind. Unschuldig ist die Politik gerade an letzteren nicht - zumal wenn sie, wie SPD und Grüne es zweifelsfrei tun, ein Klima der Risikofurcht fördern, das einer der maßgeblichen Faktoren hinter der um sich greifenden Investitionsscheu ist. Trotzdem ist es Unsinn und dem Niveau der Wahlauseinandersetzung nicht eben zuträglich, so zu tun, als wäre dieses komplexe Problem linker Hand und so gerade nebenbei lösbar.
Der rot-grünen Regierung vorzuwerfen, den "Reformstau" nicht behoben zu haben, ist wiederum zwar legitime, aber reichlich dünne Wahlkampfrhetorik. Eben weil sie etwas beweisen zu müssen meinen, haben SPD und Grüne nicht nur rabiater, als andere das vermutlich getan hätten, auf dem Balkan Krieg geführt, sondern in den Bereichen Steuerpolitik und soziale Sicherungssysteme auch mehr angestoßen als andere. Auf diesem Gebiet stellt sich doch die Frage, warum alle Parteien durch die Bank - trotz gelegentlicher Ansätze - an dieser politischen Aufgabe verzagen. Selbst im Unionslager behauptet niemand ernstlich, das werde beim Stoiber-Team anders sein.
Intelligenter wäre die Wahlauseinandersetzung, diskutierte man, warum die Politik sich insgesamt offenbar so schwer damit tut, den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten. Viel spricht dafür, dass sie das deshalb tut, weil sie - auf allen Seiten - noch in der Vergangenheit lebt.

* Richard Meng: Der Medienkanzler. Was bleibt vom System Schröder?, Frankfurt 2002, S.214.

 

 

 


 

Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin des Textbüro Reul in Frankfurt am Main (www.textbuero-reul.de). In Novo58/59 ist von ihr erschienen "Amoklauf: Soll man aus Verbrechen lernen?"




 

LITERATURTIPPS

Richard Meng: Der Medienkanzler. Was bleibt vom System Schröder?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002, 249 S., EUR 10
Andreas Dörner / Ludgera Vogt (Hg.): Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002, 237 S., EUR 10
Thomas Meyer: Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2001, 232 S., EUR 10.


 


 

Medienwahlkampf: Warum sagt er denn bloß andauernd "Mit mir ist das nicht zu machen!"?

Nicht erst seit dem Skandal um Bonusmeilen und dem Fernsehduell Schröder vs. Stoiber, aber seitdem verstärkt, gilt die Aufmerksamkeit der reflektierteren Kommentare zum deutschen Wahlkampf 2002 der Rolle der Medien.1 Das aus gutem Grund, denn in der Tat haben die Medien in dem Maße an Bedeutung gewonnen, in dem Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und andere traditionelle Institutionen an Boden verlieren. Das Ergebnis brachte vor wenigen Jahren einmal Michael Ignatieff einprägsam auf den Punkt. Er sprach von der Medien- und insbesondere der Fernsehberichterstattung als "grausamer Mimikry der Unmittelbarkeit" und kam zu dem Schluss: "Fernsehen ist das privilegierte Medium, durch das die moralischen Beziehungen zwischen Fremden in der modernen Welt vermittelt werden."2
Dass die politischen Parteien sich nicht nur der Medien als primärem Instrument der Herstellung "moralischer Beziehungen" zu den Wählern bedienen, sondern auch Inhalt und Form ihrer Wahlkampagnen den Gesetzen der PR- und Medienbranche anpassen und dabei schließlich ihren eigenen Charakter und ihr Verhältnis zur Wählerschaft verwandeln, ist zwar nicht neu. Trotzdem schlägt der Wahlkampf 2002 in dieser Hinsicht zweifellos alles bisher Dagewesene.
Nur wird nicht immer berücksichtigt, dass die Medien diese gewachsene Rolle in der demokratischen Auseinandersetzung nicht sich selbst verdanken, sondern der zunehmenden Entfremdung zwischen den Parteien (oder dem politischen System) und der Bevölkerung. Die mediale Kommunikation ist eben Kommunikation "zwischen Fremden". Die medialen Manöver der Parteien selbst ins Zentrum einer mal anerkennenden, mal missbilligenden Wahlkampfkommentierung zu stellen, wie in den letzten Monaten bis zum Überdruss geschehen, trägt zur Erhellung dieses Zusammenhangs nicht nur wenig bei. Es macht die Sache eher schlimmer, weil über Politik dann überhaupt niemand mehr spricht, sondern schließlich nur noch die Medien über sich selbst.
Es ist die Defensivität der Parteien angesichts ihrer zunehmenden Menschenferne, die sie mehr als früher auf PR- und Medienberater zurückgreifen lässt. Und die gestalten Wahlbotschaften und Kandidatenauftritte nun einmal so, wie sie es gewohnt sind, also mit den Mitteln von Corporate Identity- oder Markenkampagnen. Dass gerade die SPD sich - schon 1998 - dieser Form der politischen Kommunikation besonders rückhaltlos verschrieben hat, liegt wohl daran, dass sie auch hier besonders viel beweisen zu müssen meint. Deshalb sagt Gerhard Schröder außer "Das ist mit mir nicht zu machen!" nicht mehr viel. Dazu meint Richard Meng sehr treffend: "Solche Formulierungen sind der Versuch, mit Blick auf ein wahlkampftaugliches Profil ‚Praxistauglichkeit' (gemeint ist vor allem Wirtschaftsverträglichkeit inklusive öffentliche Akzeptanz) neu mit der sozialdemokratischen Gefühlswelt zu vereinbaren."3 Wenn die Politik das Spiel nun einmal so spielt, sind nicht die Medien das Problem, sondern sie selbst. (sr).

Fußnoten
1 Siehe hierzu u.a. Andreas Dörner / Ludgera Vogt (Hg.): Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual, Frankfurt 2002; s. auch Thomas Meyer: Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Medien, Frankfurt 2001.
2 Michael Ignatieff, The Warrior's Honor: Ethnic War and the Modern Conscience, 2. Ausgabe, London 1998, S.11.
3 Richard Meng, a.a.O., S.43.

 



   
© Copyright 1999-2009   Novo Argumente Verlag GmbH



Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können...  >> Dafür steht NOVO