| | Aktuell
(Home/News) | Dafür
steht
NOVO | Wer liest NOVO
| Archiv | Kontakt/Impressum | | Das aktuelle Heft | LifeScience | Infoletter | Einzelheft | NOVO abonnieren | |
| FUSSBALL-WM |
INFOS
Inside Fußball
ist Fußball
|
|||
|
|
"Es war aber nicht der Umfang der Zuschauermenge oder die Tatsache, dass Erwachsene das Wort "WICHSER" so laut sie wollten schreien konnten, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen, was mich am stärksten beeindruckte, sondern wie sehr die meisten Männer um mich herum es hassten, wirklich hassten hier zu sein... Der natürliche Grundzustand eines Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht." (Nick Hornby: Ballfieber. Die Geschichte eines Fans)
Wer aus Fußball "mehr" machen will als Fußball, macht den Fußball kaputt. Von Bernd Herrmann.
Zwar erscheinen Politiker gerne dort, wo viele Menschen sind. Im Vergleich zu Politikerauftritten - beispielsweise auf Kirchentagen - finden ihre Aktivitäten in Sachen Fußball aber deutlich größere Aufmerksamkeit. Auch Hochkultur und Wissenschaft, die lange, mit wenigen Ausnahmen, den Volkssport entweder ignorierten oder höchstens kulturkritisch als Distinktionsmasse brauchen konnten, beschäftigen sich seit einiger Zeit ernsthaft mit dem Sport. Unter den Fußballbüchern - früher leicht als heftig bebilderte Fanartikel auszumachen - findet man immer häufiger Essaybände und Monografien. "Den Fußball mit Füßen treten" Der
gesellschaftliche und politische Sinneswandel zum Thema Fußball
ist die eine Seite der Medaille; die Kehrseite ist, dass sich der Fußball
selbst heute verstärkt als gesellschaftspolitischer Akteur begreift
und aufgehört hat, "Fußball" zu sein. Seit Beginn
der 90er-Jahre hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine außersportlichen
Aktivitäten ausgedehnt. Zu Lasten seiner eigentlichen Kernkompetenz:
Unter dem DFB-Präsidenten Egidius Braun wurde die so genannte "dritte
Säule der Verbandsarbeit" immer wichtiger. Der DFB versteht
darunter Nothilfe für arme Länder, Katastrophenhilfe, Kampagnen
wie "Keine Macht den Drogen", Hilfe für die Integration
von Ausländern oder gegen Gewalt. Das Schicksal des politisierten Fußballs passt zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend: Alles soll heute "mehr" sein, soll sinnstiftend wirken und moralischen Zusatznutzen - Werte und Orientierungen - verbreiten, verliert aber dadurch seine eigene Qualität und wird letztlich "weniger", weil weniger wichtig. Abzulesen ist dies in Kunst, Kultur, Musik und Bildung: Unter der Last des vermeintlich notwendigen Zusatznutzens bleiben sie auf der Strecke. Dem Fußball geht es ähnlich: Er richtet sich selbst zugrunde, weil er sich als Politik missversteht und "mehr als Fußball" sein will. Wie sich heute schmerzlich zeigt, gehen die sich hieraus speisenden staatstragenden Allüren des DFB in die falsche Richtung. Anstatt schon vor Jahren die dringend notwendige Modernisierung und Professionalisierung der Nachwuchsförderung zu betreiben, blieben die Funktionäre in ihren alten bürokratischen Schlingen gefangen und widmeten sich lieber der Politisierung und Moralisierung der Kickerei. Zwar weist der DFB darauf hin, dass sein soziales Engagement schon Jahrzehnte zurück reicht. Schaut man aber genauer, worin es früher bestand, stellt man fest, dass es vormals um Nothilfe für Mitglieder oder Sportinvaliden ging. Woher also der Antrieb, sich "gesellschaftspolitisch" zu positionieren? In
dem Maße, in dem sich Politik und Gesellschaft von den gängigen
Arenen verabschiedet haben (und sich einigen zudem die Frage stellt: Was
ist überhaupt "Gesellschaft"?), suchen die leitenden Angestellten
Deutschlands sowie die für Sinngebung zuständigen Kreise die
realen Arenen auf, die Orte, an denen sich viele aufhalten. Wo ist das
offensichtlicher der Fall als in den Fußballstadien? Die Folge sind Kampagnen wie die inzwischen eingestellte "Keine Macht den Drogen" oder Benefizspiele für einen guten Zweck. Fragt sich, was das mit Fußball zu tun hat. Und wer, außer Schülern, die dafür schulfrei bekommen, will sich Benefizspiele ansehen? Der Länder-Kick 1998 gegen Luxemburg stand unter dem Motto "Kinder stark machen" - welches Kind wird dadurch stark gemacht? Würde nicht verstärkte Nachwuchsarbeit der Fußballvereine wesentlich mehr dazu beitragen, Kinder zu stärken, indem man ihnen Möglichkeiten eröffnet, sportlich zu zeigen, was sie leisten können? Im Zweifelsfall spendet man lieber für einen guten Zweck und spart sich das wohltätige Gekicke. Guter Fußball und guter Zweck gehen nicht zusammen. Die "Bierhoffisierung des Fußballs": Konformität ist Trumpf Auch anderweitig wird versucht, durch Fußball gesellschaftlich zu wirken. Fußballer sollen heute Vorbilder sein, nicht nur was ihre fußballerische Leistung angeht, sie sollen vorbildliche Staatsbürger, moralische Leuchten sein. Der einstige Maoist Paul Breitner, Weltmeister von 1974, würde heute wahrscheinlich nicht als Nationalspieler in Frage kommen. Verstöße gegen die Norm werden heute hart bestraft, sei es Stefan Effenbergs einstmals gen Himmel gereckter oder kürzlich verbal gegen Arbeitslose gerichteter Stinkefinger, sei es Baslers Zigarette, Mehmet Scholls Rempelei im Skiurlaub, Jankers vermeintliches Skinhead-Image oder auch Jens Lehmanns "Ausraster" gegen Ende der abgelaufenen Saison. Lehmanns (Fehl-)Tritt hatte der Schiedsrichter übersehen. Umso größer war die Diskussion, wie dieses Fehlverhalten abseits des Platzes abzustrafen sei. Lehmann musste in zahlreichen Fernsehsendungen Reue üben, um so zu zeigen, dass für ihr "Gewalt" keine Lösung sei. Auch Effenberg wurde gedrängt, von seiner persönlichen Meinung öffentlich Abstand zu nehmen und bezahlte seine Weigerung mit einem Platz auf der Ersatzbank. Was soll man hieraus lernen? Ein Tritt, einer ohne ernste Folgen für den Getretenen, ein Tritt zudem, der ohne böse Absicht spontan im Gerangel erfolgte - was lernen wir, wenn uns vorgespielt wird, dass solche Handlungen nicht zulässig sind? Warum soll ein erwachsener Mann, der als Sportler zu Recht gutes Geld verdient, plötzlich sozialpolitische Maßstäbe für die Gesellschaft setzen müssen? Höchstens lässt sich daraus die Verhaltensmaßregel ableiten, dass man sich besser erst gar nicht in schwierige Situationen begebe, da es dabei zu unguten Handlungen bzw. Äußerungen kommen könne. Stillhalten kann, wer nichts tut. Für einen Spitzensportler, für jemanden, der etwas auf sich hält, der etwas erreichen will, Höchstleistungen gar, ist das nicht möglich, und auch nicht wünschenswert. Verhaltensvorschriften für Sportler und Trainer führen dazu, dass immer öfter ihre Leistung als "role model" im Vordergrund steht. Christoph Daums Erfolge als Trainer sind fast schon vergessen. Im Vordergrund steht der Kokainskandal. Welche Rückschlüsse über berufliche Qualitäten lassen sich aus dem privaten Freizeitvergnügen eines Trainers ableiten? Offensichtlich keine. Aber das zählte nicht. Einem der besten Fußballer des 20. Jahrhunderts erging es ähnlich: Maradonas Dribblings, Pässe, Tore überschattet der Vorwurf, er sei drogensüchtig und gewalttätig. Für den Nachwuchs ist Maradona heute weniger Fußballgott, eher muss er öffentlich als abschreckendes Beispiel herhalten. In der Vergangenheit haben sich viele namhafte Fußballer nach Karriereende aus Mangel an beruflicher Perspektive in den Tod gesoffen. Maradona kickt heute wieder, mit 41. Durch die Forderung, Fußballer müssten Muster des Wohlverhaltens sein, wird ihre sportliche Leistung relativiert. Anstatt sportliche Höchstleistungen als Ausdruck einer zivilisatorischen und kulturellen Leistung anzuerkennen und zu feiern, gilt nun im Zweifelsfall: Lieber ein bisschen weniger genial auf dem Platz, wenn dafür der Wahnsinn abseits des Sports unterbleibt. Das entspricht der aktuellen gesellschaftlichen Gemütsverfassung: Das Streben nach "Höher, schneller, weiter" als Ausdruck des Strebens nach Fortschritt gilt nicht mehr als Wert an sich und reicht nicht aus, um Vorbildcharakter zu entfalten. Dabei liegen die Folgen dieser moralischen Überfrachtung auf der Hand: Maßhalten fördert weder die spielerische Brillanz noch das gesellschaftliche Fortkommen. Dieser Zurückhaltungs-Duktus prägt die aktuelle wie die heranwachsende Sportlergeneration: Nicht zufällig vermissen Fans wie Reporter immer häufiger "Persönlichkeiten", Spieler mit "Charakter" und "gesundem Eigensinn" und klagen über die zahlreichen braven und gesichtslosen "Bierhoffs" des deutschen Fußballs. Besonders fällt auf, wie eng dabei die Definition von Exzessen ist. Ein Spieler, der wirklich über die Stränge schlüge, könnte entweder aus körperlichen Gründen oder aber, weil Fußball ein Mannschaftssport ist, dies nur sehr kurze Zeit tun, ohne dass er die Folgen schmerzlich auf dem Platz zu spüren bekäme. Um wirkliche Exzesse geht es auch gar nicht: Was heute eingefordert wird, ist engstirnige Konformität. Erziehungsanstalt Stadion Auch die Fans im Stadion bekommen die Vorbildfunktion, die Fußball heute haben soll, zu spüren. Auch die Fans stehen im Rampenlicht, als Vorbilder für die Fernsehzuschauer. Die Folgen sind, wie man an den Kommentaren der Fußballreporter ablesen kann, widersinnig. Begeisterung der Fans wird gelobt, La-Ola-Wellen, Fahnenschwenken, Gesänge, Jubel und auch Trauer. Alles, was zu fanatisch erscheint, seien es aggressive Schlachtrufe, zum Spott gegen türkische Fans erhobene Alditüten (in München, 1997, beim Spiel Bayern München gegen Besiktas Istanbul), überhaupt jedes aggressive Verhalten - sei es Gesang oder Randale - wird als unverantwortliches Handeln verurteilt, als unentschuldbare Entgleisung asozialer Elemente. Fanbeauftragte der Vereine sollen als Sozialarbeiter Begeisterung in gesunde Begeisterung verwandeln, Exzesse hingegen zur Anzeige bringen. Je nach Art des Verstoßes werden therapeutische Maßnahmen oder Strafen verhängt. Die nächsten Schritte, Benimmregeln für Fans, die geschlossene Videoüberwachung der Stadien und die Abstrafung jedes Missverhaltens, deuten sich an, sind in britischen Stadien schon weitgehend umgesetzt. Fußball wird so zur moralischen Anstalt, zur Probebühne für neue Modelle von Gemeinschaft und sozialer Kontrolle. Trotz aller Deutungsversuche, aller Befrachtung mit anderen Aufgaben: Fußball ist ein Spiel, das zwar oft ernst wird, das aber sportlichen Gesetzen folgt. Wenn Fußball Vorbild sein soll, so kann das nur sportlich geschehen. Einmal ins 21. Jahrhundert, bitte! Kritik
am modernen Fußball ist fast immer entweder Kommerzkritik oder Kritik
an der Spaßgesellschaft. Beide Vorwürfe sind sich sehr ähnlich,
beide missverstehen den modernen Fußball. Diese nostalgische Sicht des Fußballs ist passé, genauso wie die Kohlegrube. Man muss sich nur Aufzeichnungen alter Spiele ansehen, um festzustellen, dass der Fußball der 50er, der 70er-Jahre langsam war, statisch, mit festen Positionen und geringer taktischer und technischer Raffinesse. Dass Fußballer früher stärker in ihrem Verein verwurzelt waren, mag stimmen. Es war dies jedoch weniger gewollte Bodenständigkeit als Folge mangelnder Alternativen. Spieler mussten früher wohl oder übel bei "ihrem" Verein bleiben. Etwas anderes gab es nicht. Eine solche Zwangsverwurzelung zu echter Hingabe zu stilisieren, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls zynisch. Früher sahen die Biografien der meisten Profis so aus, dass auf eine kurze, schlecht bezahlte Karriere ein jahrzehntelanger Lebensabend folgte - als Lottopächter, Kneipenwirt oder "Original" (sprich: Sozialfall). Selbst heute, bei hohen Gehältern für einige Berufsspieler, ist es nicht so, dass Fußballprofis im Allgemeinen ein leichtes Auskommen hätten. Leicht wird vergessen, dass die wenigsten Profis prominente Großverdiener sind. Auf den Blitzstart einer Karriere folgt auch heute noch oft der jähe Absturz ins Nichts. Die jahrelange harte Arbeit, der Verzicht auf vieles, was sonst Kindheit, Jugend, Beruf ausmacht, mündet nur für sehr wenige in millionenschwere Profi- und Werbeverträge. Man
soll von Fußballern durchaus verlangen, dass sie Vorbilder sind.
Was wir nicht brauchen, sind Fußballer als Vorbild für Konformität,
für politisches Wohlverhalten oder als ethische Musterpersönlichkeit.
Fußballprofis können zeigen, dass sich Engagement auf dem Platz,
hartes Training und Teamgeist auszahlen kann - dadurch, dass sie gut und
erfolgreich spielen.
|
|||
Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
Dafür steht NOVO