Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Mick Hume:
Israel - der neue Buhmann des Westens
GESELLSCHAFT
Frank Furedi:
"Akzeptiere mich, so wie ich bin!"
RECHT &
DEMOKRATIE
Kai Rogusch:
Totale Grundrechte
[Heft S.16]
BIOTECHNOLOGIE
Thomas Deichmann:
Mythen und Fallstricke der Künast-Verbraucherpolitik
Thomas Deichmann:
Schattenboxen um transgenen Raps
Thilo Spahl:
Mutierter Mais überrennt Mexiko
[Heft S.29]
John Conroy:
Warum Brasilien nicht gentechnikfrei sein sollte
[Heft S.30]
Klaus M. Leisinger:
Ein zusätzlicher Pfeil im Kampf gegen den Welthunger
[Heft S.36]
Holger Bengs:
Wer motiviert unsere Risikokapitalgeber?
[Heft S.41]
Graham Brookes:
"Gentechnikfreie" Politik schadet
der Europäischen Union
Joachim Schiemann:
Sicherheitsforschung bedeutet nicht Sicherheitsrisiko
[Heft S.46]
Hans-Joachim Maes:
FDA beendet faule Tricks
[Heft S.48]
Peter Treue:
Wenn der Mond auf den Hintern scheint
POLITIK & KULTUR
James Heartfield:
"Diese Politik ist nicht grün, sondern menschenfeindlich"
[Heft S.58]
Sonja Vogel:
Jugoslawien oder Im permanenten Ausnahmezustand träumen
[Heft S.62]
Brendan O'Neill:
Antirassismusexperten befördern, was sie verhindern wollen
[Heft S.66]
Thomas Leif:
Die Jubelnden von Berlin oder Die Macht der großen Zahl
[Heft S.68]
Levan Gvelesiani und Claus Hagenhoff:
Eine Zukunft ohne Hook und Ahab
[Heft S.72]
FUSSBALL-WM
Bernd Herrmann:
Fußball ist Fußball
Klaus Bittermann:
Das Lob der Stilblüte
[Heft S.81]
Stefan Chatrath:
Warum Deutschland bei den Luschen angekommen
ist
Stefan Chatrath:
"Wollen wir erfolgreich sein, müssen wir nach vorne investieren"
[Heft S.85]
Duleep Allirajah:
Die Kommerzialisierung hat den englischen Fußball gerettet
[Heft S.86]
Stefan Ehrhardt:
Die große Lustlosigkeit
[Heft S.89]
Dietrich Schulze-Marmeling:
Nicht nur Fußball: Kleine Geschichte des World Cup
[Heft S.90]
Dominic Standish:
"Wenn sie mich auspfeifen, dann tun sie das, weil sie mich fürchten"
[Heft S.94]
Matthias Heitmann:
Frieden schaffen ohne Fortschritt: Fußbälle für die Dritte
Welt
[Heft S.96]
RUBRIKEN
STICHWORT
Amoklauf
von Sabine Reul
FUNDSTÜCK
Die zum zweiten Mal in den selben Fluss steigen...
vonSait Amnamtieh
[Heft S.11]
OBACHT
Bio-Terroristen attackieren Zürich
von Theodor Spüli
end of sex.
as we know it.
von Michael Najjar
[Heft S.50]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.61]
EINSPRUCH
Nikotin schlimmer als Heroin?
von Hans-Joachim Maes
[Heft S.74]
BÜCHER
von Gunnar Sohn & Jon Holbrook
[Heft S.75]
SCHWERHÖRIBERT
Y-Chromosom und Fußballwahrheit
von Matthias Heitmann
[Heft S.98]
|
"Gentechnikfreie" Politik schadet der Europäischen Union
Graham Brookes über die gravierenden Folgen
der Technikfeindlichkeit für den Wirtschaftsstandort Europa und das
Wohlstandsniveau der EU-Bürger.
Die weltweite Nutzung der Grünen Gentechnik in der Landwirtschaft
und in der Kette der Nahrungs- und Futtermittelherstellung ist umstritten.
Das resultiert zum großen Teil aus der kompromisslosen Ablehnung
der Gentechnologien durch Interessengruppen, die vor möglichen Gesundheits-
und Umweltfolgen warnen und das hat dazu geführt, dass besonders
in der EU die Verwendung von Bestandteilen, die aus Pflanzen mit gentechnisch
veränderten Organismen (GVO) gewonnen wurden, in Nahrungsmitteln
für den direkten menschlichen Verzehr weitgehend untersagt ist. Die
Anti-Gentech-Stimmung hat in jüngster Zeit die Aufmerksamkeit auch
auf den Einsatz der Gentechnik in der Viehzucht gelenkt, weil gentechnisch
modifizierte Ölsaaten und Getreide dem Viehfutter beigemischt werden.
Darüber hinaus sind in der EU die Genehmigungsverfahren für
neue transgene Ernteerzeugnisse 1998 praktisch zum Stillstand gekommen.
Obwohl die Europäische Kommission 2001 mehrfach Gesetzesänderungen
vorgeschlagen hat, die die Genehmigungsverfahren wieder in Gang hätten
setzen können, ist der Widerstand einiger führender Politiker
unter den EU-Mitgliedsstaaten weiterhin groß. Deshalb besteht derzeit
nur gedämpfte Hoffnung, dass die EU ihre starre Haltung gegenüber
der Grünen Gentechnik in absehbarer Zukunft aufgeben wird. Das wirft
die Frage auf, ob die EU es überhaupt hinnehmen kann und sollte,
von der Entwicklung und den Anwendungen der neuen Biotechnologien ausgeschlossen
zu bleiben. Sollte dies eintreten, hätte das gravierende Folgen für
den Wirtschaftsstandort Europa.1
Biotech-Industrie
in der EU
Die
Schlüsselfaktoren der biotechnischen Industrie in der EU und in den
USA offenbaren die in Europa signifikant niedrigeren Ausgaben für
Forschung und Entwicklung (F&E) sowie das insgesamt geringe wirtschaftliche
Interesse an diesem Sektor (gemessen am Prozentsatz des Bruttosozialproduktes).
Auch die wesentlich niedrigere Arbeitsplatzquote in der EU gegenüber
den USA ist augenfällig. Nur die Anzahl der Firmen erscheint in der
EU höher als in den USA. Doch hier täuschen die Zahlen, denn
die meisten europäischen Firmen sind klein oder mittelständisch
im Vergleich. Die US-Firmen sind im Durchschnitt bedeutend größer.
Schlüsselfaktoren
2000: Die Biotechnologie-Sektoren
in der EU und in den USA
| Faktoren |
EU |
USA |
| Anzahl
der Firmen |
1570 |
1273 |
| Arbeitsplätze |
61.000 |
162.000 |
| Prozentanteil
der Forscher im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigtenzahl der Industrie |
2,5 |
6,7 |
Ausgaben
für F&E
in % des BSP |
1,8 |
2,7 |
Ausgaben
für F&E insgesamt
(in Millionen Euro) |
4.977 |
11.400 |
Quelle: Ernst
& Young: 8rd Annual Life Sciences Review 2001
Gegenüber dem Vorjahr sind 2000 die Beschäftigungszahlen sowie
die Ausgaben für F&E sowohl in den USA als auch in der EU gestiegen.
So stieg beispielsweise die Zahl der Arbeitsplätze in der EU um etwa
3500 und in den USA um etwa 7000.2 Diese Daten
suggerieren, dass dieser Sektor sowohl in der EU als auch in den USA wächst.
Sie verdecken allerdings die Tatsache, dass das ökonomische Volumen
des US-Biotech-Sektors wesentlich größer ist als das der EU.
Wirtschaftsanalysten sind weitgehend davon überzeugt, dass sich diese
Kluft in Zukunft noch vergrößern wird. So gab der Ernst &
Young-Bericht an, dass US-Biotechnologieunternehmen im Jahr 2000 rund
13 Milliarden Euro investierten, gegenüber 6 Milliarden Euro in der
EU.
Veränderungen
in der Biotech-Industrie
In
den letzten Jahren haben sich einige Bereiche des biotechnologischen Sektors
deutlich konsolidiert - vor allem in den Bereichen Pharmazeutik, Pflanzenschutz,
Pflanzenzucht und Saatgutherstellung. Die weltweite Restrukturierung hatte
zur Folge, dass diese Bereiche nun von einigen wenigen großen, multi-nationalen
Firmen dominiert werden. Diese Konsolidierung spiegelt die fundamentale
Abhängigkeit dieser Sektoren von Forschung und Entwicklung wider.
Die nicht unbeträchtlichen Vorlaufzeiten, die nach Beginn eines Forschungsentwicklungsprogramms
für ein neues Produkt verstreichen, bis es auf den Markt kommt, stellen
ein hohes Risiko für die Industrie dar und erfordern beträchtliche
finanzielle Mittel.
Die Dominanz der "global player" in der Biotechnologie bedeutet
auch, dass diese Firmen sich global orientieren, wenn es um die Ansiedlung
ihres ersten Firmensitzes geht. Während früher Faktoren wie
"Firma X wurde in diesem Land gegründet" eine wichtige
Entscheidungshilfe zur Firmenansiedlung waren, sind diese heute fast bedeutungslos.
Als Schlüsselfaktoren gelten gegenwärtig neben der Verfügbarkeit
von hochqualifizierten Mitarbeitern3 eine stabile
wirtschaftliche Lage und eine verlässliche, transparente und effiziente
Genehmigungspraxis. Dieser letzte Punkt wurde in den vergangenen Jahren
immer wichtiger, weil er die Entwicklung und Markteinführung eines
neuen kommerziellen Produktes einerseits erleichtern, andererseits aber
auch verhindern oder stark verzögern kann.
Genehmigungsverfahren in den USA werden gegenüber der EU weithin
als sehr viel verlässlicher, transparenter und effizienter wahrgenommen,
wenn es um die Zulassung neuer biotechnologischer Produkte geht. In der
EU herrscht indes ein Zulassungsmoratorium für neue transgene Nutzpflanzen.
Es ist vollkommen ungewiss, ob dieses Moratorium in der nächsten
Zeit aufgehoben werden wird.
Zukunftsaussichten
Obwohl
Prognosen über die Entwicklungen des europäischen Biotechnologie-Sektors
schwierig sind, lassen die aktuellen Entwicklungen folgende Schlüsse
zu:
·
Die Biotech-Industrie wird in den USA sehr viel stärker wachsen als
in der EU. Auch wenn die Statistik bis 2000 erkennen lässt, dass
Investitionen und Arbeitsplätze im biotechnologischen Sektor in der
EU steigen, so fielen das Investitionsvolumen, die Ausgaben für F&E
sowie die Zahl der Arbeitsplätze deutlich geringer aus als in den
USA. Allgemein herrscht die Ansicht vor, dass dieser Unterschied wachsen
wird.
· Die kommerzielle Verwertung von biotechnologischen Produkten
ist in den USA weitaus fortgeschrittener als in der EU - ebenso in anderen
führenden Ländern der agrarischen Rohstoffproduktion wie Argentinien,
Kanada und China. Betrachtet man insbesondere die Entwicklung gentechnisch
veränderter Pflanzen, so sind diese seit etwa sechs Jahren auf dem
US-Markt. Im Jahr 2000 fanden 30 Prozent des weltweit rund 40 Millionen
Hektar umfassenden transgenen Nutzpflanzenanbaus in den USA statt. In
der EU hingegen wurden im Jahr 2000 nur auf etwas mehr als 25.000 Hektar
(0,8 Prozent des US-Anteils) transgene Nutzpflanzen kultiviert. Industriezweige,
die die Märkte für Pflanzenzucht, Saatgutherstellung und Saathandel
bedienen, konzentrieren sich heute eindeutig in Richtung USA und anderer
Länder, die der Biotechnologie offener gegenüberstehen.
· Rationalisierungs- und Konzentrationsprozesse haben die Globalisierung
einiger Schlüsselindustrien der Biotechnologie verstärkt. Das
zeigt sich deutlich bei Herstellern von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut.
Auf diesen Märkten sind stabile und transparente sowie wirtschaftlich,
rechtlich wie politisch verlässliche Rahmenbedingungen Schlüsselfaktoren
für Investitionsentscheidungen. Die Kluft zwischen den USA und der
EU deutet darauf hin, dass Investitions- und Arbeitsplatzsicherheit sowie
Expansionsmöglichkeiten eher in Nordamerika als in der EU als gewährleistet
gesehen werden.
Wirtschaftliche
Implikationen
Dieser
wachsende Abstand der Größenordnung der Biotech-Industrien
in der EU von dem der USA heißt nichts anderes, als dass die EU
bereits heute den Anschluss an die Entwicklung und kommerzielle Nutzung
der Gentechnologien verpasst hat. Für all jene, die gegen die Einführung
und Nutzung der modernen Biotechnologien sind, ist das ein positives Ergebnis
und ein Zeichen dafür, dass die EU-Politik der Nahrungsmittelsicherheit
und dem Umweltschutz absoluten Vorrang gibt. Die Blockadehaltung der EU
wird als eine Politik interpretiert, die gegenwärtig noch unvorhersehbare
Negativfolgen der neuen Technologien vermeiden oder minimieren möchte.
Diese Haltung kann jedoch auch dazu führen, dass die EU an den Vorzügen
dieses modernen Wissenschaftszweiges nicht teilhaben wird. Hieraus wiederum
können sich gravierende Folgen für das Einkommens- und Wohlstandsniveau
und die Arbeitsplatzsicherheit für EU-Bürger ergeben.
Biotech
und Arbeitsplätze
Wo
immer Biotech-Unternehmen sich ansiedeln und ihre geschäftlichen
Aktivitäten entfalten, erzeugen sie in der Region Einkommen, Wohlstand
und Arbeitsplätze. Auch in der EU ist der Biotechnologie-Sektor zu
einem wichtigen Generator von Arbeitsplätzen und der allgemeinen
Wertschöpfung geworden. Im Jahr 2000 gab es immerhin 61.000 Arbeitsplätze
in diesem Sektor, und knapp 5 Milliarden Euro wurden in den F&E-Bereich
investiert. Jedoch sollte man sich auch einmal die Frage stellen, wie
hoch das Einkommensniveau und die Beschäftigungsquote hätten
sein können, hätte es ein technologiefreundlicheres politisches
Umfeld gegeben. Leider lässt der Rahmen dieser kurzen Betrachtung
keine Tiefenanalyse zu. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die EU bereits
in den letzten Jahren und, so wie es aussieht, auch in der nächsten
Zukunft auf eine Steigerung von Einkommen, Wertschöpfung und Arbeitsbeschaffung
durch die Biotech-Industrien verzichtet.
Zusätzliche Einkommens- und Arbeitsplatzsteigerungen gingen durch
die Auswirkungen dieser Situation auf Zweigindustrien verloren, z.B. in
der Saatgutentwicklung und -zucht, denn die führenden Biotech-Firmen
bedienen den rasch expandierenden Markt für gentechnisch verbessertes
Saatgut lieber von Saatzuchtbetrieben in den USA, Kanada oder Argentinien
aus. In diesen Ländern herrscht ein aufgeschlosseneres Klima gegenüber
transgenen Agrarprodukten. Darüber hinaus gilt es als sehr wahrscheinlich
(selbst wenn die EU in den nächsten Monaten positivere Rahmenbedingungen
für die Einführung und Nutzung von Produkten der Gentechnik
schaffen würde), dass ein Großteil des GVO-Saatguts, das europäische
Bauern nutzen werden, von Herstellern außerhalb der EU stammen wird.
Das erscheint logisch, weil in anderen Ländern die Investitionen,
auf die innerhalb der EU verzichtet wurde, längst getätigt worden
sind. So werden z.B. aktuell die rund 25.000 Hektar, auf denen in der
EU Bt-Mais mit einer gentechnisch erzeugten Insektenresistenz wächst,
mit Saatgut bestellt, das außerhalb der EU gezüchtet wurde.
Frankreich, der traditionelle Hauptlieferant von Maissaaten in der EU,
spielt hierbei keine Rolle.
Einkommensverteilung
und Arbeitsplätze
Das
Volumen der EU-Agrarproduktion lag 1999 bei 274 Milliarden Euro. Im Sektor
Nahrungsmittel und Getränke, dem größten Produktionsbereich
in der EU, lag es bei 572 Milliarden Euro. Die Zahl der Arbeitsplätze,
die durch diese Sektoren geschaffen wurden, lag bei 7,08 Millionen im
Agrarbereich und 2,545 Millionen im Nahrungsmittel- und Getränkesektor.
Diese Sektoren konnten sich in einem stabilen wirtschaftlichen Umfeld
entwickeln, das darüber hinaus von der Gemeinsamen Agrarpolitik der
Europäer (Common Agriculture Policy, CAP) profitiert. Die CAP hat
in den letzten gut 40 Jahren die meisten Sektoren durch Einfuhrzölle
vor ausländischen Wettbewerbern geschützt und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit
des EU-Exports durch Subventionen gestärkt. Der Hauptanteil der Produktion
agrarischer Rohstoffe in der EU basiert gegenwärtig auf intensiven,
technisch hocheffizienten Produktionssystemen, die modernste technologische
Entwicklungen intensiv nutzen. Der Export von Agrarrohstoffen und weiterverarbeiteten
Nahrungsmitteln und Getränken leistet einen bedeutenden Beitrag sowohl
zur Wirtschaftsstärke des agrarischen wie auch des Nahrungsmittel-
und Getränkesektors. So wurden 1999 etwa 6 Prozent der gesamten Nahrungsmittel-
und Getränkeproduktion der EU in Länder außerhalb der
EU exportiert.
Bis vor kurzem war der Zugriff auf preisgünstige Rohstoffe für
die Exporteure von Nahrungsmitteln und Getränken in der EU kein großes
Problem, zumal die EU den Rohstoffanteil der Produkte subventionierte.
Allerdings ist mit dem Inkrafttreten der Vereinbarung der Uruguay-Runde
der Welthandelsorganisation WTO aus dem Jahre 1995 der Spielraum für
Exportsubventionen durch die EU deutlich eingeschränkt worden. Folglich
gibt es nun keinen vollen Ausgleich mehr für die Preisunterschiede
zwischen EU- und Weltmarkt. Der Zugriff auf niedrigpreisige Rohstoffe
ist daher für EU-Produzenten sehr viel wichtiger geworden.
Gentechnologie
in der EU-Landwirtschaft
Die
Ablehnung der Grünen Gentechnik innerhalb der EU stellt die europäische
Landwirtschaft auf eine ernsthafte Probe, denn der Einsatz der modernen
Biotechnologien in der EU ist bislang marginal. Daraus wachsen die Wettbewerbsvorteile
für Länder, die in der agrarischen Rohstoffproduktion bzw. im
Handel ohnehin weltweit führend sind.
Bei den bisher in der EU marktzugelassenen Produkten der Grünen Gentechnik
dreht es sich fast ausschließlich um klassische kostenreduzierende
Technologien. Die transgenen Nutzpflanzen weisen Herbizidtoleranzen oder
Insektenresistenzen auf und ermöglichen ein effizienteres Agrarmanagement.
Daraus lässt sich schließen, dass die ablehnende Haltung der
EU gegenüber diesen Technologien den Landwirten deutliche Wettbewerbsnachteile
beschert.
Dies zeigt sich deutlich beim Sojaanbau. Soja mit gentechnisch erzeugter
Insektenresistenz ist die weltweit am häufigsten angebaute transgene
Nutzpflanze. Ihr Hauptmarkt und der für ihre Derivate wie Sojamehl
und Öle liegt in den USA und Argentinien. Auf dem EU-Markt, wo eine
Vielzahl der Käufer im Nahrungs- und Futtermittelsektor gentechnikfreie
Produkte verlangen, wird überwiegend nicht-modifiziertes Soja angeboten.
Konventionelle Sojawaren sind im Verhältnis teurer als transgene
Vergleichs-GV-Produkte. Das liegt daran, dass die Anbaukosten bei konventionellen
Pflanzen höher sind. Außerdem können zusätzliche
Kosten dadurch entstehen, dass konventionelle Produkte im internationalen
Warensortiment von gentechnisch verändertem Material separiert werden
müssen.
Internationale
Wettbewerbsfähigkeit
Bislang
zeichnet sich der EU-Markt, der überwiegend auf gentechnikfreie Waren
setzt, durch ein relativ geringes Preisgefälle gegenüber biotech-offenen
Märkten aus. Die Anbieter zeigen nach wie vor die Bereitschaft, Zusatzkosten
selbst zu tragen, anstatt sie mittels Preiserhöhungen an die Verbraucher
weiterzugeben.
Innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre wird dieses Preisgefälle
allerdings wahrscheinlich wachsen.4 Das wird
zur Folge haben, dass europäische Produzenten unter dem Aspekt der
Rentabilität dazu übergehen werden, Preisaufschläge vorzunehmen.
Alles weist darauf hin, dass die Mehrkosten von den schwächsten Vertragspartnern
in der Angebotskette getragen werden müssen. Das sind zweifellos
die Landwirte und Viehzüchter, nicht die Händler.
In der Viehzucht wird das Folgen haben: Futtermittel sind hier ein bedeutender
Kostenfaktor. Bei Schweine- und Hühnerfleisch machen sie 70 - 90
Prozent der variablen Produktionskosten aus. Viehzüchter müssen
außerdem mit relativ kleinen Gewinnmargen kalkulieren. Am Ende kann
man sich schwerlich vorstellen, dass der Endverbraucher die relativen
Mehrkosten, die sich aus dem Verzicht der Biotechnologien ergeben, bezahlen
wird.
Die Folge solcher Entwicklungen wäre eine schwindende Gewinnmarge
in der Viehwirtschaft. Sollte sich dieser Trend festigen, würde er
sich negativ auf die Gewinnspannen der Schlachtbetriebe und der Fleisch
verarbeitenden Unternehmen, der Eier-Hersteller, Schweine- und Hühnerzüchter,
Milcherzeuger und Futtermittelhersteller auswirken. Da diese Sektoren
bereits heute mit sehr kleinen Gewinnspannen arbeiten, würden viele
von ihnen in die Verlustzone getrieben - es sei denn, die Produkte würden
verteuert. Im Endeffekt hätte das zur Folge, dass das Produktionsniveau
im Bereich der Viehwirtschaft in Regionen der EU sinkt und Händler
verstärkt auf Importe zurückgreifen müssten.
Diese durchaus reale Gefährdung wichtiger Produktionsbereiche in
der EU kann zu geringeren Einkommen und Beschäftigungszahlen in der
Viehwirtschaft und verwandten Industrien führen. Hinzukommen kann
die Verlegung von Arbeitsplätzen in jene Drittländer, die den
Rückgang der EU-Produktion kompensieren.
Dieses denkbare Szenario erhielte eine besondere Zuspitzung, würden
Viehzuchtprodukte (z.B. Fleisch oder Wurst), die aus Ländern außerhalb
der EU stammen, anders behandelt als europäische Waren. Denn selbst
wenn EU-Händler bei Viehzüchtern und Futtermittelherstellern
innerhalb der EU auf gentechnikfreie Futtermitteln bestehen, so werden
sie doch auch Waren kaufen und verkaufen, die von Tieren stammen, die
mit GVO-Produkten gefüttert wurden.5 Für Anbieter aus Drittländern,
die die preisgünstigsten GV-Futtermittel verwenden, könnten
hierdurch weitere Marktvorteile innerhalb der EU auf Kosten europäischer
Anbieter entstehen. Unterm Strich zeigt sich, dass die technologieskeptische
Haltung der EU-Händler dazu beiträgt, Arbeitsplätze im
Bereich der Viehwirtschaft und verwandter Industrien aus der EU zu exportieren.
Exportsituation
Erfolgreicher
Handel mit Agrarprodukten und Nahrungsmitteln auf dem Weltmarkt hängt
entscheidend von einer wettbewerbsfähigen Preisgestaltung ab. Deshalb
ist der Zugang zu preisgünstigen Rohstoffen ein Schlüsselfaktor
für den Export. Der Sojamarkt zeigt hier erneut die Probleme, mit
denen die EU konfrontiert ist. Innerhalb der EU ist die Viehzucht der
Bereich mit dem höchsten Verbrauch von Sojabohnen und Sojamehl. Sojamehl
ist der proteinreichste Bestandteil im Tierfutter. In Ländern, in
denen die Tierzucht hochentwickelt und exportorientiert ist (in der EU
z.B. in Frankreich, Irland, den Niederlanden und Dänemark), hängt
die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt entscheidend vom Zugang
zu niedrigpreisigem Sojamehl ab. Da Sojamehl aus herbizidtoleranten GV-Sojabohnen
billiger zu produzieren ist als Vergleichsprodukte aus herkömmlichen
Sorten, setzte sich das Gentechnikprodukt seit 1996 auf dem Weltmarkt
mehr und mehr durch. Das wird auch in Zukunft so bleiben, es sei denn,
der internationale Markt für Tierprodukte würde einheitlich
dazu übergehen, gentechnikfreie Erzeugnisse zu bevorzugen.
Etwa ein Viertel des Sojamehls im Tierfutter der EU stammte 2001 von konventionellen
Pflanzen. Eine wachsende Zahl von Verarbeitern und Händlern legt
nun aber Wert darauf, dass tierische Produkte ohne den Einsatz von GV-Futtermitteln
angeboten werden. Dies zwingt viele EU-Viehzüchter, die den heimischen
Markt beliefern, dazu, das wenig wettbewerbsfreundliche gentechnikfreie
Futter einzukaufen.6 Werden dann im Anschluss Fleischwaren von Tieren,
die mit konventionellem Futter gezüchtet wurden, außerhalb
der EU exportiert, so mindert das auch die Wettbewerbsfähigkeit in
Märkten, in denen sich Verbraucher eher gleichgültig zeigen
hinsichtlich des Einsatzes von GV-Futtermitteln. Für Exporteure gibt
es angesichts dieser möglichen Marktbedingungen nur folgende Alternativen:
·
Die Konzentration des Exports auf Märkte, in denen die Nachfrage
nach Tierprodukten aus Züchtungen mit gentechnikfreiem Futter besonders
stark und wo die Bereitschaft vorhanden ist, dafür höhere Preise
zu zahlen. Solche Märkte sind allerdings nur Teilbereiche des Weltmarktes.
Sie bieten keinerlei Garantien, dass die relativ höheren Kosten für
gentechnikfreie Futterbestandteile durch Subventionen aufgefangen werden.
· Der Ankauf von preisgünstigem GV-Sojamehl zur Verfütterung
an Tiere, die nur für den Export bestimmt sind. Das jedoch würde
einschneidende Änderungen in den Produktionsabläufen sowie in
der Anbieterkette erfordern, um den Innen- und Außenhandel strikt
auseinander zu halten. Zusatzkosten und reduzierte Export-Wettbewerbsfähigkeit
wären unvermeidlich.
Die
ablehnende Haltung gegenüber Produkten der Grünen Gentechnik
zeigt sich auch auf der Zulassungsebene sowie im Hinblick auf die Präferenzen
der Verbraucher.7 Unter wirtschaftlichen Aspekten schadet das der EU.
Die Schaffung von Einkommen und Arbeitsplätzen durch die Biotech-Industrie
wäre sicherlich deutlicher, als es derzeit der Fall ist, hätte
die EU rechtzeitig günstigere Rahmenbedingungen für die Biotechnologie
geschaffen. Die Kluft zwischen der EU und dem Weltmarkt kann in den nächsten
Jahren wachsen. Die bedeutenden Agrar-, Nahrungsmittel- und Getränke-Sektoren
innerhalb der EU haben mit deutlichen Einbußen ihrer internationalen
Wettbewerbsfähigkeit zu rechnen, sollten die derzeitigen Zugriffsbarrieren
auf neueste Biotechnologien und niedrigpreisige Rohmaterialien nicht in
absehbarer Zeit überwunden werden.
Fußnoten:
1 Aller Voraussicht nach wird das auch schwerwiegende Folgen für
die Umwelt haben, etwa die Einschränkung der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln.
Darauf einzugehen, würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen.
Siehe hierzu G. Brookes: "GM crop market dynamics: the case of soybeans",
2001
2 Hierzu ist anzumerken, dass die Arbeitsplatzzahlen sich auf alle
Bereiche der Biotechnologie beziehen. Der pflanzenbiologische Sektor ist
nur ein kleiner Teil des Gesamtbereiches.
3 Hier spielt ein recht greifbarer Faktor mit, nämlich der,
ob ein Land oder eine Region Wissenschaftszentren hat - Forschungszentren
und unterstützende Infrastruktur, etwa speziell ausgebildete Fachkräfte
etc., die alle Bereiche der F&E bedienen, von der Entwicklung bis
zur Marktreife (etwa Saatgutentwicklung).
4 Vgl. G. Brookes G.: "GM crop market dynamics: the case of
soybeans", 2001.
5 Es ist auch möglich, dass selbst dann, wenn die Produzenten
innerhalb der EU und in Drittländern denselben Bedingungen unterworfen
werden, die Durchsetzung von Anforderungen an Futtermittelbestandteile
(wenn es nicht möglich ist, das Endprodukt zu testen) in einigen
Drittländern wahrscheinlich sehr viel schwieriger sein wird als bei
heimischen Lieferanten.
6 Der Wettbewerbsnachteil für "gentechnikfreies"
Mehl ergibt sich aus dem Preisunterschied zu Produkten, bei denen die
Gentechnik zum Einsatz kommt. Alles spricht dafür, dass sich dieser
Unterschied im kommenden Jahr vergrößern wird.
7 Sie zeigt sich bei vielen Politikern, der Anti-Gentech-Lobby,
im Nahrungsmitteleinzelhandel und bei einigen großen Lebensmittelherstellern.
Bis dato gibt es aber keine unabhängige Untersuchung zum tatsächlichen
Ausmaß der Nachfrage nach oder der Präferenz von gentechnikfreien
Nahrungsmitteln im Verbraucherbereich. Dies würde voraussetzen, dass
Händler dem Verbraucher gleichzeitig die Wahl zwischen GVO- bzw.
GVO-freien Produkten bieten, und das zu Preisen, die sich an den wahren
Herstellungskosten orientieren.
Aus dem Englischen übersetzt von Vera Pagin (Textbüro Reul,
Frankfurt/Main, www.textbuero-reul.de).
Graham Brookes ist Agrarwirtschaftler und Manager des Beratungsagentur
Brookes West in Canterbury, England. Sein Artikel basiert auf einem Vortrag,
den er am 7. März 2002 auf einem Symposion der Ungarischen Akademie
der Wissenschaften hielt. Kontakt mit dem Autor: graham.brookes@btinternet.com.
LITERATURTIPPS
P. Barfoot
/ G. Brookes: "Soybeans & derivatives: global market dynamics
2001-2010 and the impact of GM technology", PG Economics, Dorchester
(UK), 2001.
G. Brookes: "Current and future GM crop market dynamics: the case
of soybeans", Canterbury (UK), November 2001.
Ders.: "GM and non GM ingredient market dynamics and implications
for the EU feed industry", 6. Internationale Futtermittel-Konferenz,
Piacenza (Italien), November 2000.
Ders.: "The EU animal feed sector: protein ingredient use and implications
on the ban on the use of meat and bonemeal", Canterbury (UK) 2001.
P. Barfoot / G. Brookes / A. Buckwell: Economics of Identity Preservation
for Genetically Modified Crops, Kommunikationsinitiative Biotechnologie
in Nahrungsmitteln, Brüssel (Belgien).
Ernst & Young: 8rdAnnual Life Sciences Review, 2001.
Europäische Kommission: "Agrikultur in der Europäischen
Union: Statistische und ökonomische Daten 2000", 2001.
C. James: "Global Review of Commercialised Transgenic Crops 2000",
in: ISAAA, Band 23, Cornell (USA) 2001 (www.isaaa.org)..
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