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Der kanadische Landwirt Percy Schmeiser tourt als neue Galionsfigur der Gentech-Gegner um den Globus. Von Thomas Deichmann.
Schmeiser
sah sich weiteren Schikanen ausgesetzt. So wurde er eigenen Angaben zufolge
eine Zeit lang von den von Monsanto angeheuerten Detektiven beschattet,
mit dem Ziel, ihn einzuschüchtern. Von einer außergerichtlichen
Einigung mit Monsanto wollte er nichts wissen. Der Kampf David gegen Goliath
landete schließlich vor Gericht. Monsanto klagte wegen Patentverletzung
und forderte Schadensersatz, Strafe sowie die Übernahme der Verfahrenskosten
- summa summarum ein satter Betrag von umgerechnet rund 300.000 Euro,
der die Existenz des Landwirts bedrohte. Schmeiser bereitete seinerseits
eine Gegenklage wegen Umweltkontamination, Saatgutzerstörung und
Rufmord vor. Der vorgefundene Reinheitsgrad der transgenen Canolapflanzen auf Schmeisers Acker legt nahe, dass 1997 das Herbizid Roundup in einem von seinen Rapsbeständen zum Einsatz gekommen war. Denkbar ist, dass sich dieser Bestand aus einem Rapspflanzengemisch aus herbizidtoleranten und konventionellen Pflanzen zusammensetzte und dass die Herbizitoleranzen in der Tat durch Pollenflug oder Verwehungen von Transportfahrzeugenden den Weg auf Schmeisers Acker gefunden hatten. In diesem Stadium kam wahrscheinlich das Pflanzenschutzmittel Roundup zum Einsatz. Es ließ nur solche Rapspflanzen überleben, die über die gentechnisch erzeugte Widerstandsfähigkeit gegen seinen Wirkstoff Glyphosat verfügten. Zu diesem Zeitpunkt hätte Schmeiser eigentlich Monsanto informieren und auffordern sollen, die transgenen Pflanzen von seinem Acker zu entfernen. Stattdessen hatte er von diesen Pflanzen allem Anschein nach Saatgut für die nächste Aussaat zurückgehalten. Demzufolge bestanden Teile der nächsten Ernte nahezu ausschließlich von den ausgelesenen RoundupReady-Pflanzen. So jedenfalls ließe sich der hohe Reinheitsgrad in Pflanzen der 1998er-Ernte erklären, ein anderes Szenario ist schwerlich vorstellbar. Diese Ansicht teilen nicht nur zahlreiche Landwirte und Agrarexperten. Das schlußfolgerte auch der Richter. Bei der Verlesung des Urteils sagte er: "Ich habe befunden, dass er [Schmeiser 1998] Saatgut aufbrachte, das er von Pflanzen des Bestandes 1997 aufgehoben hatte, von denen er wußte oder hätte wissen müssen, dass sie gegen Roundup tolerant sind." Beide
Parteien legten Berufung gegen das Urteil ein. Schmeiser monierte in seiner
Begründung u.a., die bestellten Expertisen seien unzulänglich
und die Gutachter parteiisch gewesen. Von ihm bestellte Gutachter hatten
geringere Vermischungsgrade analysiert. Zudem kritisierte er Verfahrensfehler
bei der gerichtlich verordneten Einsammlung von Pflanzenproben, die er
zu verhindern versucht hatte. Am 15. und 16. Mai 2002 sollten die Berufungsanträge
vor dem Bundesgericht Ottawa verlesen werden. Das richterliche Urteil
darüber lag bei Redaktionsschluß noch nicht vor. Das Urteil von März 2001 rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Zahlreiche Landwirte waren empört. Es gab auch andere Stimmen. Dale Adolph, Präsident des Kanadischen Canola-Verbandes (Canola Council of Canada), erklärte gegenüber der Presse, viele Canola-Produzenten hätten Schmeisers Niederlage im März 2001 erwartet: "Viele Leute hatten das Gefühl, dass seine Geschichte zu unglaubwürdig war" (The Western Producer, 5.4.01). In der kanadischen Zeitung Globe&Mail war sogar zu lesen, dass Landwirte, die die Roundup-Technologie nutzten, Schmeisers Behauptung, die transgenen Pflanzen hätten sich wie ein "Lauffeuer" über seinen Feldern ausgebreitet, als geradezu "lächerlich" empfanden. Die
Kontroverse zwischen Landwirt und Saatguthersteller hat brisante Fragen
aufgeworfen, z.B. die, wie Lizenzverträge oder Patentanmeldungen
bei den modernen Pflanzentechnologien vernünftig geregelt werden
können. Der RoundupReady-Raps markierte in der Tat eine Zäsur.
Er zählte zu den ersten kommerziell genutzten Erfindungen der Grünen
Gentechnik. Monsanto hat Millionen in seine Entwicklung investiert. Über
die Lizenzgebühren beansprucht das Unternehmen, die getätigten
Investitionen zu amortisieren und darüber hinaus Gewinne einzufahren.
Das exklusive Vermarktungsrecht läuft im Februar 2010 aus, dann steht
die Technologienutzung auch anderen Unternehmen offen. Die sachliche Erörterung solcher Fragestellungen scheint bei der Diskussion um die Monsanto-Schmeiser-Kontroverse in Europa bislang leider nebensächlich. Während Schmeiser in Kanada nach dem Bekanntwerden der Gutachten an Ansehen verlor, gilt er hier einzig als Leidtragender der Politik von Monsanto. Dafür sorgen vor allem oben genannte Organisationen, denen es um die Verhinderung der Gentechnologie geht. Sie lancieren immerfort neue Kampagnen, um die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen.2 Seit einigen Monaten lassen sie auch Schmeiser um den Globus reisen. Sie bringen ihn auf Podien und lassen ihn seine Geschichte erzählen. In den letzten Wochen und Monaten besuchte er u.a. Indien, Bangladesh, Thailand, Australien, Südafrika, Brasilien und weitere Länder Südamerikas. Kürzlich weilte er in Österreich. Vor seinem Europa-Besuch wurde Schmeiser auch Thema in den deutschen Medien. Das Nachrichtenmagazin Focus nahm im Artikel "Gegenwind für Biopiraten" (Nr.12/2002) den kanadischen Bauern als Aufhänger, um die Skepsis des Autoren gegenüber Großkonzernen und deren Patentpolitik zum Ausdruck zu bringen. Zuvor setzte der TV-Beitrag "Tote Ernte" von Kai Krüger und Bertram Verhaag ein eigentümliches Denkmal in Sachen fragwürdiger Kampagnenjournalismus. Der Film wurde erstmals am 26. November 2001 im Regionalprogramm des WDR ausgestrahlt. Im Vormonat war er schon auf dem Umwelt-Film-Festival Ökomedia mit dem "Goldenen Luchs" ausgezeichnet worden. Danach wurde er auf Tagungen von Umweltgruppen und dergleichen Veranstaltungen vorgeführt - bis Monsanto vor einigen Wochen wegen falscher Tatsachenbehauptungen beim WDR intervenierte. Die Redaktion zog daraufhin den Film vorübergehend aus dem Verkehr, um einige Passagen darin ändern zu lassen. Zuletzt musste im April eine Filmvorführung, organisiert vom Umweltamt Wiesbaden, verschoben werden. Bei der Produktion von "Tote Ernte" ging es den Autoren Krüger und Verhaag allem Anschein nach nicht um eine ausgewogene Dokumentation der kontroversen Schmeiser-Geschichte. Angetrieben wurden sie wohl eher vom Bestreben, ihr persönliches Weltbild, in dem moderne Biowissenschaften offenbar sehr negativ besetzt sind, in die deutschen Wohnzimmer zu transportieren. Unaufhörlich prasselt aus der vom WDR3 ausgestrahlten Originalfassung "Tote Ernte" eine Mischung aus verbrämtem Ökoglauben, Unwahrheiten und haltlosen Spekulationen auf seine Betrachter nieder. RoundupReady-Raps, der sich wegen seiner vorteilhaften Eigenschaften für Landwirte und Umwelt weltweit wachsender Beliebtheit erfreut, wird gleich zu Beginn und unmißverständlich als "richtiger Frankenstein" verteufelt. Begriffe wie "verseucht" und "genmanipuliert" ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film und lassen beim unwissenden Zuschauer keinen Zweifel daran aufkommen, dass Monsanto mit "mafiosen" Methoden "nicht nur die gesamte Welternährung, sondern zugleich auch jeden einzelnen Verbraucher in Geiselhaft" nehmen will (Begründung zur Preisverleihung Ökomedia 2001). Der vermeintliche "Seuchencharakter" des RoundupReady-Raps wird in der zweiten Minute des Films mit folgendem Statement untermauert: "Die Farmer werden ihn nicht mehr los." So wird der Eindruck erweckt, als breiteten sich die transgenen Pflanzen wie eine Pest auf kanadischen Äckern aus. Das ist unwahr. In Wirklichkeit sind in Kanada derzeit mehr als 20 Herbizide zugelassen, die den RoundupReady-Canola (wie auch seit jeher konventionellen Raps) bei Bedarf eingehen lassen. Die Monsanto-Pflanzen sind lediglich resistent gegen das hauseigene Unkrautgift Roundup. Diese Technologie hat Monsanto dicke Profite beschert. Sie erlaubt auch ein effektiveres und umweltverträglicheres Agrarmanagement. Dem entgegen wird in "Tote Ernte" suggeriert, dass Landwirte wegen der Gentechnik mehr statt weniger Unkrautgifte zum Einsatz brächten und dass ihre Geldbörsen, ihre eigene Gesundheit und vor allem die Natur darunter zu leiden hätten. Typisch ist in diesem Zusammenhang die Verlautbarung der These, eine schwedische Studie habe den Verdacht "erhärtet", dass der Wirkstoff Glyphosat im Roundup-Herbizid "Lymphknotenkrebs verursacht". Der auf dieser Aussage basierenden Studie lag jedoch gar kein Verdacht, bzw. bestenfalls der Verdacht der Filmautoren zugrunde, der hätte "erhärtet" werden können. Sie wurde wegen ihrer fragwürdigen Methodik außerdem von führenden Wissenschaftlern als unzulänglich kritisiert. Schließlich wurde auch von unabhängigen Forschungsanstalten auf EU-Ebene (darunter die Biologische Bundesanstalt in Braunschweig) die Vermutung der Krebsgefahr durch Glyphosat zurückgewiesen. Von all dem ist in "Tote Ernte" keine Rede. Ähnlich verhält es sich in dem Film mit dem beiläufigen Hinweis auf einen Gentech-Skandal in den USA. Im September 2000 wurden Spuren des mit gentechnisch erzeugter Insektenresistenz ausgestatteten Starlink-Maises von Aventis, der nur als Futtermittel zugelassen worden war, in Nahrungsmitteln entdeckt. Etliche Lebensmittelprodukte wurden vorsichtshalber aus dem Verkehr gezogen. In der Ursprungsfassung der "Toten Ernte" wird behauptet, der "genmanipulierte Mais" sei zurückgerufen worden, "weil er beim Menschen Allergien auslöst". Auch das ist nicht richtig. Umfangreiche Untersuchungen der US-Behörden sind zum eindeutigen Ergebnis gekommen, dass der Verdacht, Starlink-Mais könne Allergien auslösen, unberechtigt ist. Keine Menschenseele hätte von einem versehentlichen Verzehr des Maises Schaden tragen können.3 Aber wissenschaftlich fundierte Aussagen wie diese werden von Krüger und Verhaag pauschal als "gängiges Argument der Industrie" abgetan. Journalistische Skepsis gegenüber Großkonzernen ist sicher keine schlechte Sache. Die Behauptung in "Tote Ernte", gesundheitliche Schäden würden von den Konzernen einfach "geleugnet", scheint allerdings etwas weltfremd. Sie suggeriert nämlich, dass Monsanto und Aventis für ihre Geschäfte auch in Kauf nehmen würden, die Menschheit zu vergiften. In dieser Manier präsentiert der 43-minütige Streifen eine Hammerbotschaft nach der anderen. Beim Betrachter wird dadurch das Interesse an und das Vertrauen in Fortschritt bei den modernen Pflanzenwissenschaften nachhaltig gestört. Über das Gerichtsverfahren Schmeiser gegen Monsanto erfährt er nicht viel mehr, als dass es mit einem "skandalösen Urteil" beendet worden sei. So wird schließlich auch der Richter unter indirekten Verdacht gestellt, an einem konspirativen Netzwerk des Chemiemultis mitzuwirken. Bertram Verhaag arbeitet nach eigenen Angaben mit seiner Produktionsfirma DENKmal an einer neuen mehrteiligen Serie zur gleichen Thematik. Das sagte er im persönlichen Gespräch im Rahmen einer Fachtagung zur Grünen Gentechnik im letzten April in Bad Neuenahr. Dabei machte er keinen Hehl aus seiner Sympathie für die (nach Ansicht des Autors dieser Zeilen absurden) Thesen der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner.4 Vor diesem Hintergrund sollte DENKmal vielleicht besser die Finger von zeitgemäßen Wissenschaftsthemen lassen oder die Betrachter zukünftiger Streifen zumindest wissen lassen, wo sie sich ideologisch zu Hause fühlen. Aus Sicht der so gerne zitierten Verbraucher, um deren vermeintlichen Schutz es auch in "Tote Ernte" geht, wäre das mit Sicherheit ein gewaltiger Fortschritt.
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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