Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Mick Hume:
Ground Zero: Wenn Sterben ausreicht, um ein
Held zu werden
Brendan O'Neill:
Mehr Sex durch Terror und Angst?
[Heft S.12]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Piers Benn:
Junge oder Mädchen?
[Heft S.16]
Howard Fienberg:
Wasserklumpen sollen Homöopathie erklären
[Heft S.18]
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
"Schutzmittel für Bio-Salat stammt aus der Anthrax-Familie"
[Heft S.20]
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Gravierend wie ein Sandkorn in der Sahara
[Heft S.22]
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Droht Mexiko eine genetische Invasion?
[Heft S.26]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Trotz des Terrors ergebnislos: die Biowaffenkonvention
[Heft S.28]
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Biokriege sind keine Fiktion
[Heft S.30]
WIRTSCHAFT
Alexander Ewald:
Lohnssubventionen: Gift für Arbeitnehmer und Wirtschaft
[Heft S.33]
Phil Mullan:
Die "herbeigefürchtete" Rezession
[Heft S.34]
WELTGESCHEHEN
Jon Holbrook:
Das multi-ethnische Experiment im Kosovo
[Heft S.36]
ELTERNPARANOIA
Jennifer Cunnigham:
Spielt draußen!
[Heft S.38]
Interview mit Frank Furedi:
"Kinder überzubehüten kann ihrer
Gesundheit schaden"
Auszug aus Frank Furedis Die Elternparanoia:
Kinder brauchen mutige Eltern
[Heft S.44]
MEDIEN &
KULTUR
Sabine Rothemann:
Die Transparenz des Undurchsichtigen
[Heft S.48]
RUBRIKEN
BÜCHER
[Heft S.6]
STICHWORT
Wahlen 2002
von Sabine Reul
[Heft S.9]
EINSPRUCH
Mögen Embryonen sterben
von Thilo Spahl
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.19]
OBACHT
Der Stoff, aus dem der Euro ist
von Oliver Rautenberg
[Heft S.32]
SCHWERHÖRIBERT
X wie Xtremisten und X-Akten
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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"Kinder überzubehüten kann ihrer Gesundheit schaden"
Frank Furedi im Gespräch über sein neues Buch Die
Elternparanoia.
In Ihrem Buch kritisieren Sie die moderne "Erzieherindustrie",
die sich in Familien breit macht. Der Buchtitel Die Elternparanoia kann
auch so verstanden werden, dass Sie paranoide Eltern als Problem betrachten.
Ist das so?
Frank Furedi: Nein, mein Buch dreht sich nicht um paranoide Eltern.
Es handelt von einer Kultur, die Eltern dazu zwingt, ständig überzureagieren
und ihr eigenes Leben nur noch am vermeintlichen Wohl ihrer Sprösslinge
auszutarieren. Ein wesentlicher Aspekt dieser Kultur ist die Sorge, die
eigenen Kinder seien permanent in Gefahr. Im Schatten dieser Ängste
ist eine ganze Armee von Experten herangewachsen, deren Aufgabe zu sein
scheint, Eltern schlaflose Nächte zu bescheren. Ständig erinnern
sie uns daran, wie hilf- und wehrlos Kinder sind. Dabei sollten wir uns
lieber ins Gedächtnis rufen, wie widerstands- und anpassungsfähig
Kinder sind und wie gut sie auch schmerzhafte Erlebnisse wegstecken können.
Kinder erlitten schon immer kleinere und größere Unfälle.
So wird es auch bleiben. Die Kleinen müssen lernen, Risiken einzuschätzen
und selbstständige Entscheidungen zu treffen. Wenn Eltern versuchen,
ihrem Nachwuchs immer und überall eine risikofreie Umgebung zu bieten,
wird es gefährlich. Kinder permanent zu beaufsichtigen, sie überzubehüten,
kann ihrer Gesundheit schaden. Unter dieser Kultur der Sicherheitsparanoia
leidet heute wahrscheinlich die Entwicklung der kindlichen Potenziale
am meisten.
Was
verstehen Sie unter "kindlichem Potenzial" - dass Kinder tapfer
sind und nach einem Sturz nicht mehr weinen?
Frank Furedi: Darum geht es nicht. Kinder haben zum Beispiel das
Potenzial, ihre eigene Vorstellungskraft und ihr Selbstgefühl zu
entwickeln, indem sie ungestört mit Gleichaltrigen interagieren.
Sie haben auch das Potenzial, ein gesundes Maß an Selbstzufriedenheit
und Unabhängigkeit zu entwickeln. Solche Fähigkeiten sind sehr
wichtig, um die vielfältigen Herausforderungen des Lebens meistern
zu können. Diese Entwicklungsmöglichkeiten werden eingeschränkt,
wenn Eltern ständig mit Argusaugen über ihre Kinder wachen.
In
ganz Europa fokussieren elterliche Ängste seit einigen Jahren auf
das Thema Kindesmissbrauch. Ist das in Ihren Augen auch eine Überreaktion?
Frank Furedi: Verantwortungsvolle Eltern werden sich immer darum
bemühen, ihre Kinder vor Leid und Schmerz zu bewahren. Das ist gut
und richtig. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen verantwortungsvollem
und obsessivem Handeln. Wenn es so weit geht, dass Eltern permanent das
Gefühl haben, fremde Erwachsene seien per se eine Bedrohung für
ihre Kinder, dann haben wir es nicht mit Verantwortungsempfinden, sondern
mit Paranoia zu tun. Eine solche Kultur der Angst und des Misstrauens
ist in England bereits verankert. Und soweit ich es beobachten kann, deutet
die Entwicklung auf dem europäischen Kontinent in die gleiche Richtung.
Es ist paradox: Das Bild des Straftäters, der sich an Kindern vergreift,
wird immer mehr zur gesellschaftlichen Norm in Europa. Wenn wir anfangen,
in jedem Erwachsenen einen potenziellen Kinderschänder zu sehen,
dann betrachten wir die Welt letztlich mit den Augen eines Pädophilen.
Wie
hat sich die elterliche Kindererziehung in dieser Kultur der Angst verändert?
Frank Furedi: Zunächst einmal müssen wir sehen, dass
es sich um ein neues Phänomen dreht. Darin kommt ein grundlegend
verändertes Verständnis von Kindererziehung zum Ausdruck. Früher
sprach man von einer guten Erziehung, wenn Eltern ihren Nachwuchs gesund
ernährten, wenn sie sich darum bemühten, Kinder in ihrer motorischen
oder geistigen Entwicklung anzuregen und sie zu fördern und wenn
sie dafür sorgten, dass sie mit ihrer Umwelt gut zu Rande kamen -
dass sie also sozialisiert wurden. Heute bedeutet "gute Erziehung"
vor allem, die verschiedensten Aktivitäten von Kindern zu überwachen.
Das geht so weit, dass in Kindergärten Videokameras installiert werden,
um Eltern jederzeit zu ermöglichen, den eigenen Nachwuchs zu beobachten.
Die Erziehungsexperten, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden
geschossen sind, raten Eltern unaufhörlich, immer und überall
wachsam zu sein. Mütter, die ihre Kinder heute ohne Aufsicht "auf
die Straße" oder auf den Spielplatz schicken oder ihnen gestatten,
allein zur Schule zu gehen - so wie es früher Usus war - ernten heute
nicht selten schräge Blicke.
Glauben
Sie nicht, dass Kindererziehung schwieriger geworden ist und dass wir
deshalb heute auch mehr Rat von Experten benötigen?
Frank Furedi: Ich möchte gar nicht abstreiten, dass die Kindererziehung
wahrscheinlich komplizierter geworden ist. Aber man kann nicht von Beratern
oder aus Büchern lernen, wie man Kinder großzieht. Diese Fähigkeit
entwickeln wir nur durch die eigenverantwortliche Interaktion mit unserem
Nachwuchs. Gewisse Dinge kann man nachlesen oder von den eigenen Eltern,
Geschwistern oder Freunden erfragen: Auf was sollte ich bei der Körperpflege
achten? Was kann ich tun, wenn das Kind Bauchweh hat? Aber das richtige
Händchen für das Großziehen der Kinder kann man nicht
per Nachhilfe lehren. Die Beraterindustrie, die bei jedem Wehwehchen sofort
zur Stelle ist und auch jede neue Bewegung des Kindes zu interpretieren
weiß, macht das Großziehen von Kindern viel komplizierter.
Die zahllosen Ratgeber offerieren keine Lösungen, sie sind Teil des
Problems.
Das
scheint mit der Wirklichkeit nicht in Einklang zu stehen. Es sind Eltern,
die den Rat von Experten suchen, nicht umgekehrt Experten, die sich ihnen
aufdrängen.
Frank Furedi: Sicher, viele Paare holen sich fachmännischen
Rat ein. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber es wäre falsch zu glauben,
die Erziehungsexperten seien nur passive Beobachter, die auf einen Anruf
warten. Sie und entsprechende Institutionen sind sehr aktiv daran beteiligt,
eine Angstkultur unter Eltern zu verbreiten. Seit Jahren gibt es Anzeigenkampagnen
und Plakataktionen, mit denen Eltern ständig ermahnt werden, ihren
Nachwuchs nicht aus dem Auge zu lassen und auf blaue Flecken zu achten
oder einfach mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Es gibt unzählige
Ratgeber, in denen Eltern mit immer neuen Problemen bombardiert werden
und in denen sie Kapitel für Kapitel Ratschläge zur "richtigen"
Kindererziehung mit auf den Weg bekommen. Mittlerweile wird auch von politischer
Seite zum Teil erheblicher Druck auf Eltern ausgeübt, bei familiären
Fragen unbedingt fachmännische Beratung in Anspruch zu nehmen.
Es gibt also eine dynamische Wechselwirkung zwischen dem Beraterangebot
und der Nachfrage von Seiten der Eltern. Im Endeffekt bleibt aber das
Selbstbewusstsein von Müttern und Vätern auf der Strecke, weil
ihnen Kindererziehung permanent als Risikovermeidung verkauft wird. Viele
sind zutiefst verunsichert und zweifeln an ihrer Fähigkeit, für
den eigenen Nachwuchs gut zu sorgen. Einige, die ich durch den Kindergarten
und die Schule meines eigenen Sohnes kennen lernte, sind immer von Selbstzweifeln
geplagt und fragen sich, ob sie alles richtig gemacht haben. Sie sind
in meinen Augen paranoid. An dieser Stelle benutze ich bewusst den Begriff
paranoid - im Gegensatz zu fürsorglich oder ängstlich. Es gibt
nämlich einen bedeutenden Unterschied zwischen den alltäglichen
Sorgen um den eigenen Nachwuchs - Gefühle, die seit jeher zum Elterndasein
gehören - und de Überreaktionen und Verunsicherungen vieler
Paare. Kinder können heute, zumindest in unseren Breitengraden, in
einer Welt aufwachsen, die für sie so sicher ist wie nie zuvor. Dennoch
zerbrechen sich die Erwachsenen unentwegt den Kopf nicht nur wegen zwei
oder drei Problemen, die es zu meistern gilt. Sie martern sich ständig
wegen etlicher immer neuer Unsicherheitsfaktoren im Leben ihrer Kinder.
Und die modernen Erziehungsexperten sorgen ständig dafür, dass
all diese Unsicherheitsfaktoren nicht vergessen werden. Das führt
auch dazu, dass Eltern immer mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Einige
Pädagogen sprechen zu Recht von einem wachsenden Problem der Überbehütung.
Aber um es noch einmal anders zu formulieren: Das Wort Paranoia benutze
ich nicht zur Beschreibung eines psychologischen, sondern eines kulturellen
Zustands.
Sie
schreiben in Ihrem Buch, das Verhältnis zwischen Eltern und ihren
Kindern sei "qualitativer" Natur und könne unmöglich
durch Expertenrat ersetzt werden. Disqualifizieren Sie damit nicht die
Arbeit von Erziehern und Lehrern?
Frank Furedi: Das ist nicht meine Absicht. Erzieher und Lehrer
spielen eine sehr wichtige Rolle im Prozess des Heranwachsens. Es bleibt
zu hoffen, dass auch sie qualitative Beziehungen zu Kindern entwickeln
können, um auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen zu können.
Erzieher und Lehrer tragen zu bestimmten Aspekten der Kindentwicklung
bei. Aber der Tiefgang dieser Beziehungen ist begrenzt. Man kann sie nicht
mit den Bindungen in einer Familie gleichsetzen. Eltern tragen die volle
Verantwortung für alles, was mit dem Heranwachsen zu tun hat. Eine
gesunde Eltern-Kind-Beziehung ist sehr dynamisch, beide Seiten entwickeln
sich kontinuierlich.
Sie
kritisieren in Die Elternparanoia, dass Eltern ihrem Nachwuchs außergewöhnliche
Namen geben oder klassische Musik vorspielen. Sie behaupten, Eltern würden
damit ihre eigenen Probleme Kindern überstülpen. Ist das nicht
überzogen?
Frank Furedi: Mir geht es darum, Eltern ins Gedächtnis zu
rufen, dass sie heute mehr denn je ihre persönlichen Lebenseinstellungen
in die Welt der Kinder übertragen. Das Abspielen von gemächlicher
klassischer Musik in einer Welt, die von Erwachsenen als chaotisch empfunden
wird, oder die Wahl eines besonderen Namens, mit denen sie eine besondere
zeitgemäße Bedeutung verbinden, habe ich als Metaphern dafür
genutzt. Ich bin der Meinung, es ist besser, die Erlebenswelt von Kindern
von den Eindrücken, die uns Erwachsene im Alltag beschäftigen,
weitgehend abzuschirmen. Geschieht das nicht und werden Kinder stattdessen
mit Erwachsenenproblemen überfrachtet, können sie in ihrer Entwicklung
gehemmt werden. Pädagogen sprechen bereits von "kopflastigen"
Kleinkindern, die ständig über Dinge grübeln, die sie noch
gar nicht erfassen können: Umweltschutz- und Ernährungsfragen
zum Beispiel. Außerdem erleichtert die Distanz die Erziehung.
Was
ist Ihr Lösungsvorschlag zur Überwindung der gegenwärtigen
"Elternkrise"?
Frank Furedi: Mein Ziel ist es, Eltern dabei zu helfen, die gesellschaftlichen
Wurzeln ihrer Zweifel zu verstehen und ihr Vertrauen in die eigene Urteilskraft
zu stärken - auch wenn es bedeutet, den Rat von Experten, der oft
ganz anders lautet, abzuschlagen. Wer sich nur auf Experten verlässt,
verliert das Selbstvertrauen, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu
sein. Das Gefühl, wir alle bräuchten professionelle Hilfe beim
Großziehen von Kindern, wird durch die ständigen Expertentipps
immer mehr bestärkt. Zu guter Letzt verhalten sich Eltern selbst
wie Kinder, weil sie ihren Nachwuchs wie eine vom Aussterben bedrohte
Spezies behandeln.
Sollten
Eltern also einfach wieder mit ihrem Nachwuchs allein gelassen werden?
Frank Furedi: Natürlich nicht. Man kann von Eltern nicht verlangen,
dass sie sich rund um die Uhr um ihre Kleinen kümmern. Wenn die Kinderfürsorge
nur auf den Schultern der Eltern ruht, fühlen sie sich isoliert.
Sie können sich nicht mehr austauschen und schwerlich einschätzen,
ob ihre eigenen Instinkte richtig sind. Das kann auf die Dauer sehr belasten.
Die Ironie der Geschichte ist, dass sie gerade dann zum Sorgentelefon
greifen und um Rat fragen. Diese Isolation ist also ein Kern des Problems.
Die Verantwortung für das Großziehen von Kindern sollte deshalb
wieder mehr von allen Erwachsenen kollektiv wahrgenommen werden. Das ist
übrigens alles andere als eine neue Idee. In sämtlichen Kulturkreisen
haben sich seit Menschengedenken Eltern darauf verlassen, dass andere
Erwachsene - vor allem auch Fremde - zu Hilfe eilen, wenn die eigenen
Kinder in eine Notlage geraten. Das war und ist in einigen Kulturkreisen
noch heute die Norm, bei uns ist das längst nicht mehr so.
Das
Schwinden der Kooperation zwischen Erwachsenen bezeichnen Sie als den
Hauptgrund für die Dominanz der Angstkultur. Wie ist das zu verstehen?
Frank Furedi: Das bedeutet zunächst einmal, dass man nicht
Eltern dafür verantwortlich machen kann, wenn sie es als immer riskanteres
Unterfangen ansehen, Kinder großzuziehen. Daraus lässt sich
auch folgern, dass es viel zu kurz gegriffen ist, wenn man auf die Medien
als Hauptverantwortliche für die vorherrschende Angstkultur deutet.
Das Problem wird erst deutlich, wenn man den Zerfall der Erwachsenen-Solidarität
betrachtet. Erwachsensein heißt nicht nur, volljährig zu sein.
Vielmehr sollte dazu auch ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein
gegenüber Kindern zählen - dass man die Notwendigkeit sieht,
sich fürsorglich und vorbildhaft gegenüber nachkommenden Generationen
zu verhalten. Vielen Erwachsenen scheint dieses Bewusstsein verloren gegangen
zu sein. Sie bleiben nicht stehen, wenn sie Kinder in einer Konfliktsituation
sehen. Sie rügen Kinder auch dann nicht, wenn sie sich arg danebenbenehmen
- selbst ein harmloses "Das gehört sich aber nicht!" kommt
nicht über ihre Lippen. Sie zeigen auch wenig Interesse, Kinder zu
inspirieren, zu erziehen oder einmal spontan Eltern auszuhelfen - zum
Beispiel kurz nach den Kleinen zu schauen, während die Mutter oder
der Vater etwas erledigen muss. Diese Distanzierung hat schließlich
zur Folge, dass Eltern andere Erwachsene weniger als vertrauenswürdig,
sondern als potenziell suspekt und gefährlich empfinden. Das färbt
natürlich auch auf die Kinder ab. Hieraus erwachsen die Probleme,
mit denen ich mich in Die Elternparanoia auseinandersetze.
Ihr
Buch ist letztes Jahr in Großbritannien erschienen und hat dort
einen Pädagogenstreit ausgelöst. Welche Gegenargumente gab es?
Frank Furedi: Zu meiner Analyse haben sich Kritiker nicht geäußert.
Sie haben vom Inhalt her nicht viel mehr gesagt als "Was ist schlecht
daran, wenn Leute Bücher lesen und Experten um Rat fragen?"
- obwohl ich stattdessen moniere, dass Eltern im gegenwärtigen gesellschaftlichen
Klima kaum mehr eine Chance gelassen wird, sich auf die eigenen Instinkte
zu verlassen. Andere haben erwidert, ich sei ja selbst auch ein "Experte"
und sollte daher, meiner eigenen Logik folgend, besser ruhig sein. Wer
aber nicht den Unterschied begreift zwischen dem Versuch, ein Problem
zu erklären, und einem Ratgeberbuch für Eltern, der hat wohl
ein gravierendes konzeptionelles Problem. Mir scheint, als wollten einige
Leute mein Buch nicht verstehen. Ich möchte niemandem Ratschläge
geben. Vielmehr möchte ich entschlüsseln, warum heute viele
Eltern in einer bestimmten Art und Weise reagieren. Erst wenn das klar
ist, können wir etwas an unserem Verhalten ändern - jeder, wie
er es für richtig hält.
Wie
haben "normale Eltern" auf Die Elternparanoia reagiert?
Frank Furedi: Britische Eltern haben das Buch in der Regel sehr
positiv aufgenommen; auf die Reaktionen in Deutschland, Belgien und den
Niederlanden, wo das Buch jetzt auch erschienen ist, bin ich sehr gespannt.
Der bisherige Zuspruch liegt sicher auch daran, dass ich Eltern nicht
das Gefühl gebe, sie müssten sich um noch mehr Aspekte bei der
Kindererziehung Sorgen machen. Viele Eltern haben mir außerdem mitgeteilt,
ich hätte auf den Punkt gebracht, was sie insgeheim spürten.
Es scheint viele Mütter und Väter zu geben, die ahnen, dass
sie wegen der vermeintlichen Risiken, denen ihre Kinder ausgesetzt sind,
leicht überreagieren und ihren Nachwuchs deshalb zu sehr behüten.
Ich hoffe, mein Buch hilft dabei, sich das Familienleben wieder etwas
leichter zu machen.
Vielen
Dank für das Gespräch.
Prof. Frank Furedi, geboren 1947, lehrt Soziologie am Darwin College
an der Universität Kent in Canterbury. Er ist Autor mehrerer Bücher.
Sein erstes Werk in deutscher Übersetzung ist soeben unter dem Titel
Die Elternparanoia. Warum Kinder
mutige Eltern brauchen erschienen (Eichborn Verlag, Frankfurt/Main,
240 S. geb. m. SU, € 19,90; sFr 36,-). Es kann unter der Bücher-Rubrik
auf der Novo-Website bestellt werden. Das Gespräch führte
Thomas Deichmann. Furedi publiziert regelmäßig in Novo. Zuletzt
ist von ihm in N55/56 erschienen "Verbraucherschutz als Instrument
der Macht".
(In der Novo-Printausgabe präsentieren wir mit freundlicher Genehmigung
des Verlags und des Autors die Einführung zu Furedis Buch.).
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