Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Sabine Reul und
Thomas Deichmann:
Die Ursachen des Terrors liegen im Westen
Slavoj Zizek im Gespräch
mit Sabine Reul und
Thomas Deichmann:
Der Krieg und das fehlende ontologische Zentrum
der Politik
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Die Biotechnologie im Bann des Terrorismus
[Heft S.16]
ERNÄHRUNG
Eva Balzer und Matthias Heitmann:
Wenn Glaube und Politik Schokolade versalzen
[Heft S.18]
Frank Füredi:
Verbraucherschutz als Instrument der Macht
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Elitäres Essen als Anleitung zum Massenmord
[Heft S.24]
Beda Stadlers:
Gene im Suppentopf
[Heft S.27]
Josef Reichholf:
Fleischfressend der Zivilisation entgegen
[Heft S.28]
Udo Pollmer:
Die Fett-Saga
[Heft S.30]
Thilo Spahl:
Fäkalien-gedüngtes Biogemüse von Ratten bevorzugt
[Heft S.32]
Alex und Dennis Avery:
Hokuspokus um bildschaffendes Biogemüse
[Heft S.35]
Ulrike Gonder:
Functional Food: Die nutzlose Reise durch den Darm
[Heft S.36]
Jocelyne Reich-Soufflet im Gespräch mit Eva Balzer:
Diätmarathons machen nicht schlank
[Heft S.38]
Thilo Spahl:
Essen, was den Genen schmeckt
[Heft S.39]
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Noch nie hatte die Weltbevölkerung mehr zu essen als heute
[Heft S.40]
Dr. Channapatna S. Prakash:
Gentechnisch veränderte Lebensmittel -
ein Segen für Mensch und Natur
[Heft S.44]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Kenan Malik:
Der Mensch ist kein Tier
[Heft S.48]
Ulrike Schwemmer:
Der Fall Bayer: Durch eine Hexenjagd in die Knie gezwungen
[Heft S.50]
Ulrike Schwemmer:
Eine Allianz fürs Leben: Nabelschnurblut
[Heft S.52]
Carl Djerassi im Gespräch
mit Thomas Deichmann:
"Wir brauchen Verhütungsmittel-
Supermärkte"
[Heft S.55]
Carl Djerassis:
Pille, Sex und Fun
[Heft S.58]
Hans-Joachim Maes:
Sieben Millionen US-Dollar Einsparung pro überlebendem Säugling
[Heft S.62]
Dirk Maxeiner:
Kauft nicht beim Amerikaner
[Heft S.64]
Herbert Uhlen:
Bauen und hausen wie die Erdmännchen
[Heft S.68]
WELTGESCHEHEN
Kirk Leech:
Wenn der Westen "hilft" und nichts als Leiden bringt
[Heft S.71]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Stefan Chatrath:
Kinder per Mausklick auf den Fußballplatz locken
[Heft S.76]
Sabine Rothemann:
Die neue Alltagsreligion: die Welt des Coachings
[Heft S.78]
Bernd Herrmann:
Böse Marke, Menetekel
[Heft S.80]
RUBRIKEN
ZEITGEISTER
[Heft S.6]
BÜCHER
[Heft S.7]
STOP VIOLENCE
von Michael Najjar
[Heft S.42]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.54]
KÄSBLATT
Deutsche Leidkultur im Schatten des Terrors
von Sinasi Dikmen
[Heft S.77]
SCHWERHÖRIBERT
W wie Witzemachen für
den Weltfrieden
von Matthias Heitmann
[Heft S.82]
|
Der Krieg und das fehlende ontologische Zentrum der Politik
Sabine Reul und Thomas Deichmann im Gespräch mit dem Philosophen
Slavoj Zizek.
Ihre
beiden nun auch in Deutschland verlegten Bücher Die Tücke des
Subjekts und Die gnadenlose Liebe handeln von der Krise des Subjekts und
der Politik. Werfen die Ereignisse vom 11. September ein neues Licht auf
Ihre Diagnose?
Slavoj Zizek: In den letzten Wochen hören wir unentwegt, nichts
werde mehr so sein, wie es war. Ich frage mich, ob wirklich eine so fundamentale
Änderung stattfindet. Selbstverständlich gibt es eine Änderung
der Wahrnehmung und Darstellung. Aber ich glaube nicht, dass wir von einem
Bruch sprechen können. Bestehende Einstellungen und Ängste wurden
eher bestätigt, und was wir vorher durch die Medien über den
Terrorismus hörten, ist tatsächlich eingetreten.
In beiden Büchern beschäftige ich mich stark mit dem, was wir
als Digitalisierung oder Virtualisierung der Wirklichkeit bezeichnen.
Zwar haben 60 Prozent der Menschen auf dieser Erde noch nie ein Telefon
benutzt. Trotzdem leben etwa 30 Prozent von uns in einem digitalisierten
Universum, das künstlich konstruiert, manipuliert und nicht mehr
naturhaft oder traditionell ist. Man kann es ironisch fassen: In allen
Bereichen haben wir zunehmend das Ding ohne sein Wesen. Wir haben Bier
ohne Alkohol, Fleisch ohne Fett, Kaffee ohne Koffein - und sogar virtuellen
Sex ohne Sex. Nun haben wir auch die virtuelle Wirklichkeit - Realität
ohne Realität, oder eine gänzlich regulierte und dinghafte Wirklichkeit.
Aber die Sache hat eine Kehrseite: Ich sehe im gesamten 20. Jahrhundert
eine Gegentendenz, für die der Philosoph Alain Badiou eine gute Formel
gefunden hat: "La passion du réel" - die Passion des
Wirklichen. Das heißt, gerade weil das Universum, in dem wir leben,
ein Universum toter Konventionen ist, muss die einzig wirklich authentische
Erfahrung ein äußerst gewaltsames, erschütterndes Erlebnis
sein. Dann haben wir das Empfinden, wieder im wirklichen Leben angekommen
zu sein.
Ist
es das, was wir gerade erleben?
Slavoj Zizek: Ich denke, dies hat vielleicht das gesamte 20. Jahrhundert
definiert, das wirklich mit dem Ersten Weltkrieg begann. Wir alle erinnern
uns an die Kriegsberichte von Ernst Jünger, in denen er die Erfahrung
des direkten physischen Kampfes als authentisch zeichnete. Auf der Ebene
der Sexualität wäre meines Erachtens der archetypische Film
des 20. Jahrhunderts Oshima's "Reich der Sinne", wo es darum
geht, dass man in der sexuellen Begegnung wirklich radikal bis zum Ende
geht, wenn man sich praktisch zu Tode foltert. Damit die Begegnung authentisch
wird, muss sie extrem gewaltsam sein.
Emblematisch ist für mich in diesem Sinn auch eine andere Figur -
der so genannte "cutter", eine in den Vereinigten Staaten weit
verbreitete pathologische Erscheinung. Es sind meist Frauen, aber auch
Männer, etwa zwei Millionen, die sich mit Rasierklingen schneiden.
Das hat nichts mit Masochismus oder Selbstmord zu tun. Sie fühlen
sich einfach als Personen nicht real, und die Idee ist, nur durch den
Schmerz und wenn warmes Blut fließt, fühlt man sich wieder
als Teil des Lebens. Diese Spannung ist meines Erachtens der Hintergrund,
auf dem wir diesen Akt verorten müssen.
In
Die Tücke des Subjekts schreiben Sie, die Wirklichkeit oder
auch die Artikulation des Subjekts werde durch die gesellschaftliche Entwicklung
der letzten Jahrzehnte unterbunden.
Slavoj Zizek: Der Ausgangspunkt meines Buchs über das Subjekt
ist die Beobachtung, dass heute fast alle philosophischen Strömungen,
auch wenn sie noch so gegensätzlich scheinen, in einer gewissen grundsätzlich
anti-subjektivistischen Haltung übereinstimmen. Habermas und Derrida
zum Beispiel würden beide sagen, dass das Cartesianische Subjekt
dekonstruiert, oder, im Falle Habermas, in eine umfassendere intersubjektive
Dialektik eingebettet werden musste. Kognitivisten, Hegelianer, alle sind
in diesem Punkt einer Meinung.
Ich bin versucht zu sagen, wir müssen zum Subjekt zurück - allerdings
nicht zum rein rationalen Subjekt Descartes'. Ich denke, das Subjekt ist
seinem Wesen nach politisch. Damit meine ich, es ist ein Stück Freiheit,
wo man nicht mehr in einer festen Substanz verwurzelt ist, oder, anders
gesagt, sich in einer offenen Situation befindet.
Wir haben heute die biogenetische Technologie, und das ist für mich
eine Situation, in der Subjektivierung notwendig ist. Wir können
nicht mehr einfach alte Regeln anwenden. Wir begegnen Paradoxen, aus denen
es keinen unmittelbaren Ausweg gibt. In diesem Sinn ist Subjektivität
als solche politisch. Der Raum des Subjekts ist der Raum radikaler politischer
Entscheidung.
In den letzten Jahren erleben wir eine seltsame Rehabilitation der Unterscheidung
zwischen Ethik und Politik durch die Dekonstruktivisten und Pseudo-Kantianer
wie Habermas oder Apel. Politik sei eine Sache strategischer Entscheidungen,
die durch grundsätzlichere ethische Erwägungen einzubetten oder
zu begründen sei. Diese Unterscheidung fällt meines Erachtens
im Konstruktivismus. Hier wird Ethik selbst zu einer Frage der politischen
Entscheidung. Oder um es mit Kant zu sagen: Es ist das "ästhetische
Urteil", dem man kein universelles Gesetz zugrunde legen kann, sondern
in dem man unter Bezug auf ein Beispiel das universelle Gesetz selbst
neu erfinden muss.
Und ist dies nicht, was uns heute mit der Biotechnologie begegnet? Man
kann auf sie nicht einfach bestehende Regeln anwenden, sondern man muss
die Regeln neu schaffen. Sie ist durch die Vergangenheit einfach nicht
gedeckt.
Aber
diese Art Subjektivität scheint verschwunden zu sein. In Ihren Büchern
sprechen Sie von einer post-politischen Welt.
Slavoj Zizek: Wir leben nicht wirklich in einer post-politischen
Welt, aber das bestehende Universum präsentiert sich in dem Sinn
als post-politisch, als dass es eine Art grundlegende gesellschaftliche
Übereinkunft zu geben scheint, elementare soziale Fragen nicht mehr
als politische Entscheidungen zu behandeln. Sie werden zu einfachen administrativen
Entscheidungen oder Gesten. Und die verbleibenden Konflikte betreffen
größtenteils kulturelle Differenzen. Wir haben die aktuelle
Form des globalen Kapitalismus plus irgendeine Art toleranter Demokratie
als ultimative Form dieser Vorstellung. Und wir haben das Paradox, dass
nur wenige bereit sind, diese Welt in Frage zu stellen.
Und
woran könnte das liegen?
Slavoj Zizek: In dieser post-politischen Welt scheint es noch immer
eine Spannung zu geben zwischen dem, was wir generell toleranten Liberalismus
nennen und dem Multikulturalismus. Aber obwohl ich Nietzsche nie mochte,
bin ich versucht zu sagen: Wenn es eine Definition gibt, die wirklich
passt, dann ist es sein alter Dualismus zwischen aktivem und passivem
Nihilismus, also aktiver Nihilismus im Sinne, das Nichts zu wollen, diese
aktive Selbstzerstörung, die genau das ist, was ich schon als Passion
des Realen bezeichnet habe, also die Vorstellung, man müsse, um authentisch
zu leben, sich selbst zerstören. Und auf der anderen Seite der passive
Nihilismus, was Nietzsche mit dem "Letzten Menschen" meinte,
also einfach ein dummes, selbstzufriedenes Leben ohne große Leidenschaften.
Das Problem des post-politischen Universums liegt darin, dass wir diese
beiden Seiten haben, die in einer Art tödlicher Dialektik eingefangen
sind. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, muss die Subjektivität,
denke ich, neu erfunden werden.
Sie
schreiben an anderer Stelle, die westlichen Eliten verlören die Nerven,
sie wollten alle alten Konzepte wie Humanismus oder Subjektivität
zum Fenster hinauswerfen. Sie dagegen schreiben, es sei wichtig zu schauen,
was am Alten bewahrenswert ist.
Slavoj Zizek: Natürlich bin ich nicht gegen das Neue. Ich
bin sogar fast geneigt, Virginia Woolf zu zitieren, die, ich denke es
war 1914, schrieb, es sei so, als sei die ewige menschliche Natur verwandelt.
Ein Mensch zu sein, heißt nicht mehr das Gleiche.
Wir sollten, zum Beispiel, die sozialen, inter-subjektiven Auswirkungen
des Cyberspace nicht unterschätzen. Nehmen wir die eigenartigen Phänomene,
die wir beispielsweise im Internet beobachten. Es gibt so genannte Cam-Websites,
auf denen Menschen einer anonymen Öffentlichkeit ihre intimsten Geheimnisse
preisgeben, und zwar bis auf die vulgärste Ebene. Selbst ich mit
meinen dekadenten Neigungen war schockiert zu erfahren, dass Leute Videokameras
in ihre Toiletten stecken, so dass man sie beim Stuhlgang beobachten kann.
Das ist eine neue Konstellation. Es ist nicht privat, aber auch nicht
öffentlich, und es nicht die alte Geste des Exhibitionismus. Wie
auch immer, hier geschieht etwas Radikales.
Dass
wir in einem Zeitalter des radikalen Wandels leben, sagen ja viele...
Slavoj Zizek: Ja, uns werden eine Reihe von Begriffen dafür
angeboten. Man spricht vom Paradigmenwechsel; New Age-Leute sagen uns,
wir hätten keinen cartesianischen, mechanistischen Individualismus
mehr, sondern einen neuen universellen Geist. Ähnliches sagen die
Soziologen der Zweiten Moderne. Und die psychoanalytischen Theoretiker
meinen, der Oedipuskomplex sei verschwunden und wir lebten in einer Ära
universalisierter Perversion.
Diese Antworten sind falsch und registrieren den Bruch, den wir erleben,
nicht, denn sie sind zu sehr im Alten verwurzelt. Um das Neue zu erfassen,
muss man mit dem Alten beginnen. Damit meine ich, dass wir den Abgrund
des Neuen nur wirklich erfassen können, wenn wir das, was geschieht,
am Maßstab des Alten messen.
Hier möchte ich auf Pascal verweisen. Pascals Problem war ebenfalls
die Konfrontation mit der Modernität und der modernen Wissenschaft.
Er wollte in diesem neuen, modernen Zeitalter ein alter orthodoxer Christ
bleiben. Seine Ergebnisse waren viel radikaler und für uns heute
interessanter als die der liberalen englischen Philosophen, die die Modernität
einfach hinnahmen.
Wir sehen das Gleiche in der Filmgeschichte, mit der Einführung des
Tons. Was ist das Problem, könnte man sagen: Man fügt dem Bild
den Ton hinzu und erhält eine realistischere Wiedergabe der Wirklichkeit.
Aber das stimmt nicht. Und interessanterweise waren konservative Regisseure
am sensibelsten für die Folgen der Einführung des Tons. Sie
waren skeptisch - Chaplin zu einem gewissen Grad und Fritz Lang. Langs
"Testament des Dr. Mabuse" realisierte die gespenstische Aura
der Stimme auf wundervolle Weise, da er erkannte, dass die Stimme nie
einfach zum Körper gehört. Hier hatte also ein Konservativer,
so als fürchte er die Unheimlichkeit des neuen Mediums, ein wesentlich
schärferes Gespür für seine radikalen Möglichkeiten.
Das Gleiche sehen wir heute. Die Leute, die einfach meinen, wo liegt das
Problem, werfen wir uns doch einfach in die digitale Welt, sehen nicht,
was wirklich vor sich geht.
Woher
mag das kommen, dass die Leute heute gerne alle fünf Minuten eine
neue Ära ausrufen?
Slavoj Zizek: Es ist der verzweifelte Versuch, das Trauma des Neuen
zu verdrängen und eine zutiefst konservative Haltung. Die Verkünder
neuer Paradigmen sind heute die wahren Konservativen.
Im Film "Der große Diktator" persifliert Charlie Chaplin
Hitler als Hinkel. Es gibt eine wunderbare Szene, in der Hinkel eine große
Rede hält und völlig sinnlose, obszöne Wörter spricht.
Gelegentlich versteht man ein vulgäres deutsches Alltagswort wie
"Wiener Schnitzel" oder "Kartoffelstrudel". Diese
geniale Einsicht, dass die Stimme eine Art spektrales Gespenst ist, hatten
Konservative mit ihrem Gespür für das Neue.
Alle großen Brüche sind so entstanden. Nietzsche war in diesem
Sinn konservativ, und ich würde jederzeit sagen, das gilt auch für
Marx. Wir sollten gerade heute diese Haltung schätzen. Ist man überrascht
und schockiert, sollte man nicht so tun, als sei da nichts. Man kann nicht
einfach sagen: Nun gut, lasst uns digitale Spiele spielen. Wir sollten
die Fähigkeit, richtig überrascht zu sein, nicht verlernen.
Das Gefährlichste wäre heute meines Erachtens, einfach mit dem
Strom zu schwimmen.
Kehren
wir also zurück zu den Dingen, die uns in letzter Zeit überrascht
haben. Sie haben in einem Artikel geschrieben, die Terroristen seien nicht
irgendwo da draußen, sondern Teil unserer Zivilisation.
Slavoj Zizek: Das ist natürlich meine Antwort auf die populäre
These von Huntington und anderen über den so genannten Kampf der
Kulturen. Ich lehne diese These aus einer Reihe von Gründen ab.
Erstens ist der heutige Rassismus genau dieser Rassismus der kulturellen
Differenz. Er sagt nicht: Ich bin besser als ihr, sondern: Ich will meine
Kultur, und ihr könnt eure haben. Genau das sagt heute jeder Rechte.
Solche Leute können sehr post-modern sein. Sie akzeptieren, dass
es keine natürliche Tradition gibt und dass jede Kultur konstruiert
ist. In Frankreich gibt es neo-faschistische Rechte, die sich explizit
auf den Dekonstruktivismus beziehen. Sie sagen: Ja, er lehrt uns, dass
es keinen Universalismus gibt, sondern nur partikulare Identitäten.
Also sollten die Schwarzen ihre Kultur haben, und wir die unsere.
Bemerkenswert waren auch die ersten Reaktionen der amerikanischen "moral
majority" auf die Anschläge vom 11. September. Pat Robertson
ist etwas exzentrisch, aber Jerry Falwell gehört zum Mainstream.
Seine Reaktion war die gleiche wie die der Araber, auch wenn er sie einige
Tage später widerrief. Er sagte, die Bombardierung des World Trade
Centre zeige, dass Gott die Vereinigten Staaten nicht mehr schütze,
weil sie sich dem Bösen, der Homosexualität und der Promiskuität,
verschrieben hätten.
Nach Schätzungen des FBI gibt es in den Vereinigten Staaten heute
mindestens zwei Millionen radikale - also auch gewaltbereite - Rechtsextreme.
Sie sind zum Teil recht gewalttätig, töten Ärzte, die Abtreibungen
durchführen; ganz zu schweigen vom Bombenattentat in Oklahoma City.
Aus meiner Sicht zeigt dies, dass die gleiche anti-liberale, gewalttätige
Einstellung auch bei uns existiert, und das ist für mich der Beweis,
dass der Terrorismus ein Phänomen unserer Zeit ist, das sich nicht
einer bestimmten Zivilisation zuschreiben lässt.
Heißt
das, er ist kein arabisches oder islamisches Problem?
Slavoj Zizek: Was den Islam betrifft, sollten wir die Geschichte
betrachten. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang Ex-Jugoslawien.
Warum war Bosnien der Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen? Weil
es die ethnisch gemischteste Republik Ex-Jugoslawiens war. Warum? Weil
Bosnien von den Muslimen dominiert wurde, die historisch definitiv am
tolerantesten waren. Wir Slowenen und die Kroaten, beide katholische Völker,
haben sie hingegen schon vor Hunderten von Jahren vertrieben. Das beweist,
dass der Islam nicht inhärent intolerant ist. Die Frage ist also,
warum dieser terroristische Aspekt des Islam heute auftritt. Die Spannung
zwischen Toleranz und fundamentalistischer Gewalt entsteht innerhalb einer
Zivilisation, nicht zwischen ihnen.
Im Sender CNN sahen wir Präsident Bush, wie er den Brief eines siebenjährigen
Mädchens verlas, dessen Vater Pilot und nun in Afghanistan im Einsatz
ist. Sie schrieb, sie liebe ihren Vater, aber wenn ihr Land seinen Tod
brauche, sei sie bereit, ihren Vater für ihr Land zu opfern. Bush
sagte, dies sei ein Beispiel für amerikanischen Patriotismus. Machen
wir ein einfaches Gedankenexperiment und stellen uns das gleiche Ereignis
mit einem afghanischen Mädchen vor. Sofort würden wir sagen:
Was für ein Zynismus, was für ein Fundamentalismus, was für
eine Manipulation kleiner Kinder. Da gibt es also schon Unterschiede in
unserer Wahrnehmung. Aber das, was uns an anderen schockiert, tun wir
selbst in gewisser Weise ebenso.
Sind
Multikulturalismus und Fundamentalismus also zwei Seiten der gleichen
Münze?
Slavoj Zizek: Gegen Toleranz ist natürlich nichts einzuwenden.
Aber mit der multikulturellen Toleranz kauft man gleichzeitig eine Reihe
anderer Dinge ein. Ist es nicht symptomatisch, dass der Multikulturalismus
genau in dem historischen Moment explodierte, als die letzten Spuren der
Arbeiterpolitik aus dem politischen Raum verschwunden waren? Für
viele ehemalige Linke ist der Multikulturalismus eine Art Ersatz-Arbeiterpolitik.
Wir wissen nicht einmal, ob die Arbeiterklasse überhaupt noch existiert,
also reden wir über die Ausbeutung anderer.
Das wäre als solches vielleicht kein Problem. Aber es besteht die
Gefahr, dass Fragen der wirtschaftlichen Ausbeutung in Probleme der kulturellen
Toleranz verwandelt werden. Und dann muss man nur noch einen Schritt weiter
gehen, wie Julia Christova in "Etrangers à nous mêmes",
und sagen, wir könnten andere nicht tolerieren, weil wir das Andere
in uns selbst nicht tolerieren können. Da haben wir dann einen reinen
pseudo-psychoanalytischen kulturellen Reduktionismus.
Ist es nicht traurig und tragisch zugleich, dass heute rechte Populisten
die einzige relativ starke politische Bewegung sind, die noch direkt die
Arbeiterklasse anspricht? Als ich vor drei Jahren Le Pen auf einem Kongress
des Front National erlebte, war ich schockiert. Er holte einen schwarzen
Franzosen, einen Algerier und einen Juden auf die Tribüne, umarmte
sie und sagte: Sie sind genauso Franzosen wie ich. Meine Feinde sind nur
die internationalen kosmopolitischen Unternehmen, die französische
Interessen mit Füßen treten. Der erste Preis ist also, dass
nur noch die Rechten über ökonomische Ausbeutung sprechen.
Und
der zweite?
Slavoj Zizek: Was mir auch an der multikulturellen Toleranz missfällt,
ist, dass sie häufig in dem Sinn heuchlerisch ist, dass das Andere,
das sie toleriert, bereits ein reduziertes Anderes ist. Das Andere ist
in Ordnung, so lange es um Essen, Kultur und Tänze geht. Aber was
ist mit der Kliterodektomie - der Mädchenbeschneidung? Oder mit meinen
Freunden, die sagen, wir müssen den Hinduismus respektieren? Schön
und gut, aber wie halten wir es mit alten hinduistischen Bräuchen,
also etwa dem, dass, wenn ein Mann stirbt, seine Frau verbrannt wird?
Wie respektieren wir das? Hier haben wir ein Problem.
Diese Vorstellung der Toleranz maskiert jedoch vor allem ihr Gegenteil:
die Intoleranz. In meinen Büchern befasse ich mich immer wieder mit
dem Umstand, dass in dieser liberalen Perspektive der Andere stets als
etwas erscheint, das uns in irgendeiner Weise verletzen kann.
Sprechen
Sie hier von dem, was wir als Opferkultur bezeichnen?
Slavoj Zizek: Heute ist der Opferdiskurs fast der vorherrschende
Diskurs. Man kann Opfer des Rauchens, der Umwelt oder des sexuellen Missbrauchs
sein. Wie hier das Subjekt auf Opfer reduziert wird, finde ich traurig.
Dahinter steckt eine äußerst narzisstische Vorstellung der
menschlichen Persönlichkeit. Und, in der Tat, eine intolerante, denn
was sie besagt, ist, dass wir keine gewaltsamen Begegnungen mit anderen
mehr tolerieren können - und solche Begegnungen sind immer gewaltsam.
Wie
meinen Sie das?
Slavoj Zizek: Nun, sprechen wir über sexuelle Belästigung:
Natürlich bin ich gegen so etwas. Aber seien wir ehrlich: Sagen wir,
ich bin einem Mann oder einer Frau leidenschaftlich verbunden oder verliebt
und erkläre diesem Menschen meine Liebe, meine Leidenschaft. Das
hat immer etwas Gewaltsames oder Schockierendes. Es klingt vielleicht
wie ein Witz, soll aber keiner sein: Das Spiel der erotischen Verführung
lässt sich nicht politisch korrekt vollziehen. Es gibt den Augenblick
der Gewalt, in dem wir sagen: Ich liebe dich, ich will dich, und dieser
gewaltsame Aspekt lässt sich nicht umgehen. Daher denke ich, dass
auch die Furcht vor sexueller Belästigung in gewisser Weise eine
Angst vor der zu offenen, zu gewaltsamen Begegnung mit dem anderen Menschen
zum Ausdruck bringt.
Aber es gibt noch eine weitere Sache, die mich am Multikulturalismus stört.
Wenn Leute mich fragen, wie kann ich sicher sein, dass ich kein Rassist
bin, antworte ich: Es gibt nur einen Weg - wenn ich mit Angehörigen
anderer Gruppen Beleidigungen und schmutzige oder brutale Witze austauschen
kann und wir dabei beide wissen, dass es nicht rassistisch gemeint ist.
Dieses politisch korrekte Spiel hingegen - Oh, ich respektiere dich, wie
interessant sind deine Gebräuche -, das ist invertierter Rassismus
und ekelhaft.
In der jugoslawischen Armee waren wir alle gemischter Nationalität.
Wie habe ich dort Freundschaft mit Albanern geschlossen? Indem wir begannen,
Obszönitäten, sexuelle Anspielungen und Witze auszutauschen.
Der politisch korrekte Respekt aber ist, wie Freud es so schön nannte,
"zielgehemmt". Die Aggression gegen den Anderen ist dabei noch
immer da.
In
Ihrem Buch sprechen Sie von einer "wahren Universalität"
als Gegenteil dieses falschen Respekts. Was verstehen Sie darunter?
Slavoj Zizek: Hier muss ich mir eine einfache Habermassche Frage
stellen: Wie lässt sich Universalität in unserer Erfahrung begründen?
Natürlich nehme ich dieses post-moderne Spiel nicht hin, dass jeder
von uns sein eigenes Universum bewohnt usw. Ich glaube an die Universalität.
Ich glaube aber nicht an eine Universalität a priori fundamentaler
Regeln oder Vorstellungen.
Die politische Universalität ist die einzige, zu der wir Zugang haben.
Das ist keine abstrakte, idealistische Solidarität, sondern Solidarität
im Kampf. Der authentische Moment der Solidarität ist für mich
der, in dem wir - beispielsweise als Feministen und Ökologen oder
Feministen und Arbeiter - plötzlich entdecken: Mein Gott, wir kämpfen
ja für die gleiche Sache. Diese politische Universalität wäre
die einzige authentische. Aber sie fehlt heute natürlich, weil Politik
heute zunehmend nichts Weiteres ist als das Aushandeln von Kompromissen
zwischen verschiedenen Standpunkten.
Kann
man sagen, diese Postpolitik untergräbt gerade die Freiheit, von
der in den letzten Wochen so viel die Rede ist?
Slavoj Zizek: Ich würde sagen, dass dem, was uns heute als
Freiheit verkauft wird, diese radikale Dimension von Freiheit und Demokratie
fehlt: die Überzeugung, dass grundlegende gesellschaftliche Entscheidungen
durch eine möglichst große Anzahl von Menschen oder eine Mehrheit
diskutiert und entschieden werden sollten. In diesem Sinn haben wir heute
keine wirkliche Erfahrung der Freiheit. Unsere Freiheiten reduzieren sich
zunehmend auf die Freiheit, den Lebensstil zu wählen. Man kann sogar
bis zu einem gewissen Grad seine ethnische Identität wählen.
Nehmen wir Bosnien, wo es viele gemischte Familien gab. Als der Krieg
ausbrach, mussten sie wählen: Bist du pro-serbisch, pro-kroatisch
oder pro-muslimisch? Das steckte nicht in den Genen, sondern musste entschieden
werden.
Aber diese neue Welt der Freiheit, wie sie Ulrich Beck beschreibt, der
meint, alles sei eine Frage der reflexiven Verhandlung oder freien Wahl,
kann neue Unfreiheiten beinhalten. Wir wissen beispielsweise, wie schwer
es heute sein kann, auch als Akademiker oder Journalist ein feste Stelle
zu finden. Oft leben wir mit einem 2- oder 3-Jahresvertrag, den man dann
immer wieder neu aushandeln muss. Das erleben die meisten von uns als
traumatisch - denn man kann nie sicher sein. Aber dann kommt der post-moderne
Ideologe und sagt: Oh, das ist aber doch nur eine neue Freiheit. Du kannst
dich jetzt alle zwei Jahre neu erfinden!
Ich denke, zur Explosion dieser neuen Freiheiten, die in den Bereich dessen
fallen, was Foucault "Sorge für das Selbst" nannte, gehört
auch größere gesellschaftliche Unfreiheit. Vor 20 oder 30 Jahren
wurde noch darüber diskutiert, ob die Zukunft nun faschistisch, kommunistisch
oder kapitalistisch sein würde. Keiner diskutiert heute mehr solche
Fragen. Diese grundsätzlichen gesellschaftlichen Optionen werden
nicht mehr als etwas wahrgenommen, das entschieden werden kann. Der Bereich
fundamentaler gesellschaftlicher Fragen ist einfach entpolitisiert worden.
Ich finde es sehr traurig, dass wir - gerade in einer Zeit gewaltiger
sozialer Veränderungen, in der sich ganze gesellschaftliche Koordinaten
verschieben - das nicht mehr als etwas sehen, das wir frei entscheiden.
Würden
Sie das auch in Hinblick auf das ehemalige Jugoslawien sagen? In Serbien
gab es im vergangenen Jahr im Zuge des Regierungswechsels große
Freiheitsversprechen. Viel ist daraus bislang nicht geworden.
Slavoj Zizek: Es gibt einfach Situationen, in denen erbitterte
politische Auseinandersetzungen stattfinden, aber von keiner der beteiligten
Parteien gesagt werden kann, sie repräsentiere ein authentisches
demokratisches Engagement. Ich sehe heute in Serbien - um einen naiven
Begriff zu verwenden - kein authentisches demokratisches Subjekt. Hier
stimme ich wieder mit Alain Badiou überein: Eine wirklich emanzipatorische
politische Kraft gibt es nicht immer. Man kann sogar sagen, dass es sie
meistens nicht gibt. Nur selten gibt es eine Art Explosion authentischer
demokratischer politischer Subjektivität. Politik ist heute rar.
Um
mit dem 11. September zu schließen: Einige Wochen sind vergangen,
und nun erleben wir einen seltsamen Krieg, von dem gesagt wird, er werde
lange dauern. Was empfinden Sie dabei?
Slavoj Zizek: Was mir Sorge bereitet, ist, dass viele Amerikaner
die Angriffe vom 11. September als etwas erleben, das sie zu Unschuldigen
macht: Früher hatten wir Vietnam und so weiter - aber nun sind wir
Opfer, und deshalb ist es legitim, wenn wir uns jetzt mit dem amerikanischen
Patriotismus identifizieren.
Diese Geste ist riskant. Die große Alternative für die Amerikaner
liegt heute, wie mein Freund Ariel Dorffmann kürzlich schrieb, darin,
dass sie die Chance haben, Mitglied der Völkergemeinschaft zu werden.
Amerika verhält sich immer, als sei es etwas Besonderes. Es sollte
in diesem Angriff die Gelegenheit erkennen, nicht mehr etwas Besonderes
sein zu wollen, sondern einfach und wahrlich Teil dieser Welt. Das ist
die große Option.
Die Vorstellung, dass nun das reichste Land der Erde eines der ärmsten
bombardiert, ist zutiefst beunruhigend und tragisch. Das erinnert mich
an den bekannten Witz über den Idioten, der im Dunkeln seinen Schlüssel
verliert und ihn unter der nächsten Laterne sucht. Auf die Frage
nach dem Warum antwortet er: Ich weiß, ich habe ihn dort verloren,
aber hier lässt es sich besser suchen.
Aber auch die Linke hat mich zutiefst enttäuscht. Der Rückzug
auf diese sichere pazifistische Einstellung - Gewalt gebiert immer mehr
Gewalt, gebt dem Frieden eine Chance - ist abstrakt und greift hier nicht.
Zunächst einmal ist das keine universelle Regel. Ich frage meine
linken Freunde, die dieses Mantra vortragen: Was hättet ihr unter
Hitler gesagt? Hättet ihr da auch gesagt, wir können keinen
Widerstand leisten, weil Gewalt nie hilft? Es ist einfach eine Tatsache:
Es gibt einen Punkt, da muss man kämpfen. Hier liegt für mich
nicht das Problem, sondern darin, dass dieser Krieg nie die Lösung
sein kann.
Genauso irreführend ist die Idee, diese Anschläge seien so etwas
wie eine Art Arbeiterrevolte der Dritten Welt gegen den amerikanischen
Imperialismus. Dann wäre auch der amerikanische Fundamentalismus,
über den wir vorhin sprachen, eine Reaktion der Unterdrückten,
was er ganz offensichtlich nicht ist.
Wir stehen also vor der Herausforderung, unsere Koordinaten zu überdenken.
Und ich hoffe, da kann das positive Resultat dieser Ereignisse liegen:
dass wir es nicht nutzen, um weiter immer das Gleiche zu tun, sondern
um darüber nachzudenken, was sich in unserer Welt wirklich ändert.
Vielen
Dank für das Gespräch.
Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek lehrt und forscht am Institut
für Sozialwissenschaften der Universität Ljubljana und ist Gründer
und Präsident der dortigen Gesellschaft für Theoretische Psychoanalyse.
Seit April 2000 leitet er eine Forschungsgruppe am Kulturwissenschaftlichen
Institut in Essen. Als Gastprofessor lehrte er an zahlreichen Universitäten,
u.a. in Paris, Buffalo, New York und Washington. Kürzlich sind von
ihm erschienen Die Tücke des Subjekts und Die gnadenlose Liebe. Das
Gespräch fand am 12. Oktober 2001 auf der Frankfurter Buchmesse statt.
Es wurde geführt von Sabine Reul, ergänzende Fragen stellte
Thomas Deichmann.
LITERATURTIPP
Slavoj
Zizek: Die Tücke des Subjekts, Suhrkamp Verlag, Frankfurt (Main)
2001, 548 S. (geb.), DM 64.
ders.:
Die gnadenlose Liebe, Suhrkamp Verlag, Frankfurt (Main) 2001, 187 S.
(Tb.), DM 17,90.
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