Editorial
Inhalt
KRIEG &
TERRORISMUS
Sabine Reul und
Thomas Deichmann:
Die Ursachen des Terrors liegen im Westen
Slavoj Zizek im Gespräch
mit Sabine Reul und
Thomas Deichmann:
Der Krieg und das fehlende ontologische Zentrum
der Politik
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Die Biotechnologie im Bann des Terrorismus
[Heft S.16]
ERNÄHRUNG
Eva Balzer und Matthias Heitmann:
Wenn Glaube und Politik Schokolade versalzen
[Heft S.18]
Frank Füredi:
Verbraucherschutz als Instrument der Macht
Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Elitäres Essen als Anleitung zum Massenmord
[Heft S.24]
Beda Stadlers:
Gene im Suppentopf
[Heft S.27]
Josef Reichholf:
Fleischfressend der Zivilisation entgegen
[Heft S.28]
Udo Pollmer:
Die Fett-Saga
[Heft S.30]
Thilo Spahl:
Fäkalien-gedüngtes Biogemüse von Ratten bevorzugt
[Heft S.32]
Alex und Dennis Avery:
Hokuspokus um bildschaffendes Biogemüse
[Heft S.35]
Ulrike Gonder:
Functional Food: Die nutzlose Reise durch den Darm
[Heft S.36]
Jocelyne Reich-Soufflet im Gespräch mit Eva Balzer:
Diätmarathons machen nicht schlank
[Heft S.38]
Thilo Spahl:
Essen, was den Genen schmeckt
[Heft S.39]
Thilo Spahl und Thomas Deichmann:
Noch nie hatte die Weltbevölkerung mehr zu essen als heute
[Heft S.40]
Dr. Channapatna S. Prakash:
Gentechnisch veränderte Lebensmittel -
ein Segen für Mensch und Natur
[Heft S.44]
WISSENSCHAFT &
ÖKOLOGIE
Kenan Malik:
Der Mensch ist kein Tier
[Heft S.48]
Ulrike Schwemmer:
Der Fall Bayer: Durch eine Hexenjagd in die Knie gezwungen
[Heft S.50]
Ulrike Schwemmer:
Eine Allianz fürs Leben: Nabelschnurblut
[Heft S.52]
Carl Djerassi im Gespräch
mit Thomas Deichmann:
"Wir brauchen Verhütungsmittel-
Supermärkte"
[Heft S.55]
Carl Djerassis:
Pille, Sex und Fun
[Heft S.58]
Hans-Joachim Maes:
Sieben Millionen US-Dollar Einsparung pro überlebendem Säugling
[Heft S.62]
Dirk Maxeiner:
Kauft nicht beim Amerikaner
[Heft S.64]
Herbert Uhlen:
Bauen und hausen wie die Erdmännchen
[Heft S.68]
WELTGESCHEHEN
Kirk Leech:
Wenn der Westen "hilft" und nichts als Leiden bringt
[Heft S.71]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Stefan Chatrath:
Kinder per Mausklick auf den Fußballplatz locken
[Heft S.76]
Sabine Rothemann:
Die neue Alltagsreligion: die Welt des Coachings
[Heft S.78]
Bernd Herrmann:
Böse Marke, Menetekel
[Heft S.80]
RUBRIKEN
ZEITGEISTER
[Heft S.6]
BÜCHER
[Heft S.7]
STOP VIOLENCE
von Michael Najjar
[Heft S.42]
FROHE BOTSCHAFT
von Dirk Maxeiner und
Michael Miersch
[Heft S.54]
KÄSBLATT
Deutsche Leidkultur im Schatten des Terrors
von Sinasi Dikmen
[Heft S.77]
SCHWERHÖRIBERT
W wie Witzemachen für
den Weltfrieden
von Matthias Heitmann
[Heft S.82]
|
Die Ursachen des Terrors liegen im Westen -
aber anders, als manche meinen
Von Thomas Deichmann und Sabine Reul.
Seit dem 11. September hat man das akute Empfinden, in einem seltsamen
geistigen Niemandsland zu leben. Jeder logische Zusammenhang zwischen
Worten und Taten, Ideen und Wirklichkeiten, der bis dato wenigstens hier
und da noch im Ansatz greifbar war, scheint aufgelöst. Das Kernland
der Vereinigten Staaten wurde zum ersten Mal seit fast zweihundert Jahren
angegriffen - in einem mörderischen Inferno, angestiftet durch eine
obskure Terrorbande, die weder ihre Identität noch ihre Zwecke bekannt
gibt. Und nun befinden wir uns in einem Kriegszustand, von dem es heißt,
er werde ein dauerhafter sein, dessen Ziele aber ebenso schwer nachvollziehbar
sind wie seine Folgen für den Zustand der Welt.
Bis zum Beginn der Dauerbombardements am 7. Oktober gab es Bemühungen,
das Neuartige der Ereignisse zu erkunden und angemessene Strategien zur
Abwehr des Terrors zu finden. Aber dieses Innehalten war nur von kurzer
Dauer. Jetzt beherrschen Notstandspakete und Kriegsvokabeln das Weltgeschehen.
"Nichts
wird so bleiben, wie es war" ist die ebenso erschreckende wie inhaltsleere
Formel, mit der man uns seit dem 11. September auf den Aufbruch in eine
düstere Zukunft voller unabsehbarer Gefahren einstimmen möchte.
Wieder eine jener fatalen Prophezeiungen, die sich selbst zu erfüllen
neigen, weil sie Rationalität und Augenmaß schon im Ansatz
außer Kraft setzen, meinen wir.
Das kennen wir doch schon: Samuel Huntington's These vom Kampf der Kulturen
war von dieser besonderen Art Unsinn, der an maßgeblichen Stellen
nur lange genug geglaubt werden muss, um irgendwann ominöse faktische
Kraft zu erlangen, weil er Denken und Handeln in destruktive Bahnen lenkt.
Wir
sind der Meinung, erstens, dass die Welt sich am 11. September nicht grundlegend
verändert hat, sondern die Anschläge auf New York und Washington
die Wirklichkeit, so wie sie schon länger ist, sichtbar gemacht haben.
Und bevor man da zum Äußersten greift, sollte man erst einmal
genauer betrachten, was da sichtbar wurde. Zweitens denken wir, hinter
der Floskel, alles werde - oder müsse - sich ändern, steckt
auf Seiten der westlichen Eliten ein explosives Gemisch aus rhetorischem
Überschwang, Fatalismus, Ratlosigkeit und Missionssuche, was für
die Zukunft nichts Gutes verheißt. Daher möchten wir hier einfach
das tun, was uns in Anbetracht dieser Gegebenheiten angesagt scheint:
uns alle mal wieder auf den Teppich holen.
Neuer
Terrorismus
Dass
sich Gesellschaften gegen terroristische Angriffe schützen müssen,
steht außer Frage. Aber das heißt keineswegs zwingend, dass
ein Offensivkrieg die richtige Antwort ist. Ursachen und Hintergründe
der Anschläge vom 11. September lassen eher vermuten, dass im Bombenkrieg
gegen Afghanistan wieder jene Art weltpolitischer Autismus zum Vorschein
kommt, der seit dem Ende des Kalten Krieges schon reichlich Unordnung
und Instabilität verursacht hat.
Die amerikanische Regierung und ihre Verbündeten geben vor, man könne,
indem man das Taliban-Regime und Osama bin Laden außer Gefecht setze,
dem Problem einer neuartigen, traditionellen politischen Kategorien nicht
zugänglichen Mordbereitschaft sektenhafter terroristischer Gruppierungen
begegnen. Offenbar bereitet es den Strategen des US-Establishments große
Mühe, sich von den Denkschablonen der bipolaren Welt zu befreien
und anzuerkennen, dass sich die Zeiten gewandelt haben. Das ist zweifelsohne
auch ein Grund dafür, weshalb sämtliche Geheimdienste blind
für die Bedrohung durch diese neue Form des Terrorismus waren.
Wer meint, hier habe man es mit Bewegungen zu tun, die mit politischen
Befreiungsbewegungen oder radikalen Gruppierungen der Nachkriegsära
vergleichbar sind, ist auf dem Holzweg. Die alten Befreiungsbewegungen
existieren schon lange nicht mehr. Manche haben sich in Luft aufgelöst,
andere zeigten sich anpassungsfähig und wurden, wie der ANC in Südafrika,
zum Mitgestalter demokratischer Reformen. Wieder andere änderten
ihren Charakter und verkamen zu Sekten. Mit dem Zerfall der alten Ordnung
entstanden, gestützt auf anhaltende gesellschaftliche Stagnation
und geistige Atrophie, mancherorts auch neue Strömungen, die - ganz
im Kielwasser der westlichen Ideologie des Multikulturalismus - für
bornierte ethnische Abgrenzung und staatliche Separation in immer kleinere
Entitäten operieren. Sie taten und tun das nicht selten mit Waffengewalt
- siehe Balkan und Westasien.
Aber es wäre falsch, diese Formen infantiler Zerstörungslust
an bestimmten, durch den Zerfall der alten Ordnung besonders betroffenen
Weltregionen festmachen zu wollen. Und hier scheint der fundamentale Irrtum
der westlichen Kriegspolitik zu liegen. Denn hinter der hier zum Vorschein
kommenden Fragmentierung und der Entstehung neuartiger reaktionärer
geistiger Strömungen und obskurer Netzwerke ohne jegliches emanzipatorische
Potenzial verbirgt sich eine Krise der westlichen Weltordnung selbst.
Der Westen hat seine Integrationsfähigkeit und seine Anziehungskraft
verloren. Und das betrifft keineswegs nur die "Anderen," die
in Ländern leben, wo die Vorzüge des globalen Markts, der modernen
Technik oder der postmodernen Liberalität wohl nicht stets so vor
Augen stehen wie anderswo. In den Vereinigten Staaten selbst gibt es eine
breite Strömung des inneren Rückzugs aus dieser Welt, der auch
hier gelegentlich in Attentate extremistischer Sekten mündet.
Dass
der Krieg gegen bärtige Gebirgsbewohner an der Sache vorbeigeht,
zeigt schon das Profil der Attentäter vom 11. September. Diese Selbst-
und Massenmörder passen überhaupt nicht zum Bild der bekannten
Extremisten, etwa der Selbstmordattentäter Palästinas, was selbst
der israelische Terrorismusexperte Ehud Sprinzak bekundet.
Die Attentäter des 11. September wurden weder in streng religiösen
Familien im konfliktgeladenen Gazastreifen sozialisiert, noch verbrachten
sie ihre Kindheit oder Jugend in strengen Koranschulen oder Taliban-Ausbildungslagern.
Die meisten lebten in wohlhabenden Familien im Nahen Osten, einer war
der Sohn eines reichen Saudis, der seinen Geschäften in den USA nachging.
Allesamt waren sie gut gebildet, drei von ihnen studierten in Hamburg,
wo der Terroranschlag voraussichtlich geplant wurde, einer kam erst während
seines Studiums an der London School of Economics mit dem Islam in Kontakt.
Fünf Terroristen sollen in Großbritannien gelebt haben. Ihre
Flugstunden nahmen die Highjacker wie andere Söhne reicher Eltern
in Flugschulen an der Ostküste der USA. Im Gegensatz zu den durchschnittlich
22-jährigen Selbstmordattentätern aus dem Libanon waren die
Terroristen des 11. September wesentlich älter - einer von ihnen
bereits 41.
Es drehte sich bei den Terroristen nicht um "verzweifelte Opfer"
repressiver politischer und ökonomischer Lebensverhältnisse
im Nahen Osten, wie Vertreter der alten Friedensbewegung annehmen. Am
11. September waren Männer fern der traurigen Lage dort oder in Afghanistan
am Werk, die in gesicherten Verhältnissen lebten, die Freiheiten
und Vorzüge der westlichen Welt in Anspruch nahmen und offenbar auch
zu schätzen wussten. So wurde berichtet, dass es sich bei einigen
der Terroristen nicht einmal um strenggläubige Muslime handelte -
sie konsumierten Alkohol und hatten Freundinnen, mit denen sie sich wie
andere junge Männer in der Öffentlichkeit zeigten. Wer sich
ein Bild über die Einstellungen der Attentäter des 11. September
machen möchte, ist sicher besser beraten, in europäischen Metropolen
wie London oder Paris mit jungen Muslimen zu reden als sich auf eine anstrengende
Reise ins afghanische Hochgebirge zu begeben.
Der
Zerfall der alten Weltordnung hat auch im Westen Werte und Leitbilder
durcheinander gebracht und alte Gewissheiten und Orientierungen entkräftet.
Wesentlich mehr noch als in Europa macht sich in den Vereinigten Staaten
Anomie breit - eine gelegentlich nihilistische Züge annehmende Regression
in privatistische Feindbilder, die in der Globalisierungshysterie genauso
zum Vorschein kommt wie in einer überall anzutreffenden selbst-fixierten
Opferkultur.
Die Trittbrettfahrer der gegenwärtigen Terrorangst, die postalisch
Milzbrand in Umlauf bringen oder Bombenalarm geben, zeugen davon. Auch
frühere Terroranschläge kommen dem 11. September sehr nahe:
Zum Beispiel war der von Oklahoma 1995 die Tat eines weißen rechtsradikalen
Irren, der von einem Netzwerk militanter Splittergruppen profitierte.
Der Massenselbstmord von Sektenmitgliedern in den USA, Briefbomben und
vermehrte Übergriffe radikaler Tierschützer und Abtreibungsgegner,
die Anschläge der Aum-Sekte in Tokio: der 11. September lässt
sich mit solchen Anschlägen eher vergleichen als mit Aktionen gewaltbereiter
Palästinenser - obgleich auch diese heute durchaus immer mehr selbst
Züge dieser destruktiven Orientierungslosigkeit annehmen.
Sicher wird es noch einiger Anstrengungen bedürfen, um die komplexen
Hintergründe der Ereignisse vom 11. September wirklich zu verstehen.
Aber dass wir es hier mit einem umfassenderen Problem zu tun haben, das
in der mangelnden Integrations- und Sinngebungskraft der westlichen Eliten
begründet ist, scheint auf der Hand zu liegen. Die sich mit dem Kriegsbeginn
sofort einstellende Einengung der Debatte auf militärische Fragen
ist daher bedauerlich. Der Kriegsaktionismus scheint nämlich nicht
nur kontraproduktiv in Hinblick auf globale Stabilität und Frieden.
Die Ausrufung des internationalen wie nationalen Ausnahmezustands ist
auch eher geeignet, die beschriebenen Probleme zu verschärfen, als
Ansätze zu ihrer Lösung zu bieten. Deshalb sind wir - auch wenn
wir durchaus meinen, dass es Situationen gibt, in denen auf Gewalt auch
mit Gewalt zu antworten ist - gegen diesen Krieg.
Pazifisten
vs. Bellizisten
Etwas
umnachtet finden wir vor diesem Hintergrund die Art, in der hier zu Lande
die Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen verläuft. Auch die
unabhängigen Geister unserer Republik scheinen noch immer in den
Schützengräben des Kalten Krieges zu sitzen. Auf der einen Seite
friedensbewegte Moralisten, die meinen, Ostermärsche seien die probate
Antwort auf einen Massenmord, der alle Normen der Zivilisation außer
Kraft setzte. Daneben Altlinke, die ihn mitunter zur authentischen antikapitalistischen
Revolte stilisieren möchten. Und auf der anderen Seite Globalisierungsbefürworter,
die - gestern noch freundliche Marktoptimisten - sich heute als Bellizisten
gebärden, denen der Bombenkrieg gegen Afghanistan nachgerade nicht
weit genug geht. Bei jedem Einwand gegen diese Militäraktion schreit
man hier "Antiamerikanismus", ganz so als wolle man aus den
schrecklichen Ereignissen der letzten Monate wohlfeile Gelegenheit ziehen,
den Kulturkampf gegen die 68er wieder zu beleben. Man gewinnt den Eindruck,
hier wird einfach auf beiden Seiten in seliger Bewusstlosigkeit die jeweilige
Lieblingskuh durchs Dorf getrieben.
Fruchtbarer wäre es, nähme man zur Kenntnis, dass die Zeiten
der Blockkonfrontation vorbei sind und alte Reflexe zum Verständnis
der Lage nichts beitragen. Fortschrittliche Kapitalismuskritik ist heute
ebenso wenig in der politischen Landschaft festzustellen wie der Antiamerikanismus
aus den Zeiten der Blockkonfrontation. Vielmehr haben wir es heute mit
einem angstgespeisten Mainstream-Anti-Ismus (gegen Kapital, Globalisierung,
Wissenschaft, McDonalds usw.) zu tun. Er ist Ausdruck eines Zivilisationspessimismus,
der durch verängstigte und visionslose Regierungen im Westen in den
letzten Jahren hoffähig gemacht wurde. Insofern spiegeln die Attentäter
aus dem Nahen und Mittleren Osten der westlichen Welt ihre eigene Dekadenz
vor.
Dysfunktionale
Eliten
Wir
stehen heute vor einem komplexen, neuartigen Problem, auf das es keine
einfachen Antworten gibt. Die westlichen Eliten haben das Vertrauen in
sich selbst und in ihre eigene Ordnung verloren. Seit den frühen
90er-Jahren prägt defensive Anpassung an diesen Vertrauensverlust
das politische Geschehen sowohl im nationalen wie im internationalen Rahmen.
Sie artikuliert sich unter anderem in der Übernahme der relativistischen
Ethik des Selbstzweifels, auf den in den letzten Jahrzehnten die Sozialkritik
zusammengeschnurrt ist. Der Multikulturalismus und die implizierte Betonung
von Unterschieden zwischen Menschen verschiedener Herkunft, die Technik-
und Wissenschaftsfeindlichkeit und die Risiko-Obsession der letzten Jahre
zählen hierzu ebenso wie der wachsende Marktskeptizismus.
Der Friedensbonus, auf den viele nach dem Ende des Kalten Krieges gehofft
hatten, hat sich nicht eingestellt. Warum? - weil die westlichen Eliten
zu einer wirklich vorausschauenden Neugewichtung der Weltpolitik offenbar
nicht in der Lage sind. Dass Politik heute oft wie ein chaotisches Neben-
und Durcheinander widersprüchlicher Impulse erscheint, die allesamt
immer zu kurz oder daneben greifen, ist die Folge dieser Defensivität.
Seit dem 11. September erleben wir diese Problemlage in verschärfter
Form. Weder dem Krieg gegen Afghanistan noch der breiteren internationalen
Kampagne gegen den Terrorismus liegt ein schlüssiges strategisches
Konzept zugrunde. In Washington scheint man nicht einmal zu wissen, ob
und gegen wen man eigentlich Krieg führen möchte. Während
Staatssekretär Paul Wolfowitz wohl am liebsten gleich die halbe arabische
Welt eingeäschert hätte, warnten andere Kabinettsmitglieder
vor Eskalation und gaben unumwunden zu, man wisse gar nicht so genau,
woher die Bedrohung eigentlich komme.
Das Ergebnis ist ein sehr seltsamer Krieg. Man wirft aus großer
Höhe Bomben ab, behauptet aber, dabei keine Zivilisten zu treffen.
Gleichzeitig wirft man als Zeichen guten Willens Essenspakete hinterher.
Doch sowohl Bomben als Nahrungsmittel sind eher symbolisch - erstere deshalb
natürlich nicht weniger tödlich. Man war selbst nach wochenlangem
Dauerbombardement dem selbst gesetzten Ziel der Ergreifung oder Tötung
Osama bin Ladens und Zerschlagung der Taliban kaum einen Schritt näher;
und die symbolischen Essenspäckchen werden der afghanischen Bevölkerung
auch nicht über den Winter helfen.
Der ganze Krieg hat daher den Charakter einer PR-Aktion. Am deutlichsten
wurde dies in der Debatte darüber, ob man ihn mit Beginn des Ramadan
aussetzen solle. Ist der Krieg - wie uns gesagt wird - erforderlich, um
eine tödliche globale Gefahr abzuwehren, sollte man ihn wohl kaum
aus Rücksicht auf den religiösen Kalender der Muslime abstellen
(zumal er sie ja am Fasten eher nicht hindert). Ist er aber doch nicht
wirklich so nötig oder sinnvoll, warum führt man ihn dann?
Angesichts dieser Ungereimtheiten wenig überraschend sind die Reaktionen
der Öffentlichkeit. Trotz der Fahnenmeere in den Vereinigten Staaten
und der angestrengten Bemühungen ihres Präsidenten, die Bevölkerung
im Kampf "gegen das Böse" zu einen, signalisierten weit
weniger junge Menschen als bei vergleichbaren früheren Anlässen
Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen. Umfragen zeigen, dass sogar in den
USA die Zustimmung zum Krieg Woche um Woche brüchiger wird. Selbst
jene, die anfangs nicht die geringsten Zweifel an der Berechtigung Washingtons
hatten, auf den Massenmord vom 11. September militärisch zu reagieren,
bekommen kalte Füße. Und in Pakistan, wo in den ersten Wochen
nach dem 7. Oktober Demonstrationen gegen den Krieg recht schwach besucht
waren, machten sich einen Monat später größere Menschenansammlungen
auf den Marsch ins Gebirge zum Heiligen Krieg.
Es
wird noch eine Weile dauern, bis deutlicher wird, wohin die gefährliche
Reise geht. Wenig erbaulich ist die Vorstellung, dass der politische Zerfallsprozess
der letzten Jahre nach dem Afghanistan-Intermezzo an Fahrt gewinnt, dass
die zerfahrene Suche nach Halt und Pseudo-Orientierung auf allen Ebenen
in neue politische Irrationalismen mündet und alle dekadenten Trends
der letzten Jahre vermehrt an die Oberfläche gespült werden.
Kein Mensch weiß, was mit Afghanistan nach dem Ende der Bombardierung
geschehen soll. Die angebliche Stärke der so genannten Nord-Allianz
wurde mittlerweile als Mythos entlarvt, Pakistan steht vor der vorhersehbaren
Implosion. Dass sich die Militäraktion stabilisierend auf die Region
und den Nahen Osten auswirken werde, glaubt kaum jemand. Auch die Vorstellung,
ein Dauerkriegszustand der angekündigten Art sei der richtige Kitt
für den Zusammenhalt der Staatengemeinschaft und der Gesellschaften
im Inneren, ist alles andere als bestechend. Das brüchige Selbstbewusstsein
der Großmacht USA und seiner Verbündeten in Europa lässt
sich so jedenfalls nicht reparieren. Dazu bedürfte es positiver Zukunftsvisionen
auf Grundlage glaubwürdiger Szenarien. An denen aber mangelt es,
und daher scheint es leider wahrscheinlicher, dass sich die Spirale der
Destruktion fortsetzt - doch davor warnen wir in Novo seit Jahren und
wir wurden nicht selten reflexartig missverstanden.
Man
kann es auch so sehen: Das westliche Gesellschaftssystem überlebte
zwei Weltkriege einschließlich des deutschen Faschismus, es behauptete
sich gegen den Stalinismus, arrangierte sich mit den antikolonialen Freiheitsbewegungen
der Dritten Welt und bändigte die Arbeiterbewegung. Heute ist eine
Handvoll verrückt-brutaler Extremisten in der Lage, einen "monumentalen
Krieg" gegen einen undefinierten Feind auf den Plan zu rufen, den
Nato-Bündnisfall auszulösen und führende Politiker anzuregen,
den weltpolitischen Notstand zu verkünden. Das verheißt für
unsere Zukunft erst einmal wenig Gutes.
Es gibt zwar parallel auch die Möglichkeit einer anderen Entwicklung,
die sich zumindest vorübergehend stabilisierend auf das Weltgeschehen
auswirken könnte: dass angesichts der Ereignisse Politiker sich ein
wenig mehr um Rationalität bemühen und nicht mehr so leicht
von relativistischen Zeitgeisterscheinungen und destruktiven Reflexen
treiben lassen. Schließlich könnte die Situation genutzt werden,
um die internationale Kooperation auch für sinnvollere Ziele auf
eine höhere Ebene zu heben. Dass sich Russlands Präsident Putin
beeilte, ins Boot der Kriegsallianz zu springen und dafür euphorischen
Beifall erhielt, dass auch China und selbst der Iran gemäßigte
Zustimmung für den Kampf gegen den Terrorismus verkündeten,
könnte ja auch die Möglichkeit signalisieren, das eine oder
andere Kriegsbeil zu begraben. Auch das Verhältnis der westlichen
Industrienationen untereinander wirkt derzeit gefestigter denn je. Auf
politischer und wirtschaftlicher Ebene gab es selten zuvor derart intensive
Kooperationsbemühen. Ob aber unsere gegenwärtigen Eliten den
Weg aus der Krise finden, scheint trotz dieser Hoffnungsschimmer überaus
fraglich.
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