Editorial
Inhalt
LEBENSWISSEN-
SCHAFTEN IM VISIER
Hubert Markl:
Bioethik in der Definitionsfalle
[Heft S.10]
Interview mit
Günter Graumann:
"Wir möchten eine offene, enttabuisierte Diskussion"
[Heft S.13]
Interview mit
Peter Stadler:
Das eigene Handeln transparent machen
[Heft S.14]
Gerd Spelsberg:
Von der Unmöglichkeit, über die Herkunft des Essens zu reden
[Heft S.16]
Interview mit
Ingo Potrykus:
"Gentechnologie ist für Menschen, die nicht genug zu essen haben"
[Heft S.18]
Oliver Rautenberg:
Wissenschaftliche Erkenntnisse werden bewusst verwässert
[Heft S.23]
Manuel Kiper:
Mit patenter Politik zur Patentierbarkeit von Genen
[Heft S.28]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Kevin Yuill:
Der Tod führt ein seltsames Eigenleben
[Heft S.32]
Gunnar Sohn:
"Wer mehr Müll liefert, bezahlt sogar Strafe"
[Heft S.34]
Stefan Chatrath:
Das Fußballfeld als Tummelplatz für Politiker
[Heft S.38]
WELTGESCHEHEN
Dominic Standish:
Verwandelt die Wahl Berlusconis Italien zur "Bananenrepublik"?
[Heft S.40]
MEDIEN &
KULTUR
Edgar Gärtner:
Blick zurück ins Mittelalter der Zukunft
[Heft S.44]
Daniel Nassim:
Der Mythos von Pearl Harbor
[Heft S.48]
RUBRIKEN
ZEITGEISTER & UPDATES
[Heft S.6]
ORTNERS ODYSSEEN
Wellenreiter
von Helmut Ortner
[Heft S.7]
EINSPRUCH
Heilige Gene
von Thilo Spahl
[Heft S.9]
NEUE MITTE
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
KÄSBLATT
Transgene Zuwanderer
Satire von Sinasi Dikmen
[Heft S.42]
BÜCHER
Wenn Schauspieler mit Tomaten schmeißen
von Kerstin Kubanek
[Heft S.43]
SCHWERHÖRIBERT
U wie Unrasierte Unterschenkel
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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Lebenswissenschaften im Visier
Liest man sich dieser Tage durch die Feuilletons und Kommentare der großen
Zeitungen, bekommt man leicht den Eindruck, eine anti-wissenschaftliche
Konterrevolution sei im Gange. Angesichts der Entschlüsselung des
menschlichen Genoms im vorigen Jahr war noch von einer wissenschaftlichen
Revolution die Rede. Seitdem nun aber Präimplantationsdiagnostik
und Stammzellforschung im Mittelpunkt des Diskurses stehen, scheint die
Aufbruchsstimmung verflogen. Auch im zunächst den Biotech-Diskurs
sachlich-optimistisch begleitenden FAZ-Feuilleton haben pessimistische
Ethikexperten die Oberhand gewonnen. Feuilletonchef Frank Schirrmacher
huldigte neulich sogar dem Weltuntergangspropheten Bill Joy (FAZ, 6.6.01).
Den ließ er zwar schon genau ein Jahr zuvor ausgiebig zu Wort kommen,
er wurde damals jedoch noch eher als exzentrische Randfigur wahrgenommen
(vgl. Novo47).
Einige der Lebensschützer, die heute verstärkt zu Wort
kommen, würden am liebsten nicht nur die Embryonenforschung, sondern
dazu auch gleich wieder die Abtreibung unter Strafe stellen. Wenn man
den Beginn von Menschenleben bei der Verschmelzung von Eizelle und Sperma
sieht, bleibt einem freilich nichts anderes übrig. Wir lehnen diese
Sichtweise allerdings ab und betrachten sie als biologistisch, weil sie
ein Menschenleben auf einen biochemischen Vorgang reduziert. Mehr dazu
können Sie in dieser Novo lesen, z.B. von Prof. Hubert Markl, Präsident
der Max-Planck-Gesellschaft.
Auch
die Unionsparteien bekennen nun deutlicher Farbe. Zwar ist es begrüßenswert,
dass sie sich darum bemühen, klare inhaltliche Positionen zu formulieren
und für sie zu werben, statt mit Platitüden aufzuwarten. Aber
was dabei rauskommt, ist bislang wenig überzeugend: Was die Biowissenschaften
anbelangt, sind es überwiegend altmodische Lebensschutz-Argumente,
die man von Abtreibungsgegnern kennt. Die Union würde diese jetzt
wohl am liebsten der modernen Gentechnik überstülpen. Offenbar
fällt den Unionsparteien nur der Rückgriff auf religiöse
Denkmuster ein, um sich Profil zu geben.
Klare SPD-Linien sind derweil nicht zu erkennen - aber wofür auch,
hat doch Tony Blair gerade mit New Labour in Großbritannien gezeigt,
dass Inhaltsleere und Flatterhaftigkeit Parteien der "Neuen Mitte"
gut zu Gesicht stehen.
Die
Grünen profilieren sich derweil vor allem als Natur- und Verbraucherschützer
im Bereich der Grünen Gentechnik - also da, wo es um Landwirtschaft
und Lebensmittel geht. Ihnen werden wir es mit zu verdanken haben, wenn
alsbald eine umfassende Kennzeichnungspflicht für mit der Gentechnik
in Berührung gekommene Lebensmittel auf EU-Ebene verabschiedet und
in Deutschland implementiert wird - auch für solche Lebensmittel
soll sie gelten, die sich von herkömmlichen Produkten nicht die Bohne
unterscheiden, weil transgene Inhaltsstoffe im Endprodukt nicht mehr vorhanden
sind (z.B. Sojaöle). Mit Verbraucherschutz hat all das nichts zu
tun, denn "transgene Lebensmittel" unterliegen schärferen
Sicherheitskriterien als normale und sind daher auch sicherer als alles,
was jemals auf unseren Tisch kam.
Das grüne Kesseltreiben gegen die Gentechnik kann nun aber schon
bald zur Folge haben, dass z.B. auf einen Riegel mit gentechnisch veränderten
Nüssen, aus denen die potenziell hochallergischen Inhaltsstoffe entfernt
wurden, ein warnendes Gentech-Label gedruckt werden muss, während
alternative Waren mit "normalen" Nüssen, auf die viele
Menschen leider nach wie vor allergisch reagieren, als "gentechnikfrei"
und deshalb als gesünder und besser gelten werden. Wenn ideologische
Fragen sachlich zu behandelnde Themen der Lebensmittelsicherheit dominieren,
gibt es in der Tat Grund zur Sorge um unsere Nahrung.
Man
darf gespannt sein, welche Überraschungen die Politik im so genannten
"Jahr der Lebenswissenschaften" noch so parat hat. Eine anregende
Lektüre des neuen Novo wünscht
Thomas Deichmann
Chefredakteur
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BITTE NOTIEREN |
> Wie Sie der Anzeige auf der gegenüberliegenden
Seite entnehmen können, erscheint in Kürze im Eichborn-Verlag
das von Thilo Spahl und Thomas Deichmann verfasste Populäre
Lexikon der Gentechnik. Detaillierte Informationen
dazu sowie eine Bestellmöglichkeit finden Sie in der
Bücher-Rubrik
auf der Novo-Website unter www.novo-magazin.de. Sie können
das Buch ab sofort auch telefonisch (069 / 97206-701), per
Fax (-702) oder per eMail (novo@gmx.de) ordern. Erscheinungstermin
ist September 2001, die Auslieferung gegen Rechnung erfolgt
versandkostenfrei direkt nach Erscheinen.
> Das Titelbild stammt von Michael Najjar, Modell dafür
stand Tamara. Michael Najjar lebt als freier Fotograf und
Künstler überwiegend in Berlin.
Seine Website findet sich unter www.michaelnajjar.com.
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NEXT NOVO |
> Das nächste Magazin (Novo54, 9-10 2001) erscheint
Anfang September. Wir werden darin über Neuigkeiten aus
dem Bereich der Lebenswissenschaften informieren und sie kommentieren,
aber auch anderen Themen genügend Platz einräumen.
Ein neues Schwerpunktthema war bis Redaktionsschluss noch
nicht festgelegt - lassen Sie sich also überraschen.
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