Editorial
Inhalt
RECHTE GEFAHR?
Sabine Reul:
Indizien von Verbohrtheit beim Kampf gegen Rechts
[Heft S.9]
Michaela Hinner:
Niemand ist scharf auf die Greencard des Kanzlers
[Heft S.12]
Henryk Siemon:
"Will man Asylbewerber menschenwürdig behandeln oder einsperren?"
[Heft S.13]
Alexander Ewald und Thomas Deichmann:
Weder "national befreites" Ödland noch "Zonen der Angst"
[Heft S.14]
Stefan Chatrath:
Ohne es zu wissen ein Rassist sein
[Heft S.20]
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Dirk Maxeiner:
Die Deutschen sind die Dummen
[Heft S.19]
Frank Furedi:
Alle Welt gedenkt irgendwo irgendwem
[Heft S.23]
Sabine Beppler:
Wie liebe ich mein Kind richtig und risikofrei?
[Heft S.28]
Sabine Reul:
Warum es besser ist, nicht gut zu sein
[Heft S.31]
WELTGESCHEHEN
Sonja Vogel:
Trotz Waffenstillstand ist kein dauerhafter Frieden in Sicht
[Heft S.36]
Germinal Civikov:
"Danke, dass ihr uns nicht ermordet habt!"
[Heft S.38]
MEDIEN &
KULTUR
Vito Oraem:
Teestunde am Bosporus oder: Setzen Fotos Zeichen?
[Heft S.30]
Peter Dinkelaker:
Haben Frauen wirklich ein kleines bisschen Haue gern?
[Heft S.32]
Michael Najjar:
Annäherung
[Heft S.42]
Niels Höpfner:
Sein oder Nichtsein - das Stadttheater am Ende?
Hartmut Schönherr:
Der Versuchsraum des Lachens: Wenn Stefan Raab eine blutige Nase kriegt
[Heft S.47]
RUBRIKEN
ZEITGEISTER & UPDATES
[Heft S.6]
ORTNERS ODYSSEEN
Auto-Erotik
von Helmut Ortner
[Heft S.7]
EINSPRUCH
"Ein geiles Land aufziehen!"
von Matthias Heitmann
[Heft S.22]
NEUE MITTE
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
KÄSBLATT
Getürkte Umwelt
Satire von Sinasi Dikmen
[Heft S.33]
50 MAL NOVO
[Heft S.34]
BÜCHER
Vergangenheit bewältigt?
von Kerstin Kubanek
[Heft S.41]
SCHWERHÖRIBERT
T wie Taliban
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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Ändern, was
nicht korrekt ist...
Das Titelfoto* von Michael Najjar ist eine künstlerische Provokation
des deutschen Zeitgeistes - eine sehr gelungene, wie ich meine. Sie fühlen
sich auch provoziert? Dann belassen Sie es bitte nicht bei dieser spontanen
Reaktion. Hinterfragen Sie Ihre Haltung. Ist es nicht bezeichnend für
den dogmatischen Charakter der hiesigen "Kampagnen gegen Rechts",
dass wir mittlerweile schon reflexartig aufschrecken, wenn wir irgendwo
ein Hakenkreuz entdecken? Wer sich auf diese Frage einlässt, der
empfindet Najjars Aufnahme meist nur noch als Irritation. Wieso sitzt
eine türkische Familie seelenruhig vor diesem Nazi-Symbol? Mir scheint:
Najjar will das Klischee vom permanent bedrohten Ausländer in Deutschland
aufbrechen. Und er möchte vielleicht auch Kritik daran äußern,
dass mittlerweile diskurslos von uns abverlangt wird, den populären
"Antifaschismus" einfach abzunicken. Eine positive und intellektuell
begründ- wie nachvollziehbare Erklärung dafür hat es jedenfalls
nicht gegeben. Ist es nicht vielmehr so, dass Dogmatismus zum zentralen
Merkmal der Politik geworden ist? Wird nicht fast jeder politischen Erscheinung
mit rechthaberischen Kampagnen begegnet? Das hat jetzt aber gar nichts
mehr mit dem Titelbild zu tun - oder vielleicht doch? Die Inszenierung
Najjars ist derart "clean" und "neutral" gehalten,
dass sie alle möglichen Blickrichtungen und Interpretationen zulässt
(s. Vito Oraem auf S.30). Erst diese Zurückhaltung des Bildregisseurs
ermöglicht die Irritation. Enthüllt sie nicht, dass wir uns
daran gewöhnt haben, zum Thema Rechtsextremismus (wie zu anderen
Themen) nur noch mediale Botschaften mit einschlägigem Inhalt serviert
zu kriegen (Glatzköpfe, Springerstiefel, Opfer...)?
Wir
widmen uns in dieser Novo-Ausgabe dem Thema Rechtsextremismus und möchten
dazu beitragen, populäre Denkschablonen aufzubrechen und der sozialen
Wirklichkeit mehr Beachtung zu schenken. Vorurteile gegenüber Ausländern
existieren nach wie vor in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, doch
ihre soziale Relevanz scheint seit Jahren abzunehmen. Dass aber in unserer
verwirrten Zeit gleichzeitig vielleicht ein paar mehr Leute als üblich
komisch drauf sind, sollte eigentlich nicht wundern.(Auch Esoterik und
Hokuspokusmedizin finden in den letzten Jahren Zuspruch.) Dahinter stehen
jedoch keine gefestigten Weltanschauungen - das Gegenteil ist der Fall.
Rechte Extremisten und Parteien führen ein totales Schattendasein.
Die NPD zum Beispiel hat derzeit bundesweit knapp 7000 Mitglieder. Das
sind etwa so viele, wie ein einigermaßen etablierter Sportverein
in einer mittelgroßen Stadt hat. 1000 neue Mitglieder verdankt die
NPD der Verbotsdebatte, die im letzten Jahr (erneut) entbrannte. Daran
zeigt sich nicht zuletzt, wohin es führt, wenn Politik und Medien
aus blassen Mücken braune Elefanten machen: Die moralbeladene Politisierung
der Thematik Rechtsextremismus ist nicht nur unverhältnismäßig.
Sie ist auch kontraproduktiv und führt zu einer Aufwertung eines
Randproblems, wodurch die Lebensqualität aller in der BRD lebenden
Menschen nachhaltig Schaden nimmt.
Auch die Forderung nach einem Verbot der NPD (vorübergehend wieder
vom Tisch) ist abzulehnen, denn sie setzt vollkommen falsche Signale.
Es wird damit nämlich suggeriert, normale Menschen seien nicht in
der Lage, mit diesem irrelevanten Splittergrüppchen umzugehen. Ein
demokratisches Gemeinwesen wird solche einfältigen Erscheinungen
des Parteienspektrums aber sicher verkraften können. Und um vereinzelten
gewalttätigen Extremisten das Handwerk zu legen, reichen die bestehenden
Gesetze.
Was wir brauchen, um regressiven Erscheinungen in der Gesellschaft Paroli
bieten zu können und unser Gemeinwesen zu entwickeln, sind nicht
Verbote und Tabus, sondern die Freiheit der Gedanken und eine schonungslos
offene Diskussion - gerade heute, wo der politische Raum durch Visionslosigkeit
und Verbohrtheit der Parteien zusehends verengt wird.
Vielleicht
sollte man sich als demokratischer Bürger sogar eher einmal davon
belästigt fühlen, wenn wegen Versammlungen einiger weniger NPD-Demotouristen
der Ausnahmezustand über Städte verhängt wird - so geschehen
in Frankfurt am Main am 7. April: Polizeikontrollen und Straßensperren
brachten den Verkehr teilweise zum Erliegen, Hubschrauberlärm und
Martinshörner nervten den ganzen Tag. Dringend des Hinterfragens
bedürftig erscheinen in diesem Zusammenhang auch die rituell veranstalteten
Gegendemonstrationen, die ebenso rituell in "heldenhafte antifaschistische"
Straßenschlachten mit der Polizei übergehen. Solches Engagement
ist eine altbekannte Kinderkrankheit linker und zumeist gutmeinender Initiativen,
hat mit antirassistischer Arbeit aber ebenso wenig zu tun wie Parteiverbote
und Moralbelehrungen der rot-grünen Regierung.
Ein (ausnahmsweise etwas zynischer) Vorschlag zum Umgang damit: Warum
stellt man nicht zur Schonung der Umwelt, der Innenstädte und unserer
Nerven ein Gelände zur Verfügung, auf dem rechte Glatzköpfe
und ihre militanten Gegner ungestört Cowboy und Indianer spielen
dürfen. Zusätzlich könnte man den Berliner Innensenator
Werthebach von der CDU (der eine Demonstration linker Gruppen am 1. Mai
nicht nur im Vorfeld untersagte, sondern sie dann auch noch mit einem
rekordverdächtigen Polizeiaufgebot zu verhindern versuchte) und einige
seiner schlagkräftigen uniformierten Jungs mit aufs Spielfeld schicken.
Der an politischer Aufklärung und sozialem Fortschritt ernsthaft
interessierte Teil der Bevölkerung könnte sich dann vielleicht
unaufgeregter den wichtigeren gesellschaftlichen Fragen widmen - z.B.
der anhaltenden rechtlichen Diskriminierung ausländischer Mitbürger
oder der unmenschlichen Behandlung von Asylbewerbern. An deren miserablem
Status möchte anscheinend auch die rot-grüne Regierung nicht
rütteln. Die verkappte Greencard des Kanzlers spricht Bände
dafür.
Mehr
zu diesem Thema können Sie in diesem Novo lesen. Eine anregende Lektüre
wünscht
Thomas Deichmann
Chefredakteur
*
Das Titelfoto von Michael Najjar entstand im Auftrag der Berliner
Werbeagentur Aimaq . Rapp . Stolle. Najjar lieferte bereits das Titelbild
der Jubiläumsausgabe Novo50/51, und er wird auch für die kommenden
Novo-Titelseiten Bildmaterial zur Verfügung stellen (worüber
wir uns sehr freuen). Im redaktionellen Teil stellen wir hin und wieder
seine Fotoprojekte vor (s.S.42).
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BITTE NOTIEREN |
> NOVO hat mit dem neuen britischen Online-Magazin
SP!KED eine Kooperation vereinbart: Wir werden zukünftig
SP!KED-Artikel übersetzen (und vice versa) und damit
unser Themenspektrum erweitern können. Das englischsprachige
Magazin gibt's unter www.spiked-online.com.
> NOVO ist mit einem Stand auf der Mainzer Minipressen-Messe
vertreten (s.S.6) - wir freuen uns auf Ihren Besuch.
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NEXT NOVO |
> Die modernen Biotechnologien sind umstritten und die
Politik steht vor der Aufgabe, die Gentechnik zu fördern,
ohne ihre Risiken und die Moralvorstellungen der Gesellschaft
zu ignorieren. Diesem Spannungsfeld widmet sich unser nächstes
Heft: NOVO 53 (Juli / August 2001)
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