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Inside Alida im Containerland:
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Hartmut Schönherr über "Big Brother" und Freiheit in den Zeiten von Arschloch und Aschenputtel.
Für diejenigen wohlgemerkt, die sich an die Spielregeln halten: So ist bei "Big Brother" zum Beispiel vorgesehen, dass jeder Teilnehmer 50 Prozent aller Einnahmen aus der "Auswertung seiner Persönlichkeit" an das Medienunternehmen Endemol abführen muss1. Wer dies oder anderes kritisiert, bekommt von den Veranstaltern zu hören, mit den Big-Brother-Events sei alles paletti, "weil sie die Freiwilligkeit der Entscheidung, also die Selbstbestimmung der Teilnehmer als Ausfluss der Menschenwürde, respektieren und sicherstellen"2. Welch eine Provokation, die heiligen Werte des abendländischen Individualismus mit einer kameraüberwachten Existenz in einem hermetisch abgeschirmten Wohncontainer zu verbinden! Und dies auch noch unter dem kulturgeschichtlich bis vor kurzem eindeutig, und zwar negativ belegten Programmtitel "Big Brother". Wirklicher als die Wirklichkeit Verständlich,
dass gerade unter aufrechten Sozialdemokraten die Empörung über
das Medienprojekt groß war und ist. Schließlich haben sie
alle ihren Orwell schon mit der Muttermilch aufgesogen. Der rheinland-pfälzische
Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) vertrat stellvertretend für
viele die Auffassung: "Es verstößt gegen die Menschenwürde,
junge Leute aus kommerziellen Gründen einzusperren und zu schauen,
was dabei herauskommt." Eine interessante Formulierung, trifft sie
doch nebenbei wesentliche Aspekte der normalen Berufsausbildung. Diese Empörung scheint wenig nachvollziehbar. MTV hatte mit "The Real World" bereits 1992 eine Wohngemeinschaft im Dauerfernsehen platziert. Zudem gab es lange vor "Big Brother" in Deutschland Künstler, die sich ein Werk daraus machten, tage- bis wochenlang irgendwo in einem Schaufenster zu sitzen und sich bei allen Verrichtungen des Alltags zuschauen zu lassen. Mehr noch: Waren nicht bereits mit den ausgehängten Klotüren der Berliner Kommune 1 und deren Medienpräsenz die ersten Schritte zum umstrittenen Endemol-Format getan? Worum
geht es in "Big Brother"? Nicht zuletzt auch um zentrale Momente
der sozialen Marktwirtschaft wie Chancengleichheit und Solidarität,
selbst wenn diese bis zur Unkenntlichkeit maskiert erscheinen. Wenn ein
schlichtes Gemüt wie Zlatko, mit allen gesellschaftlichen Stigmata
versehen, deren Wirksamkeit engagierte Sozialdemokratie ausschalten möchte,
im Container zu Ruhm, Geld und Ehren kommen kann, dann haben wir es doch
geschafft mit der Chancengleichheit, oder? Auch die Sozialpartnerschaft funktioniert bestens im Soap-Format. So haben sich in den bisherigen beiden Staffeln Arbeitgeber (Endemol-RTL) und Arbeitnehmer (die Containerinsassen) in geradezu beispielhafter Weise an die zum Wohl des Standortes notwendigen Übereinkünfte gehalten. Im Interesse der Einschaltquoten wurde - stets einvernehmlich - das getan, was auch die Sozialpartner draußen im Lande zu tun bereit sind: Mitspielen. Vielleicht
ahnten Rau, Schily und Beck, dass "Big Brother" genauer als
jede soziologische Analyse uns bildmächtig vorstellt, worauf die
parteienübergreifende Sozialdemokratie westlichen Musters in der
konsensförmigen Realisierung aufklärerischer Ideale zusteuert:
Auf eine Gesellschaft, in der das Mittelmaß zum Maß aller
Dinge wird, in der die Rundumversorgung auf niedrigem Niveau eine perverse
Synthese eingeht mit dem Versprechen erfüllter Individualität,
in der das Private im Medienformat politisch wird und komplementär
gesellschaftliche Verhaltenssteuerung ins persönliche Detail des
gesinnungstransparenten Bürgers geht. Kult der Mittelmäßigkeit Zwei prägnante Modelle zeitgenössischen Lebensstils konturieren sich nach den ersten Staffeln des Big-Brother-Unternehmens: Arschloch und Aschenputtel. Zwei Typen, die sich in einer semantisch überhöhten Ausprägung auch im jüngsten Film von Tom Tykwer, "Der Krieger und die Kaiserin", zeigen. Waren diese Modelle in der ersten Staffel noch gleichsam ungeklärt zu sehen, in Zlatko und John, dem bildungsfernen Abräumer aus Schwaben3 und dem brotbackenden Gewinner aus Potsdam, haben sie in der zweiten Staffel mit Christian und Alida unverwechselbar Gestalt gewonnen. Christian, ein ehemaliger Polizist aus dem Ruhrpott, wie schon Zlatko Frühausscheider, stürmte im Januar mit dem Hit "Es ist geil, ein Arschloch zu sein" die deutschen Charts. Er hat sich durch aggressiv-egozentrisches Verhalten im Container den Titel erworben, der zum Träger seines Songs wurde. Rufen lässt er sich "Nominator" - nach dem Ausleseprinzip von "Big Brother", wonach jeder Insasse zweiwöchentlich ungeliebte Mitbewohner für das Ausscheiden aus dem Container nominieren kann. Die
Gewinnerin der zweiten Staffel, Alida, eine 23jährige Jurastudentin
aus Eichwalde bei Berlin, fiel vor allem durch Lippen- und Zungenpiercing,
ungläubiges Kopfschütteln und freundliches Schweigen auf. Ihre
größte intellektuelle Leistung bestand in einem Satz ganz zum
Ende des Spiels: "Das gibts nicht! Es kann keine Frau gewinnen!"
Und sie gewann doch. Jeder
Mensch ein Medienstar - so wie bei Zlatko oder dem "Nominator"
hatten sich die Mütter und Väter der Arbeiterbewegung Emanzipation
natürlich nicht vorgestellt. Und Beuys hatte auch an etwas anderes
gedacht als an den John-Spruch "Mach ma lecka Brot, wa" oder
Alidas Piercing, als er "Jeder Mensch ein Künstler" propagierte. Container der Pandora? Ein
Prinzip von "Big Brother" heißt "Back to basic"4.
Denn, wer hätte es gedacht, seine entscheidende Inspiration bezog
John de Mol, der Erfinder von "Big Brother", vom Projekt "Biosphere
2" in der Wüste von Arizona, nicht von Orwell 5. Die Knast-Kommune
muss daher ohne Fernseher und Telefon auskommen, ihr Gemüse im eigenen
Garten anbauen, das Brot selbst backen. Allerdings gibt es mehr Grund, die Sendung als Abgesang auf sämtliche Modelle der gesellschaftlichen Organisation in Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu lesen. Auf Videostreaming zurechtgemacht, werden im WG-Container bei Köln die in der Gesellschaft "draußen im Lande" längst brüchig gewordenen Ideale von Französischer Revolution, Arbeiterbewegung, Monte Verità und Studentenrevolte vorgeführt und abgefeiert. 1936
hielt der als Essayist noch zu entdeckende Autor von "Animal Farm"
und "1984" seinen Genossen in der britischen Sozialdemokratie
den neu bedenkenswerten Satz vor: "Socialists have, so to speak,
presented their case wrong side foremost. They have never made it sufficiently
clear that the essential aims of Socialism are justice and liberty."
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