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NOVO 50/51

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CYBORG: Fiktion
oder Vision?


von Michael Najjar


 
 
 
 
 
 
 
 

 

 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


 



CYBORG: Fiktion oder Vision?

 

Gedanken von Michael Najjar zu seiner Fotoserie nexus project part I



Wie es scheint, befinden wir uns zurzeit in einem sich exponentiell beschleunigenden Wandel unserer technologischen und biologischen Evolution. Die reale ebenso wie die virtuelle Welt nähert sich einem Komplexitätsgrad, dem der Mensch mit seiner natürlichen biologischen Ausstattung nicht mehr gewachsen ist. Insbesondere das Problem der geringen Rechenleistung unseres Gehirns - bislang noch durch den Vorteil der parallelen Datenverarbeitung kompensierbar - fordert einen neuen Schritt in der Menschheitsentwicklung.
Wir werden unser Gehirn in naher Zukunft mit Software aufrüsten und es mit Hilfe der neuronalen Implantationstechnologie erheblich leistungsfähiger machen können: Miniaturisierte Siliziumchips werden in bestimmte Gehirnregionen implantiert, wodurch sich unsere Fähigkeit zur Informationsverarbeitung und Wissensspeicherung beträchtlich steigern lässt. Elektronische Datenströme werden dabei mit den neuronalen Pfaden des Gehirns gekoppelt, und Neuronentransistoren verbinden die Wasserwelt des Gehirns mit der Siliziumwelt der Computer. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine neue Lebensform: der Cyborg - ein Hybridwesen, eine Mischung aus Mensch und Maschine.
Dienten Computer bislang als Erweiterungen unseres Verstandes, so werden sie in Zukunft unseren Verstand erweitern. Wir werden in die Lage versetzt, unsere Gehirne zu vernetzen und Informationen sowie emotionale Signale von einem zum anderen zu übertragen - vermutlich über das Internet. Neuroimplantate werden es uns ermöglichen, direkt mit Computern zu kommunizieren. Wir werden Computer mit unseren bloßen Gedanken steuern können. Ein Netzwerk aus Gehirnen und Computern wird so entstehen. Sprache, die bislang ein Werkzeug war, um Gedanken zu übersetzen, könnte überflüssig werden.
Die zentrale Frage lautet, ob und wie sich das menschliche Bewusstsein durch Neuroimplantate verändern wird. Ungeklärt ist außerdem, wie die Gesellschaft mit den neuen Hybridwesen umzugehen gedenkt. An der Oberfläche, am menschlichen Interface bzw. am äußeren Erscheinungsbild, wird sich nichts Wesentliches ändern. Mögliche externe visuell-auditiv-haptische Schnittstellen werden uns auf den ersten Blick verborgen bleiben. Woher werden wir also zukünftig wissen, ob unser Gegenüber ein "biologisch korrektes" Wesen ist oder ein mit Software aufgerüsteter Cyborg, eine Symbiose aus Biomasse und künstlicher Intelligenz?
Jede Kultur hat ihre eigenen ethischen Grundsätze. Eines aber ist bislang allen gemein: Die individuelle Freiheit und der Wert des menschlichen Lebens stehen über dem Wert einer Maschine. Was aber passiert, wenn der Mensch mit der Maschine zusehends verschmilzt? Möglicherweise werden die neuen Wesen dem reinen menschlichen Leben den Rang ablaufen. Diejenigen von uns, die zu Cyborgs mutieren, werden dem natürlichen Menschen stets einen Schritt voraus sein. Da sich der Mensch bislang als die bedeutendste und weitentwickeltste Lebensform auf der Erde betrachtet, erscheint es nur logisch, dass sich zukünftig Cyborgs als die überlegene Lebensform definieren werden. Der rein biologisch funktionierende Mensch müsste sich aus ihrer Sicht erst noch zu ihresgleichen "weiterentwickeln".


nexus project part I beschäftigt sich mit der Identifikationsproblematik von Cyborgs angesichts der Tatsache, dass die meisten Menschen deren Entwicklung als Horrorvision empfinden. Die neun Gesichter der Fotoserie nexus project part I erzeugen durch ihr weitgehend normales Erscheinungsbild in Kombination mit irrealen, am Computer generierten künstlichen Augen ein Spannungsfeld zwischen Interesse und Bedrohung. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns heute. Die direkte Ansprache der Gesichter macht es uns kaum möglich, sich den Blicken zu entziehen. Zwar fühlen sich die meisten Menschen von der Entwicklung zur Cyborg-Gesellschaft bedroht. Doch wer wird der Versuchung widerstehen können, die Leistungsfähigkeit seines eigenen Gehirns um das Hundert- oder Tausendfache zu steigern? Die damit verbundenen Möglichkeiten können unsere Welt verändern wie keine Innovation zuvor.


Michael Najjar lebt derzeit als freier Fotograf und Künstler überwiegend in Berlin. 1993 absolvierte er bei Prof. Born an der Bildo Akademie für Kunst und Medien sein Studium des Diplom-Mediendesigns. Najjar ist u.a. für Die Zeit (Redaktion Leben) und die Frankfurter Rundschau redaktionell tätig; 2000 realisierte er Reportageprojekte in Marokko und Haiti. Weitere Reisen führten ihn nach Brasilien, Kuba und Japan. Die daraus entstandenen Projekte ¡viva fidel! - eine reise in die absurdität und japanese style wurden im Museum Ludwig in Köln und im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ausgestellt. Najjar beschäftigt sich in beiden Arbeiten mit dem Einfluss digitaler Technologien auf die klassische Dokumentarfotografie.

Werke aus der Fotoserie nexus project part I zeigt die Ausstellung Designmensch des Forum Gestaltung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg noch bis Ende 2002. Das Motiv dana_2.0 auf dem NOVO-Cover wurde 2000 mit dem kodak large format inkjet award ausgezeichnet. Das Motiv auf der gegenüberliegenden Seite trägt den Titel dieter_2.0.

Michael Najjars Website findet sich unter www.michaelnajjar.com.

   

 



   
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