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Inside Wie UN-Sanktionen
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Zehn Jahre nach dem Golfkrieg leidet die irakische Bevölkerung, vor allem Kinder, unter dem UN-Embargo. Rüdiger Göbel zieht eine düstere Bilanz der "humanitären Intervention" zur Befreiung Kuwaits.
Seit
dem Einmarsch irakischer Truppen in das Öl-Scheichtum Kuwait in der
Nacht zum 2. August 1990 ist das Land zwischen Euphrat und Tigris auf
Betreiben der USA mit den schärfsten Sanktionen konfrontiert, die
je gegen einen Staat verhängt wurden. Am 6. August 1990 wurden sie
vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der Resolution 661 beschlossen
- als Antwort auf einen offensichtlich völkerrechtswidrigen Schritt
des Irak: die Annexion des kleinen Emirats Kuwait. Der irakische Einmarsch
in das Nachbarland wurde im Sommer 1990 international einhellig verurteilt,
die völkerrechtswidrigen Sanktionen hingegen sind bis heute umstritten.
Doch sie bleiben weiter in Kraft. Dabei
gab es eine Vielzahl von Initiativen, die darauf abzielten, die Krise
am Golf auf dem Weg von Verhandlungen politisch zu lösen. Saddam
Hussein forderte am 12. August 1990, zehn Tage nach dem Kuwait-Einmarsch,
als Verhandlungsbasis die Durchsetzung aller UN-Resolutionen zum Nahost-Konflikt.
Irak werde sich aus den annektierten Gebieten zurückziehen, wenn
die Mitglieder des Sicherheitsrates auch auf Israel entsprechenden Druck
ausüben würden, den Palästina betreffenden UN-Entscheidungen
nachzukommen, teilte er mit. Vorschläge Frankreichs, der Sowjetunion
und der Arabischen Liga zur friedlichen Beilegung der Krise folgten -
alle Bemühungen aber liefen ins Leere. Die internationalen Bemühungen zur Schlichtung der Krise am Golf scheiterten, eine Verhandlungslösung wurde von Washington unterminiert. Inzwischen ist bekannt, dass die US-Administration den einstigen Bündnispartner Saddam Hussein geradezu ermuntert hatte, Kuwait zu annektieren und damit die koloniale Grenzziehung Großbritanniens zu revidieren. Bagdad soll im Sommer 1990 aus Washington das Signal erhalten haben, dass sich die USA in einen möglichen Konflikt am Golf nicht einmischen würden. Im
Gegensatz zum NATO-Krieg gegen Jugoslawien konnte sich die US-geführte
Golfkriegsallianz vor zehn Jahren wenigstens in Ansätzen noch auf
das Völkerrecht berufen. Immerhin war Bagdad in einen souveränen
Nachbarstaat einmarschiert. Und doch: Die Charta der Vereinten Nationen
wurde schon im Herbst 1990 derart verfälscht, dass sie zu einem "Kriegsinstrument
Washingtons" wurde - so der frühere US-Justizminister Ramsey
Clark in einer kritischen Aufarbeitung des Golfkrieges. Am 17. Januar
1991 begannen die USA und Alliierte mit der Operation "Desert Storm".
Hunderttausende Zivilisten und Soldaten kamen während der 42 Tage
dauernden Bombardierung des Irak ums Leben. Offensichtliches
Ziel dieser Strafaktion vor zehn Jahren war die Ausschaltung eines unliebsam
gewordenen regionalen Machtfaktors. "Wenn ein Regionalstaat gegen
vitale westliche Interessen verstößt, wird er durch die wirtschaftliche
Macht oder notfalls durch die militärische Gewalt der westlichen
Industriestaaten, gegen die es kein Gegenmittel gibt, zur Korrektur gezwungen",
resümierte einmal der Frankfurter Politikwissenschaftler Ernst-Otto
Czempiel den Golfkrieg; und weiter: "Die Bestrafung des Irak hatte
insofern auch exemplarische Bedeutung, als sie alle Regionalstaaten über
die Grenzen ihrer Handlungsfreiheit und die Folgen ihrer Überschreitung
informierte." UNICEF
zufolge sterben im Irak täglich 250 Menschen an den Folgen der Blockade.
Das sind Tag für Tag etwa zehn Schulklassen, und das seit mehr als
zehn Jahren. Die Kindersterblichkeitsrate hat sich seit 1990 versechsfacht.
Ein Drittel der irakischen Kinder leidet an Unterernährung und Untergewicht.
Laut UNICEF konnten im Schuljahr 1997/98 zudem eine Million irakische
Kinder aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht zur Schule gehen. Weitere
200.000 mussten ihre Ausbildung unterbrechen. Doktor Hannush, ein Mitarbeiter vom UN-Welternährungsprogramm, erklärte 1999 nach einem Besuch des Irak, die Zahl der Sanktionsopfer dort sei das "stille Äquivalent zu zehn Hiroshima-Bomben". Die Sanktionen gegen den Irak entfalteten sich in der Tat zu einer verheerenden Massenvernichtungswaffe. "Die ... 'sicheren' oder 'sauberen' Kriege, in denen die militärischen Akteure ... so gut wie unverwundbar bleiben, ... ähneln in ihrer Machtstruktur der Situation der Folter: Während der verhörende Folterer über alle Mittel verfügt und deshalb jede beliebige Methode einsetzen kann, hat das Opfer keinerlei Machtmittel und ist der Willkür seines Verfolgers ausgeliefert", war in der Le Monde Diplomatique im August 1999 zu lesen. Tatsächlich erinnert die Totalblockade des Landes an Städtebelagerungen aus dem Mittelalter und an brutale Pfählungen im Altertum. In beiden Fällen sollten die Opfer einen langsamen und qualvollen Tod sterben. "Ist für Außenstehende nachvollziehbar, was es heißt, ein Land zuzusperren?", fragte mich im vergangenen September Professor Ali Mansoor. Ich traf den Leiter der deutschen Abteilung der Fremdsprachenfakultät von Bagdad in der altehrwürdigen Universität Heidelberg, wohin er zu einem mehrwöchigen Forschungsaufenthalt eingeladen worden war. "Uns fehlt es in Bagdad an allem, selbst an Bleistiften", klagte er in der Neckarstadt, wo vor zehn Jahren vor den Toren des NATO-Hauptquartiers lautstarke Proteste gegen den Golfkrieg stattgefunden hatten. "Selbst Schreibmaterial darf nicht eingeführt werden, aus Angst, wir könnten das Blei extrahieren, es zum Bombenbau verwenden und die Welt zerstören. Hat man so etwas schon einmal gehört?", fragte Mansoor nach seiner Darstellung der Situation im Irak. Wissenschaftliche Arbeit sei seit dem Krieg praktisch nicht mehr möglich. "So wie die Bildung unseres Landes systematisch unterminiert wird, wird auch die irakische Wirtschaft, ja das gesamte Land durch den Sanktionskrieg zerstört. Der Bombenkrieg vor zehn Jahren war im Vergleich dazu weitaus weniger verheerend", resümierte er mit müder Stimme. "Wie oft noch und warum vom Elend erzählen, das so offensichtlich ist", meinte ich in seinen Augen lesen zu können. Die Verzweiflung und Perspektivlosigkeit des irakischen Gelehrten kam auch in einem Gespräch mit dem stellvertretenden Außenminister Iraks, Nizar Hamdoon, zum Vorschein. Der Spitzendiplomat aus Bagdad hatte die Berliner Presse am Nachmittag des 24. Oktober 2009 in den Wintergarten des Nobel-Hotels "Westin Grand" am Prachtboulevard Unter den Linden zu einer Informationsrunde eingeladen. Hamdoon hatte zuvor Termine im Außenministerium, mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der deutschen Industrie. Aber nur eine Handvoll Kollegen kam dem Gesprächsangebot an die Medien nach. Einen Niederschlag in der Presse fand der bis dahin hochrangigste Besuch aus Bagdad seit mehr als zehn Jahren praktisch nicht. "Ganz eindeutig haben die Sanktionen zu einer humanitären Katastrophe geführt. Das Schlimme an ihnen ist, dass man sie nicht sieht. Sie morden leise und haben kein Gesicht", erklärte der langjährige Botschafter Iraks beim UN-Hauptquartier in New York mit niedergeschlagener Stimme, als er explizit auf die Folgen des Embargos angesprochen wurde. Zuvor hatte Hamdoon die bei Diplomaten übliche kühl-distanzierte Sprache gepflegt. Allem Anschein nach hatte Hamdoon zu oft und vergebens über das Leid seines Landes berichtet und das Desinteresse bei westlichen Journalisten erleben müssen. Gudrun
Harrer schrieb im August des vergangenen Jahres anlässlich des 10.
Jahrestages der Verhängung der Irak-Sanktionen im Wiener Standard
nüchtern, das Zweistromland sei Objekt eines einmaligen internationalen
Experiments mit offenem Ausgang: "Was passiert, wenn man ein Land
mittels internationaler Sanktionen jahrelang international völlig
isoliert, politisch, wirtschaftlich, kulturell, einfach in allem, um es
zu einem braven Mitglied der Staatengemeinschaft zu machen? Umso interessanter
bei einem bereits relativ entwickelten Land (also nicht vergleichbar etwa
mit Nordkorea) mit einer teilweise modernen säkularen städtischen
Gesellschaft, einer vergleichsweise sensationellen medizinischen Versorgung,
einem für die Region vorbildhaften Bildungssystem und hohen technischen
Standards." Praktisch unbemerkt von den hiesigen Medien hat das italienische Parlament bereits im Juni 2000 mit 302 zu 95 Stimmen für die Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak gestimmt. Ähnliche Initiativen seitens der rot-grünen Regierung, die sich anderenorts einer energischen Menschenrechtspolitik verschrieben hat, lassen indes auf sich warten. "Die Bundesregierung wäre gut beraten, wenn sie sich in den Vereinten Nationen für die Aufhebung der Sanktionen, die die irakische Bevölkerung als Geisel nehmen, einsetzen würde", hatte im August 2000 der CDU-Außenpolitiker Karl Lamers erklärt. Auch sein FDP-Kollege Werner Hoyer forderte eine ernsthafte Debatte über ein Ende des Embargos. Doch darauf wartet man bis heute vergeblich. Im Auswärtigen Amt unter Joseph Fischer beruft man sich darauf, keine "Pole-Position" im Sicherheitsrat zu haben und mithin nichts an der gegenwärtigen Situation ändern zu können. Anlässlich des zehnten Jahrestages des Kriegsbeginns am Golf erklärte mir Hans von Sponeck, er sei überrascht und erschüttert über das "pragmatische Schweigen" des deutschen Außenministeriums zum Irak-Embargo. Die Haltung der Berliner Regierung in dieser Frage wertete der Diplomat als Zustimmung zu fortgesetztem Völkerrechtsbruch und organisiertem Massensterben. Im Gegensatz zu den südeuropäischen Bündnispartnern oder Nichtregierungsorganisationen in den USA und in Großbritannien - jenen Ländern also, die bis heute ihre Luftwaffe täglich in den Irak schicken - äußerten sich in Deutschland selbst die Oppositionsparteien nicht zu dieser skandalösen Politik. Allerorten mangelt es offensichtlich an politischem Willen, den tragischen Entwicklungen im Irak ein Ende zu setzen.
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