Editorial
Inhalt
50 mal NOVO
Wer liest NOVO und warum
Frank Füredi:
Die Gesellschaft hat sich von ihrer Zukunft
abgewandt
Für die Freiheit im Denken
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
James Woudhuysen:
Spielend arbeiten: Der Verlierer räumt
ein
Mick Hume:
Wie man Hühnern den Hals rumdreht
Katharina Rutschky:
Schlechte und gute Nachrichten
Ulrike Schwemmer:
Wer darf gesund sterben?
Hazel Rosenstrauch:
Fabelwesen und Ersatzteilmenschen
Detmar Doering:
Steuerpolitik: Rettet die "Schlupflöcher"!
Michael Wetzel:
Das Jahrhundert der Utopie "Kindheit"
Karin Jäckel:
Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein
dagegen sehr
Gunnar Sohn:
Die rote Karte für den Grünen Punkt
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Michael Miersch:
Mit Krokotaschen Krokodile schützen
Dirk Maxeiner:
Fleisch essen statt Tiere schlachten
Roger Bate und Peter Dinkelaker:
Klimagipfel Den Haag: Alle forderten irgendwas
Helene Guldberg:
Ohne Fakten bleibt dem Menschen nur Religion
S. Hugh High:
Wie die WHO dem Rauchen den Garaus macht
Lorraine Mooney:
Das Verbot von DDT tötet Menschen
Gregory Conko:
Grüne Gentechnik: Gesundes Risiko
WELTGESCHEHEN
Michael Walter:
Jugoslawien im Wandel
[Heft S.57]
Dieter S. Lutz:
Das "Gefühl" haben, Bomben werfen
zu müssen
Rüdiger Göbel:
Wie UN-Sanktionen den Irak schleichend zu Tode
foltern
DEMOKRATIE
& RECHT
Bernd Herrmann:
Menschenrechte per Fernbedienung?
Kai Rogusch:
Aufgeweckte Bürger kann auch das Gesetz
nicht schaffen
Winfried Hassemer:
Der hölzerne Handschuh des Anstands
Sara Hinchliffe:
Sex ist nicht gleich Vergewaltigung
MEDIEN &
KULTUR
Kerstin Kubanek:
Satire-Reise durch die russische Realität
Michael Najjar:
Cyborg: Fiktion oder Vision?
Roland Seim:
Wenn Kunst als sozial schädlich deklariert
wird
Hartmut Schönherr:
Alida im Containerland: "Ausfluss der Menschenwürde"?
Klaus Bittermann:
Der Hamster im Laufrad
Ingo Schramm:
Schräge Töne im Konsensgemauschel
Julian Namé:
"Meine Filme sollen nach Wahrheit riechen"
RUBRIKEN
ZEITGEISTER & UPDATES
[Heft S.6]
ORTNERS ODYSSEEN
Balla Balla?
von Helmut Ortner
STICHWORT CDU:
Leben von der Schwäche des Gegners
von Sabine Reul
EINSPRUCH BSE:
Europäisches Panik-Rodeo ohne Rind
von Michael Fitzpatrick
KÄSBLATT
Wenn Deutsche zu Orientalen mutieren
Satire von Sinasi Dikmen
NEUE MITTE
von Tillmann Prüfer
[Heft S.50]
BÜCHER
Wer liest was warum
von Georg Batz
SCHWERHÖRIBERT
S wie Schlammschlacht unter Scheinheiligen
von Matthias Heitmann
[Heft S.98]
|
Die Gesellschaft hat sich von ihrer Zukunft abgewandt
Frank Füredi
schreibt, wie sich Menschenbild und gesellschaftliche Visionen in den
vergangenen Jahrzehnten zum Negativen gewandelt haben. Er argumentiert
für eine neue Aufklärung und wünscht sich für das
21. Jahrhundert eine Wiederbelebung der Politik.
Die Politik ist sprachlos. In den Medien wird nach wie vor über Parteipolitik
debattiert, obwohl mittlerweile den meisten klar ist, dass die Parteien
von heute kaum noch etwas mit den Organisationen verbindet, die zuvor
einhundert Jahre lang die politische Landschaft beherrschten. Die Mitgliedschaft
der Parteien zerbröselt. Viele Noch-Mitglieder haben schon längst
vergessen, dass sie einer Partei angehören; die Mehrzahl der Mitglieder
sind Karteileichen. Häufig wird auch noch über die Stammwähler
einzelner Parteien diskutiert. Die Parteifunktionäre versuchen, diese
schwer fassbare Gruppe um jeden Preis bei der Stange zu halten. Ihnen
ist entgangen, dass der Stammwähler, nach langer, schwerer Krankheit,
irgendwann in den 80er Jahren das Zeitliche gesegnet hat.
Auch der Begriff des "Wahlvolks" ist heute alles andere als
klar. Die Wählerschaft ist zu einer stark fluktuierenden, vagen demografischen
Kategorie geworden, die wenig besagt. Die Mehrheit des Wahlvolks wählt
selten, wenn überhaupt. Der präsente Begriff "Politikverdrossenheit"
ist dabei noch eine saftige Untertreibung. Immer einmal wieder werden
Pläne vom Stapel gelassen, die der Wahlmüdigkeit abhelfen sollen,
z.B. verlängerte Öffnungszeiten der Wahllokale oder E-Elections.
All dies stellt aber keine Lösung dar - im Gegenteil, hinter solchen
Parolen verschwindet die eigentliche Bedeutung der Wahl vollends im Treibsand
technischer Details. Wahlen sind heute wenig mehr als ein Ritual, das
dazu dient, die kaum jemandem noch wirklich greifbare Tatsache zu zelebrieren,
dass es so etwas wie demokratische Mitbestimmung gibt. Das Parlament selbst
steht völlig im Abseits. Die Regierenden können mit ihm fast
so wenig anfangen wie die Mehrheit der Bevölkerung, und auch die
Abgeordneten selbst wissen oft nicht so recht, was der Zirkus noch soll.
Viele sehen sich heute in erste Linie als eine Art Stadtrat, als Vertreter
der Wähler in ihrem Wahlkreis. Die Vorstellung, das Parlament sei
ein Forum für die entscheidenden politischen Debatten von nationaler
und internationaler Bedeutung, ist eben das: eine Vorstellung.
Wie
bedeutungslos das politische Vokabular der Vergangenheit geworden ist,
zeigt sich, schaut man sich die Einteilung in Rechts und Links an. Vor
längerer Zeit einmal bezeichneten diese Etiketten einen wichtigen
Unterschied, nämlich den zwischen den Kräften des Fortschritts
und denen der Reaktion. Ganz grob lässt sich sagen, dass die Linke
die Gesellschaft verändern wollte und für die Emanzipation der
Menschheit kämpfte. Die Rechte hingegen stemmte sich gegen den Wandel
und versuchte das zu verteidigen, was sie für traditionelle Werte
und Strukturen hielt. Heute hat die Rechte - und es gibt überhaupt
nur noch sehr wenige Menschen, die sich als "rechts" oder "konservativ"
bezeichnen - es aufgegeben, die Tradition zu verteidigen. Bemerkenswert
war in diesem Zusammenhang eine Äußerung des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden
Friedrich Merz vor dem deutschen Bundestag. Er verbat sich im Zusammenhang
mit der Debatte um die "Leitkultur" energisch die Bezeichnung
der Unionsparteien als "deutsche Konservative". Die Traditionalisten
befinden sich, so es sie überhaupt noch gibt, an allen Fronten auf
dem Rückzug, es gibt nur noch "Parteien der Mitte". Selbst
Fuchsjäger, Privatschulen und Eliteuniversitäten betonen heute,
dass sie modern und weltoffen sind. Nicht einmal den Kirchen gelingt es
mehr, fundamentale Fragen des Glaubens und der Kirchenordnung im Sinne
ihrer Tradition zu erhalten.
So
wie aber die Rechte die Tradition nicht mehr verteidigt, hat sich auch
die Linke von Wandel und Fortschritt verabschiedet. Diejenigen, die sich
heute noch "links" nennen, sind fast immer die schärfsten
Kritiker des Fortschritts. Experimente, speziell wenn es um Wissenschaft
und Technologie geht, sind für sie eine Art Sündenfall. Früher
einmal bekämpften Linke jede Form von Aberglauben. Die, die sich
heute links nennen, bekreuzigen sich dreimal, wenn sie das Wort "Hi-Tech"
hören - um dann umgehend ihre Stoßgebete per Internet in alle
Welt zu schicken.
Die
Sprache der Politik hat jede Bedeutung verloren. Die Sprachlosigkeit zeigt,
wie tief die Verunsicherung über die Gestaltung der Zukunft ist.
Die Gesellschaft ist heute mit sich selbst nicht im Reinen, sie ist verzagt
und nimmt deshalb jede Art von Wandel als Zerstörung von Sicherheiten
wahr. Gleichermaßen ist die Gesellschaft aber auch von ihrer Vergangenheit
abgeschnitten, weshalb keinerlei Konsens darüber herrscht, welche
Traditionen und Werte verworfen oder erhalten werden sollen. Diese Gefühlslage
findet ihren Ausdruck in Wechselhaftigkeit, Widersprüchlichkeit,
Skeptizismus, Relativismus, Zynismus und Anti-Humanismus - allesamt Einstellungen,
die Distanziertheit und Passivität ausdrücken. Politisch finden
diese Strömungen ihren Ausdruck in einem - nennen wir es - "Neuen
Konservatismus".
Dieser
Neue Konservatismus hat wenig mit seinem historischen Vorläufer gemein.
Vom alten unterscheidet er sich am deutlichsten darin, dass er keine Tradition
zu verteidigen hat. Auch mit absoluten Werten kann der Neue Konservatismus
wenig anfangen. Keines seiner Anliegen ist heilig, statt dessen ist der
Neue Konservatismus ständig bereit zum Kompromiss und dazu, sich
selbst zu "modernisieren". Die Verwurzelung in der Vergangenheit
wurde gekappt. An die Stelle der Anti-Fortschritts-Argumente des klassischen
Konservatismus ist ein neues, sehr relativistisches Vokabular getreten,
das vor allem die im Munde führen, die man traditionell nicht als
"rechts" bezeichnen würde.
Am stimmigsten wird der Neue Konservatismus von denjenigen formuliert,
die in den letzten Monaten auf den Straßen Seattles, Washingtons
und Prags "gegen den Kapitalismus" protestierten. Edmund Burke,
der Begründer des britischen Konservatismus und Hauptkritiker der
Französischen Revolution, hätte an den Slogans und Argumenten
der "Anti-Kapitalisten" von heute viel Gefallen gefunden. Denn
der Radikalismus von heute ist ein Radikalismus gegen Wandel und Fortschritt.
Die Philosophie der Nachhaltigkeit, die Postulate der Risikotheorie, die
Verherrlichung der Natur und der Reinheit alles "Organischen"
bezeichnen samt und sonders ein tief sitzendes Misstrauen gegen jede Art
von Veränderung und Fortentwicklung.
Die Demonstranten in Seattle kämpften nicht für die Vision einer
von Zwängen freien, selbstbestimmten Menschheit. Sie handelten vielmehr
aus Angst vor der Zukunft und aus dem Wunsch, sich in eine mythische Vergangenheit
zu verkriechen. Offenkundig fühlen sich die Anti-Kapitalisten von
heute einer fernen Vergangenheit, die vorgeblich in Einklang mit der Natur
lebte, mehr verbunden als der modernen Welt.
Solange
die Gesellschaft so wenig mit Wandel und Fortschritt umgehen kann, wird
die Politik in ihrem Winterschlaf verharren. Da sich die Gesellschaft
von ihrer Zukunft abgewandt hat, kann sie auch keine Vorstellung mehr
davon entwickeln, wie diese Zukunft gestaltet werden soll. Fehlen solche
Ideen, wird es auch keine Visionen für die Gestaltung der Zukunft
geben - und keine relevanten politischen Entscheidungen. Die Sphäre
der Politik bleibt so trostloses Ödland. Lebendig ist Politik nur,
wenn es Visionen gibt und die Möglichkeit, sich zwischen konkurrierenden
Visionen zu entscheiden. Das Mindeste wäre die Wahl zwischen dem
Status quo und dem Wandel. Da heute aber alle Parteien für den Status
quo eintreten, gibt es auch nichts zu entscheiden. Mangels Wahlmöglichkeit
ist die Politik ein Spiel, in dem Wiedergänger einige Tanzmuster
wieder und wieder ablaufen.
Am deutlichsten ist heutzutage der Ideenmangel. Man muss einräumen,
dass Tony Blairs New Labour-Partei in Großbritannien diese Ideenlosigkeit
relativ klar als Problem erkannt hat. New Labour geht es wie einer am
Neuen Markt gehypten Dotcom-Firma - sie ist beständig auf der Suche
nach "Content", also Inhalt. New Labour veranstaltet seine beständigen
Expertenhearings nicht bloß aus Kalkül und Zynismus. Die Partei
sucht tatsächlich nach Ideen, die sie aufnehmen und in Politik umsetzen
könnte. Es geht New Labour jedoch wie ihren Konkurrenten: Angesichts
der veränderten Welt fehlen der Partei die Worte und Gedanken, die
die Welt von heute erklären oder verändern könnten. Das
scheint mir in Deutschland sehr ähnlich.
Für
Novo habe ich in den letzten Jahren wiederholt und gerne geschrieben,
da das Magazin ohne Denkschablonen neue Ideen entwickelt. Heute, nach
dem Ende der alten Politik, ist es von besonderer Bedeutung, eine neue,
zukunftsträchtige Politik zu entwickeln, die dem vorherrschenden
Neuen Konservatismus die Stirn bieten kann.
Manche Novo-Autoren sagten mir, sie seien irritiert gewesen, weil ihre
Ansätze und Überlegungen von Dritten mitunter als "rechts",
"konservativ" oder gar "reaktionär" abgelehnt
wurden. Dabei sollte es nicht überraschen, dass gerade diejenigen,
die noch ganz in der Vergangenheit leben, nicht in der Lage sind, zu begreifen,
welche Anliegen Novo verfolgt. Vereinfacht aus der Vergangenheit übernommene
Kategorisierungen nach "rechts" und "links" hemmen
jeden Versuch, die Gegenwart zu verstehen und zu verändern. Novo
bekennt sich zu zahlreichen Errungenschaften vergangener Zeiten - zu Errungenschaften,
die viele vermeintlich Progressive heute ablehnen oder nur noch halbherzig
hinnehmen. Novo ist dabei aber nicht traditionalistisch, sondern tritt
entschieden für Fortschritt und Wandel ein.
Schlagworte
wie "Machbarkeitswahn" und "Fortschrittsgläubigkeit"
zeigen, dass die Zweifel an den Fähigkeiten der Menschen das Zutrauen
in die Möglichkeiten menschlicher Kreativität deutlich überwiegen.
Deshalb ist es heute besonders wichtig, auf die Möglichkeit und die
Notwendigkeit, Fortschritt zu gestalten, immer wieder hinzuweisen. Nur
durch die Erweiterung des Wissens und durch Fortschritte in Wissenschaft
und Technologie können wir dafür sorgen, dass die Welt sicherer,
aufgeklärter und menschlicher wird. Das Problem, das wir heute zu
bekämpfen haben, ist nicht "die Arroganz der menschlichen Spezies",
sondern der Verlust jedes Vertrauens in die Möglichkeit, durch Experimente,
Tatkraft und Risikofreudigkeit Fortschritte zu erreichen.
Heute muss zuallererst die Kultur des Maßhaltens, der Bescheidenheit
und Verzagtheit angriffen werden, da sie dazu führt, dass jedes Experiment,
jeder Fortschritt als "nicht nachhaltig" abgelehnt wird. Eine
aufgeklärte Gesellschaft muss für neue Ideen, für Experimente
und für den Wandel offen sein.
Wir
leben in einer Gesellschaft, in der Wandel offensichtlich unaufhaltsam
ist. Trifft dieser Wandel jedoch auf allerlei Vorbehalte und Barrieren,
wird er zu einem Zerrbild, einer Travestie. Viele geistige und kulturelle
Neuerungen unserer Zeit zielen vor allem darauf, Wandel einzudämmen.
Ein derartiges geistiges Klima führt notwendigerweise zu einer ängstlichen
Ablehnung jeglichen Fortschritts und zu der Unfähigkeit, ihn positiv
zu gestalten.
Das kulturelle und geistige Klima von heute richtet sich im Grunde gegen
die Aufklärung und ihre Errungenschaften. Die Moderne wird dabei
vorherrschend als Prozess der Zerstörung gesehen, der im Holocaust
seinen Tiefpunkt fand. Vernunft und Rationalität gelten als problematisch
und gefährlich. Beispielhaft drückt sich dies in der sprichwörtlich
gewordenen Fehlübersetzung eines Mottos des Malers Goya aus. Hieß
es bei Goya "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" (El
sueno de la razon produce monstruos), d.h. die Abwesenheit der Vernunft
führe in die Katastrophe, so lautet die landläufig zitierte
Fehlübersetzung heute "Der Traum von der Vernunft gebiert Ungeheuer"
- das genaue Gegenteil des ursprünglich Gemeinten. Am verhängnisvollsten
ist, dass heutzutage die Besonderheit und Einzigartigkeit der Menschheit
zur Disposition gestellt wird. Die singulären, schöpferischen
Möglichkeiten der Menschen werden häufig abgetan oder bestritten.
Manche gehen dabei so weit, den Homo sapiens des "Rassismus"
gegen andere Arten zu bezichtigen.
Hiergegen
gilt es beständig die Möglichkeiten der Menschen zu betonen
- nur so lässt sich Fortschritt erkämpfen. Eine Sicht der Welt
mit dem Menschen im Mittelpunkt beinhaltet selbstverständlich auch
die Einsicht, dass Menschen destruktiv sein können und dass Interessenkonflikte
möglicherweise in einem Desaster enden. Die negativen, destruktiven
und entsetzlichen Ereignisse der letzten zwei Jahrhunderte - die Weltkriege,
der Holocaust - sind aber durchaus nicht der Preis des Fortschritts, sondern
vielmehr eine Folge mangelnden Fortschritts. Die Probleme, denen wir uns
heute gegenüber sehen, haben ihre Ursache gleichfalls nicht in Vernunft,
Rationalität oder Wissenschaft, sondern in deren Abwertung. Dort,
wo die Menschen die ihnen innewohnenden Möglichkeiten nicht umsetzen
können, wachsen auch die Probleme.
Humanismus,
Wissenschaft und intellektuelle Auseinandersetzung müssen hoch greifen
und gleichzeitig offen sein - und zwar offen für alle Gedanken und
Richtungen. Da heute die Meinungsfreiheit immer mehr durch allerlei Zensurmaßnahmen
beschnitten wird, ist es von besonderer Bedeutung, sich ohne Einschränkung
für offene Diskussionen und völlige Meinungsfreiheit einzusetzen.
Da heute sehr oft "der Mensch" als das eigentliche Problem und
Experimente und Risiken vor allem als Bedrohung gesehen werden, gilt es,
die Bedeutung, die Einzigartigkeit und die unbegrenzten Möglichkeiten
des menschlichen Subjekts besonders zu betonen. Eine Gesellschaft, die
Opfer zu ihren Helden macht, die menschliches Verhalten zum Symptom von
Syndromen und Süchten erklärt und zwischenmenschliche Beziehungen
in erster Linie aus dem Blickwinkel von Gewalt und Missbrauch betrachtet,
hat eine sehr geringe Meinung vom menschlichen Subjekt. In ebendiesem
Geiste versuchen heute zahlreiche Institutionen - vom Erziehungswesen
bis zur Arbeitswelt - uns darin zu schulen, möglichst selbstgenügsam,
bescheiden und ängstlich zu sein. So wird nicht etwa versucht, Bedingungen
zu schaffen, in denen Menschen sich selbst verwirklichen können.
Stattdessen werden Programme angeboten, die das Selbstvertrauen heben
sollen. In solchen Kursen soll man lernen, sich besser zu fühlen,
ganz gleich, was man wirklich tun oder erreichen kann. Therapieangebote,
Beratung und Betreuung für alle nur denkbaren Probleme, Notrufnummern
und Selbsterfahrungsgruppen sind typisch für unsere Zeit. Sie sind
typisch dafür, dass man sich von Ehrgeiz, Selbständigkeit und
Eigeninitiative verabschiedet hat.
Anstatt Menschen die Möglichkeit zu geben, etwas zu tun, gibt man
ihnen heute lieber die Möglichkeit, sich zu beschweren. Diesbezügliche
Foren sind so zahlreich wie frei von praktischem Nutzen. Bemitleiden lassen
kann man sich dort wegen zuviel Stress, zu wenig Liebe, wegen Kränkungen,
Beleidigungen, Belästigungen und einer Vielzahl traumatischer Erlebnisse,
die sich fast allesamt um Kleinigkeiten drehen, die früher als lästige
Bagatelle galten.
Wesentliche
Teile der Gesellschaft sind heute von Versagensangst geprägt. Einige
Lehrer haben Prüfungen bereits als eine Form von Kindesmissbrauch
bezeichnet. Um niemanden zu überfordern, werden allmählich die
Normen im Bildungswesen heruntergeschraubt. Umgekehrt werden Erfolgsmomente
und Leistungen von vornherein misstrauisch beäugt oder als fast krankhaft
abgetan.
Damit Menschen ihre Möglichkeiten ausleben und verwirklichen können,
brauchen sie mehr Spielraum und größere Autonomie. Will man
für den Fortschritt kämpfen, muss man sich deshalb dagegen zur
Wehr setzen, dass die Privatsphäre immer mehr eingeschränkt
und reglementiert wird. Der Staat mischt sich in wachsendem Ausmaß
in Dinge ein, die vormals Privatsache waren, da immer weniger davon ausgegangen
wird, dass Menschen in der Lage sind, ihr Leben selbst zu regeln. Solche
Eingriffe untergraben die Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit
aber nur noch mehr. Letztendlich führt das Misstrauen, das allgegenwärtig
gegen andere gehegt wird, dazu, dass wir nicht einmal uns selbst mehr
trauen.
Auch
der Trend, zwischenmenschliches Verhalten zunehmend zu regulieren, muss
konfrontiert werden. Wie wenig heute der Mensch als mündiges eigenverantwortliches
Individuum gilt, zeigt sich daran, dass Erwachsene immer öfter wie
Kinder behandelt werden. Der Staat und parastaatliche Institutionen bieten
mittlerweile eine Vielzahl von Kursen an, in denen Erwachsenen beigebracht
wird, wie sie ihre Beziehungen führen oder ihre Kinder erziehen sollen.
Die Gesellschaft geht heute nicht mehr davon aus, dass der Einzelne dazu
in der Lage ist, mit seinen Gefühlen, Leidenschaften und Interessen
selbstbestimmt umzugehen. Was vormals privat war, wird heute zusehends
durch Benimmregeln kontrolliert.
Das
Ende des politischen Lebens hat dazu geführt, dass der Staat und
ein ausgedehntes Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen ihren Einfluss
auf das öffentliche Leben weit ausgedehnt haben. Lobby- und Interessengruppen,
häufig irreführend "neue soziale Bewegungen" genannt,
haben das öffentliche Leben übernommen und fungieren inzwischen
als "die Öffentlichkeit". Die Folge ist, dass unser Alltag
immer mehr verrechtlicht wird, dass Dritte sich immer öfter in persönliche
Angelegenheiten einmischen und dass für jedes auch nur angenommene
Problem eine Therapie bereitsteht - wobei die Teilnahme an solchen therapeutischen
Maßnahmen immer häufiger auch erzwungen wird.
Die Annahme ist weit verbreitet, dass der Staat sich seit den 80er Jahren
immer mehr zurückgezogen, sich immer mehr privatisiert habe. Die
Annahme ist grundfalsch. Zwar wurde der Wohlfahrtsstaat "zurückgebaut",
und Regierungen sprechen viel davon, immer mehr mit privaten Lösungen
im sozialen und wirtschaftlichen Bereich zu experimentieren. Trotzdem
haben die Eingriffe des Staats erheblich zugenommen. "Im Zweifelsfall
regulieren" könnte heute das Motto der Staatspolitik lauten.
Regierungen geben heute gerne Richtlinien und Empfehlungen heraus, die
ausführen, was und wie viel Eltern ihren Kindern vorlesen sollten,
welche Art von Fleisch man essen darf und in welchen Mengen oder ob und
wann man es Kindern überhaupt gestatten kann, mit dem Handy zu telefonieren.
Es kommt uns in England schon fast normal vor, wenn staatliche Institutionen
Mütter dazu anhalten, ihre Kinder zu stillen. Jede derartige Empfehlung
oder Vorschrift mag für sich genommen trivial sein. In der Summe
ist hier jedoch ein engmaschiges Regulationssystem am Wachsen, das Menschen
jegliche Kontrolle über ihr Leben entzieht.
Wenn man Menschen nicht einmal mehr zutraut, dass sie die Ernährung
ihrer Kinder selbst auf die Reihe kriegen, kann man sie dann als mündige
Bürger behandeln, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten? Es
überrascht im Grunde wenig, dass Wahlen den meisten heute ziemlich
egal sind. Eine politische Elite, von der sie als unvernünftige Kinder
behandelt werden, gibt umgekehrt ebenso klar zu verstehen, dass es auf
sie sowieso nicht ankommt.
Die
Politik des Neuen Konservatismus ist die Identitätspolitik. Sie basiert
auf der Annahme, dass entscheidend sei, wer man ist. Zufälligkeiten
der Geburt, ethnische Zugehörigkeit oder eine Krankheit, eine Behinderung
oder sexuelle Vorlieben werden hierbei mit großer Bedeutung aufgeladen.
Eine Gesellschaft, die am höchsten das bewertet, was man ist und
weit weniger das, was man getan oder erreicht hat, weist dem Individuum
eine passive Rolle zu. Identitätspolitik ist somit nicht nur spaltend;
Identitätspolitik verlangt vom Einzelnen nichts. Jeder muss nur darüber
glücklich sein, dass er oder sie das ist, was er oder sie eben ist.
Dieses Eigenlob für etwas, für das man nichts kann, wird dann
Selbstachtung genannt.
Identitätspolitik spiegelt eine Bewusstseinsebene, die weit hinter
das zurückfällt, was die Denker der Aufklärung vor langer
Zeit erreichten. Die Aufklärung reagierte unter anderem gegen die
altbackene Annahme, dass Menschen durch ihre Herkunft geprägt und
festgelegt seien. Die Aufklärung postulierte, dass Menschen, indem
sie Geschichte machen, auch sich selbst entwickeln. So entwickelte sich
in dieser Epoche ein Bewusstsein, das über die spezifischen Erfahrungen
Einzelner oder kleinerer Gruppen weit hinausreichen konnte. Heute, da
jeder Forderung nach Universalismus fast nur noch zynisch begegnet wird,
vergisst man leicht, dass grundlegende Prinzipien der Gleichheit und Gleichberechtigung
erst mittels dieser Perspektive möglich wurden.
Es
ist notwendig, sich heute für intellektuelle Positionen einzusetzen,
die sich weitgehend vorbehaltlos der Zukunft zuwenden und den Wandel bejahen.
Dazu gehört, Pessimismus überall anzugreifen, wo er auftaucht,
und auf alle potenziell positiven Möglichkeiten und Entwicklungen
hinzuweisen. Die Menschen müssen selbst erfahren, dass den Wandel
abzulehnen ungleich gefährlicher ist als der Versuch, Wandel und
Fortschritt zum Wohle aller zu fördern und zu gestalten.
Heute, da sich alle politischen Visionen erschöpft haben, ist es
sehr einfach, pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Ein solcher Pessimismus
steht aber in keinem Verhältnis zu einer Welt, die sich auf vielerlei
Art wandelt, entwickelt und die zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten
bietet. Die Politik steckt in einer Sackgasse. Die Veränderungen
aber, die die Moderne angeschoben hat, lassen sich nicht bremsen. Auch
der Neue Konservatismus, diese Verzagtheit angesichts einer vermeintlich
chaotischen Welt, kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen.
Die
alten politischen Allianzen und Organisationen werden allmählich
neuen Formen und Inhalten Platz machen. Es ist dabei recht wahrscheinlich,
dass sich die neuen Bewegungen und Organisationen um gemeinsame Einstellungen
gegenüber Wandel und Fortschritt bilden werden. Schon heute ist die
entscheidende Frage nicht die nach Rechts oder Links, sondern die, ob
man sich für den Fortschritt einsetzt oder ihn ablehnt.
In einer Zeit, die von Verzagtheit und Angst beherrscht wird, fällt
es schwer, offen und fortschrittlich zu sein. Es gibt aber zahlreiche
Menschen, die an das humanistische Projekt glauben und die bereit sind,
sich gegen die misstrauische, ängstliche Mehrheitsstimmung von heute
zu richten. Das kann nur schrittweise gelingen. Es ist daher besonders
wichtig, die Vorstellungskraft der Menschen zu beflügeln. Hierfür
ist Novo und sind andere Projekte von Bedeutung.
Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Herrman.
Frank
Füredi lehrt Soziologie an der Universität Kent in Canterbury.
Er ist Autor zahlreicher Bücher. Im März 2001 ist von ihm erschienen:
Paranoid Parenting (The Penguin Press / Allen Lane, ISBN 0713994886,
London 2001, 224S., £7.99 bei amazon.co.uk). In Novo45 war von Ann
und Frank Füredi zuletzt der Artikel "Diagnose des Problems"
zum Thema Präimplantationsdiagnostik zu lesen.
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