Editorial
Inhalt
50 mal NOVO
Wer liest NOVO und warum
Frank Füredi:
Die Gesellschaft hat sich von ihrer Zukunft
abgewandt
Für die Freiheit im Denken
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
James Woudhuysen:
Spielend arbeiten: Der Verlierer räumt
ein
Mick Hume:
Wie man Hühnern den Hals rumdreht
Katharina Rutschky:
Schlechte und gute Nachrichten
Ulrike Schwemmer:
Wer darf gesund sterben?
Hazel Rosenstrauch:
Fabelwesen und Ersatzteilmenschen
Detmar Doering:
Steuerpolitik: Rettet die "Schlupflöcher"!
Michael Wetzel:
Das Jahrhundert der Utopie "Kindheit"
Karin Jäckel:
Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein
dagegen sehr
Gunnar Sohn:
Die rote Karte für den Grünen Punkt
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Michael Miersch:
Mit Krokotaschen Krokodile schützen
Dirk Maxeiner:
Fleisch essen statt Tiere schlachten
Roger Bate und Peter Dinkelaker:
Klimagipfel Den Haag: Alle forderten irgendwas
Helene Guldberg:
Ohne Fakten bleibt dem Menschen nur Religion
S. Hugh High:
Wie die WHO dem Rauchen den Garaus macht
Lorraine Mooney:
Das Verbot von DDT tötet Menschen
Gregory Conko:
Grüne Gentechnik: Gesundes Risiko
WELTGESCHEHEN
Michael Walter:
Jugoslawien im Wandel
[Heft S.57]
Dieter S. Lutz:
Das "Gefühl" haben, Bomben werfen
zu müssen
Rüdiger Göbel:
Wie UN-Sanktionen den Irak schleichend zu Tode
foltern
DEMOKRATIE
& RECHT
Bernd Herrmann:
Menschenrechte per Fernbedienung?
Kai Rogusch:
Aufgeweckte Bürger kann auch das Gesetz
nicht schaffen
Winfried Hassemer:
Der hölzerne Handschuh des Anstands
Sara Hinchliffe:
Sex ist nicht gleich Vergewaltigung
MEDIEN &
KULTUR
Kerstin Kubanek:
Satire-Reise durch die russische Realität
Michael Najjar:
Cyborg: Fiktion oder Vision?
Roland Seim:
Wenn Kunst als sozial schädlich deklariert
wird
Hartmut Schönherr:
Alida im Containerland: "Ausfluss der Menschenwürde"?
Klaus Bittermann:
Der Hamster im Laufrad
Ingo Schramm:
Schräge Töne im Konsensgemauschel
Julian Namé:
"Meine Filme sollen nach Wahrheit riechen"
RUBRIKEN
ZEITGEISTER & UPDATES
[Heft S.6]
ORTNERS ODYSSEEN
Balla Balla?
von Helmut Ortner
STICHWORT CDU:
Leben von der Schwäche des Gegners
von Sabine Reul
EINSPRUCH BSE:
Europäisches Panik-Rodeo ohne Rind
von Michael Fitzpatrick
KÄSBLATT
Wenn Deutsche zu Orientalen mutieren
Satire von Sinasi Dikmen
NEUE MITTE
von Tillmann Prüfer
[Heft S.50]
BÜCHER
Wer liest was warum
von Georg Batz
SCHWERHÖRIBERT
S wie Schlammschlacht unter Scheinheiligen
von Matthias Heitmann
[Heft S.98]
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Leben von der Schwäche des Gegners
Das jüngste Debakel der CDU
nach der Vorstellung des Schröder-Verbrecherplakates führt Sabine
Reul zu der Frage, wo die Parteien innerhalb ihrer inhaltslosen Politik
eigentlich geblieben sind.
Seit 1992 begleiten Novo-Autoren in Berichten, Analysen und Kommentaren
die Krise der parlamentarischen Demokratie durch zahlreiche mehr oder
minder deprimierende Etappen. Wo die Talsohle liegen mag, bleibt ungewiss,
aber in den ersten Monaten dieses Jahres 2001 scheint definitiv ein neuer
Tiefpunkt erreicht. Das wurde spätestens klar, als die CDU beschloss,
als Fahndungsfoto aufgemachte Plakate zum Thema "Rentenbetrug"
angesichts empörter Reaktionen aus den eigenen Reihen einzustampfen.
Erfinder der unglücklichen Kampagne war der nur kurz zuvor berufene
neue CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, der dem oppositionellen Profil
der Partei mehr Würze hatte geben sollen. Das überlegte er sich
beim ersten Gegenwind gleich anders. Nach dem Plakatdebakel bat der als
kämpferisch geltende, nun aber schwer gedemütigte Generalsekretär
die rot-grünen Koalitionsparteien devot um fairen Umgang zwischen
Regierung und Opposition. Nachdem schon die Wirtschafts-, Steuer- und
Einwanderungspolitik als Themen, zu denen die CDU nach der Wahlniederlage
1998 "ureigene" Positionen zu beziehen versprach, entfallen
waren, war somit auch die Rentenreform als Thema für parteipolitische
Auseinandersetzungen gegessen.
Gibt es Parteien überhaupt wirklich noch, und wenn ja, wozu bloß?
Bleiben wir beim Thema CDU und Rente: Die Dringlichkeit, mit der seit
Jahren in der gesamten westlichen Welt nach einem Zurückfahren staatlicher
Rentensysteme gerufen wird, verdankt sich (wie Novo in der letzten Ausgabe
berichtete) unbegründetem Pessimismus über die künftige
wirtschaftliche und demografische Entwicklung. Diese düstere Sicht
der Zukunft teilen alle Parteien. Die Vorstellung, heutige Generationen
müssten um künftiger willen den Gürtel enger schnallen,
weil demografische Trends und knappe Ressourcen keine andere Option zulassen,
verfügt inzwischen in der Öffentlichkeit über nahezu unangefochtene
moralische und geistige Geltung. Außerdem entspricht sie dem aktuellen
wirtschaftspolitischen Denken, das von einer "Verschlankung"
des Staats neue marktwirtschaftliche Dynamik erwartet.
Wie soll also die CDU Opposition gegen die Rentenreform machen - als Partei,
die diese Prämissen nicht nur teilt, sondern schon vertrat, als die
heutigen Regierungsparteien noch ganz anderer Meinung waren? Hier liegt
ein beachtliches Dilemma, denn sie kann es nicht. Da bietet es sich an,
als Opferanwalt für jene aufzutreten, die sich durch rot-grüne
Regierungspolitik materiell geschädigt (Rente, Gesundheit) oder in
ihrer politischen Identität missachtet ("Politrocker" als
Minister) fühlen.
Das scheint derzeit ja auch die Strategie zu sein, aber sie hat doch einige
Schönheitsfehler: Sie ist unaufrichtig und substanzlos - aber das
Problem haben andere Parteien auch. Einiges spricht dafür, dass sie
auch nicht mehrheitsfähig ist - aber da hängt viel vom Geschick
der Regierung und von Konstellationen ab, die sich wenden mögen.
Vor allem ist sie aber zu widerspruchsvoll, um Bestand zu haben.
Schließlich will die Union Regierungspartei sein, und für ein
Regierungsprojekt bietet der Auftritt als eine Art Verein der Verprellten
kaum die geeignete Grundlage. Eine Persiflage der Sozialdemokratie in
ihren schlechtesten Stunden droht eher Breschen selbst in die Stammwählerschaft
der Union zu schlagen. Das ist der Widerspruch, der die CDU immer wieder
einholt.
Meyers trostloser Auftritt im Bundestag nach der Plakataffäre entsprach
der desolaten Lage, in der sich die große Partei des Nachkriegskonservatismus
in Deutschland befindet. In den Ländern - das ist der Vorteil der
bayerischen CSU - sieht es nicht gar so schlimm aus. Aber auf nationaler
Ebene, wo die Union als politische Opposition agieren und globale politische
Orientierungsmarken anbieten muss, zeigt sich das Problem in aller Schärfe.
Für die Regierungsparteien ist das derzeit alles kein Thema. Sie
verfügen über die Gunst der Macht - ein unschätzbarer Vorteil
in einer Zeit, in der inhaltliche Auseinandersetzung kein maßgeblicher
Aspekt der Politik mehr ist. Aber weder durchschlagende Erfolge noch eine
Woge der Sympathie sind die Ursache dafür, dass die Autorität
der rot-grünen Koalition gegenüber dem ersten Jahr ihrer Amtszeit
ohne Zweifel zugenommen hat. Dieser Autoritätszuwachs verdankt sich
primär der moralischen Demontage der Unionsparteien im Zuge der Parteispendenaffäre.
Und insofern leben auch die rot-grünen Koalitionsparteien davon,
sich an der Schwäche der parteipolitischen Konkurrenz zu laben.
Es ist daher kein Wunder, dass die Parteipolitik sich inzwischen nicht
nur zu großen Teilen, sondern nahezu ausschließlich um das
Streben dreht, aus Meldungen Affären und aus Affären Skandale
werden zu lassen. Normative Kraft entfalten, wie in den Medien, die Ereignisse,
die Quote machen und ein fröhliches - oder auch gruseliges - Delirium
erzeugen. Postmoderne Denker werden begeistert sein, denn hier erfolgt
die von ihnen jahrzehntelang prognostizierte Dekonstruktion der sozialen
Welt in pure Kontingenz in einer Radikalität, die selbst ihre Erwartungen
übertreffen wird. Dass diese Welt eine postpolitische ist, in der
es auch Parteien nicht mehr gibt - dafür spricht derzeit vieles.
Sabine
Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin des Textbüros Reul (www.textbuero-reul.de)
in Frankfurt am Main. In Novo49 ist von ihr erschienen "Die verordnete
Einschränkung der Freiheit".
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