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Ein Mann wird vom Bahnhof abgeholt. Wie er heißt, wissen wir nicht. Er muss Schriftsteller sein. Er erzählt von einem Literaturwettbewerb mit dem Titel "Wettlesen des Konsuls", an dem er teilgenommen hat. Seiten später bemerken wir, dass der Abholer sein Lebensabschnittspartner ist. Ist dieser männlich oder weiblich? Wir wissen bald, dass er Brüste hat, also bestimmen wir, dass es sich um eine Frau handelt. Eine ihrer Patientinnen ist tot. Selbstmord. Was hat das mit dem Gerede des vermutlichen Schriftstellers zu tun? Er faselt etwas von einer Wernicke, die für ihr kürzlich erschienenes Buch unberechtigterweise in den höchsten Tönen gelobt wird und den Wettbewerb gewann. Gstreins Neuling: eine Kritik nicht nur an der Kritikerzunft selbst. Auch unser Schriftsteller bekommt sein Fett weg. Seine Erzähltechnik erweist sich nicht als besonders kreativ. Ein unvermittelter Einstieg, unzählige Wiederholungen rauben nicht nur der Lebensgefährtin den letzten Nerv. Dabei redet er noch nicht einmal selbst. Diese Aufgabe übernimmt die Freundin. Er ist dagegen das, worüber hauptsächlich erzählt wird. Besser: Das, worüber er redet, ist der Gegenstand, auf den wir unser Hauptaugenmerk richten müssen. Kein Titel ist treffender als der bereits von Gstrein gewählte Selbstportrait mit einer Toten. Der vermeintliche Hauptprotagonist nimmt sich dermaßen wichtig, dass die Funktion seiner Partnerin über die der Erzählerin lange nicht hinausragt. Er zeichnet eben ein Selbstportrait. Sie hingegen kommt über ihre Tote nicht hinweg und scheint langsam daran zu zerbrechen. Interessiert ihn das? Sein Geschwafel prasselt auf uns ein wie der Regen, der das Buch durchzieht. Zugegeben:
Wir finden wenig Action im Buch, und doch legen wir es nicht aus der Hand,
bis wir die letzte Seite erreicht haben. Gstrein zieht uns auf seine Seite,
ohne dass wir es merken. Wir können uns mit der Story wenig anfreunden,
aber der Schreibstil hat uns schon überzeugt. Das alles erzählt er uns in den Tagen Montag bis Mittwoch. Am Donnerstag atmen wir auf. Ein Lebenszeichen von der Erzählerin. Sie lässt uns eigene Gedanken und Gefühle zuteil werden. Sie setzt sich mit ihrer Toten auseinander. Die kursivgedruckten Schlagwörter werden weniger. Endlich ist Freitag. Die Szenerie ändert sich. Ein Restaurant und eine dritte Person kommen hinzu. Sie hat, im Gegensatz zu ihrem Gegenüber, einen Namen und einen Beruf: Marianne, die Redakteurin. Wir spüren instinktiv, dass es aufs Ende zugeht. Die Personen beginnen sich mehr und mehr zu bewegen. Dafür empfinden wir unseren schreibenden Freund als umso nervtötender. Das Buch endet so abrupt, wie es begonnen hat. Die indirekte Rede, die nur selten von direkter Rede unterbrochen wird, verspricht uns etwas Ungewöhnliches in diesem Buch. Beide Redearten sind nicht gekennzeichnet, so dass wir uns mit der Erzählerin insoweit identifizieren können, als wir uns von unserem Schriftsteller gleichsam gepeinigt fühlen. Der Roman hat einen Charakter, der sich schwer in Worte fassen lässt. Wir können nicht eindeutig bestimmen, ob wir ihn lieben oder hassen. Also lesen wir ihn doch einfach.
Norbert Gstrein: Selbstportrait mit einer Toten, Suhrkamp Verlag, ISBN 3518411233, Frankfurt a.M. 2000, 111 S., DM 28
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