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Inside Ein Schulterzucken
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Jennifer Cunningham berichtet, wie der frühkindliche Autismus für absonderliche medizinische Theorien herhalten muss und wie wissenschaftliches Denken ins Hintertreffen gelangt.
Eltern,
die sich mit dieser aktuellen Lage der Dinge nicht abfinden können
und wollen, stürzen sich auf der verzweifelten Suche nach immer neuen
Kuren und Heilverfahren häufig emotional und finanziell in den Ruin.
In den vergangenen zwei Jahren wurden eine Reihe "neuer Heilverfahren"
in den Medien vorgestellt, wodurch sich die Zahl der verzweifelt Suchenden
noch erhöht hat. Durch
die Berichterstattung der Medien bestärkt, denken inzwischen zahlreiche
Eltern, dass viele Ärzte, die zum Thema Autismus arbeiten, konservativ,
verbohrt und autoritär sind. In mir und in vielen meiner Kollegen
sieht man eine Kaste von Medizinern, die zwar einerseits eine Impfung
selbst dann noch verteidigt, wenn sie bei einigen Kindern zu Autismus
führt, die aber andererseits nicht dazu bereit ist, sich mit neuen
Theorien anzufreunden, die möglicherweise manche Symptome des Autismus
lindern können. Forscher und Ärzte wiederum, die solchen neuen
Ansätzen gegenüber aufgeschlossen sind, seien, so meint man,
mutige Pioniere, die gegen Dogmen und Kastendünkel ankämpfen. Dr. Wakefield kann selbstverständlich seine Meinung vertreten. Das befreit ihn jedoch nicht von den hohen Anforderungen präziser wissenschaftlicher Arbeit. 1994 erstellte sein Team am "Royal Free"-Krankenhaus in London bereits eine Studie, in der ein Zusammenhang behauptet wurde zwischen Masern (beziehungsweise dem Masern-Impfstoff) und einer Entzündung des Verdauungstraktes, der Crohnschen Krankheit. Die damaligen Ergebnisse konnten seither von anderen Forschern nicht repliziert werden; die in der Studie formulierte Theorie wurde widerlegt (vgl. British Medical Journal (BMJ), 17.1.1998). In Wakefields Studie über autistische Kinder wurden keine Belege für Masern-Impfstoff im Gewebe der Betroffenen angeführt. Die Theorie eines Zusammenhangs zwischen Impfung und Autismus beruht auf wenigen Korrelationen und auf Spekulation. Seit Mitte der sechziger Jahre wurden mehrere hundert Millionen Menschen gegen Masern geimpft, ohne dass sie an einer Entzündung des Verdauungstraktes oder an Autismus erkrankt wären. Die Statistiken belegen für Großbritannien eine Zunahme von Autismusfällen - eine Zunahme allerdings, die etwa ein Jahrzehnt vor 1988, dem Datum der Einführung der Mumps-Masern-Röteln-Impfung, einsetzte. Seit 1988 haben sich die Zahlen kaum verändert (BMJ, 7.3.1998). Selbst wenn es so sein sollte, dass einige autistische Kinder eine Entzündung des Verdauungstraktes hätten (und fast alle Gastroenteriologen bestreiten dies), bedeutet das noch nicht, dass dies kausal mit dem Autismus zusammenhinge. Selbst in Wakefields Studie gingen die Verhaltensänderungen, von denen behauptet wird, sie seien das Resultat von Stoffwechselfehlern im Darmtrakt, die dann wiederum zu neurologischen Schäden führte, der Erkrankung des Darmes in fast allen Fällen voraus. Dessen
ungeachtet wurden Wakefields Behauptungen in Verbindung gebracht mit den
Theorien über Sekretin. Sekretin ist ein im Zwölffingerdarm
produziertes Hormon, das in der Bauchspeicheldrüse wirkt und Wasser,
Bikarbonate und Enzyme produziert. Diese Enzyme wiederum wandeln Proteine
in Polypeptide und schließlich in Aminosäuren um. Letztere
wandern durch die Membran des Darms ins Blut. Versuchsweise wird gelegentlich
einem Patienten eine Dosis Sekretin verabreicht, um bestimmte Störungen
im Verdauungstrakt zu untersuchen oder um die Funktion der Bauchspeicheldrüse
zu testen. Nachdem 1996 Parker Tucker, ein amerikanisches Kind, das an
Autismus leidet, eine solche Testdosis erhielt, berichteten seine Eltern
von einer dramatischen Verbesserung seines Verhaltens, speziell in Hinsicht
auf Augenkontakt und die Sprache. Dies führte zu einer Flut von Anfragen
durch Eltern, die verlangten, dass auch ihr autistisches Kind Sekretin
erhielte; Ähnliches wiederholte sich zwei Jahre danach in Großbritannien.
Warum
erfreuen sich dann aber diese Theorien bei den Eltern autistischer Kinder
solcher Beliebtheit? Vor fünf Jahren, als ich zu einem Team von Medizinern
stieß, das Autismus untersucht, diagnostiziert und zu behandeln
versucht, suchten Eltern auch schon verzweifelt nach Antworten für
die Ursachen der Krankheit und nach möglichen Heilmethoden. Damals
jedoch, glaube ich, hätten sie ihre Kinder nicht Versuchen mit einer
Substanz ausgesetzt, über deren Folgen nur wenig bekannt ist. Inzwischen
allerdings unterliegen die Eltern - wie auch Forscher und Ärzte -
anderen gesellschaftlichen Einstellungen und Trends. Heute wird die moderne
Medizin oft rasch verteufelt, während alternative Medizinen und Therapien
Konjunktur haben. Damit einher geht ein Schulterzucken über die Methoden
der Wissenschaft und eine Hinwendung zu weniger rationalen, häufig
religiösen oder mystischen, vor allem aber zu wesentlich mehr subjektiven
Begründungen für Behandlungs- und Heilverfahren. Fataler als derartige Vorstellungen ist aber ein viel tiefgreifenderer Trend: der Trend, sich selbst als Opfer zu sehen, als Opfer dunkler, übermächtiger, unbeherrschbarer Kräfte. Diese heute sehr weit verbreitete Haltung kann die Tatsache nicht akzeptieren, dass es in der Natur wie auch in der Gesellschaft so etwas wie Unfälle und Zufälle gibt. Stattdessen neigen die meisten Menschen heutzutage dazu, bei Unglücken - seien es Naturkatastrophen oder genetische Defekte - stets die Schuld bei irgendjemandem oder irgendetwas zu suchen. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Eltern autistischer Kinder heute so schnell auf haltlose Behauptungen reagieren, sei es eine angeblich schädliche Impfung, sie es die falsche Ernährung. Auch die Anfeindungen, mit denen sich viele Mediziner konfrontiert sehen, sind auf dieser Basis zu verstehen. All dies führt allerdings leider dazu, dass heute bei der Behandlung autistischer Kinder immer häufiger Sicherheitsstandards bei der Behandlung ignoriert werden und die Wissenschaftlichkeit einer Diagnose unüberprüft bleibt. Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann. Zusätzlich im Heft: Was ist Autismus?
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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