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Lawrence M. Hinman vertritt die Auffassung, dass es keine Altersbeschränkung für werdende Mütter und Väter geben sollte.
Neben Frankreich wurden auch in Italien Gesetze verabschiedet, nachdem die katholische Kirche dort die künstliche Befruchtung verurteilt hatte. Gleichzeitig untersagte der italienische Verband praktizierender Ärzte und Zahnärzte seinen Mitgliedern, eine Fruchtbarkeitsbehandlung bei Frauen über 50 Jahren durchzuführen. Ein anderer Ärzteverband kündigte sogar an, dass er die künstliche Befruchtung für alle heterosexuellen Paare im zeugungsfähigen Alter künftig nicht mehr unterstützen werde. Die Diskussion um angeblich erforderliche Altersbeschränkungen für Schwangerschaften findet nicht nur im Zusammenhang mit den Methoden der künstlichen Befruchtung statt. Bislang spielte sie über nationale Grenzen hinweg vor allem bei Adoptionen eine Rolle. So wurden in manchen Ländern strenge Altersgrenzen für Mann und Frau eingeführt - in einigen für beide Geschlechter ab dem gleichen Alter, in anderen etablierte man für Frauen eine Grenze bei 30 und für Männer bei 35 Jahren. In wieder anderen Ländern errechnet man die Altersgrenze für die Zulässigkeit einer Adoption nach einer Gleichung, in die das Alter des Kindes als bestimmender Faktor einfließt. So kann ein Kind nur dann adoptiert werden, wenn zwischen dem Alter des Kindes und der Summe des Alters der Eltern nicht mehr als 65 Jahre liegen. Potenzielle Adoptiveltern, die beide 35 Jahre alt sind, dürfen demnach kein Kind adoptieren, das jünger als fünf ist. Woher aber stammt die Kritik am Kinderwunsch von Erwachsenen, die ein gewisses Alter erreicht haben? Experten sind der Auffassung, hier zeige sich vor allem die Skepsis der Menschen gegenüber neuen, noch unbekannten und unkonventionellen Lösungen. Eine Skepsis, die weniger rational als emotional zu rechtfertigen sei. Der Frage nach den Hintergründen solcher Kritik möchte ich im Folgenden auf den Grund gehen. Zum Wohl des Kindes? Eines der häufigsten Argumente gegen eine Schwangerschaft nach der Menopause und gegen Adoptionen ab einem bestimmten Alter der Wunscheltern lautet, dies sei dem Kind gegenüber nicht fair. Das Wohl des Kindes werde beeinträchtigt, denn die Eltern entwickelten altersbedingte Eigenschaften, die mit dem Wohl des Kindes nicht vereinbar seien. Der statistisch wahrscheinliche frühere Tod und ein altersbedingter Mangel an körperlicher und geistiger Energie werden als Begründung angeführt. In zweifacher Hinsicht ist diese Argumentation jedoch nicht überzeugend. Erstens sind nicht ein früher Tod und mangelnde Energie notwendigerweise durch das Alter bedingt. Und zweitens wäre erst einmal schlüssig zu erläutern, was sich hinter dem Konzept vom "Wohl des Kindes" eigentlich verbirgt. Zunächst einmal ist es nicht erwiesen, dass altersbedingte Eigenschaften dem Kind Schaden zufügen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es nicht umgekehrt sogar sehr positive Eigenschaften gibt, die mit höherem Alter und größerer Reife einhergehen. Gemessen an eventuellen Nachteilen, die sich möglicherweise aus dem höheren Alter der Eltern ergeben, können diese sogar überwiegen. Schwangerschaft oder Adoption Bevor
ich jedoch auf dieses Problem näher eingehe, möchte ich mich
zunächst mit dem konzeptionellen Unterschied zwischen der Kritik
an Schwangerschaften nach der Menopause und der Adoption von Kindern ab
einem gewissen Alter befassen. Vor allem ein Aspekt hat hierbei in Bezug
auf die Diskussion um das Wohl des Kindes großes Gewicht: Obwohl
bei dem Wunsch nach einer Schwangerschaft nach der Menopause unter Umständen
nie ein Kind gezeugt oder geboren wird, geht es in der Diskussion vordergründig
immer wieder darum, dass das Interesse des Kindes nicht gewahrt sei oder
ihm ein Schaden entstehen könnte. Dies wirft interessante Fragen
auf, die Experten wie Parfit und Feinberg in ihren Veröffentlichungen
bereits untersucht haben. Denn letztlich scheint es so, als ob dem Kind
ein noch größerer Schaden entstehen könnte als überhaupt
nicht geboren zu werden. Früher Tod der Eltern Diese
Argumentation basiert also auf der Annahme, dass Eltern, die sich erst
spät für ein Kind entscheiden, zu einem Zeitpunkt sterben, an
dem die Kinder noch relativ jung sind. Die 59-jährige Mutter der
Zwillinge in England könnte statistisch gesehen sterben, wenn die
Kinder noch wesentlich jünger sind als bei einem "normalen"
Mutter-Kind-Verhältnis. Eine Mutter, die bei der Geburt des Kindes
erst 20 oder 30 Jahre alt ist, kann natürlich im Schnitt viel mehr
Lebenszeit mit ihrem Kind verbringen als eine Frau, die erst mit 40 oder
50 ihr Kind zur Welt bringt. Doch
eine solche Haltung ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Erstens
würde eine Entscheidung, die das Leben eines Menschen maßgeblich
prägt, von doch recht unzuverlässigen Prognosen abhängig
gemacht. Denn unser Vermögen, die Lebenserwartung von Menschen zuverlässig
vorherzusagen, ist noch immer alles andere als ausgeprägt. Zweitens
wäre eine solche Handhabe restriktiver, als es die meisten von uns
akzeptieren wollten. Denn sie würde nicht nur Menschen mit unheilbaren
Krankheiten in ihrer Entscheidungsfreiheit und ihrem Kinderwunsch rigide
einschränken. Vielmehr wäre jeder, der wegen einer bestimmten
Krankheit zu einer Risikogruppe zählt oder der durch eine Behinderung
der Gefahr eines früheren Todes ausgesetzt ist, drastisch benachteiligt.
Gerade in einer Zeit, in der sich unsere Gesellschaft mehr denn je für
die Rechte von Behinderten und durch Krankheit benachteiligten Menschen
einsetzt, können durch Forderungen wie nach Verboten von Schwangerschaften
nach der Menopause neue Beschränkungen entstehen, die den fortschrittlichen
Zielen in der Behinderten- und Gesundheitspolitik zuwiderlaufen. Eis ist legitim, in Frage zu stellen, dass bei solchen Positionen immer nur das so genannte Wohl und Interesse der Kinder betrachtet werden. Folgt man der Logik solcher Argumente, so müssten eigentlich alle Entscheidungen, die wir treffen, allein von den Interessen der Kinder geleitet sein. Das würde bedeuten, dass alle anderen Belange automatisch abgestuft werden. Und dies wirft schließlich die wichtige Frage auf, welche Bedeutung den Interessen von Eltern überhaupt beigemessen werden soll. Zählen deren Wünsche und Ziele gar nichts? Wäre es nicht logisch, dass sie zumindest Berücksichtigung finden sollten? Doch dazu später. Schlechte physische Verfassung der Eltern Die
zweite zentrale Kritik an Eltern, die nicht mehr ganz jung oder sogar
wesentlich älter als in "normalen" Familien sind, betrifft
deren physische Verfassung. Aufgrund ihres Alters, so die Argumentation,
könnten betagtere Eltern viele Anforderungen, die ihre Kinder ihnen
abverlangen und die wichtig für ihre Entwicklung sind, nicht mehr
erfüllen. Doch
auch diese Bedenkengruppe vereinfacht, pauschalisiert und geht zu weit.
Denn wenn körperliche Fitness der Eltern eine essentielle Bedingung
für eine gute Kindheit wäre, könnte man sogleich konstatieren,
dass zahlreiche Kinder Mangelerscheinungen haben müssen. Denn auch
viele junge Menschen sind nicht gerade fit, sie treiben keinen Sport und
haben keinen besonderen Spaß an Bewegung. Bestrebungen, die Elternschaft aufgrund des Alters von Vater und Mutter als unangemessen zu definieren, operieren also mit Argumenten, denen keinerlei Logik und Stringenz zugrunde liegt. Es ist unmöglich, schlüssig herzuleiten, dass das Alter von Eltern zwangsläufig die oben genannten "Probleme" mit sich bringt. Ebenso wenig können Verfechter solcher Theorien glaubhaft machen, dass das Wohl bzw. die Interessen des Kindes in solchen Fällen automatisch beschnitten werden. Wo also sollte die Grenze gezogen werden? Sollten überhaupt Altersbeschränkungen für junge oder für ältere Menschen gelten? Oder haben wir nicht ohnehin relativ begrenzte Möglichkeiten, unsere Leben in dieser Hinsicht zu steuern und zu beeinflussen? Und ist es nicht auch gut so, dass die Familie zur Privatsphäre zählt, wobei uns nur in ganz besonders extremen Fällen ein Eingriff in diese Sphäre legitim erscheint? Man sollte sich darüber hinaus auch folgende Frage stellen: Sind reifere und ältere Elternpaare für das Kind unter Umständen nicht sogar von Vorteil? Bei genauerer Betrachtung kann man solche möglichen Vorteile durchaus formulieren. Zum einen sind Menschen, die, sagen wir, Ende 40 sind, in der Regel finanziell besser abgesichert. Zum anderen stehen sie wahrscheinlich in der Mehrzahl unter weniger Druck, sich in ihrem Beruf zu beweisen als junge Menschen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Eltern, die in ihrem Beruf etabliert sind, können möglicherweise auch leichter Zeit und Ruhe für ihre Kinder aufbringen. Zudem ließe sich anfügen, dass Eltern ab einem gewissen Alter auch über eine größere emotionale Reife verfügen, was sich dahingehend auswirken kann, dass sie ihre Kinder mit mehr Feingefühl erziehen. Unterschiedliche Maßstäbe zwischen Frau und Mann Es gibt aber noch ein weiteres, leicht verborgenes Argument, mit dem Schwangerschaften nach der Menopause kritisiert werden. Dieses betrifft allein die Frauen. Die Zeugungsfähigkeit von Frauen ist von Natur aus leichter zu kontrollieren als die von Männern. Während es bei Frauen nach der Menopause eine natürliche Grenze der Fruchtbarkeit gibt, können Männer ohne jeden künstlichen Eingriff und ohne jegliche Unterstützung auch in hohem Alter noch Kinder zeugen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die 62-jährige Rosanna Della Corte nach der Geburt ihres Sohnes Ricardo heftig kritisiert wurde, während sich für die Tatsache, dass auch der Vater des Kleinen über 60 Jahre alt war, kaum jemand interessierte. Spätestens an diesem Zwiespalt zeigt sich, dass die Debatte um Altersbeschränkungen von Eltern mit spätem Kinderwunsch von rein subjektiven Empfindungen geprägt ist. Ob man eine Schwangerschaft nach der Menopause oder eine späte Adoption für gut heißt oder ablehnt, ist Geschmacksache - nicht mehr und nicht weniger. Wäre das nicht so, müsste man logischerweise auch Altersgrenzen für Kinderwünsche bei Männern einfordern, man müsste Fitnesstests auch bei jungen Paaren einführen und prüfen, ob Väter und Mütter, gleich welchen Alters, genügend körperliche und geistige Energien für die Erziehung ihrer Kindes aufbringen können. In manchen Ländern wird bei der Adoption eines Kindes ein klarer Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht. Frauen unterliegen dabei schärferen Altersbeschränkungen als Männer. Das erlaubte Höchstalter kann bis zu fünf Jahre divergieren. Daraus ergibt sich eine merkwürdige Schlussfolgerung gezogen: Ein Altersunterschied zwischen Mann und Frau ist dann akzeptabel, wenn Frauen jünger sind. Die Ironie dabei ist: Wenn schon unterschiedliche Altersvorgaben gelten, dann müssten sie eigentlich umgekehrt ausfallen. Man sollte dann gestatten, dass nicht Männer, sondern Frauen bei der Adoption eines Kindes älter sind, weil sie erwiesenermaßen eine höhere Lebenserwartung haben. Selbststimmung und Autonomie Es gibt eine Grundsatzfrage, die all den Diskussionen über späten Kinderwunsch zu Grunde liegt: Wer darf oder sollte eigentlich bestimmen dürfen, ob, wie und wann sich Menschen fortpflanzen? Ich bin der Auffassung, dass Individuen diesbezüglich die größtmögliche Autonomie eingeräumt gehört. Dieses Selbstbestimmungsrecht sollte auch hinsichtlich des Eingehens der Risiken gelten. Freilich müssen Frauen über mögliche Gefahren genaustens aufgeklärt werden, wenn sie noch spät ein Kind zur Welt bringen möchten. Dennoch: Die Entscheidung, ob sie eine Schwangerschaft austragen wollen, sollte allein bei den Paaren liegen, es sei denn, eine Schwangerschaft wäre aus medizinischer Sicht unverantwortlich. Dann wären eingreifende Gespräche mit Dritten legitim. Wenn
ich die Auffassung vertrete, Männer und Frauen sollten bei der Frage
ihrer Reproduktion die größtmögliche Entscheidungsfreiheit
haben, will ich damit selbstverständlich nicht sagen, dass ich all
ihre Entscheidungen immer als richtig oder klug erachte. Deshalb möchte
ich einige abschließende Überlegungen zu bedenken geben. Man
sollte sich einmal fragen: Warum wollen manche Menschen noch in hohem
Alter überhaupt ein Kind bekommen? Die Antworten solcher Paare stimmen
erstaunlicherweise mit denen junger Wunscheltern überein. Die wichtigste
Frage lautet daher vielleicht, warum einige Paare sich nicht schon zu
einem früheren Zeitpunkt auf einen Kinderwunsch eingelassen haben.
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