Editorial
Inhalt
FREIHEIT FÜR KINDER
Helene Guldberg:
Spielend Konflikten gewachsen sein
Wendy Earle:
Pokémon knockt den Roman nicht aus
Christiane Grefe:
Warum die Ganztagsschule besser ist
[Heft S.16]
Sabine Beppler:
"Ein Schnupfen ist oft das Schlimmste,
was Kinder an Krankheiten haben."
Lawrence M. Hinman:
Als Rentner Eltern werden?
Kai Rogusch:
Ministerielle Familienstörung
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
Markus Meier:
Rot-grüne Wohn- und Wahnphantasien
Arne Hoffmann:
Man drohte der Autorin mit Mord und Entführung
Alexander Ewald:
Die Rentenreform: eine sozialpolitische Wundertüte
[Heft S.31]
WISSENSCHAFT
UND ÖKOLOGIE
Jennifer Cunningham:
Ein Schulterzucken über die Methoden der
Wissenschaft
MEDIEN
UND KULTUR
Bernd Herrmann:
Der kleine Lord ultra light
Germinal Civikov:
Die Sprache feiert
Viktor Otto:
Kettenhund & Waschbrettkopf
Heinz-Norbert Jocks:
Doch noch ein Wort für den Frieden
WELTGESCHEHEN
Jürgen Elsässer:
Ozeanien führt Krieg
[Heft S.46]
RUBRIKEN
Zeitgeister & Updates
[Heft S.8]
Ortners Odysseen
von Helmut Ortner
Stichwort
Eingeschränkte Freiheiten
von Sabine Reul
Neue Mitte
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
Einspruch
Die Feigheit der Partydödel
von Ingo Schramm
Käsblatt
Bumsen gegen Rechts
Satire von Sinasi Dikmen
BÜCHER
Wer liest was warum
von Kerstin Kubanek
Schwerhöribert Fastblinders Politisches Wörterbuch
R wie olympisches Rückwärtsrennen!
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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ORTNERS
ODYSSEEN
Ein Volk gegen Rechts!
Wir erinnern uns noch: die Shell-Tankstellen haben wir seinerzeit trotz
der Brend-Spar-Sauerei nur halbherzig boykottiert, bei diversen Lichterketten
gegen allerlei Böses in der Welt unentschuldigt gefehlt und auch
bei den in Mode gekommenen Trillerpfeifen-Demos sah man uns selten. Nein,
das neue deutsche Demonstrations- und Wutgefühl wollte schon damals
partout nicht auf uns überschwappen. Zugegeben, manchmal plagte und
schon ein wenig das schlechte Gewissen: beispielsweise als eine Protest-Crew
des Frankfurter Privatsenders "Hitradio FFH" mit ihrem Katamaran
spontan zu einem Betroffenheits-Segeltörn gegen die Atomversuche
im fernen Muroroa aufbrach und gegen harten Seegang, atomare Strahlen
und Sonnenbrand ansegelte. Wenn die mutigen Reporter via Satellit ihre
Frontberichte ins Heimatland funkten, mutierte der Dudelsender zum Durchlauferhitzer
für das gute Weltgewissen. Ganz nach dem hauseigenen Slogan "Einfach
näher dran!". Gemeinsam gegen das Böse, wo immer es lauert
in diesen Zeiten. Derzeit dort, wo der Daumen recht ist. "Bürger,
seid gegen Rechts!" - das fordern dieser Tage der Bundeskanzler,
Herr Thierse, Herr Rau und Herr Stoiber.
Und so erklärt derzeit so ziemlich jeder anständige Bürger,
dass er gegen rechte Gewalt ist und Rassismus und Terror gegen Ausländer
verabscheut. Das ist natürlich gut und richtig so. Und es ist auch
nicht falsch, wenn Pädagogen und Soziologen, Psychoanalytiker und
Sozialpsychologen - kurz: die ganzen üblichen Verdächtigen -
nützliche Hinweise geben auf den Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft
und der sozialen Lage von rechten, jungen Schlägern. Aber: Geht es
nicht in vielen Teilen der Welt Leuten nicht viel, viel schlechter als
in Eberswalde oder Magdeburg, ohne dass sie ihre Mitmenschen jagen, prügeln
und tottreten?
Neuerdings wünschen sich der Bundeskanzler, Herr Thierse, Herr Rau
und Herr Stoiber, wir sollen noch mutiger sein. Zivilcourage sollen wir
üben und uns den mit Baseballschlägern und Springerstiefeln
bewaffneten Irrläufern in den Weg stellen und wenn es sein muss,
auch mal in Kauf nehmen, das uns diese zweibeinigen Kampfhunde den Schädel
einschlagen. Da fragen wir uns doch: Ist das nicht eigentlich der Job
für die behelmte Polizei? Hat die ebenfalls dafür zuständige
Justiz gerade Wichtigeres zu erledigen?
Vor wenigen Tagen fand sich ein Flugblatt in meinen Briefkasten: "Aufstehen
gegen Rechts!" Genau, durchzuckte es mich, das ist es: Aufstehen
gegen den Terror, nicht einfach sitzen bleiben und Tee trinken! Anschließend
vielleicht Rasieren für den Frieden, Frühstücken gegen
George Bush, Zeitungslesen gegen Korruption und Schwarze Kassen - so zeigt
sich Zivilcourage. Oder?
Helmut
Ortner arbeitet als Buchautor und Journalist in Frankfurt am Main.
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