Editorial
Inhalt
SYSTEMWANDEL IN EUROPA
Cora Stephan:
Moral ist... wenn der Politik nichts mehr einfällt
James Heartfield:
Politik, die der Korruption die Grube gräbt,
fällt selbst hinein
Alexander Ewald:
Der Wähler als Risikofaktor
Kai Rogusch:
In dubio - Im Zweifel gegen Österreich
Gerhard Zeillinger:
Die österreichische Schande und die europäische
Moral
Matthias Heitmann:
Die Grünen im Strudel der Inhaltslosigkeit
Yvonne Caldenberg:
Wien im März: Bericht zur Lage
[Heft S.25]
INTERVIEW mit dem Staatsrechtler Josef Isensee:
"Nach Thierses Interpretation des Parteiengesetzes
müssten alle Parteien zahlen"
Sabine Beppler:
Volksentscheide als Zeichen politischer Ideenlosigkeit
POLITIK UND GESELLSCHAFT
Jan Macvarish:
Eine Ohrfeige für den Feminismus
[Heft S.33]
WISSENSCHAFT UND ÖKOLOGIE
Thilo Spahl:
Embryonen als medizinisches Material
Roger Bate:
Komm lasst uns tanken - ein ganzes Leben lang
[Heft S.36]
Edgar Gärtner:
Von einem Chemiker, der nicht an den Klimawandel glauben wollte
[Heft S.38]
Michael Miersch im Gespräch mit dem Mitbegründer und Kritiker
von Greenpeace, Patrick Moore:
Greenpeace hat sich von Logik und Wissenschaft
verabschiedet
MEDIEN
UND KULTUR
Thomas Deichmann:
Krieg mit Bildern oder Wer lügt
gewinnt
Arne Hoffmann:
Pamphlet zur Rettung von Gewaltpornos
RUBRIKEN
Zeitgeister & Updates
[Heft S.8]
Ortners Odysseen
von Helmut Ortner
Stichwort
Politik im Wandel
von Sabine Reul
Käsblatt
Orientalischer Korruptionsberater
Satire von Sinasi Dikmen
Neue Mitte
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
BÜCHER
Wer liest was warum
von Georg Simader
Schwerhöribert Fastblinders Politisches Wörterbuch
O wie "Opferopferung"
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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ORTNERS ODYSSEEN
TV total
Ich kann das Klagegeschrei gegen das Fernsehen nicht teilen. Mal unter
uns: Nur das Fernsehen zeigt uns doch unverblümt und ungeschönt
das Ausmaß des ganz normal waltenden Schwachsinns. Das fängt
schon bei den infantilen Begleitmelodien an, setzt sich fort beim Auftritt
dauergeföhnter und -lächelnder Ansagerinnen und Ansagern, die
ihre Sätze und Botschaften vortragen, als sprächen sie zu Kleinkindern
oder Hirnamputierten, und findet einen seiner Höhepunkte in allerlei
bunten Werbeclips, in denen uns gnadenlos gut gelaunte Menschen mit debiler
Offenheit demonstrieren, wie angenehm es sich mit Frühstücksmarmelade,
Rasierwasser und Allways ultra leben lässt. Immer wieder ein telegener
Genuss: unsere politische Elite. In den üblichen Palaver-Runden präsentiert
sie sich so, wie wir es erwarten: dumm, dreist und verlogen. Schäuble,
Rühe, Stoiber, Westerwelle und Konsorten - auf allen Kanälen
das bildschirmgroße falsche Grinsen unserer Volksvertreter. Spenden-,
Steuer-, Flugaffären: eine Soap, die Quote bringt, aber selbst beim
tv-gestählten Zuschauer mitunter schlechte Laune verursacht. Doch
das Fernsehen, das sie groß macht, wird sie später zur Strecke
bringen, und darin liegt etwas Tröstliches - oder? Seine große
Qualität entfaltet das Fernsehen indes erst in den nachmittäglichen
Talkshows: Von "Meine Freundin ist eine Lügnerin" und "Du
bist mir viel zu fett" über "Ich bin nicht der Vater deiner
Kinder" bis hin zu "Hilfe, mein Mann will immer" wird da
nichts ausgelassen, was die Erosion herkömmlicher Scham- und Moralvorstellungen
aufhalten könnte. Hinter einer transparenten Wand darf Tierliebhaber
Andy bei Arabella vor einem Millionenpublikum von den "großen,
weichen Geschlechtsteilen des Pferdes" schwärmen. Frage der
smarten Moderatorin: "Sag mal, hast du eigentlich Sex mit wechselnden
Pferden oder bist du einer Stute treu?" Die Banalität der Perversion
ist unerschöpflich. Die Shows leben von dem Wahn, lieber mit dem
eigenen Versagen als mit gar nichts berühmt zu sein. Lieber eine
bekannte Sau als ein integres Nichts. So demokratisch kann Fernsehen sein.
Helmut Ortner arbeitet als Buchautor und Journalist in Frankfurt
am Main.
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