Editorial
Inhalt
FEMINISIERUNG
Eva Balzer und Matthias Heitmann:
Von der Frauenbewegung zur "feminisierten
Gesellschaft"
Jennie Bristow:
Der Mann hat die Brötchen an und die Frau
verdient die Hosen
Gordon Graham:
Weibliche Intuition versus männliche Logik
[Heft S.17]
Sabine Beppler:
Skandalöse Kampagnen gegen Männergewalt
Arne Hoffmann:
Häusliche Gewalt ist weiblich
Markus Meier:
Wie ein Doppelmord langsam in Vergessenheit geriet
[Heft S.25]
DEMOKRATIE UND RECHT
Kai Rogusch:
Mehr Gesetze und weniger Rechte
[Heft S.28]
WISSENSCHAFT UND ÖKOLOGIE
Ann und Frank Füredi:
Über die Vorzüge der Präimplantations-
diagnostik
BALKANKRIEG
Jürgen Rose:
Warum die NATO Jugoslawien angriff
Volker Böge:
Transatlantische Widersprüche
Thomas Deichmann:
Scharping-Lügen haben kurze Beine
MEDIEN UND KULTUR
Roland Seim:
Das Abstrafen der Sündenböcke
Helene Guldberg:
Mekka für Verleumdungskläger
RUBRIKEN
Zeitgeister,
Updates, Daneben
[Heft S.8]
Ortners Odysseen
von Helmut Ortner
Stichwort
CDU-Spendenskandal
von Sabine Reul
Käsblatt
Ost-hellenistisches Türkenreich
Satire von Sinasi Dikmen
Neue Mitte
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
BÜCHER
Wer liest was warum
von Burkhard Müller-Ullrich
Schwerhöribert Fastblinders Politisches Wörterbuch
N wie Neue Frauen oder: Erfolg macht unglücklich!
von Matthias Heitmann
[Heft S.50]
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CDU-Spendenaffäre: Die skandalöse Skandalaufklärung
Manch eine Politikerkarriere endete
in der Vergangenheit zu Recht vor Gericht. Doch der Spendenskandal
der CDU wird viel zu hoch gehängt, findet Sabine
Reul.
Als der frühere Schatzmeister Walter Leisler Kiep sich am 5. November
vergangenen Jahres der Augsburger Staatsanwaltschaft stellte und zugab,
jenen berüchtigten Koffer mit Barem in der Schweiz in Empfang genommen
zu haben, ahnten wohl nur wenige, welche Folgen dieser Schritt noch auslösen
würde. Er setzte einen Prozess in Gang, der mit zwei Ergebnissen
enden wird: der Zerstörung der CDU – oder zumindest der, die
wir kennen – und der Durchsetzung eines neuen Politikmodells. Die
Zerstörung der CDU werden manche als schmerzlich, andere als verkraftbar
erachten. Das neue Politikmodell hingegen, das sich im Umgang mit diesem
Skandal abzeichnet, lässt einen tatsächlich schaudern.
Skandale hat es in der Politik natürlich schon immer gegeben. Sie
erregen mal mehr, mal weniger großes öffentliches Missfallen,
werden mal mehr, mal weniger energisch geahndet und führen, soweit
Gesetzesverstöße vorliegen, zu Recht zum jähen Ende manch
politischer Laufbahn vor Gericht. Besondere Qualität erlangen Politikskandale,
wenn sie, wie im vorliegenden Fall, zum Medium gesellschaftlicher Prozesse
werden, die zum Anlass des Skandals nur bedingt in Relation stehen, den
Skandal aber brauchen, um endgültig zum Durchbruch zu gelangen.
Die
neunziger Jahre waren das Jahrzehnt solcher Skandale. Erst in Italien,
dann in Belgien und schließlich in milderer Form in England waren
Korruptionsvorwürfe der Auslöser für gesellschaftliche
Dramen, in deren Verlauf die bürgerlichen politischen Parteien moralisch
aufgerieben und schließlich mehr oder weniger nachhaltig marginalisiert
wurden. Die Aufdeckung einer Schmiergeldaffäre in Italien im Jahre
1992 endete mit der Liquidierung der konservativen “Democrazia
Christiana” und des “Partito Socialista”. Darauf folgten
eine bis heute andauernde Prozesslawine und die unaufhaltsame Zersplitterung
des italienischen Parteiensystems. In Belgien lösten Hinweise auf
Kindesmissbrauch an höchster Stelle eine Woge der Empörung
aus, von der sich das politische System des kleinen Landes wohl nie richtig
erholen wird, während in England die ohnehin geschwächten Tories
seit Jahren von immer neuen Korruptionsvorwürfen an die Wand gedrängt
werden. In all diesen Fällen ist der Skandal die Form eines verdeckten
Machtkampfs zwischen alter und neuer politischer Elite.
Zum
Jahrtausendwechsel erlebt nun also auch Deutschland dieses Drama. Wie
in Italien, steht wieder die Rolle des Geldes in der Politik im Mittelpunkt
der Affäre. Die inzwischen – zu großen Teilen von ihr
selbst – aufgedeckten Unregelmäßigkeiten der CDU in
Zusammenhang mit ihren Spendeneinnahmen haben immer ausufernderen Spekulationen
Raum gegeben. In deren Folge werden der Partei immer schärfere zivil-,
partei- und strafrechtliche Sanktionen angedroht. Zwar liegen bis zum
heutigen Redaktionsschluß keine Belege dafür vor, dass der
CDU neben der Umgehung des Spendengesetzes andere illegale Vorgänge
unterlaufen sind. Aber führende Vertreter der rot-grünen Regierungsparteien
bedienen sich im Umgang mit der CDU inzwischen einer Sprache, die pauschaler
Vorverurteilung Vorschub leistet.
Schon
seit die Affäre im November mit der Aufdeckung jener Million
des Waffenhändlers Schreiber in Gang kam, wird Altbundeskanzler
Kohl mit dem Schlagwort “System Kohl” der Öffentlichkeit
als Pate einer quasi-mafiosen Vereinigung vorgeführt. Mit diesem
Sprachgebrauch wurden Kohl und seine Partei einem Generalverdacht ausgesetzt,
in dessen Schatten sich immer weitreichendere Unterstellungen wie von
selbst einstellen.
Was soll aber eigentlich das System Kohl gewesen sein? Die bislang vorliegenden
Erkenntnisse über Schwarzkonten und inkorrekte Rechenschaftsberichte
lassen die starke Vermutung zu, dass die CDU über Jahre hinweg in
den Genuss von Spenden aus unversteuerten Geldern kam. Die betreffenden
Spender hätten sich, so darf man weiter mutmaßen, der Steuerhinterziehung
schuldig gemacht. Das wäre, so es denn stimmt, unbestreitbar ein
Vergehen. Aber es wäre kein Vergehen, das die CDU als Empfänger
der Spende trifft.
Bis entsprechende Nachweise vorliegen, ist es im Übrigen eine Vermutung.
Und selbst wenn die Vermutung sich bewahrheitete, hieße es den
Bogen arg überspannen, die beliebteste deutsche Regelverletzung
gleich der organisierten Kriminalität zuzuschlagen oder gar, wie
in den letzten Wochen geschehen, als Verfassungsverstoß zu werten.
Wie der Staatsrechtler Josef Isensee in einer detaillierten rechtlichen
Bewertung des Skandals in der FAZ bemerkte, haben wir es hier mit einem “semantischen Überbietungswettbewerb” zu
tun: “Er steigert sich zum “Verfassungsbruch”, nicht
etwa einem einmal verübten, sondern dem “permanenten”.
Wer bietet mehr?” (28.1.2000). Diese zum Anlass in keinem vernünftigen
Verhältnis mehr stehenden Anschuldigungen kommen politischer Justiz
gefährlich nahe. Und dabei werden Handlungen, deren Unrechtmäßigkeit überhaupt
erst einmal zu klären wäre, in der öffentlichen Debatte
zu Indizien für jegliche Vorstellungskraft sprengende Kriminalität.
Dass hier jede Differenzierungsfähigkeit und jedes Augenmaß verloren
gegangen sind, zeigt die Aufregung über die Mutmaßung, die “Schwarzgelder” der
CDU seien eventuell auf verborgenen Konten der Partei gehortete Vermögen
aus der Zeit vor dem Flick-Skandal. Hätte die Partei Gelder, die
ihr in den vorausgegangenen Jahren zugeflossen waren, verbrennen sollen?
Das “System Kohl” ist ein Konstrukt, aber ein ungeheuer
potentes. Es spielt auf eine kriminelle Verschwörung zwischen der
konservativen Volkspartei CDU und dem großen Geld an. Es ist nicht
nur geeignet, die öffentliche Phantasie anzuregen, sondern auch
die latenten Spannungen zwischen den ohnehin auseinander driftenden Generationen
und Strömungen in der Partei anzuheizen.
Aus dem Generalverdacht erwachsen derweil ständig neue Unterstellungen
und aus diesen wiederum immer unaufhaltsamere Weiterungen des Geschehens.
Kohls “Ehrenwort” zum Beispiel gilt inzwischen als unhinterfragbarer
Hinweis, der Altbundeskanzler verberge etwas. Natürlich steht es
jedem frei, in dieser Richtung zu spekulieren. Mag sein, die fraglichen
Spender wünschen ungenannt zu bleiben, beispielsweise weil die fraglichen
Spenden eben unversteuerte Gelder waren. Kohl mag die Nennung seiner
Spender aber auch tatsächlich aus Loyalität, Ehrgefühl
oder schierem Stolz verweigern. Wir wissen es nicht. Selbst wenn Hinweise
für das Gegenteil vorlägen, wäre der Altbundeskanzler
nach geltendem Recht nicht verpflichtet, sich selbst zu beschuldigen
oder seine Gönner zu offenbaren.
Die Empörung über Kohls Verweigerung dieser Offenbarung setzt
jedoch die Unterstellung voraus, sie sei Unrecht. Wohl um dieser Gestalt
zu geben, ist man inzwischen dabei, juristisch zu prüfen, ob man
Kohl, nachdem ihm schon auf sehr schwachen Füßen stehende
Ermittlungen wegen Untreue angehängt wurden, nun auch noch die Aufhebung
des Aussageverweigerungsrechts androhen kann. So wird aus einer Unterstellung
eine juristische Weiterung der Affäre, die ihrerseits wieder neuen
Vermutungen Raum gibt.
Kohl mag natürlich auch der Corleone eines bislang unbekannten globalen
Verbrecherrings gewesen sein. Auch das wissen wir nicht. Allerdings ist
es von allen möglichen Konstruktionen wohl die unwahrscheinlichste.
Aber genau sie prägt inzwischen, mal verdeckt, mal offen, den gesamten
Tenor des Skandals.
Es ist schwer zu sagen, was daraus noch erwachsen wird. Dass die CDU
unter diesen Gegebenheiten der Mitwirkung an der Aufklärung der
Affäre allmählich leid werden mag, wäre zu erwarten. Aber
sie hat, sei es aufgrund innerer Spannungen, Defensivität oder schlechtem
Krisenmanagement, die erste Runde dieser Auseinandersetzung bereits verloren.
Was auch immer sie tut, bietet inzwischen nur Anlass zu neuen Beschuldigungen
und der Androhung weiterer Sanktionen.
Auf
das Bekenntnis der hessischen Parteiführung, zunächst
als Vermächtnisse ausgegebene Spendeneinnahmen seien in Wirklichkeit
Transfers von Parteivermögen aus der Schweiz gewesen, folgte umgehend
der geradezu abenteuerliche Vorwurf des Wahlbetrugs und dann die Forderung
nach Neuwahlen. Ähnlich wie in der Frage des Ehrenworts liegen auch
hier gleich mehrere unzulässige Folgerungen mit haarsträubenden
rechtlichen Implikationen vor. Die hessische CDU besitzt unbestreitbar
und nach eigenem Bekenntnis mehr Geld, als sie nach dem Parteiengesetz
haben dürfte. Daraus zu folgern, sie habe die Wahlen im Frühjahr
vergangenen Jahres aufgrund ihrer wohlgefüllten Parteikasse gewonnen,
ist nicht nur in höchstem Maße spekulativ und eine Beleidigung
der hessischen Wähler. Dass es, weil das Geld einem Verstoß gegen
das Parteienfinanzierungsgesetz entstammte, auch im Wahlkampf der hessischen
CDU mit unrechten Dingen zugegangen sei, fußt auf der weiteren
Unterstellung, die Wahlkampffinanzierung aus Eigenmitteln der Parteien
unterliege einem Limit.
Diese Unterstellung wiederum ist schlicht unzutreffend. Aber sie stieg
in dem Moment in den Rang einer Tatsache auf, wo sie als Begründung
der Annahme des Wahlbetrugs in Erscheinung trat, denn nach den Gesetzen
der Logik müssen Begründungen nun einmal Tatsachen sein. Dieser
Vorgang wurde durch die Abstimmung über Neuwahlen im hessischen
Landtag und die Anrufung des Wahlprüfungsgerichts vollendet. Der
Anwurf des Wahlbetrugs wurde zwar nicht plausibler, aber er formt nun
das Bild der CDU in der Öffentlichkeit ganz so maßgeblich,
als sei er zweifelsfrei erwiesen.
Selbstverständlich ist das Parteiengesetz dazu da, eingehalten
zu werden, und die CDU wird für ihre Schwarzkonten und irreführenden
Rechenschaftsberichte zu Recht schwer büßen müssen. Aber
was hier stattfindet, ist eine moralisch und juristisch aufgeblasene
Rufmordkampagne. Die alte Weisheit, Skandale seien die niedrigste Form
der Politik, erfüllt sich hier in vollstem Umfang. Der weitverbreiteten
Meinung, die Skandalbearbeitung der letzten Monate sei ein Gewinn für
die Demokratie, ist daher entschieden zu widersprechen. Hier zeichnet
sich ein gänzlich undemokratisches Politikmodell ab, das geltende
Rechtsnormen bedenkenlos einer jedes Augenmaß verlierenden Vergeltungsaktion
opfert.
Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin des Textbüros Reul
(www.textbureau.com) in Frankfurt am Main. In Novo44 ist von ihr erschienen “Peter
Sloterdijk als Zarathustra”.
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