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Mit einer neuen Sortieranlage namens "Sortec 3.0" will die Duales System Deutschland AG ihre verärgerten Gesellschafter beruhigen. Eine millionenschwere PR-Kampagne im Rahmen der EXPO 2000 soll zudem das Image des Müllgiganten aufmöbeln. Von Gunnar Sohn
Um von der milliardenschweren Finanzlast des Müllmonopolisten abzulenken, operieren die Manager des Dualen Systems mit einer gigantischen PR-Offensive. Der Herr der Grünen Punkte, Wolfram Brück, ist dabei ein Meister im Verkünden von Wahrheiten mit Eselsohren. In einem Interview mit einer Wochenzeitung propagierte er kürzlich das Märchen von der wundersamen Verringerung der Müllkosten mit Hilfe vollautomatischer Sotiertechnik. Auf der EXPO erleben wir nun die Präsentation dieser Innovation für die Abfallbranche: Mit der "Sortec", so der Name der Anlage, will man erzürnte Gesellschafter des Dualen Systems ruhig stellen. Man feiert die Maschine schon in der pränatalen Phase als technische Revolution und ökonomischen Durchbruch im Recycling. Eine großtechnische Bewährungsprobe hat die Sortec allerdings noch nicht bestanden. Es gab schon viele Versuche, aus Müll mit sortiertechnischer Geisterhand wieder Gold zu machen. Experten einer Tochtergesellschaft des Dualen Systems meldeten denn auch Hiobsbotschaften: "Die Anlage läuft nicht gut. Stillstandszeiten und Dauerreparaturen sind vorprogrammiert." Von der Müllbranche wird die "Wundertechnik" mit Skepsis betrachtet: Verdreckten Abfall sollte man mit einfachen und robusten Verfahren behandeln. Verpackungsmüll eignet sich sehr schlecht zum vollautomatischen Sortieren. Das zeigen einige Fehlversuche in den letzten Jahren. So musste eine Pilotanlage in Köln wieder abgebaut werden, nachdem sie die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllt hatte. Bei einem Durchsatz von 500 Kilogramm je Stunde sollte in der Anlage ein Multi-Sensor-System die charakteristischen Merkmale der Produkte wie Form, Farbe und Metallgehalt erfassen. Diese Daten wurden an einen lernfähigen Rechner übermittelt, in dem aufwendige Programme auf Basis neuronaler Netze die Erkennung jedes Verpackungsteils übernahmen. Der Betreiber der Anlage scheiterte an der komplexen Aufgabe. Eine mindestens eben so aufwendige Maschine hat das Aachener Ingenieurbüro Hoberg & Partner für den Grünen Punkt entwickelt. Mit Trommelsieben, Windsichtern, Magnetscheidern, opti-elektronischer Sortierung, nassmechanischer Aufbereitung und "Kunststoffveredelung" soll die Sortec aus Müll verwertbare Stoffe machen. An dem volkswirtschaftlichen Sinn zweifelt der Bochumer Arbeitsökonom Erich Staudt. Was die Konsumgüterindustrie für die Sammlung, Sortierung und Verwertung zahlen muss, sei eine teure Subvention. Ohne diese Zuzahlung würden die aus Altmaterial hergestellten Produkte überhaupt nicht entstehen. Die Gefahr von Öko-Dumping vermutet indirekt auch das Fraunhofer-Institut. Es mache keinen Sinn, Zaunpfosten oder Pflastersteine aus Recyclingkunststoffen zu fertigen. Das koste wesentlich mehr Energie als deren Produktion aus Beton oder Holz (vgl. Wirtschaftsbild, Nr. 38/99, S.21). "Der Zwang zur stofflichen Verwertung des Plastikmülls ist schlicht ökologischer Klamauk, kostet den Verbraucher aber drei- bis viertausend Mark pro Tonne. Dieser naturwissenschaftliche Unfug springt umso mehr ins Auge, wenn man gleichzeitig bedenkt, dass nur vier Prozent der Erdöleinfuhren zu Kunststoff verarbeitet werden", kritisiert überdies der Frankfurter Chemiker Heinz Hug. Warum will man den Kunststoff nicht einfach unsortiert verbrennen? Das Recycling jedes Plastikfetzens sei eine Schnapsidee, die der Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren rund siebzehn Milliarden Mark gekostet hat. "Mit diesem Geld hätte man gut und gerne vierzig oder fünfzig hochmoderne Müllverbrennungsanlagen bauen können, ohne Schadstoffprobleme, ohne Müllexporte ins Ausland, ohne Korruptionsskandale in der Müllwirtschaft und ohne eine Verschandelung der Städte mit unansehnlichen Containern, aufgerissenen Gelben Säcken und schmuddeligen Gelben Tonnen", so Hug, Autor des Buches Der tägliche Ökohorror. Mit einer groß angelegten energetischen Verwertung hätte man aus dem Verpackungsabfall Fernheizwärme und Strom gewinnen können - nur so sei ein schonender Umgang mit den Energievorräten möglich. "Der Grüne Punkt ist kein selbstloser Turnverein, sondern ein knallhartes Müllunternehmen, das konkurrenzlos an unseren spätpubertären Endzeitphantasien verdient und den Markt an sich gerissen hat", betont Hug. Mit der EXPO-Präsentation der vollautomatischen Sortierung steuert das PR-Spektakel des Dualen Systems einen neuen Höhepunkt an. In PR-Kreisen geht man davon aus, dass das EXPO-Engagement des Abfallriesen weit über 100 Millionen Mark kostet: Die World-Partnerschaft allein kostete netto 15 Millionen Mark, die Pilotanlage Sortec liegt bei 23 Millionen Mark. Hinzu kommen der Bau des Pavillons und das bunte Rahmenprogramm. Industrie und Verbraucher müssen also tief in die Tasche greifen. Der Grüne Punkt vermarktet sich dabei als "Perfomance-Idylle" mit Licht- und Lasershow à la Electric-Parade eines Disney-Parks. Mit beleuchteten Heißluftballons rundet man den Gedanken der Kreislaufwirtschaft ab: der Grüne Punkt als "Oase der Ruhe und Beschaulichkeit". Große Luftballons weisen weithin sichtbar zur nächsten "Wertstoffinsel". Dass die Idylle manchmal trügt, müssen vor allem kritische Journalisten erleben. Wer den großen Müllbruder publizistisch hart anpackt, muss mit harten Sanktionen rechnen. Hier gibt sich der Grüne Punkt mit der Öffentlichkeitsarbeit der EXPO anscheinend die Hand.
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