Wenn selbst
die Bibel
auf den Index kommt...
Das neue nette Wort für Zensur lautet Selbstregulierung.
Provider wollen künftig aussortieren was Internet-Surfer nicht sehen sollen.
Yvonne Caldenberg meint: Mein Modem gehört mir!
Zensur im Internet? Die Frage lässt einen an Meldungen denken wie die, dass
die chinesische Regierung Websites oppositioneller Gruppen blockiert oder dass
die Regierung von Saudi-Arabien allerlei leicht bekleidete Inhalte unter Strafe
stellt. Das geschieht zweifellos. Es ist jedoch, geht es um Rede- und Informationsfreiheit
im Internet, ein vergleichsweise peripheres Problem.
Wie auch der Großteil der Computer- und Internetindustrie kommt die überwiegende
Zahl der Internet Service Provider (ISP), der Internetseiten und der Nutzer aus
den großen Industriestaaten. In diesen Staaten ist auch die Freiheit des
Internets am stärksten gefährdet. Zwar sind Gesetze, die die Inhalte
und die Nutzung des Internets radikal einschränken, bisher erst in Australien
Realität - ähnliche Verbote werden jedoch derzeit in Nordamerika und
innerhalb der EU energisch vorangetrieben.
Anfang September fand in München auf Einladung der Bertelsmann Stiftung und
von INCORE (Internet Content Rating for Europe) der internationale "Internet
Content Summit" statt. Auf dieser Konferenz diskutierten Politiker, Juristen,
Polizisten, Vertreter der Internetindustrie und Mitglieder von NROs ein zuvor
von Experten erstelltes Papier mit dem Titel Verantwortung im Internet.
Worum geht es? Angesichts des - ähnlich wie in Australien - drohenden Eingriff
des Staates in das Internet wurde der Versuch gemacht, ein alternatives Konzept
der "Selbstkontrolle der Inhalte" bzw. der "Selbstregulierung der
Industrie" vorzustellen. Das Vokabular kommt sehr basisdemokratisch daher;
sympathischer als die staatliche Drohung mit dem Sondereinsatzkommando scheint
es alle Mal.
Allerdings fragte sich nicht nur Esther Dyson, Chefin der amerikanischen EDventure
Holdings, Web-Publizistin und Vorsitzende von ICANN (der Organisation, die die
Domainnamen im Internet vergibt), was denn das "Selbst" in "Selbstregulierung"
meine.
In dem Papier Verantwortung im Internet werden u.a. folgende Vorschläge gemacht:
- Der Missbrauch des Internets muss abgestellt werden. Die Industrie muss sich
hier zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bekennen.
- Verhaltensregeln müssen von selbstregulierten Institutionen erstellt
werden. Diese Institutionen sollen die Internetwirtschaft repräsentativ abbilden
und für alle relevanten Parteien offen sein.
- Mechanismen zur Selbstregulierung brauchen staatliche Unterstützung.
Staatliche Stellen müssen die von selbstregulierten Institutionen aufgestellten
Regeln ratifizieren.
- Den Nutzern sollen Filterprogramme angeboten werden. Die Anbieter von Inhalten
sollen die Art der Inhalte kennzeichnen.
- Unabhängige "Hotlines" sollen Beschwerden gegen Inhalte bestimmter
Seiten entgegennehmen, überprüfen und gegebenenfalls an Provider oder
Strafverfolgungsbehörden weiterleiten.
- Internet-Provider sollen nicht für illegale Inhalte verantwortlich gemacht
werden.
- Strafverfolgung und Internetindustrie sollen gemeinsame Strukturen für
einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch entwickeln.
- Die Internetindustrie, Schulen und andere Institutionen sollen über die
Möglichkeiten und Gefahren des Internets aufklären.
Diese Vorschläge klingen liberal. Aktivitäten, die sowieso in den meisten
Staaten illegal sind, sollen auch im Internet unterbunden werden. Darüber
hinaus sollen den Nutzern Programme angeboten werden, die bedenkliche Inhalte
herausfiltern. Man könnte denken, dass dies v.a. dazu diene, Eltern die Kontrolle
darüber zu geben, was ihre Kinder sehen können und was nicht. Ganz so
harmlos ist es aber nicht.
Eine Reihe von Organisationen, viele davon sind in der Global Internet Liberty
Campaign zusammengeschlossen, haben auf die Konsequenzen dieser Maßnahmen
hingewiesen. Programme zum Beispiel, deren Inhalte, als "pornografisch",
"gewalttätig", "obszön" oder "hasserfüllt"
klassifiziert werden, sind, ist der Filter einmal installiert, nicht mehr zu erreichen.
Wie aber kommen solche Klassifikationen zustande? Tests haben gezeigt, dass Filter
sehr leicht alle Arten von Angeboten ausschließen, weil sie auf den bewussten
Seiten bestimmt Reizwörter aufgespürt haben. In praktischen Tests wurden
regelmäßig zahllose künstlerische Websites, Websites, die gesundheitliche
Aufklärung bieten, Literatur, die Bibel und viele Diskussionsforen gesperrt,
weil dort inkriminierte Ausdrücke gefunden wurden. Die Nutzer selbst haben
letztlich kaum die Möglichkeit, die abstrakten Kriterien, nach denen Filter
operieren, zu durchschauen. Es deutet sich zudem an, dass die beiden marktbeherrschenden
Browser, Internet Explorer und Netscape, Filtersysteme einführen werden,
die sich vielleicht schon bald nicht mehr ohne weiteres deaktivieren lassen. Ähnliches
gilt für die großen Suchmaschinen.
In der Empfehlung Verantwortung im Internet wird zwar betont, dass eine abstrakte
Filterung nicht erfolgen solle. Die vorgeschlagene Ergänzung zu einer solchen
Filterung ist jedoch wenig überzeugend. Sie besteht in einer (freiwilligen)
Kategorisierung der Seiten durch die Autoren oder Provider. Eine derartige "Verschlagwortung"
wirft zwei Probleme auf. Zum einen ist sie gerade bei umfangreichen Sites mit
einem solchen Aufwand verbunden, dass nur die sehr großen Anbieter dies
werden leisten können. Schlimmer aber ist, dass eine solche "freiwillige"
Klassifizierung vermutlich sehr bald Pflicht würde. Konkret kann man es sich
so vorstellen: Filter reagieren auf die freiwillige Klassifizierung und zeigen
z.B. keine Seiten mehr an, die als "Porno" oder als "brutal"
klassifiziert sind. Anbieter, die dies umgehen wollen, klassifizieren ihre Seiten
deshalb als "Familienunterhaltung". Dies würde mit großer
Sicherheit schnell dazu führen, dass einerseits die "falsche" Klassifizierung
unter Strafe gestellt würde (wobei sehr fraglich ist, wer bestimmt, was "falsch"
ist), andererseits aber Seiten ohne Klassifizierung von den Filtern prinzipiell
ausgeschlossen werden würden.
Verfechter der Klassifizierung sagen, diese sei mit der Auszeichnung von Lebensmitteln
vergleichbar. Der Vergleich hinkt. Im Supermarkt hat man die Produkte vor sich
im Regal. Man kann sie in die Hand nehmen, die Liste der Zutaten durchlesen und
sich dann entscheiden. Im Internet hingegen würde eine Klassifizierung dazu
führen, dass man eine nicht geringe Zahl von Angeboten überhaupt nicht
mehr zu Gesicht bekäme, also auch gar nicht überprüfen könnte,
warum man sie nicht sieht, weil man von ihrer Existenz nie erfahren würde.
Die vorgeblich liberale "Selbstregulierung" ist eine Mogelpackung. Die
Internetindustrie hat nicht aus Sorge um den Verfall der Sitten die Initiative
ergriffen. Wie jeder andere Industriezweig kümmert sie sich vor allem um
eines: ihre Bilanzen. Die Initiative der Industrie zur Selbstregulierung ist auf
staatlichen Druck hin entstanden und hat das Ziel, eventuellen staatlichen Eingriffen
zuvor zu kommen. Aufgeschreckt wurde die Internetindustrie durch Prozesse, die
Provider - also die Überträger von Inhalten - juristisch für diese
Inhalte zur Verantwortung ziehen wollen. Schon das ist eine rechtlich zweifelhafte
Angelegenheit, bedeutet es doch, dass auch die Telekom für Telefongespräche
mit strafbarem Inhalt verantwortlich wäre oder die Post für eine von
ihr zugestellte Briefbombe.
Die Initiative zur "Selbstregulierung" kommt eindeutig aus der Politik.
Nicht zufällig wird die europäische Initiative, Techniken zur "Selbstregulierung"
zu entwickeln, von der EU mit ca. 30 Millionen Mark finanziell unterstützt.
Dass die Bertelsmann Stiftung in diesem Prozess wiederum federführend ist,
überrascht wenig, ist sie doch eng mit dem Bertelsmann Konzern verbandelt,
der europa- und weltweit einer der wichtigsten Akteure im Online-Business ist.
All das zeigt, dass die so besorgt wie graswurzelig daherkommende "Selbstregulierung"
eine Regulierung von oben ist. Tatsächlich ist sie sogar noch schlimmer,
als es eine rein staatliche, gesetzliche Regulierung wäre. Gesetze nämlich
und entsprechende staatliche Kontrollorgane bräuchten wenigstens ein gewisses
Maß an demokratischer Legitimation. Eingriffe müssten durch die Parlamente
stattfinden; sie müssten auch einer gerichtlichen Prüfung standhalten.
Da in vielen westlichen Staaten die Meinungs- und Redefreiheit als hohes Gut gilt,
wäre dies nicht einfach.
Im Vergleich dazu hat eine "Selbstregulierung" durch die Industrie und
durch ungewählte Gremien (Hotlines etc.) für die Politik den Vorteil,
dass solche Legitimationen entfallen. Der 1997 gegründete deutsche Verein
"Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia Dienstanbieter e.V." ist ein
solches Gremium, in dem große Firmen für uns "selbst" entscheiden,
was wir online sehen sollten und was nicht. Wenn der Staat nicht verbietet, sondern
die potentiellen Anbieter etwas einfach nicht anbieten, kann auch niemand dagegen
Einspruch erheben.
Wirkliche Selbstregulierung kommt ohne solche Mechanismen aus. Das Internet als
neues, freies, globales und günstiges Medium bietet großartige Möglichkeiten.
Dass neben den interessanten Angeboten auch viel Müll zu finden ist, weiß
jeder, der schon einmal mehr als flüchtig einen Browser bedient hat. Die
Masse des Angebots muss durchaus gefiltert werden. Als Filter jedoch reicht der
eigene Kopf. Jeder Mensch ist in der Lage, für sich selbst zu entscheiden,
was er oder was sie sehen möchte. Punkt. Weitere Vorrichtungen sind nicht
nötig.
Stellt sich die (häufig gestellte) Frage: Was aber ist mit den Kindern? Für
Kinder müssen letztlich die Erziehungsberechtigten zumindest mit die Entscheidung
treffen. Sie können das tun, indem sie mit ihren Kindern reden, mit ihnen
im Internet spielen oder arbeiten. Sie könne es auch tun, indem sie bestimmte
Filter installieren, die ihren Kindern den Zugang zu bestimmten Angeboten verwehren.
Das ist kein Problem. Die Frage "Was aber ist mit den Kindern?" rechtfertigt
jedoch nicht die geplanten Eingriffe. Diese Eingriffe, die häufig besorgt
auf "die Kinder" verweisen, machen uns alle zu Kindern. Sie machen die
Eingreifenden zu Erziehungsberechtigten, die uns vorschreiben, was wir sehen dürfen
und was nicht.
Bleibt die Frage, warum - da das Internet eines der wenigen Phänomene ist,
die heute noch für Begeisterung sorgen - die jetzt absehbare radikale Zensur
dieses neuen Mediums von der Öffentlichkeit so passiv hingenommen wird. Wesentlich
liegt es daran, dass heute den meisten Menschen ihr Alltag als Bündel chaotischer
Risikofaktoren erscheint. Tatsächlich hat der Zerfall alter Bindungen an
den Arbeitsplatz, an das Viertel, an den Verein, die Partei, die Kirche oder Gewerkschaft
dazu geführt, dass viele Menschen heute das Naheliegendste (ihre Nachbarn
oder Kollegen) als fremd empfinden, während andererseits das nur medial Erfahrene,
das sehr fern Liegende (Kinderpornografie, Gemetzel und Wahnsinn) in der Verunsicherung
und Vereinzelung sehr nahe zu sein scheint. Weiß man selbst nicht mehr so
genau, was einem warum widerfährt, fragt man sich schon auch einmal, welche
Abgründe eigentlich sich gerade hinter den vertrautesten Menschen verbergen.
Eine solche Verunsicherung gilt es aber zu unterscheiden von tatsächlicher
Unmündigkeit.
Die Empfehlung Verantwortung im Internet bringt es auf den Punkt, wenn sie vom
"Schutz vor schädlichen Auswirkungen des Medienkonsums" spricht,
gerade so, als handele es sich beim Konsum um das dumpfe, unabänderliche
Dasein einer Herde von Kühen, die ihr Gras konsumiert und wiederkäut
- tagein, tagaus. Verhielte es sich so, wären die meisten Menschen tatsächlich
unmündig, und die Empfehlung, alles lieber von Experten regeln zu lassen,
würde Sinn machen. Otto Schily griff diese Haltung beim "Internet Content
Summit" auf, als er in seiner Rede im Hinblick auf die Filtersysteme sagte:
"Gerade bei den sozial benachteiligten Familien ist damit zu rechnen, dass
die Eltern mit den entsprechenden Maßnahmen kaum verantwortungsbewusst umzugehen
wissen. Familien, in deren Umfeld die Durchsetzung von Interessen und die Lösung
von Konflikten durch Gewalt an der Tagesordnung ist, sind in besonderer Weise
gefährdet. Gerade die Eltern solcher Jugendlichen verfügen meistens
nicht über die nötige Sensibilität gegenüber Gewaltdarstellungen,
so dass nicht zu erwarten ist, dass in solchen Familien entsprechende Programme
gesperrt werden."
Hier finden wir die landläufige Fantasie vom "Anderen" wieder,
eine Fantasie, von der wir uns befreien müssen, um selbst frei zu sein. Viel
zu oft wird heute der nächste "Andere" v.a. als potentieller Kinderschänder,
Vergewaltiger, Brutalo, Rassist etc. verdächtigt. Dieses Denken in allgegenwärtigen
Gefahren und Bedrohungen schlägt letztlich immer auf uns selbst zurück.
Solche Fantasien, die (außer in unseren Ängsten) fast nie eine Basis
in der Wirklichkeit haben, machen uns gefügig. Sie entmündigen uns.
Sie liefern uns den Experten aus, die - mögen wir denken - zumindest zum
Besten unseres fremden Nächsten auch uns selbst regulieren.
Tatsächlich ist alles viel banaler und einfacher. So wie Sie, so wie ich,
wissen so ziemlich alle recht genau, was sie wollen, was sie mögen, was sie
eklig finden. Als Orientierung fürs Internet reicht das völlig. Wenn
man bestimmte Sachen nicht mag, wird man kaum danach suchen; stößt
man trotzdem unverhofft darauf, löst ein Mausklick die Sache höchst
einfach. Fast wie von selbst.
