Rezeptflichtige
Zigaretten und das
Aus für den Tabak
Wie Weltbank und WHO versuchen, den Menschen das Rauchen
auszutreiben. Von Lorraine Mooney.
Gro Harlem Brundtland, die Chefin der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten
Nationen (World Health Organisation WHO), ist eine kluge und begabte Frau, eine
Berufspolitikerin, deren größtes Bedürfnis es ist, Gutes zu tun.
Als Premierministerin von Norwegen war sie eine Vorreiterin in Sachen Umweltpolitik.
Das Schlagwort der Nachhaltigkeit - oft mit großem Nachdruck gebraucht,
meist mit wenig Inhalt befrachtet - geht in seiner heutigen Ausprägung wesentlich
auf sie zurück. Internationale Verträge und supranationale Institutionen,
die im Namen globaler Probleme wie des Klimawandels oder des Ozonloches immer
mehr Aufgaben der Kontrolle einzelner Staaten entziehen, solche Einrichtungen
sind uns heute allen, nicht zuletzt aufgrund von Frau Brundtlands Engagement,
bestens vertraut. Nach den Umweltproblemen ist nun die Weltgesundheit Frau Brundtlands
Priorität. Zwei Themen liegen ihr dabei besonders am Herzen: Kinder vor der
Malaria zu schützen und Erwachsene vor den Gefahren des Tabaks.
Was die Malaria angeht, würde etwas mehr Eifer nicht schaden. Was die WHO
gegen die Malaria in Afrika bisher unternommen hat, ist wenig genug. Das Rauchen
stellt in Afrika hingegen kaum ein Problem dar. Nur wenige Menschen können
sich dort einen hohen Tabakkonsum leisten; nur wenige Menschen leben dort lange
genug, um Krebs zu bekommen. In den westlichen Industrieländern liegt das
durchschnittliche Todesalter von Krebsopfern (in Durchschnitt aller Krebsarten)
bei 70 Jahren; die durchschnittliche Lebenserwartung im zentralen Afrika beläuft
sich auf 50 Jahre. Dennoch ist die neue Strategie der WHO beschlossene Sache:
Dieses Frühjahr schlug Frau Brundtland bereits vor, Zigaretten rezeptpflichtig
zu machen.
Doc Marlboro
Am 17. Mai 1999 beschloss die Welt-Gesundheits-Versammlung in Genf, die Aushandlung
eines Tabakkontrollabkommens zu betreiben. Dieser Vertrag soll, ähnlich den
internationalen Umweltabkommen, die im Westen oft bereits vorhandenen strengen
Auflagen zu weltweit verbindlichen Standards machen. Der neue Exportartikel hat
Konjunktur. Immer mehr westliche Verhaltensmaßregeln werden heute in den
Entwicklungsländern abgesetzt.
Auch die Weltbank unterstützt die Forderung, weltweit die Tabaksteuer um
zehn Prozent anzuheben (der Ladenpreis von Zigaretten soll innerhalb des nächstens
Jahrzehnts sogar um 100 Prozent angehoben werden). Ein aktueller Bericht der Weltbank
mit Titel "Curbing the Epidemic: Governments and the Economics of Tobacco
Control" empfiehlt u.a. ein vollständiges Werbeverbot für Tabakprodukte.
Bereits seit 1991 vergibt die Weltbank praktisch keine Entwicklungskredite mehr
für Projekte, die mit Tabakanbau zu tun haben. Nun unterstützt sie auch
die WHO-Vision einer tabakfreien Welt. So wie es aussieht, wird die Weltbank auch
bei der Umsetzung des Tabakkontrollabkommens eine zentrale Rolle spielen. Da sie
eine sehr mächtige finanzpolitische Institution ist, wird sie, als Verbündeter
der WHO, wesentlich dazu beitragen können, dass eine Erhöhung der Tabaksteuer
auch tatsächlich weltweit umgesetzt werden.
Der Bericht "Curbing the Epidemic" ist allerdings keine ökonomische
Analyse der Tabakindustrie oder der durch das Rauchen eventuell entstehenden Kosten
im Gesundheitswesen. Das Papier schert sich erst gar nicht um solche Fakten -
es gibt unreflektiert die Parolen wieder, die von Gesundheitsämtern und Nichtraucher-Initiativen
verbreitet werden.
Prämisse des Berichts ist, dass vielen Rauchern die Gefahren ihres Tuns nicht
bewusst seien. Und werden sie ihnen bewusst, seien sie bereits nikotinsüchtig
und könnten das Rauchen kaum mehr aufgeben. Die Weltbank geht dabei so weit
zu behaupten, dass die Sucht Raucher daran hindere, sich rational gegen das Rauchen
zu entscheiden. Einfacher gesagt: Die süchtige Person handelt unverantwortlich
gegen ihren Körper.
Diese Zweiteilung der Persönlichkeit des Rauchers ist wichtig auch für
die Kostenrechnung der Weltbank, die "externe" Kosten den "internen"
gegenübergestellt. Behauptet wird z.B., dass Behandlungskosten (die aus der
privaten Krankenversicherung der Betroffenen beglichen werden!) und der Einkommensverlust
im Krankheitsfall externe Kosten seien, d.h. solche, die der unverantwortliche
Raucher auf die Gesellschaft abwälze. Um diese Kosten aufzufangen, fordert
die Weltbank die Erhöhung der Tabaksteuer.
Was die Weltbank unter "Verantwortung" versteht, ist grotesk. Ihr Ansatz
spottet zudem jeder Erfahrung. Seit dreißig Jahren wird in den westlichen
Staaten allen Kindern beigebracht, dass Rauchen gefährlich ist. Trotzdem
rauchen in jeder Generation viele von ihnen.
Big in Japan
Die Rechnung der Weltbank enthält weitere rätselhafte Variablen. Behauptet
wird, dass die Zahlen, die den Projektionen der volkswirtschaftlichen Kosten des
Rauchens zugrunde liegen, sehr vorsichtig geschätzt seien. Liest man nach,
stellt man erstaunt fest, dass "Menschen mittleren Alters" im Bericht
solche bis 69 Jahre sind. Die Lebenserwartung, die den - weltweiten - Hochrechnungen
zugrunde gelegt wurde, ist die Japans. Japan ist das Land mit der höchsten
Lebenserwartung. Nimmt man diese Zahlen zur Basis für eine Hochrechnung,
dann folgt daraus, dass ein Somali, ein Eritreer oder auch ein Bulgare, der im
Alter von 69 Jahren stirbt, "vorzeitig" gestorben ist. Tatsächlich
haben 69-jährige in den drei genannten Ländern jedoch die durchschnittliche
Lebenserwartung schon weit überschritten bzw. erreicht.
Mit dieser Methode könnte man auch das Wasser des Bodensees untersuchen und
die gefunden Werte zum Standard erklären. Untersuchte man dann das Wasser
des Pazifiks, käme man zu dem Schluss, dass es sehr versalzen sei. - Worauf
dann wahrscheinlich, führte die Weltbank die Untersuchung, die Vermutung
folgen würde, die Pazifikanrainer leiteten zu viel Salz in ihr Meer ein.
Es kommt jedoch noch ärger. Die Methodik des Berichts ließe sich am
treffendsten als "Ökonomie der Wunschbrunnens" beschreiben. Sie
funktioniert so: Die Weltbank hat per Umfrage erhoben, wie viele Raucher gewillt
wären, dafür zu zahlen, könnten sie ihre lang zurückliegende
Entscheidung zu rauchen heute rückgängig machen. Aus den angegebenen
Beträgen wird dann eine Statistik gebastelt, in der die Höhe der genannten
Beträge als Indikatoren für die vormalige Unwissenheit der Raucher genommen
wird. Der Weltbank scheint dabei entgangen zu sein, dass Ökonomie thematisiert,
was Menschen tun. Ihre Aussagen darüber, was sie tun würden wenn...
gehören bestenfalls in den Bereich der Psychologie.
Stellen wir es uns konkret vor: Sie sind Raucher, und Ihr Arzt hat Ihnen gesagt,
dass er bei Ihnen - verursacht durch ihr Rauchen - Lungenkrebs festgestellt hat.
Nun, wie viel würden Sie dann bezahlen, hätten Sie nie mit dem Rauchen
angefangen? Notieren Sie Ihren Betrag auf der nach oben offenen Wunschbrunnen-Skala
und schlafen Sie noch einmal darüber. Überweisen Sie den genannten Betrag
dann an die Weltbank oder an die WHO. Vielleicht werden Sie so gesund - oder doch
wenigstens ein besserer Mensch.
Wenn einem so viel Gutes widerfährt
Der Bericht erhält noch weitere Kuriositäten. Einmal erfährt man,
dass alle Studien belegten, Zigarettenwerbung hätte keinen Einfluss auf die
Anzahl der Raucher. Gleich darauf ist zu lesen, dass neue, von der Weltbank in
Auftrag gegebene Untersuchungen zeigten, Werbung habe doch einen Effekt - allerdings
einen so geringen, dass er, rechne man alle Faktoren zusammen, kaum feststellbar
sei. Dessen ungeachtet unterstützt die Weltbank die Forderung der WHO, Tabakwerbung
weltweit zu verbieten.
Man reibt sich die Augen. Ein Effekt von zweifelhafter Größe, der,
falls er überhaupt besteht, jedenfalls zu vernachlässigen ist? - Gleichwohl,
verbieten kann ja nicht schaden, oder?
Zusammenfassend kann man sagen, dass der Weltbank in ihrem Bericht über das
Rauchen zumindest eines gelungen ist: die Verbindung von unkonventioneller Mathematik
mit moralischer Blödheit. Der schizophrene Raucher, dessen kranker Geist
seinen nach Gesundheit heischenden Körper ins vorzeitige Grab zerren will,
wird dafür bezahlen müssen.
Anlass zur Sorge bereitet die Tatsache, dass die Weltbank sich die Strategie der
großen Umweltabkommen zu Eigen gemacht hat. "Curbing the Epidemic"
ist ein Bericht, den, basierend auf Untersuchungen, Angestellte der Weltbank und
einige Berater durchgeführt haben. Die zugrunde gelegten wissenschaftlichen
Studien sind noch unveröffentlicht - profunde wissenschaftliche Kritik deshalb
nicht möglich. Bevor dies aber nicht geschehen kann, sollte es genau so wenig
möglich sein, aus einem Bericht, an dessen Fundiertheit Zweifel angebracht
sind, bereits Empfehlungen für internationale Verträge abzuleiten.
Wahrscheinlich ist der Weltbank nicht daran gelegen, ihre Untersuchung unabhängiger
Kritik auszusetzen. Die WHO kennt dieses Ärgernis. Kürzlich behauptete
sie in einer Pressemeldung, neue Untersuchungen hätten gezeigt, dass Passivrauchen
die Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken, erhöhe. Tatsächlich ließ
sich aus den Studien jedoch nichts dergleichen herleiten. Kritiker aber, die darauf
hinwiesen, wurden von der WHO als "Lobbyisten der Tabakindustrie" abqualifiziert.
Eine Debatte fand nicht statt.
Der Geist ist schwach, der Körper billig
Heute "Lobbyist der Tabakindustrie" genannt zu werden, ist fast gleichbedeutend
damit, als Anhänger Slobodan Milosevics oder als Kinderpornograph gebrandmarkt
zu werden. Es ist das Ende jeder Debatte - hier fängt der Glaube an. Und
der Glaube der Anti-Tabak-Lobby, ein gutes Werk zu tun, für das man über
Zahlen, Wissenschaft und Leichen gehen dürfe: Dieser Glaube ist groß.
In ihrem Eifer hat die Weltbank Zahlen manipuliert, Kausalitäten verdreht
und allerlei Gedankenspiele eingeführt. Vielleicht erkennen die Finanzminister
dies und verzichten auf einen moralisch begründeten Preiskrieg gegen die
Raucher.
Ein "Zigarettenkrieg" wäre nicht nur ein Ärgernis. Sollten
durch hohe Steuern Zigaretten zu Schmuggelware werden, würden dadurch auch
Millionen von Rauchern kriminalisiert. Der Handel mit Zigaretten würde in
die Schattenwirtschaft abgeschoben und an Randgruppen delegiert werden. Wie das
funktioniert, hat das Gehabe um die "vietnamesische Zigaretten-Mafia"
bereits gezeigt.

Lorraine Mooney arbeitet im Bereich Medizinstatistik beim European Science
and Environment Forum (ESEF) in Cambridge (www.esef.org). Sie ist zusammen mit
Roger Bate Herausgeberin von: Environmental
Health: Third World Problems - First World Preoccupations, Butterworth
Heinemann, Oxford 1999, 256 S., £30.
LITERATURTIPPS
Richard Tren: "World Bank Tobacco Review", in Kürze hg.v. Institut
of Economic Affairs in Großbritannien (www.iea.org.uk).