Editorial
Inhalt
WELTBEVÖLKERUNG
Frank Füredi:
Sechs Milliarden Menschen? Hoch die Tassen!
Phil Mullan:
Ist das Rentner-Boot bald voll?
DEMOKRATIE UND RECHT
Christine Horn:
Von privater Politik und öffentlicher Privatsphäre
Interview mit
Sabine Leutheusser - Schnarrenberger:
"Wer ein Grundrecht auf Sicherheit fordert, leistet
einem autoritären Schutzstaat Vorschub"
Kai Rogusch:
Verrohung der Sitten soll Einhalt geboten werden
[Heft S.24]
POLITIK UND GESELLSCHAFT
Ralf Dahrendorf:
Europäische Parlamente im traurigen Abstieg
[Heft S.28]
Alexander Ewald:
PDS kommt stark heimatlich
[Heft S.30]
WELTGESCHEHEN
Sabine Beppler:
Wie westlicher Leichtsinn Ost-Timor zerrüttet
[Heft S.31]
Felcity Arbuthnot:
"Wir sind dabei, eine ganze Nation zu zerstören"
WISSENSCHAFT UND ÖKOLOGIE
James Heartfield:
Grüne Rhetorik macht Ackerland platt
Barbara Hobom:
Zweifelhafte Experimente machen "grüner" Gentechnik den Garaus
[Heft S.38]
Lorraine Mooney:
Rezeptflichtige Zigaretten und das Aus für den
Tabak
Roger Bate:
Greenpeace nicht zum Wohle der Allgemeinheit
[Heft S.42]
Gunnar Sohn:
Der Grüne Punkt: Das fragwürdige Geschäft
mit dem Müll
MEDIEN UND KULTUR
Yvonne Caldenberg:
Wenn selbst die Bibel auf den Index kommt...
RUBRIKEN
Zeitgeister,
Updates, Daneben
[Heft S.8]
Stichwort
Herbstwahlen
von Sabine Reul
Neue Mitte
Gerhard-Schröder - Pin-Up-Kalender
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
Käsblatt
"Lieber Onkel Goethe"
Satire von Sinasi Dikmen
[Heft S.43]
Schwerhöribert Fastblinders Politisches Wörterbuch
L wie Luftholen
[Heft S.50]
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Grüne Rhetorik
macht Ackerland platt
Der Vorschlag von Umweltschützern, die Produktion
von Nahrungsmitteln zu drosseln, hat katastrophale Folgen für alle außer
den großen Landwirtschaftskonzernen, meint James Heartfield.
Englische Bauern stehen vor dem Bankrott, weil sie ihre Schafe nicht verkaufen
können. Indische Bauern begehen wegen sinkender Kornpreise Selbstmord. Vertreter
nationaler Landwirtschaftsverbände meinen, dass die ländlichen Gebiete
im Zuge der Landflucht zu Wüsten verkommen werden. Umweltschützer sagen,
dass die industrielle Landwirtschaft die Nahrungskette verseucht, das Land zerstört
und damit vielen Menschen den Lebensunterhalt nimmt.
Es lohnt sich, daran zu erinnern, welche Erfolgsstory die "grüne Revolution"
in der Landwirtschaft war. In den 70er-Jahren holten die Umweltschützer die
alten Theorien von Thomas Malthus aus der Mottenkiste und behaupteten, die Nahrung
würde uns ausgehen und die wachsende Weltbevölkerung sei vom Hungertod
bedroht. Doch neue Techniken in der Landwirtschaft, die Mechanisierung, neue Hochleistungssorten,
synthetische Düngemittel und künstliche Bewässerung haben dafür
gesorgt, dass die Lebensmittelproduktion dem Bevölkerungswachstum nicht nur
standhielt, sondern die Produktion pro Kopf sogar wuchs. Im Jahr 1900 wurden 400
Millionen Tonnen Getreide erzeugt, heute sind es 1,9 Milliarden.
Darüber hinaus hat die grüne Revolution zu einem relativ verminderten
Landbedarf geführt. Die bebaute Fläche ist seit 1981 von 732 Millionen
Hektar auf heute 690 Millionen gesunken. Verbesserungen in der Nutztiererzeugung
haben dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen Fleisch leisten können.
In einem der grünen Standardwerke, dem "Report zur Lage der Welt"
des Worldwatch Institutes, schätzt man, dass ein Bauer im Jahr 1900 sieben
Personen ernähren konnte, heute produziert sein Enkel genug Nahrungsmittel
für 96 Menschen.
Doch diese Erfolgsgeschichte ist gleichzeitig auch ein Problem für Landwirte
und für in der Landwirtschaft Beschäftigte. Erhöhte Produktivität
heißt, dass weniger Menschen mehr erzeugen. Daraus resultieren fallende
Preise. Während einige Landwirte durch die grüne Revolution gut verdienten,
gingen andere bankrott.
Jahrzehntelang subventionierten die Regierungen in Amerika und Europa die Landwirte,
die sie als Quelle für Stabilität und treue Wähler der Christdemokraten
bzw. Tories und Republikaner betrachteten. Doch während kleine Landwirte
künstlich unterstützt wurden, setzten große Konzerne wie Cargill
und Philip Morris die Maßstäbe für den Markt. In den USA stammen
heute 50% der landwirtschaftlichen Erzeugnisse von nur zwei Prozent der Betriebe.
Vice versa produzieren die kleinen Familienbetriebe, die 73% der Unternehmen ausmachen,
nur 9 Prozent der Erzeugnisse.
In Asien sind die Ernten gestiegen und die Preise gefallen, was zu wachsender
Armut in der ländlichen Bevölkerung führt. In Indien erzeugt die
Landwirtschaft nur 27% des gesellschaftlichen Reichtums, beschäftigt aber
70% der Bevölkerung. In Thailand arbeiten 60% der Bevölkerung in der
Landwirtschaft, diese macht aber nur 11% des Bruttoinlandprodukts aus. In den
50er-Jahren entsprach das Einkommen auf dem Land 70% dessen, was in der Stadt
verdient wurde, heute sind es nur noch 16%. Obwohl die Wirtschaft beträchtlich
gewachsen ist, gelang es ihr nicht, die Armen vom Land an diesem Prozess teilhaben
zu lassen.
Angesichts dieser sozialen Probleme, die mit der grünen Revolution einhergehen,
scheint die Kritik von Umweltschützern Sinn zu machen. Früher sagten
sie, es gebe nicht genug Nahrung. Heute kritisieren sie, dass es zu viel gibt.
In den 80er-Jahren formierte sich der Umweltschutz neu als Protestbewegung gegen
die industrielle Landwirtschaft.
Nach Ansicht dieser Umweltschützer muss die grüne Revolution rückgängig
gemacht werden, und wir sollten zu "angemesseneren" landwirtschaftlichen
Methoden zurückkehren. An die Stelle der großen, kapitalintensiven
und industrialisierten Landwirtschaft soll wieder der kleinteilige, arbeitsintensive
Landbau treten. Dies sei besser für die Ernährung, die Umwelt und die
Bauern.
Eine solche Empfehlung umzusetzen hätte indes desaströse Konsequenzen.
Der Ökolandbau macht heute in den entwickelten Ländern nur etwa 1 Prozent
der landwirtschaftlichen Erzeugung aus, da nur wenige Menschen leicht verderbliche
Ware zu hohen Preisen bevorzugen. Die Erträge liegen im Ökoanbau bei
optimalen Konditionen noch immer um 20% unter den durchschnittlichen Erträgen
bei konventionellem Anbau, die Kosten liegen weit darüber. Mit den Worten
eines Bauern ausgedrückt: "Bei den Ökoflächen kann ich froh
sein, wenn ich die Hälfte vom Normalen raus bekomme" (R. Bate / I Morris:
Fearing Food, S.6).
Um die Probleme der Landwirtschaft zu lösen, ist das Ökorezept unbrauchbar.
Trotzdem werden die grünen Argumente gerne genutzt. Sie erweisen sich für
die großindustrielle Landwirtschaft als sehr nützlich. Das Überangebot
in der Nahrungsmittelerzeugung stellt für die Konzerne ein Problem dar. Die
Großen müssen die Produktion verringern, indem sie ihre weniger produktiven
Konkurrenten aus dem Markt drängen. Die Ironie ist, dass die grüne Rhetorik
von einer kleinteiligen Landwirtschaft von den Regierungen genutzt wird, um die
Produktion der kleinen Anbieter zugunsten der Konzerne zu reduzieren.
In zwei Jahren wurden über das "Organic Aid Progamme" in Großbritannien
169.213 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche mit einem Aufwand von rund
8 Millionen Mark auf den Ökoanbau umgestellt. Das ist keine Alternative,
aber eine Methode, die betroffenen Bauern und ihre Produkte aus dem überfüllten
Markt heraus zu bekommen. Noch deutlicher sind andere Direktiven: EU-Programme
beispielsweise, bei denen dafür bezahlt wird, dass nicht produziert wird,
oder das "Wilderness Program", das Geld dafür gibt, dass überhaupt
nie wieder produziert wird, und die Rentenangebote, mit denen in Schottland und
Wales die Bauern in den Vorruhestand geschickt werden, um ganz draußen aus
dem Markt zu sein.
Die BSE-Krise zeigt, was aus Sicht der Grünen mit der Landwirtschaft nicht
in Ordnung war. Die Landwirte wurden beschuldigt, zuerst an den Profit und dann
an Gesundheit und Sicherheit gedacht und die Nahrungskette vergiftet zu haben,
indem sie Tierleichen zu Futter verarbeiteten. Aber die strikten Vorschriften,
die als Reaktion auf BSE eingeführt wurden, trafen nicht die Großen,
sondern die Kleinen. Sie drängten kleine Viehzüchter und Schlachtbetriebe
in Familienbesitz aus dem Geschäft und machten den Weg für Big Business
frei. Die Kritik der Umweltschützer wurde dazu genutzt, die Industrie zu
rationalisieren und Überkapazitäten abzubauen, indem 890.000 Rinder
vernichtet wurden. Die Kosten hierfür betrugen zwischen 1996 und 1999 drei
Milliarden Pfund.
Ebenfalls mit Hilfe der Rhetorik der Umweltschützer wurden große Flächen
Ackerland stillgelegt. Bei höheren Erträgen kann auf weniger Fläche
mehr Getreide erzeugt werden, deshalb muss die Agrarindustrie Flächen reduzieren,
um Überproduktion zu vermeiden. Aus Sicht der Regierungen ist das ideale
Mittel hierfür die Einrichtung von Naturschutzgebieten, die für die
Landwirtschaft nicht mehr zur Verfügung stehen. Die US-Regierung hat kürzlich
50.000 Morgen Zuckerrohrplantagen in den Everglades als Naturschutzgebiet erworben.
Auch auf Länder der Dritten Welt wird Druck ausgeübt, damit sie Naturschutzgebiete
ausweisen, womit tatsächlich nur der Weg für Agrarexporte für die
großen Konzerne der Industriestaaten frei gemacht wird. Als Gabun 1,4 Millionen
Morgen Tropischen Regenwald in Minkene zum Naturschutzgebiet erklärte, weitete
es damit die gesamte geschützte Fläche in Zentralafrika auf 10.000 Quadratmeilen
aus. Die Menschen, die dort bisher auf die Jagd gingen und Ackerbau betrieben,
sind nun neue Kunden für Nahrungsmittelimporte aus den westlichen Überschüssen.
Besonders verheerend ist das grüne Argument, man müsse so genannte angepasste
Technologien verwenden. Es impliziert, moderne Agrartechnologie sei für Asien
und Afrika nicht angemessen. Damit wird das Monopol des Westens auf diese hochproduktiven
Technologien, deren Nutzung natürlich durch Weiße viel angemessener
erscheint, unterstützt. Die UN blockiert konsequent alle Entwicklungsprogramme
für Afrika, die den Einsatz von Düngemittel vorsehen, und lehnt moderne
Landwirtschaftstechnik für den dortigen Einsatz generell ab. Folglich ist
afrikanische Landwirtschaft gegenüber der westlichen nachhaltig benachteiligt.
Die Umweltschützer behaupten, moderne Technologien würden dort zu weiterer
Arbeitslosigkeit führen. Doch es ist absurd, so zu tun, als funktioniere
afrikanische Landwirtschaft wie ein großes Zeltlager. In Wirklichkeit wird
Afrika von den Nahrungsmittelüberschüssen der Industriestaaten überflutet,
und dadurch werden die Arbeitsplätze der dortigen Bevölkerung vernichtet.
Subsistenzwirtschaft in der Dritten Welt ist keine Alternative zu industrieller
Landwirtschaft. Der bengalische Wirtschaftswissenschaftler Rehman Sobhan erklärte,
dass " die kapitalistische Revolution die minifundistische Landwirtschaft
nicht zu ersetzen scheint. Vielmehr stehen beide in einem funktionellen Dualismus
zueinander" (Agrarian Reform and Social Transformation, S.4). Subsistenzwirtschaft
wird als Ergänzung zur modernen Landwirtschaft beibehalten. Sie als traditionell
und besonders wertvoll darzustellen, ist nichts anderes als die Umdefinition von
Arbeitslosigkeit zu einem kulturellen Wert.
Die aktuelle Krise der globalen Landwirtschaft zeigt, dass die Errungenschaften
der Grünen Revolution für alle nutzbar gemacht werden müssen und
nicht nur den Partikularinteressen des großen Agrobusiness dienen dürfen.
Würde man sie in die Praxis umsetzen, wären die wahrscheinlichsten Folgen
der grünen Alternativen zur industriellen Landwirtschaft Hunger und Hungertod
für viele Millionen von Menschen. Als Argumentationshilfe für ein Herunterfahren
der Produktion sind die Reden vom Ökolandbau lediglich dem Erhalt und der
Festigung der Monopole der großen Agrarkonzerne nützlich.

James Heartfield lebt als freier Journalist und Buchredakteur des Magazins
LM in London. Als Buch ist von ihm zuletzt erschienen: Need and Desire in the
Post-Material Economy, Sheffield Hallam University Press 1998. Heartfields
Website: http://www.heartfield.demon.co.uk/james1.htm.
Email-Kontakt: James@heartfield.demon.co.uk.
In Novo38 erschien von ihm "Pinochet und die moderne Menschenrechtsdiplomatie".
LITERATURTIPPS
Roger Bate / Julian Morris (Hg.): Fearing
Food. Risk Health and Environment, Butterworth-Heinemann, Oxford UK 1999,
336 S., £ 15.99
Lester R. Brown et al.: State of the World 1999: The
Millennium Edition. W.W. Norton & Company, 1999
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: Agrarbericht
der Bundesregierung 1999
Rehman Sobhan: Agrarian Reform and Social
Transformation : Preconditions for Development, Zed Books, 1993
Worldwatch Institute Report: Zur Lage der
Welt 1995. Daten für das Überleben unseres Planeten, Fischer
Taschenbuch, 1995
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