HERBSTWAHLEN:
Die Politik
im eisigen Winter
Schröders rot-grüne Koalition will den gesellschaftlichen
Wandel - die Wähler danken es mit ihrer Stimme für die Oppositionsparteien.
Die Regierungspolitik verliert jegliche Kontur und kann sich nicht zwischen vermuteten
Wählerwünschen und vermeintlichen Sachzwängen entscheiden. Von
Sabine Reul.
Ist das nun Rache der Wähler, Rache der Geschichte - oder eben nur einer
ihrer Treppenwitze? Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer wurde die PDS stärkste
Partei im Berliner Osten und zweitstärkste in den Neuen Ländern. Die
CDU und die vormalige Staatspartei der DDR stehen Seite an Seite als Speerspitze
des Widerstands gegen die als allzu kühl empfundene, in Wirklichkeit aber
eher unentschlossene Modernisierungspolitik der rot-grünen Koalition. Gerhard
Schröders Versprechen, den gesellschaftlichen Wandel durch neue politische
Weichenstellungen aktiv zu gestalten, wurde binnen eines Jahres zum Trümmerfeld.
Alle Gegebenheiten im Umfeld der Herbstwahlen in Deutschland deuten darauf hin,
dass sich das politische System der Bundesrepublik in einem zähen Übergangsprozess
befindet, den keine politische Kraft mehr zu steuern oder voranzubringen vermag.
Die CDU, der große Sieger der Landtags- und Kommunalwahlen, hat zwar Grund
zur Freude, bewegt sich aber ebenfalls auf dünnem Eis. Der spektakuläre
Umschwung der Wählermeinung zu ihren Gunsten löste selbst in den CDU-Führungsgremien
sichtlich Beklemmung aus. Dass Wähler, die gerade den sozialdemokratischen
Wandel wollten, um nun plötzlich wieder der Union zuzuneigen, eine etwas
unberechenbare politische Größe sind, weiß man auch dort. Umso
mehr, da die CDU mit dem Schlagwort "Rentenlüge" im Wahlkampf politische
Gewässer ansteuerte, in denen Glaubwürdigkeit und Identität leicht
abhanden kommen. Derweil können die Grünen, die im Saarland, in Brandenburg,
Sachsen und Thüringen kaum in Sichtweite der 5%-Hürde kamen, sich mit
der FDP, von der man gelegentlich nicht recht weiß, ob sie überhaupt
noch existiert, nun um die untersten Ränge in der Parteienliga streiten.
Aus dem Ausgang der Herbstwahlen lassen sich keinerlei Prognosen über die
jeweiligen längerfristigen Erfolgschancen der Parteien ableiten. Aber er
wirft ein Schlaglicht auf andere, grundsätzlichere Fragen.
Die historisch geringe Wahlbeteiligung von im Schnitt nur knapp über 50 Prozent
war nach übereinstimmender Einschätzung aller Kommentatoren das eigentlich
problematische Ergebnis dieser Wahl. Das Interesse der Bürger an der Politik
geht kontinuierlich zurück, und gleichzeitig ändert es seinen Charakter.
Die Stimmabgabe wird heute kaum noch als Chance zur Mitwirkung an der Gestaltung
der Zukunft wahrgenommen. Seit die Parteien nicht mehr für erkennbare gesellschaftliche
Visionen stehen, ist ein starkes Moment der Beliebigkeit und Kurzatmigkeit im
politischen Prozess entstanden. Es fehlt an allem, woran sich starke politische
Überzeugungen und Bindungen entwickeln könnten. Entsprechend gering
ist das dauerhafte Interesse, das Politik zu mobilisieren vermag, und entsprechend
launenhaft und flüchtig ist das Wählerverhalten. Die Stimmabgabe (auch
die Stimmenthaltung) dient immer häufiger der Artikulation momentaner Stimmungen
und Impressionen.
Dass der politische Prozess dadurch stark plebiszitäre Momente gewonnen hat,
wird in letzter Zeit von zahlreichen Soziologen beobachtet. Und diese Momente
stellen die Funktionsfähigkeit der Parteien als Instrument der gesellschaftlichen
Erkenntnis- und Willensbildung umso mehr in Frage, da die Parteien selbst sich
dieser Stimmungs- und Augenblicksorientiertheit zusehends angepasst haben.
Der Wahlausgang war symptomatisch für die Folgen. Sieger in diesem Szenario
ist meist die Opposition, besser noch der politische Außenseiter und wer
sich als solcher ausgeben kann. Insofern enthalten die Populismusvorwürfe
gegen CDU und PDS, die SPD und Grüne nach ihrer Niederlage erhoben, einen
wahren Kern. Ob nun der Begriff Populismus, der in anderen Zeiten ganz andere
politische Strömungen bezeichnete, das Phänomen trifft, sei dahingestellt.
In jedem Fall verdankten sowohl CDU als auch PDS ihre Wahlerfolge zu erheblichen
Teilen dem Bemühen, eine möglichst große Distanz zwischen sich
und Bonn-Berlin zu legen, um somit größtmögliche Nähe zum
Wähler zu suggerieren. Dabei scheute sich die CDU nicht, mit ihrer Rentenkampagne
Wege zu beschreiten, die sie längerfristig wohl kaum wird vertreten wollen.
Nun ist aber SPD und Grünen dieses Spiel eben auch nicht gerade fremd. Rot-Grün
gewann die Bundestagswahlen 1998 nicht mit Inhalten, sondern mit dem schlichten
Appell an den Wunsch zum "Wechsel". Dass die SPD gegen den Appell ans
Gemüt, auch seit sie die Regierung stellt, nicht gefeit ist, zeigte jüngst
wieder Walter Momper, der am Abend der Niederlage der SPD in den Berlinwahlen
das Mikrofon ergriff, um bekannt zu geben, die CDU sei eine "Westpartei".
Offensichtlich haben wir es hier mit einem partei-, ja sogar länderübergreifenden
Phänomen zu tun. Haiders FPÖ in Österreich hat mit ähnlichen,
wenn auch stark rassistisch geprägten Appellen an den Überdruss mit
Wien und seinen sklerotischen Volksparteien gerade wieder einen spektakulären
Wahlerfolg erzielt. Der Mechanismus der Anziehungskraft der Distanz zum politischen
System ist der gleiche - ob er nun von eher linken oder rechten Vereinen mobilisiert
wird, ist eher Begleiterscheinung.
Der spektakuläre Erfolg der PDS in den Herbstwahlen folgt der gleichen Dynamik.
Er verdankt sich zwar den besonderen Bedingungen der deutschen Teilung und Wiedervereinigung,
ist aber trotzdem per se kein ostdeutsches Phänomen. Die Neuen Länder
sind für Entfremdung vom politischen System aufgrund der historischen Gegebenheiten
in besonderem Maße disponiert. Nicht nur die PDS, auch die Länderfürsten
von Stolpe (SPD) bis Biedenkopf (CDU) in Sachsen, haben die darauf begründete
regionale Identität bedient. Sie besitzt hier besondere Potenz, weil anderswo
disparat und individualisiert bleibende Unzufriedenheit sich politisierter und
kollektiver artikuliert als verbindende Abgrenzung gegenüber dem Westen.
Aber die Entwicklung in den Neuen Ländern erscheint dennoch als eine - wenn
auch fortgeschrittenere - Variante des Zerfalls der Legitimationskraft der Parteien.
Dieser wiederum scheint das Ergebnis der zeitlichen Koinzidenz zweier Prozesse
zu sein. Die Individualisierung der Gesellschaft trifft zusammen mit dem Verlust
an politischen Visionen, die neue Bindungen zwischen Individuen und dem öffentlichen
politischen Raum herstellen könnten. Folglich befindet sich die Politik überall
in der gleichen desolaten Lage. Sie hat die Fähigkeit verloren, in gewohnter
Weise durch Diskurs über alternative soziale Visionen Brücken zwischen
Individuen, Gesellschaft und Staat zu bauen. Als Ersatz sucht sie Nähe zum
Bürger auf anderen Wegen: durch Aufnahme und Nachbildung individueller, durch
Medien kurzfristig gebündelter Empfindungen, den Rekurs auf Vorurteile und
Feindbilder, das Kultivieren regionaler Identitäten und alle möglichen
anderen Behelfe (nicht zuletzt moralische außenpolitische Missionen), mit
denen sich kurzfristig das Empfinden kollektiver Gemeinsamkeit stiften lässt
.
Politik fällt dabei auseinander in anbiedernde Stimmungsdemokratie fürs
Publikum und autoritäre Verwaltung für den seriöseren Teil der
Geschäfte. Sie ist nicht mehr das, was demokratische Politik ausmacht: Raum
gesellschaftlicher Reflexion, Erörterung und daraus legitimierten und sich
darauf beziehenden staatlichen Handelns. Dabei verlieren die Parteien ihre originäre
Funktion als Mittler an der Schwelle zwischen Individuum und Gesellschaft. Sie
werden zu kraftlosem Beiwerk, bloßen Anhängseln der auf ihren Schultern
zur Macht gelangten politischen Elite. Oder sie werden vorübergehend als
Außenseiter und Ankläger Vehikel des Verdrusses gegen dieselbe.
Dabei gerät die Politik unweigerlich immer wieder in beträchtliche Spannungen.
Denn ihre Anforderungen sind nicht ohne weiteres kompatibel mit der Perspektive
individueller Betroffenheit, auf die sich der Diskurs mit dem Bürger zunehmend
fixiert. Daher schwankt die Politik beharrlich zwischen Anpassung an vermutete
oder tatsächliche Wählererwartungen und Anpassung an vermeintliche Sachzwänge.
In seinem neuen Buch In Search Of Politics beschreibt Zygmunt Bauman dieses
Problem der Vermittlung recht prägnant: "In Ermangelung von Brücken
wird sporadische Kommunikation zwischen dem privaten und dem öffentlichen
Ufer mit Hilfe von Ballons aufrechterhalten, welche die irritierende Gewohnheit
haben, zusammenzubrechen oder im Augenblick der Landung zu explodieren. Solange
die Kunst der Vermittlung sich in diesem desolaten Zustand befindet, sind die
einzigen Missstände, die öffentlich artikuliert werden, Säcke voll
privater Verzweiflung und Angst. Sie werden jedoch allein dadurch, dass sie öffentlich
zur Schau gestellt werden, nicht zu öffentlichen Angelegenheiten."
Die Parteien neigen dazu, alles tun, um den öffentlichen Raum als Ort der
Begegnung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft immer gründlicher zu
zerstören. Und das gilt in besonderem Maße für die rot-grünen
Koalitionsparteien. Schon die Imagewerbung für das Produkt Schröder
im Bundestagswahlkampf war, auch wenn dies seinerzeit wenig beachtet wurde, ein
schlechter Start. Die Reaktion der Bürger schwankte, trotz des beeindruckenden
Wahlerfolgs, spürbar zwischen Heiterkeit und Befremden. Da man im Wahlkampf
allerhand gewohnt ist, war das sicher noch unbedeutend.
Die vorgeblich cool-moderne Marketingstrategie - besser gesagt, die defensive
Anbiederung an den politischen "Konsumenten" - erwies sich aber, um
mit Bauman zu sprechen, als Ballon. Der ging zwar nicht bei der Landung, aber
wenig später hoch. Es war eine Selbstdemontage der Politik, die von Anfang
an das hohe Risiko des Autoritätsverfalls in sich barg. Hätte die Koalitionsregierung
im Anschluss ihre Geschäfte gut geführt, wäre der wohl nicht eingetreten.
Aber auf die inhaltliche Beliebigkeit, die im Wahlkampf noch taktisch klug und
reizvoll scheinen mochte, folgte die kopflose Anpassung an die Widersprüche
des politischen Tagesgeschäfts. So setzte sich die Selbstdemontage der Politik
fort.
Vor diesem Hintergrund scheint die Entdeckung der "Gerechtigkeitslücke"
eher als ein weiterer Ausschlag des politischen Pendels zwischen Wähleranbiederung
und Sachzwanggehorsam denn als ernsthaftes alternatives politisches Angebot. Die,
die jetzt an der Regierung sind, beklagten früher Ungerechtigkeit - und umgekehrt,
und so weiter. Man mag von Rentenkürzungen halten, was man will. Bemerkenswert
ist, dass eine Regierung, die antrat, die Weichen für das nächste Jahrhundert
zu stellen, nicht imstande ist, der Bevölkerung auch nur eines ihrer Vorhaben
zu vermitteln. Aber das ist wohl die modernere Politik.

Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin des Textbüros Reul
(www.textbureau.com) in
Frankfurt am Main. In Novo42 ist von ihr erschienen "Balkanpakt: Zwischen
Chaos und Kalkül".
LITERATURTIPP
Zygmunt Bauman: In Search of Politics,
Polity Press, London 1999, £13,99