Editorial
Inhalt
NACHHALTIGKEIT
Matthias Heitmann:
Vollwert-Bildung: Zwangsdiät für Forschungshungrige
Interview mit Birgit Breuel:
"Eine EXPO ohne Superlative". Replik von Aitak Walter-Barani
Philip Kissel:
"Besser leben statt mehr haben"
[Heft S.16]
Petra Mascha:
Plätschernde Kinder
Edgar Gärtner:
"Ich wollt' ich wär' ein Huhn"
Albrecht Conz:
Let's talk about Ressourcenmanagement, baby!
[Heft S.20]
Sabine Beppler:
Klein und sparsam, aber effizient und schlagkräftig
[Heft S.21]
BALKANKRIEGE
Cora Stephan:
Das Wissen um die Ungewißheit des Sieges
Interview mit Adam Burgess:
"Stabilisierend auf Osteuropa einzuwirken, erscheint wie ein Alptraum"
Hermann Weber:
Die NATO tritt das Völkerrecht mit Füßen
[Heft S.30]
POLITIK & GESELLSCHAFT
Gunnar Sohn:
Mehrweg am Ende - Naturkost im Einwegkarton
[Heft S.34]
Frank Furedi:
Emotionen regieren das Land und die Politik geht in Frührente
Kai Rogusch:
Der entfesselte Strafvollzug
[Heft S.39]
Katharina Rutschky:
Wer will überhaupt schwule und lesbische Paare?
Götz Warnke:
Deutschland - ein freies Land?
[Heft S.44]
MEDIEN & KULTUR
Bernd Herrmann:
Der Film fällt nicht weit vom Birnbaum
Klaus Bittermann:
Wen hat Karasek mit sich geschwängert?
RUBRIKEN
Zeitgeister, Updates & Daneben
[Heft S.8]
Stichwort Balkanpakt
von Sabine Reul
Neue Mitte
"Better-not-look-like..." -Contest
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
Käsblatt "Lieber Onkel Goethe"
Satire von Sinasi Dikmen
Schwerhöribert Fastblinders Politisches Wörterbuch
K wie "Kurzsprech"
[Heft S.50]
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"Stabilisierend auf Osteuropa einzuwirken, erscheint wie ein Alptraum"
Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
1989 wollen sich demokratische Strukturen in Osteuropa nicht etablieren. Indes
wurde der Balkan zum Krisenherd. Über die Fragen, wie es um die Demokratie
dort bestellt ist, wem die Osterweiterung der EU nutzt und welche Motive den Westen
leiten, sprach Novo-Redakteur Alexander Ewald mit dem Balkan- und Osteuropaexperten
Adam Burgess.
FRAGE: In Anbetracht der aktuellen
Entwicklungen im Kosovo stellt sich wieder einmal die Frage, ob der Transformationsprozeß
in Osteuopa als erfolgreich eingeschätzt werden kann. Was ist Ihre Ansicht?
Adam Burgess: In gewissem Sinn ist die jugoslawische Tragödie
nur ein extremes Beispiel für die falsche Art, mit der die gesamte Region
betrachtet und behandelt wurde. Am deutlichsten zeigt sich am Beispiel Jugoslawien,
daß der "Osten" zu einem Vehikel geworden ist, mit dem diverse
Projekte verfolgt werden, die in ihrem Kern aber auf Problemen des Westens beruhen.
Die EU etwa benutzt die Osterweiterung auch als Druckmittel gegen diejenigen,
die innerhalb der EU hohe Agrarsubventionen erhalten.
Jugoslawien hat gegenüber Osteuropa jedoch auch eine eigene Bedeutung. Dies
zeigt sich daran, daß man bereit war, im Krieg gegen Jugoslawien die gesamte
Region wirtschaftlich zu zerstören. Die besondere Schärfe dieses Krieges
erinnert an den Umgang mit dem Irak. Im Falle des Irak konnte die Intervention
aber lediglich dazu dienen, das Recht des Westens auf militärische Intervention
in der fernen Dritten Welt zu regenerieren. Jugoslawien ist Teil Europas, liegt
also in unmittelbarer Nachbarschaft und hatte eine weitere, symbolische Bedeutung.
Hier ging es auch darum, den Barbarismus während des Zweiten Weltkrieges
und den Holocaust zu relativieren.
FRAGE: Ist Osteuropa ein Spielball
des Westens?
Adam Burgess: Mit dem weithin aufrechterhaltenen Mythos der
"Revolution von 1989" wird die Tatsache verdrängt, daß der
Ostblock selbst zusammengebrochen ist. Das Staatensystem wurde keineswegs von
starken sozialen Bewegungen zerstört. Statt dessen hatte die alte Elite das
Vertrauen in das eigene System verloren. Daraus wurde die Lehre gezogen, man solle
besser auf soziale Experimente verzichten. Soziale Veränderungen galten fortan
als eine gefährliche Sache. Da sich aus dem Zerfall heraus keine sozialen
Kräfte formierten und kein gesellschaftliches Verlangen nach Veränderung
entstand, wurde das entstandene Vakuum wieder durch die alten Eliten gefüllt.
Sie waren aber kaum in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen, weshalb westliche
Institutionen zunehmend einschritten. Doch auch diese Interventionen zeichnen
sich nicht gerade durch entschlossenes und selbstbewußtes Handeln aus. Es
war vielen bald klar, daß es äußerst schwierig sein würde,
den freien Markt einzuführen, weil eigentlich niemand mehr so recht an ihn
glaubte. Zudem sollten marktwirtschaftliche Verhältnisse in Regionen hergestellt
werden, wo Menschen lebten, denen man gar nicht zutraute, mit den neuen Anforderungen
zurechtzukommen.
Tragikomisch ist der Fall Rußland. Wegen dieser Zweifel und der Angst vor
Instabilität hat der Westen Milliarden von Dollars hineingepumpt, die dort
versickerten. Dies förderte und konsolidierte jedoch eine ziemlich bizarre
Oligarchie. In Rußland spielt politische Autorität nur regional begrenzt
eine Rolle. Die Wirtschaft funktioniert so irrational und ineffizient wie je zuvor.
Nicht alle Länder in Osteuropa sind genauso schlimm dran. Aber selbst bei
den einstigen Vorzeigeländern wie der Tschechischen Republik kann man nicht
von einer umfassenden Transformation der Gesellschaft reden. Im Westen ist man
mit Investitionen sehr vorsichtig und zögerlich.
FRAGE: Sind die Probleme in Osteuropa
nicht hausgemacht? Was halten Sie von der These, den Menschen in Osteuropa falle
es aufgrund ihrer Geschichte und Mentalität schwer, sich auf die neuen Verhältnisse
einzustellen - weshalb auch der Übergang zu einer liberalen Demokratie schwierig
sei?
Adam Burgess: Ich halte wenig davon. Daß solche Vorstellungen
im Vordergrund stehen, hat weniger mit der Mentalität der Völker in
Osteuropa zu tun als mit dem geistigen Klima im Westen. Möglicherweise ist
das in Deutschland noch nicht so auffällig, aber in den USA und in England
hat die enorme Entpolitisierung des gesellschaftlichen Lebens das Phänomen
hervorgebracht, daß nunmehr politische und soziale Entwicklungen wie aus
der Sicht eines Therapeuten beurteilt und kommentiert werden. Dies findet seine
Entsprechung bei der Diskussion über Osteuropa. Am deutlichsten sieht man
es, wenn man die Arbeit der zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen in der
Region verfolgt, aber auch an Statements von Politikern: die angestrebte Transformation
der osteuropäischen Gesellschaften wird als psychosoziales Problem dargestellt.
Die Schwierigkeiten bei der Umstellung der Kommandowirtschaft auf die Marktwirtschaft
werden als individuelle Probleme interpretiert und erscheinen als Charakterschwäche
von Individuen. Diesem Ansatz zufolge brauchen ganze Völker heute erst einmal
eine Supervison. Das sogenannte Konfliktmanagement, mit dem sich zahlreiche NROs
befassen, ist hierfür ein gutes Beispiel. Die Teilnehmer von Kursen sollen
lernen, mit ihrem vermeintlich überlieferten Haß zurechtzukommen. Vor
diesem Hintergrund werden dann militärische Konflikte in der Region auch
nicht mehr als politisch oder wirtschaftlich bedingt gesehen oder mit externer
Einmischung in Verbindung gebracht. Vielmehr erscheint das ganze Debakel in Osteuropa
als Produkt verkorkster Leute.
Die Anwendung dieses therapeutischen Ethos schließt aber keineswegs eine
starke Hand aus. Da schlägt man Kritiker auch einmal gehörig vor den
Kopf - besonders wenn sie die neuen intellektuellen Moden westlicher Intervention
nicht mitmachen wollen.
FRAGE: Meinen Sie nicht, daß
es in Osteuropa ein Demokratiedefizit gibt?
Adam Burgess: Es gibt dort in der Tat ein Demokratiedefizit,
allerdings nicht derart, wie es üblicherweise hierzulande verstanden wird.
Dieses Defizit kann auch nicht durch die verschiedensten künstlichen Initiativen,
die die EU regelmäßig vorschlägt, überwunden werden. Diese
behindern und untergraben vielmehr die Ansätze lokaler Initiativen, die es
ohnehin nur selten gibt.
Schon die Umwälzungen, die mit dem Fall der Mauer 1989 einen Höhepunkt
fanden, drückten in extremer Form die Teilnahmslosigkeit und Ernüchterung
der Gesellschaften in Osteuropa aus. Durch die Stagnation seitdem wurde diese
Stimmung erheblich verstärkt. Der Verlust jeglicher alternativen Vision ist
im Osten sehr stark ausgeprägt. Infolgedessen gibt es auch keine gesellschaftliche
Diskussion mehr, aber ohne Wettstreit über Zukunftsvisionen und ohne Perspektiven,
für die sich Engagement lohnen würde, kann auch keine Demokratie bestehen.
Das ausgeprägte politische Desinteresse der Menschen führt statt dessen
zu immer stärkerer Atomisierung und einem ausgeprägten Provinzialismus.
Das läßt sich in der gesamten Region beobachten. Früher hätte
ich nie geglaubt, daß wir jemals Gesellschaften erleben würden, die
auf solch eigentümliche Weise so extrem atomisiert sind wie die Länder
der ehemaligen Sowjetunion. Nicht einmal mehr zu Fußballspielen gehen die
Menschen.
Aber im Grunde sind diese Phänomene - also die Entpolitisierung, die Desillusionierung,
die Atomisierung - auch im Westen zu beobachten. Nur, die westlichen Politiker
haben sich längst an diese Situation angepaßt. Deshalb steht das therapeutische
Ethos, von dem ich bereits sprach, dort so sehr im Mittelpunkt der Diskussion.
Die osteuropäischen Eliten tun sich da erheblich schwerer, diesen neuen Stil
des Regierens nach dem "Ende der Politik" zu erlernen - trotz des enormen
Beratungsengagements seitens westlicher Institutionen. Hinsichtlich des viel beschworenen
Demokratiedefizits besteht der Unterschied eigentlich nur darin, daß in
den westlichen Gesellschaften bereits neue Formen des "politischen"
Lebens entstanden sind. Unsere Politiker haben gelernt, damit umzugehen. Das Verhältnis
zwischen Volk und Elite ist ein ganz anderes geworden. In Osteuropa haben sie
noch einen weiten Weg vor sich.
FRAGE: In Ihrem Buch Divided Europe
behaupten Sie, in osteuropäischen Ländern spiegelten sich primär
die Probleme westlicher Gesellschaften wider. Wie ist das zu verstehen?
Adam Burgess: Historisch gesehen repräsentierte Osteuropa
immer eine wenig schmeichelhafte Version unserer westlichen, "modernen"
Gesellschaften. Deshalb gab es in Westeuropa immer die instinktive Reaktion, die
Unterschiede zu Osteuropa zu betonen und die Gemeinsamkeiten in Frage zu stellen,
um das eigene System damit aufzuwerten. Aber in Wirklichkeit gibt es starke Parallelen,
was die Entwicklung der benachbarten Regionen anbelangt. Heute gleichen sich die
Gesellschaften sehr, insbesondere was die ausgeprägte Vereinzelung und Perspektivlosigkeit
anbelangt. Osteuropa nahm eine Entwicklung vorweg, die auch im Westen ab Mitte
der neunziger Jahre in Erscheinung trat.
FRAGE: Haben die Probleme beim
Übergang zur Marktwirtschaft in Osteuropa Einfluß auf das Selbstbewußtsein
der westlichen Eliten?
Adam Burgess: Ganz offensichtlich ja - vor allem innerhalb
der EU. Der Versuch, stabilisierend auf Osteuropa einzuwirken, erscheint vielen
Politikern als Alptraum. Es ist deshalb kein Wunder, daß das Thema immer
wieder von der Tagesordnung gestrichen wird. Früher gab es ständig Konferenzen
und Debatten über die vermeintlichen Erfolge in den Reformstaaten. Heute
will man davon nichts mehr hören.
Der kurze Moment einer gehobenen Stimmung während des kapitalistischen Siegeszuges
von 1989 war rasch vorbei. Damals gab es im Westen wohl das letzte Mal so etwas
wie ein tiefes Selbstvertrauen und eine Vision von der Zukunft. Zunichte gemacht
wurde dies auch durch den Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. Dieser
Pessimismus wurde in der bizarren These vom "Kampf der Kulturen", der
innerhalb der amerikanischen Elite sehr populär wurde, prägnant zusammengefaßt.
Das Augenmerk der westlichen Elite ist inzwischen sehr stark nach innen gerichtet.
Über so große Projekte wie die Transformation Osteuropas will heute
niemand mehr reden. Die Region taugt nur insofern, immer wieder zu demonstrieren,
wie vergleichsweise schlimm die Situation dort ist. Am Feindbild Serbien wird
das ständig vorexerziert. Das bietet Politikern zumindest kurzfristige Erholung
von den Schwierigkeiten, die eigene Gesellschaft zu managen.
FRAGE: Deutschland spielt heute
eine führende Rolle auf dem Balkan und in ganz Osteuropa. Konnte Deutschland
von der Entwicklung mehr als andere Staaten profitieren?
Adam Burgess: Was die Ebene der internationalen Diplomatie
betrifft, hat die deutsche Politik zusammen mit der US-amerikanischen am meisten
profitiert. Beide Länder haben erhebliche Vorteile aus dem Zerfall und der
Zerstörung Jugoslawiens gezogen. Die USA haben das "Vietnam-Syndrom"
hinter sich gelassen. Das amerikanische Establishment kann heute wieder mit erhobenem
Haupt militärische Interventionen anführen. Es scheint mir zudem, daß
insbesondere als Folge der Dämonisierung der Serben die faschistische deutsche
Vergangenheit stark relativiert wurde. In diesem Sinne gibt es da durchaus Parallelen,
und das aktuelle Auftreten beider Länder in der Region zeigt, daß in
den letzten Jahren auch in dieser Hinsicht eine Transformation stattgefunden hat.
Adam Burgess lehrt Soziologie an der Reading Universität in Berkshire.
Als Buch ist von ihm erschienen: Divided Europe. The New Domination of the East,
Pluto Press, London 1997 (http://www.plutobooks.com)
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