Balkanpakt: Zwischen
Chaos und Kalkül
Der Stabilitätspakt für den Balkan
macht Südosteuropa zum Experimentierfeld postnationaler Bürokratenherrschaft.
Von Sabine Reul.
Der "Stabilitätspakt für den Balkan" ist das Nachspiel zum
NATO-Krieg gegen Jugoslawien. Er wurde am 30. Juli in Sarajevo unter starken Sicherheitsvorkehrungen
und großem Medienaufgebot feierlich aus der Taufe gehoben. Das 14 Seiten
starke Dokument wurde im Auftrag der Bundesregierung unter Mitwirkung der Bertelsmann-Stiftung
von dem Briten Michael Emerson und dem Deutschen Daniel Groß verfaßt,
von Außenminister Fischer noch während des NATO-Kriegs gegen Serbien
im April der EU-Kommission als Strategiepapier vorgelegt und am 10. Juni von der
Kommission in Köln verabschiedet.
Für die deutsche Regierung markiert seine Umsetzung einen beachtlichen Prestigegewinn,
der sich ihrer Mittlerrolle zwischen NATO und Rußland im Kriegsgeschehen
verdankt. Mit Ex-Kanzleramtschef Bodo Hombach übernimmt ein enger Vertrauter
des Bundeskanzlers die Leitung der Paktorganisation, der nicht weniger als 38
Staaten und 15 internationale Institutionen angehören - neben der EU-Kommission
u.a. die UN, NATO, OECD, WEU, IWF und die Weltbank.
Der Stabilitätspakt soll die Grundlage für die Einbindung des Balkans
und seiner Anrainerstaaten in eine neue europäische Sicherheitsarchitektur
bilden. Er verpflichtet die Länder Südosteuropas - und das ist sein
offensichtlicher Zweck -, den politischen, wirtschaftlichen und militärischen
Vorgaben der EU und ihrer transatlantischen Bündnisorganisationen Folge zu
leisten, ohne ein Mitspracherecht oder gar die wirtschaftlichen Vorteile zu erlangen,
die EU-Mitgliedern vorbehalten sind.
Neuland betritt der Pakt aber vor allem, indem er - nebulös - vorschreibt,
die "menschliche Dimension" zähle "nicht ausschließlich
zu den inneren Angelegenheiten des betreffenden Staates". Erstmals verpflichten
sich damit Staaten in einem internationalen Vertrag zur Anerkennung eines Rechts
anderer Staaten auf Einmischung in ihre "menschlichen" Angelegenheiten.
Der Pakt schafft daher nicht nur ein Dreiklassen-Europa, bestehend aus den westeuropäischen
Industrienationen, den osteuropäischen Beitrittsländern und einem Hinterhof
samt Freihandelszonen für Krisenstaaten, die auf längere Sicht keine
Chance auf einen EU-Beitritt haben. Beitritt zum Pakt und Observation seiner politischen
Maßgaben sind obligatorische Voraussetzung dafür, sich in der Schlange
der Anwärter auf Zugang zu Europa ganz hinten anstellen zu dürfen. Er
hebt darüber hinaus aber das Völkerrecht - das mit der Interventionspolitik
des Westens seit dem Golfkrieg schon praktisch außer Kraft gesetzt wurde
- nun auch de jure auf.
Damit schreibt der Pakt eine Auflösung der Rechtsförmigkeit der internationalen
Beziehungen fest, für deren Folgen die NATO-Mission im Kosovo bedenkliches
Anschauungsmaterial liefert. Die G8-Staaten haben zwar sowohl im Rambouillet-Vertrag
als auch in der UN-Resolution 1244 vom 10. Juni 1999 die Unverletzlichkeit der
Grenzen der Republik Jugoslawien anerkannt, gleichzeitig aber mit der Errichtung
eines NATO-Protektorats im Kosovo und der dezidierten Einflußnahme auf innenpolitische
Entwicklungen in Serbien und Montenegro den Grundsatz der Nichteinmischung demonstrativ
außer Kraft gesetzt.
Damit sind die objektiven Normen, welche die Intervention in Angelegenheiten anderer
Länder bislang scharfen völkerrechtlichen Kriterien unterwarfen, einem
rechtlichen Niemandsland gewichen. Aus Staaten werden dabei seltsame Gebilde,
denn was ist ein Staat mit unverletzlichen geographischen Grenzen, der innerhalb
derselben keine Souveränität mehr beanspruchen darf?
Der nonchalanten Liquidation elementarer Grundsätze des Völkerrechts
nach dem Prinzip des "learning by doing" entsprechen die burschikosen
Formen der Nötigung und Erpressung, die offenbar im Umgang mit der europäischen
Peripherie jetzt zur Gewohnheit werden sollen. Zur Paktkonferenz in Sarajevo bekannte
der Sprecher des US-Sicherheitsrats P.J. Crowley freimütig, "die Ereignisse
dieses Tages seien 'absolut' darauf ausgelegt, den Abgang Milosevics zu beschleunigen".
US-Sicherheitsberater Samuel R. Berger ging einen Schritt weiter und mochte auch
einen gewaltsamen Sturz Milosevics nicht ausschließen (Washington Post,
31.7.99.). Hier deutet sich ein Zustand an, in dem - in Umkehrung des bekannten
Spruches - internationale Politik zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln
zu werden droht.
Die Bundesregierung verbucht den Stabilitätspakt als einen wegweisenden Erfolg
ihrer Außenpolitik. Vordergründig mag das Eigenlob berechtigt scheinen.
Der Pakt weist für einige jahrelang aufgeschobene Probleme des europäischen
Einigungsprozesses pragmatische Lösungsmöglichkeiten auf. Die leidigen
politischen und wirtschaftlichen Widersprüche der Ostexpansion von NATO und
EU werden durch die Bildung einer neuen Form der vertraglichen Anbindung ohne
die Vorteile der Mitgliedschaft vorübergehend neutralisiert. Gleichzeitig
ist Deutschland mit dem Pakt der Formulierung einer "europäischen Sicherheitsidentität"
im Rahmen der atlantischen Bündnisstrukturen ein gutes Stück näher
gekommen.
Aber was genau ist damit erreicht? Nach acht Jahren Krieg auf dem Balkan wäre
es vielleicht an der Zeit, von der allzu kurzsichtigen und propagandistisch geprägten
Sicht der Ereignisse Abstand zu nehmen, statt diese zu allem Überfluß
zum ehernen Grundprinzip der internationalen Ordnung werden lassen zu wollen.
Es spricht wenig dafür, daß die Einmischung in die inneren Angelegenheiten
anderer Völker ein vernünftiges Instrument der internationalen Politik
ist. Zumindest legt das Chaos im NATO-Protektorat Kosovo die gegenteilige Vermutung
nahe.
Vielleicht brauchen wir tatsächlich ein neues internationales Recht - aber
dann doch vorzugsweise eines, das besser ist als das alte Völkerrecht, statt
schlechter. Der Balkankonflikt war letztlich die Folge einer reaktiven, blinden
Anpassung an die Widersprüche des Transformationsprozesses in Osteuropa.
Das gilt für politische Akteure in der Region und nicht minder für die
im Westen. Sollen die Ergebnisse dieser Kurzsichtigkeit tatsächlich zum Modell
für die Zukunft des Kontinents werden?

Sabine Reul ist Novo-Redakteurin und Inhaberin des Textbüros Reul
(www.textbureau.com)
in Frankfurt am Main. In Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben (hg.v.
Klaus Bittermann u. Thomas Deichmann, Edition Tiamat, Berlin 1999) ist von ihr
erschienen: "Wir sind bereit! Vom Aufbruch in Bonn zum Aufbruch auf dem Balkan";
in Novo41 "Rot-Grüne Feldherren. Der Krieg und der moralische Autoritarismus".
Dank für die Unterstützung bei der Arbeit am vorliegenden Artikel an
Iris d'Orville..