Von der Unerträglichkeit des Gleichschritts mit anderen
Anmerkungen zum Fall Peter Handke. Von Heinz-Norbert
Jocks.
An dem Fall Peter Handke irritiert erstens, daß man jede seiner Aussagen
nur noch kommentiert wahrnimmt. Zweitens, daß keiner derjenigen, die von
ihm abgerückt sind, auch nur einen Moment lang darüber nachsinnt, was
denn wohl plötzlich in ihn gefahren ist. Man tut so, als sei die Frage seiner
ideologischen Schuld bereits geklärt. Nirgends das bei ihm zu lernende Spiel
von Fragen: Warum sieht er die Dinge so quer? Was treibt ihn so, daß er
sich, statt im friedlichen Pariser Vorort vor dem Fernseher die Hände in
den Schoß zu legen, im bebombten Belgrad aufhält? Daß er das
alles tut, dabei sein Leben riskierend, ist das wirklich damit schon vom Tisch,
daß man ihn der pathologischen Vernarrtheit eines nur Irrenden verdächtigt?
Ist es nicht vielmehr so, daß er die Konsequenzen seiner Kritik an der Macht
des Sekundären zieht, und zwar auf eine sich nicht gerade schonende Weise?
Außerdem ist da noch zu klären, ob es überhaupt
sein kann, daß er mir nichts, dir nichts so ins Fahrwasser falscher Wahrnehmung
wie in einem schlechten Horrorfilm geraten ist, den er angeblich bedenkenlos gutheißt?
Und zwar so, daß er nicht nur bejaht, was von Belgrad aus befohlen wird,
sondern sich sogar - man höre, wie berichtet wurde - zum "serbischen
Ritter" hat schlagen lassen? Seinem kurzem Brief an die Süddeutsche
Zeitung - darin schrieb er, ihm müsse das "wohl im Schlaf passiert sein,
im Sirenenklang"; mitbekommen habe er es "erst durch Ihre und andere
deutsche Zeitungen" - wird jedenfalls ebensowenig Bedeutung beigemessen wie
dem Widerruf seines Interviewversprechers vor laufender Kamera des Serbischen
Fernsehens, der so ausgelegt wurde, als wöge das Schicksal der Serben in
seinen Augen schwerer als das jüdische. Allenfalls über Handkes Nachtrag
kurz informierend, tut man so, als änderte das an dem darauf aufgebauten
Gesamturteil rein gar nichts. Das griffige Populärfeindbild Handke bleibt
so unkorrigiert wie undifferenziert.
DER EINZELGÄNGER
Trotz seiner Äußerungen zur Massenvernichtung der Juden ist auch keine
Rede mehr davon, daß er die Ausrede von der Jugend als einer Zeit der Verführbarkeit
nicht gelten läßt und dem Österreicher Kurt Waldheim nie verzieh,
1943 in Saloniki nur weggeschaut zu haben, "als die griechischen Juden -
auf eigene Kosten! - mit 'Kinder- und Gruppenermäßigung' durch ganz
Europa in den Vernichtungsurlaub geschickt wurden". Fürwahr, ein Weg-
oder Kleinredner des braunen Terrors ist er beileibe nicht, und deshalb die Frage,
ob ihm nun wirklich die Sensibilität für die eskalierende, außer
Kontrolle geratene Situation im Kosovo fehlt. Nein, wer ihm das vorwirft, hat
seine Texte nicht gründlich genug studiert, denn sonst vernähme er,
daß bereits in Abschied des Träumers vom neunten Land das "Unrecht
der serbischen Führung, das faktische Entziehen der Autonomie des vor allem
albanischen Kosovo" benannt ist. Wenn dieser Schriftsteller unterwegs ist,
sich ein Eigenbild von der Lage zu machen, so sicherlich nicht als ein hinterhertrottelnder
Partei-, sondern als ein skeptischer Einzelgänger, dabei gewiß mit
dem Ich-Erzähler in Die Wiederholung sympathisierend, dem es seit jeher unerträglich
gewesen war, "im Gleichschritt mit anderen, auch bloß einem einzigen,
zu sein". Sein gegengängiges Aus-der-Reihe-Tanzen, das einen anderen
als den herrschenden Blick erst ermöglicht, gipfelt darin, daß er den
Gleichklang der Medien pro NATO-Einsatz sowie deren spezielle Spiegelung laufender
Ereignisse hinterfragt und sich vor einer Vereinnahmung von gleich welcher Seite
verwahrt. Seine Sympathien für Jugoslawien rühren aus einer Zeit weit
vor der Bombardierung, als der Schuhputzer von Split sein Werk so wunderbar verrichtete,
daß der Erzähler von 1987 in ihm "den Heiligen der Sorgsamkeit"
erblickte.
DER TAGTRÄUMER
Vor allem aus dem Erzählten in Die Wiederholung geht hervor, welche Spannbreite
seine Liebe zu Jugoslawien eigentlich einnimmt. Ein wahrer Text, mit autobiographischen,
der Geschichte des älteren Bruders der Mutter nachgehenden Spuren. Dort hören
wir, wie dem Erzähler "das vormorgendliche, auf den ersten Blick so
unwirtliche Industriegelände einen ganz anderen Eindruck von Arbeitern, ja
überhaupt von Menschen" als von denen im eigenen Land gab. Da, in der
vertrauten Fremde, deren Prägung sich laut Handke nicht einzig und allein
aus der Grundverschiedenheit der "Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung"
herleiten ließ, sah er sich auf der Schwelle zu einem Land, das, anders
als das sogenannte Geburtsland, ihn "nicht beanspruchte als einen Schulpflichtigen,
als Wehr-, Ersatz- oder überhaupt 'Präsenz'-Diener, sondern im Gegenteil,
sich von ihm beanspruchen ließ, indem es das Land seiner Vorfahren, und
so, mit all seiner Freude, auch sein eigenes Land war." Mehr noch, sich auf
der Straße in den Passantenstrom einfädelnd, kam dem Zwanzigjährigen
dieser weniger wie ein Strom, der ihn einlochte, denn wie "ein zum Staunen
gemächliches Dahin" vor. Da die Straße frei von einer Mehrzahl
war, so gab es auch "keinen in der Minderheit - nur ein vielfältiges
und zugleich einhelliges Treiben" wie später nur noch in den Weltstädten.
Gewiß, dies sind literarische Formulierungen, von einer Fiktion zeugend,
die von einer guten Gemeinschaft tagträumt, dabei von einer Sprache wie dem
Slowenischen angetan, das selbst für das Unscheinbarste einen Namen schafft.
DER FRAGENSTELLER
Wieder von Slowenien, seiner Geh-Heimat, handelt Handkes Abschied des Träumers
vom neunten Land, jener zunächst in der Süddeutschen publizierte Essay,
der, obgleich ebenso ultramedienkritisch wie die folgenden, weit weniger Staub
aufgewirbelt hat. Im Grunde rollt er dort als einer der großen Fragensteller
unseres Jahrhunderts noch einmal die Geschichte des auseinandergebrochenen Jugoslawiens
in der Absicht auf, sie wieder zu öffnen. Vermutend, es habe sich einige
Jahre nach Titos Tod "eine große Zahl, jedenfalls die Mehrheit, innerhalb
der nördlichen Völker Jugoslawiens, den Zerfall ihres Staates von außen
einreden lassen", räumt er ein, daß "die serbische Übermacht
in dem Staatsapparat die kleine slowenische Teilrepublik zwar vielleicht hier
und da schikaniert oder übervorteilt oder niedergeredet, aber doch keinmal
in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg gegen sie einen solchen Völkerrechtsbruch
gesetzt habe, der es Slowenien erlaubte, von sich aus, wie es geschah, den historischen
Staatsvertrag für nichtig geworden zu erklären". Eine von Handke
in Sloweniens Hinwendung zu Mitteleuropa zu Recht bedachte Gefahr liegt darin,
daß die neuen Grenzen in Jugoslawien "nicht nach außen, viel
mehr, bei jedem der jetzigen Einzelstaaten, nach innen wachsen, [...] bis es bald
kein Land, weder slowenisch, noch kroatisch, mehr gibt, ähnlich wie im Fall
Monte Carlo oder Andorra". Vieles von dem, was Handke schreibt, ist von dieser
berechtigten Angst vor dem Verschwinden von Eigenheiten eines Landes per Grenzziehung
geprägt. Darauf, daß Eigenständigkeit keiner Eigenstaatlichkeit
bedarf, hebt er ab, dabei wie Walter Benjamin die Grenze von der Schwelle insofern
scheidend, als Übergänge ein Hin- und Herfluten von allem meinen, während
jede Grenzziehung auf Ab- und Ausgrenzung zielt. Für mehr Schwellenbewußtsein
plädiert Handke im Hinblick darauf, daß dann, wenn jeder die Pässe,
Pforten und Durchschlüpfe sehen würde, es endlich "eine Geschichte
ohne Totschlag und Krieg gäbe". So jedenfalls ist es in dem Film Der
Himmel über Berlin zu hören.
DER PHÄNOMENOLOGE
Wer die Texte, rund um Jugoslawien, aufmerksam liest, entdeckt eine aus Primärbegegnungen
gewonnene Lehre vom gelebten Miteinandersein in einer multikulturellen Gesellschaft,
in der die unterschiedlichsten Religionen, Lebensformen und Kulturen friedlich
via Schwelle koexistieren. Er versteht auch, warum der Erzähler auf seiner
ersten Serbien-Reise den Menschen, die er dort trifft, noch die dann wieder und
wieder verneinte Frage stellt, ob das große Jugoslawien je neu erstehen
könne. Auch bei ihm aber die Ahnung, daß die konkrete Möglichkeit
dazu längst verspielt ist, und zugleich das bis in Zeitungsfotodetails bohrende
Mißtrauen gegenüber der Berichterstattung seitens der Medien. Im Grunde
haben wir es mit philosophischen, Paul Virilio verwandten Fragen aus der phänomenologischen
Perspektive zu tun wie: Was können wir wissen, "wo eine Beteiligung
beinah immer nur eine (Fern-)Sehbeteiligung ist?" Des Schriftstellers hartnäckiger
Wille zu einem keine Einzelheit unter den Teppich kehrenden Zusammenhang arbeitet
an keiner Leugnung "serbischer Untaten, in Bosnien, in der Krajina, in Slawonien
durch eine von der ersten Realität absehende Medienkritik".
DER PARADOXE
Im Gegenteil, er verlangt eine allen gleichermaßen gerecht werdende und
alle ohne Ausnahme zur Verantwortung ziehende Klärung vor einem wirklich
unabhängigen internationalen Gericht. Je mehr man sich in seine Texte vertieft,
um so stärker die Einsicht, daß man sie grundfalsch rezipiert, sobald
man sie nach einer eindeutigen Stellungnahme abklopft. Dieser poetische Blick
entspringt einem paradoxen Geist, dessen einer Teil angesichts der Berichte und
Abbildungen aus den serbisch-bosnischen Internierungslagern nicht anders kann,
als in dem Volk der Serben, das "bisher in der Geschichte kaum je die Täter,
oder Erst-Täter war, ein schwerschuldbeladenes, eine Art Kainsvolk"
zu erblicken. Ein anderer Teil in ihm winkt ab, wenn es gilt, die Partei der Mehrheit
zu ergreifen. Er kann buchstäblich seinen Nur-Fernseh-Augen nicht trauen,
weil "allzu schnell für die sogenannte Weltöffentlichkeit nämlich
in diesem Krieg die Rollen des Angreifers und des Angegriffenen, der einen Opfer
und der nackten Bösewichte, festgelegt und fixgeschrieben worden waren".
Gegen diese "heutigen Voraus-Schuldzuweisungen" richtet sich Handkes
literarische Gegenmaßnahme des Frei- und Widerfragens. Er hofft auf eine
wenn auch nur in Nuancen anders geschriebene Geschichte, die über die gegenseitige
Bildstarre der Völker hinwegrettet, damit ein Neben- und Durcheinander aller,
auch jenseits der multikulturellen Hauptstadt, nicht nur machbar, sondern menschliches
Bedürfnis ist.
Wenn Handke Serbien in Schutz nimmt, so hat das weniger mit Parteinahme
als mit seiner Liebe zu einem ihm eben nicht nur vom Hörensagen bekannten
Land zu tun. Auf eine "Ursachen-Ausforschung" drängend, sieht er
die Aufgabe des Poetischen darin, "den Anstoß zum gemeinsamen Erinnern,
als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit" zu geben. Darum sein Appell,
auch auf die Vor-Geschichte zu hören, verknüpft mit der Hoffnung, mit
dem "Problem-Darstellen", das dann doch beherzt werde, erst tauchten
alternative, keine weiteren Grenzen errichtende, ja organisch gewachsene, statt
erpreßte Friedenslösungen auf.
Einen erneuten Anlauf in diese Richtung unternimmt er mit seinem
jüngsten Theaterstück Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film
vom Krieg. Darin treten drei Internationale nach dem Krieg auf. Der erste bekennt,
in dem bekämpften nie ein "Land für sich", sondern immer "bloßes
Kriegsgebiet, Gelände, Frontlinie, Fluchttunnel, Massakerstelle, Fallschirmlandequadrat"
gesehen zu haben, und ein weiterer, dieses ganze Land von Anfang an nur gehaßt
zu haben.
Den Bogen seiner Kritik am internationalen NATO-Verhalten spannt
Handke bis hin zu dem Satz "Euch also gehört die Sprache zu diesem Krieg".
Sein Engagement deckt sich da wohl mit der Figur des Griechen, der sich "seine
Art Informationen auf Umwegen" verschafft, dabei den Internationalen vorhaltend,
scheinheilig im Namen des Guten aufzutreten, ohne je einen "Hauch von Gutem
in diesem Land hinterlassen zu haben". Er, der von ihnen "nur wenigstens
einmal einen anderen Ton" hören will, erinnert zudem an die Zeit, als
Journalisten noch eine Instanz waren, "an die der einzelne in seiner Wut
oder Not sich wenden konnte". Wenn darin nicht doch noch etwas von einer
Aussicht auf Umkehrung festgeschnurrter Verhältnisse steckt, unter denen
auch die poetische Sicht der Dinge einmal ernst genommen sein wird! Zu wünschen
wäre es jedenfalls seit langem.

Heinz-Norbert Jocks lebt und arbeitet als freier Journalist in Düsseldorf.
Der vorliegende Artikel erschien in der Schweizer Basler Zeitung (5.5.99). Ein
Beitrag zu Peter Handkes Winterlicher Reise ist erschienen in Noch einmal für
Jugoslawien: Peter Handke; hg.v. Thomas Deichmann, Suhrkamp Verlag, Frankfurt
am Main 1999.