Editorial
Inhalt
TITEL
David Chandler:
Lehren aus Bosnien
Thomas Deichmann:
GEGEN-DOSSIER:
Wie in Deutschland Demokratie sabotiert wird
Matthias Heitmann:
"Ihr täglich Kollaterol gib ihnen heute"
[Heft S.20]
MOBBING
Alexander Ewald:
Wie Mobber zu Gemobbten werden
Katharina Rutschky:
Damen-Ohrfeigen gegen Busengrapscher
Interview mit
Heidi Degethoff de Campos:
"Oh Herr, laß Winter werden"
[Heft S.30]
Gerhard Felbinger:
Mobbing aus anwaltlicher Sicht
[Heft S.32]
Thilo Spahl:
Invasion der Opfermacher
Stefan Chatrath:
Heute schon gemobbt (worden)
[Heft S.36]
Patrick Körber:
Dürfen Kinder nicht normal sein
[Heft S.38]
POLITIK
& GESELLSCHAFT
Gunnar Sohn:
Dickbäuchige Banker hangeln am Seil über Bäche
WELTGESCHEHEN
Sabine Beppler:
Aids und Sex in Afrika
[Heft S.42]
Roger Bate:
Warum Elfenbeinhandel Elefanten schützt
[Heft S.44]
MEDIEN
& KULTUR
Heinz-Norbert Jocks:
Von der Unerträglichkeit des Gleichschritts mit
anderen
Paul Ingendaay:
Der Mann mit der Lupe
[Heft S.48]
RUBRIKEN
Zeitgeister,
Updates & Daneben
[Heft S.8]
Stichwort
Kriegsdemokratie
von Sabine Reul
Neue Mitte
Der neue Manager-Knigge
von Tillmann Prüfer
[Heft S.26]
Käsblatt
"Lieber Onkel Goethe"
Satire von Sinasi Dikmen
Schwerhöribert Fastblinders Politisches Wörterbuch
H wie Hirnwäche
[Heft S.50]
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Brief an Goethe
Von Sinasi Dikmen
Lieber Onkel Goethe,
Ich sende Dir Tausende herzliche Grüße und küsse Dir die alten
weichen Hände, und ich frage Dich mit aller Höflichkeit und Respekt:
Wie geht es Dir? Schaffst Du noch? Kannst Du es noch aushalten mit Deinen Deutschen,
die Dich ständig loben, aber hinter Deinem Rücken behaupten, daß
Du doch nicht so fortschrittlich gewesen wärest wie Schiller? Wer ist der
Typ? Kenne ich ihn? Hast Du ihn gemocht, und er Dich?
Onkel Goethe, ich habe so viele Fragen, aber die kannst Du mir ja doch nicht beantworten,
weil Du keine Zeit dafür hast. Aber ich habe auch etwas Schönes zu berichten,
paß' mal auf:
Ich war in Berlin. In der Reichshauptstadt. Mensch, Onkel Goethe, die Stadt hat
solche schönen Häuser und Straßen, und Geschäfte und Autos.
Deshalb heißt die Stadt Reichshauptstadt, weil sie so reich ist. Warst Du
mal in Berlin? Ein Deutscher, mit Bart und Nickelbrille, der mit mir im Zug saß
und ein Buch las: Gespräche mit G. in den letzten Jahren seines Lebens, von
einem Johann Peter Eckermann, also dieser Mensch behauptete, Du hättest Berlin
nie gemocht. Das sagte er mir, als wir von Berlin zurückfuhren. Er sah, daß
ich schrieb. Wollte wissen, wem ich den Brief schreibe. Ich sagte ihm: "Einem
Onkel, den ich noch nie gesehen habe." "Aha", sagte er, "das
ist ja interessant, wo wohnt denn dieser Onkel?" "Ich weiß es
nicht." "Ja, Jungchen, wohin willst du denn den Brief dann schicken?"
"Ich werfe ihn in den Briefkasten mit der Adresse: An Onkel Goethe, und das
ist alles. Kein Brief ist bis heute zurückgekommen." Er lachte, streichelte
mir den Kopf und sagte: "Junge, aus Dir wird was." Mein Onkel lsmet
dagegen behauptet immer, aus mir würde nichts werden. Ist ja auch egal.
Daß Du Berlin nicht gemocht hast, glaube ich aber nicht. Der Typ hatte so
eine komische Sprache, so wie einer, der aus dem Ausland kommt. So einen komischen
Ausländer habe ich aber auch noch nicht in der Türkei gesehen. Obwohl
fast alle Türken in der Türkei Ausländer sind. Die Türken
in der Türkei seien Ausländer in Deutschland, aber die Türken in
Deutschland seien kein Ausländer. Ich habe nichts verstanden, aber so ist
das, sagte Onkel lsmet.
Berlin ist schön, groß, fremd, fast ausländisch, und reich. Eine
Tante von meiner Mutter hatte uns eingeladen. Sie wohnt in Berlin. In Schöneberg.
So schön ist dieses Schöneberg nun auch wieder nicht, aber der Kurfürstendamm:
So viele Menschen findest Du in Frankfurt auf der Zeil nur dann, wenn der Markt
auf der Konstabler stattfindet. Auf dem Ku'damm, so nennen sie ihn in Berlin,
erwischte ich meinen Vater, wie er den schönen Frauen Blicke hinterherwarf.
Das unterstellt ihm meine Mutter zwar sowieso immer, aber da bekam ich es zum
ersten Mal mit. Ich weiß nicht, warum die erwachsenen Männer von den
Frauen so viel halten. Die Frauen braucht man vielleicht, wenn man Kinder mit
ihnen machen will. Ich will keine Freundin, ich habe so viele Freunde.
Dann waren wir in der Adalbertstraße, in der Oranienstraße, auf dem
Moritzplatz, in der Waldemarstraße. Und in der Friedrichstraße. Besonders
diese Straße hat viele schöne Häuser, neu gebaute, Tausende von
Mark wurden dafür ausgegeben, aber sie hat so viele freie Büros, so
sagte der Mann von der Tante, die niemand mieten wolle. Kein Baum dort, wegen
der U-Bahn. Wenn sie da Bäume einpflanzen und die Bäume ihre Wurzeln
tiefer schlagen, dann erreichen sie plötzlich die U-Bahn. Stell' Dir mal
vor, der Fahrer kann nichts mehr sehen, weil die dicke Wurzel einer Kastanie ihm
in der U-Bahn den Blick versperrt. Komisch, gell? Dumm gelaufen.
Wir besuchten den Potsdamer Platz. Das schönste auf diesem Platz, so sagte
der Sohn der Tante, ist der Bau. Sonst sei nichts schön auf diesem Platz.
Dann waren wir im Reichstag. Mensch, diese Moscheekuppel: so mächtig, so
heimisch. Ich meine, die Kuppel sah aus wie der Helm eines Polizisten aus der
Zeit von Wilhelm dem Zweiten. So etwas sagte der Sohn dieser Tante. Die Deutschen
hätten sich absichtlich so was auf ihren Kopf bauen lassen, damit die Menschen
draußen sehen, daß die Deutschen ihre Macht wiederbekommen haben.
So ist der Sohn der Tante. Hier würden sich die Deutschen treffen, um uns
zu regieren. Unter dem Helm? So was blödes.
Was ich dann in Kreuzberg gesehen habe, übertrifft alles: Karneval der Kulturen
hieß der Faschingszug. Dieser Faschingszug war nicht einfarbig und einmenschig,
einklangig: Ich meine, der normale deutsche Faschingszug besteht sonst immer nur
aus den Deutschen, aus dem deutschem Klang, und alles läuft immer gleich
ab. Die Deutschen feiern ihren Fasching üblicherweise unter sich, und die
anderen Menschen schauen zu oder versuchen mitzugehen. Aber hier waren Schwarze,
Türken, Deutsche, Russen, Brasilianer, die durcheinander und hintereinanderher
liefen, sangen und tanzten, schrien und hopsten, und die anderen Menschen schauten
zu. Vielfältiger als die Love-Parade, sagte eine junge Frau neben meiner
Mutter.
Wenn Du Dir mal Zeit nehmen kannst, dann geh' nach Berlin, oder am besten, wir
fahren gemeinsam hin, und der Sohn der Tante führt uns durch die Stadt. lsmail,
so heißt er, ist ein echter Berliner. Er kennt sich so gut aus.

Sinasi Dikmen ist Mitbegründer der Käs,
dem Kabarett Änderungsschneiderei in
Frankfurt am Main.
Web: http://www.die-kaes.com
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