Invasion der Opfermacher
Sie sind so um die 30 Jahre alt und haben
allerlei Probleme in Ihrem Leben? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht,
daß Sie als Kind mißbraucht worden sein könnten, sich aber nicht
mehr daran erinnern? Thilo Spahl über das Syndrom
Falscher Erinnerungen.
Sie finden die Frage, Sie als Kind mißbraucht worden sein könnten,
seltsam? Das ist normal. Da geht es Ihnen nicht anders als Zigtausenden, die sich
im letzten Jahrzehnt tatsächlich schon mit dieser Frage beschäftigt
haben. Viele davon haben sich am Ende dazu entschlossen, daß es so gewesen
sein muß, und sie haben sich erinnert - nicht vage, sondern detailliert:
an Morde, Vergewaltigungen und sonstige Mißhandlungen, meist durch Väter,
oft auch durch Mütter, Onkel, Geschwister oder Bekannte.
Kritiker dieses Massenphänomens sogenannter wiedergefundener
Erinnerungen nennen es "false memory syndrom" (FMS, deutsch: Syndrom
Falscher Erinnerungen), und manche bezeichnen den "Wahn von Tausenden inkompetenter
Therapeuten, Familienberater und Sozialarbeiter, die falsche Erinnerungen an den
Mißbrauch in der Kindheit aufdecken", als den "größten
Skandal der amerikanischen Psychiatrie in diesem Jahrhundert".1
Ein Skandal ist es in der Tat, eine in den USA seit Ende der 80er
Jahre grassierende Epidemie, die bis heute nicht abgeklungen ist, obwohl es mittlerweile
eine starke Gegenbewegung gibt, die sowohl Öffentlichkeitsarbeit betreibt
als auch Betroffenen, etwa beschuldigten Vätern, juristische Unterstützung
anbietet. Das ist erforderlich, denn in Konsequenz der "wiedergefundenen"
Erinnerungen kommt es nicht nur zu massiven Familienzerwürfnissen, sondern
oft auch zu Kriminalprozessen und Verurteilungen, die sich zum Teil ausschließlich
auf die Jahrzehnte vermeintlich unterdrückte Erinnerung stützen.
JAHRZEHNT DES KINDESMISSBRAUCHS
Am Ende eines Jahrzehnts ist man geneigt, eine rückblickende Charakterisierung
vorzunehmen. Vielleicht sollte man die Neunziger zum "Jahrzehnt des Kindesmißbrauchs"
ernennen. Oder sagen wir - für all diejenigen, denen das zu zynisch klingt
- etwas abstrakter "Jahrzehnt der inflationären Mißbrauchsvermutung".
Dabei war die typisch europäische Realisationsform die gesellschaftliche
und mediale Überinszenierung einzelner tatsächlicher Verbrechen. Sie
ist in höchster Ausprägung erfolgt im belgischen Fall Marc Dutroux,
den die Nachwelt nicht als Akte eines Verbrechens zu lesen bekommt, sondern als
Dokument einer Staatskrise.
Den herausragenden amerikanischen Beitrag zum "Jahrzehnt der
inflationären Mißbrauchsvermutung" lieferten zweifellos all jene
Therapeuten, die sich selbst "Traumatisten" nennen, einen vermeintlich
vergessenen sexuellen Mißbrauch in der Kindheit zum Ausgangspunkt ihrer
therapeutischen Bemühungen machen und von ihren Klienten mehr oder weniger
direkt verlangen, sich zu erinnern. Sie benutzen hierzu Methoden der Suggestion
und Hypnose und erreichen, daß es am Ende zu einem tatsächlichen Erinnern
kommt. Es gibt jedoch gute Gründe, anzunehmen, daß in sehr vielen Fällen
dieses erarbeiteten Erinnerns die Inhalte desselben reine Imagination sind.
KREATIVES GEDÄCHTNIS
Auch die Kritiker der wiederentdeckten Erinnerungen (recovered memory) streiten
nicht ab, daß es Kindesmißbrauch gibt. Sie bezweifeln jedoch ganz
entschieden die Theorie, daß dieser Mißbrauch häufig über
Jahre und Jahrzehnte ganz und gar aus dem Gedächtnis verschwindet - und das
auch noch in Millionen von Fällen.
Der vermeintliche Gedächtnisverlust widerspricht eindeutig
den bisher durchgeführten Studien zum Thema:
"Eine Vielzahl von Studien bei Kindern (Terr
1983; Malmquist 1986; Pynoos & Nader 1989) und Erwachsenen (Leopold &
Dillon 1963) hat gezeigt, daß psychologisch traumatische Ereignisse lebhaft,
wenn auch nicht immer akkurat, erinnert werden und regelmäßig von eindrücklichem
Wiedererleben in der einen oder anderen Form gefolgt werden. Das Problem bei den
meisten Arten von Traumata ist nicht, daß die gewalttätigen Erlebnisse
komplett aus dem Bewußtsein getilgt werden, sondern daß die Menschen
nicht in der Lage sind, zu vergessen. Amnesien sind selten."
(Dr. Sydney Brandon et al: "Recovered memories of childhood sexual abuse:
implications for clinical practice," British Journal of Psychiatry, April
98, S.300)
Auch ist es längst erwiesen, daß das
menschliche Gedächtnis nicht wie ein Videoband arbeitet, das alles exakt
aufnimmt und wahrheitsgetreu wieder abspielt (auch wenn man es zwischendurch 20
Jahre verlegt hat). Das Gedächtnis ist vielmehr höchst kreativ und kann
"Erinnerungen" produzieren, die, wie Träume, zwar äußerst
detailliert und bildhaft sein können, aber nichts mit der Realität zu
tun haben brauchen.
Methodisch ist also die Arbeit (memory recovery therapy) der Traumatisten
schlicht unwissenschaftlich. Es verwundert nicht, daß das Vorgehen in der
"Therapie" weitgehend dem entspricht, das verwendet wird, wenn sich
Menschen an Entführung durch Außerirdische, satanistische Rituale und
frühere Leben erinnern. Auch solche "Erinnerungen" werden häufig
behauptet und entsprechen dennoch nicht der Wirklichkeit.
Weiter ist darauf hinzuweisen, daß die Methoden der Traumatisten
sich dazu eignen, Imaginationen hervorzurufen, und daß Suggestion in keiner
Weise vermieden wird, was nicht dem Vorgehen in anderen, anerkannten Therapierichtungen
entspricht. Der Einsatz von Hypnose verbessert wissenschaftlichen Untersuchungen
zufolge nicht die Fähigkeit, etwas Vergessenes wieder zu erinnern.
Bezeichnend für die "therapeutische" Herangehensweise
ist die Aussage von Ellen Bass und Laura Davis, den "Päpstinnen"
der Recovered Memory Bewegung. Sie schreiben in ihrem Buch The Courage to Heal:
"Man muß daran glauben, daß die Frau sexuell mißbraucht
worden ist, selbst wenn sie manchmal selbst daran zweifelt" (The Courage
to Heal: A Guide for Women Survivors of Child Sexual Abuse, S.347).
Der Nachweis dafür ist schnell erbracht. Es dienen nämlich
Hunderte von Symptomen als Beweis für unterdrückte Erinnerungen an Mißbrauch,
darunter so profane wie Kopfschmerzen, Scheidenentzündung, Schlafstörungen,
Magenbeschwerden, Schwindelgefühl, Eßstörungen, Angst, Bananen
zu essen, Beziehungsprobleme, eine Vorliebe für sackartige Kleidung, Fettleibigkeit,
Depression und geringes Selbstbewußtsein. Außerdem wird von immensen
Fallzahlen ausgegangen. So glaubt zum Beispiel E. Sue Blume, Autorin des Buchs
Secret survivors, "daß mehr als die Hälfte aller Frauen Überlebende
eines sexuellen Traumas sind, das ihnen in ihrer Kindheit zugefügt wurde."
RÜCKZUG IN DIE OPFERROLLE
Ist der Therapeut erst einmal überzeugt, daß er es wieder mit einem
Fall unterdrückter Erinnerung zu tun hat, gibt es nur einen Weg: die Patientin
muß dazu gebracht werden, sich an die Ereignisse zu erinnern und sich mit
dem Täter auseinandersetzen. Nur so könne sie von ihren psychischen
Problemen - welchen auch immer - geheilt werden.
Das Gegenteil ist der Fall. Obwohl die Rolle des Opfers heute gesellschaftlich
hochsubventioniert ist, erweist sich die "Therapie" für die Patientin
meist als verhängnisvoller Irrweg: sie entfremdet sich von ihrer Familie,
erkennt ihre eigentlichen Probleme nicht, zieht sich in eine passive Opferrolle
zurück und gerät nicht selten in eine Abhängigkeit vom Therapeuten.
Für diesen Zustand wurde der Begriff "False Memory Syndrome" geprägt,
der nicht nur verlangt, daß jemand falsche Erinnerungen hat, sondern daß
er von diesen beherrscht wird.
Doch die Gemeinde der Mißbrauchserinnerer ist in ihrem Eifer
nur schwer zu bremsen. Sie hat bereits den Gegenbegriff hervorgebracht: das sogenannte
FIBS.
FIBS steht für "False Innocence Belief Syndrome"
(Syndrom Falscher Unschuldsannahme). An FIBS leiden Hunderttausende, vielleicht
Millionen von Mißbrauchstätern, ihre Ehefrauen und ihre Unterstützer.
FIBS-Opfer versuchen zu beweisen, daß sie unschuldig sind, und sie versuchen,
darauf zu bestehen, daß die, die von ihnen mißbraucht wurden, verrückt
sind. Sie behaupten beispielsweise, "ich bin nie eines Verbrechens beschuldigt
worden" oder "Theorien der Unterdrückung [von Erinnerungen] sind
unbewiesen." Sie schützen sich sorgsam vor allen Beweisen, die ihre
eigene Unschuld, bzw. die ihres Partners, in Frage stellen würden (s. z.B.
The Recovered Memory Task Group of Ottawa).
ATTRAKTIVITÄT DER OPFERROLLE
Man sieht: Die Mißbrauchsindustrie ist schwer zu stoppen. Es handelt sich
bei den Traumatisten zum allergrößten Teil nicht um geschickte Scharlatane,
sondern um Überzeugungstäter, die selbst vollkommen an die Omnipräsenz
des Mißbrauchs glauben. Wir greifen zu kurz, wenn wir das verbreitete Auftreten
des False Memory Syndroms jenen "Therapeuten" anlasten. Sie machen zwar
das operative Geschäft, sie sind die Opfermacher. Doch sie kommen nicht aus
dem Nichts. Ihr gehäuftes Auftreten ist ein gesellschaftliches Phänomen,
eine besonders krasse Realisationsform der Opferkultur, die mittlerweile die unterschiedlichsten
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durchsetzt. Die Mission der Opfermacher
kann nur gelingen, wenn es genügend Menschen gibt, die bereit sind, die Rolle
des Opfers zu übernehmen. Diese gibt es nur, wenn der Opferstatus gesellschaftliche
Wertschätzung erfährt, wenn er also für Menschen, die eine begrenzte
Auswahl an Rollen haben, die sie in der Gesellschaft spielen können, eine
einigermaßen attraktive Option darstellt. Natürlich handelt es sich
hier nicht um eine bewußte Wahl. Sie ist so unbewußt wie die Entscheidung,
ein Macho zu sein, eine gute Mutter, ein Workaholic, ein Bohemien oder ein christlicher
Fundamentalist.
Patienten von Traumatisten sind in erster Linie auf der Suche nach
einer Erklärung für ihre Probleme. Sie mögen zunächst erschreckt
sein über das Erklärungsangebot der Therapeuten, aber sie gewinnen allmählich
Gefallen an den einfachen Begründungen, sie werden aufgenommen in einen Kreis
von Menschen, die vermeintlich ein gleiches Schicksal erlitten haben, sie erhalten
eine komplette "hochwertige" Opferidentität mit allem drum und
dran - eine Identität, die sie selbst von jeder Verantwortung entbindet,
sie weitgehend unangreifbar macht und ihnen Mitgefühl sichert. Mittlerweile
gibt es sogar schon eine kleine Kulturindustrie für "survivors"
(Überlebende - wie sich Opfer im englischen Sprachgebrauch gerne nennen),
es gibt neben Selbsthilfebüchern auch Gedichtbände oder Gemälde
und Zeichnungen von und für "survivors". Es gibt Mißbrauchsopfer
in Romanen, Fernsehfilmen, Soap Operas, Talk Shows.
Opfer spielen heute eine prominente Rolle im öffentlichen Leben.
Sie werden benötigt von Menschen, die sich kümmern und helfen und damit
ihrem eigenen Leben Sinn geben wollen. Sie werden benötigt, um anderen moralische
Festigung und Orientierung zu geben. Das Opfer ist hier in erster Linie Objekt
seiner Helfer. Das zeigt sich in krasser Ausprägung beim Phänomen FMS.

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und Novo-Redakteur.
ANMERKUNG
1 Martin Gardner: Falsche Erinnerungen II. In: Skeptical Inquirer, Bd.
18, Nr.5 (1994), S. 464-470. In deutscher Übersetzung in: Gero von Randow
(Hrsg.): Der Fremdling im Glas, Rowohlt Verlag 1996.
LITERATURTIP
Mark Pendergrast: Victims of Memory. Sex Abuse Accusations and Shattered Lives,
Upper Access Book Pub. 1996. US$ 24,95.