Damen-Ohrfeige
gegen Busengrapscher
Bei diversen Ausführungen zum Thema
"Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" dreht es sich um Hirnwäsche
seitens engagierter Forscherinnen, die gut beraten wären, auch einmal Feindkontakt
aufzunehmen. Von Katharina Rutschky.
Der Weg in die total anständige Gesellschaft ist mit viel Papier gepflastert.
Seit ich mich mit Sexualpolitik befasse, werde ich aber den Eindruck nicht los,
daß niemand sich die Mühe macht, die Veröffentlichungen kritisch
gegenzulesen, in denen die Horrorszenarien zuerst Gestalt annehmen, ehe sie dann
als kurze, aber deftige Schreckensmeldung den Zeitungsleser und Radiohörer
erreichen. Noch hat man kaum verarbeitet, daß jede Frau ein potentielles
Opfer patriarchaler Brutalität, jedes dritte, vierte Kind und Mädchen
sexuell mißbraucht wird, schon fällt der nächste Schlag: Zwei
Drittel der Frauen im Beruf sexuell belästigt, hört und liest man heute
überall, und mit dieser überraschenden Information sollen immer wieder
neue Regeln und Gesetze plausibel gemacht werden, die diesem endlich enthüllten
gesellschaftlichen Übelstand Rechnung tragen.
In der Hauptsache werden private und öffentliche Arbeitgeber
darin verpflichtet, Büros und Betriebe zur "Wahrung der Würde von
Frauen und Männern" belästigungsfrei zu gestalten, für alle
Fälle eine ordentliche Beschwerdeprozedur zu organisieren und Führungskräfte
mittels Fort- und Weiterbildung für das Problem zu sensibilisieren und handlungsfähig
zu machen.
Was ist gegen die Ausweitung der Fürsorglichkeit mit ein bißchen
staatlicher Nachhilfe einzuwenden? Kann denn überhaupt zuviel des Guten geschehen,
wenn es darum geht, das Leben aller, aber besonders das der Schwachen und Hilflosen
(Frauen und Kinder) sicherer und angenehmer zu machen? Es kann, wie die gräßlichen
Pannen der Mißbrauchspädagogik (Stichwort: "Mißbrauch mit
dem Mißbrauch") landauf und landab inzwischen zur Genüge zeigen.
Andererseits ist nicht zu übersehen, daß engagierte Sexualpolitiker
mit dem Thema "sexuelle Belästigung" (S.B.) von der Tragödie
und dem Melodram nolens volens ins Genre der Komödie wechseln müssen.
Das neue Verbrechen S.B., das erst gesellschaftsfähig
gemacht werden muß, besteht ja bloß aus Blicken, anzüglichen
Bemerkungen, eindeutigen Angeboten und Versprechungen; Busengrapschen und Pokneifen,
Nachstellungen in die Aktenablage und aufgezwungene Küsse sind ja schon das
Äußerste, was der Gesellschaftsreform als Tatbestand vorgegeben ist.
Da stellt sich der Inszenierung das Problem, welches selbst Hollywood nicht lösen
konnte. Ein Kaninchen ist eben nicht dämonisch, selbst wenn man es auf Wolkenkratzerformat
bringt, und wenn es heißt "Killertomaten greifen an", dann kann
man sich höchstens totlachen.
Trotzdem blieb zaghafte Kritik am Reformvorhaben lange der CSU vorbehalten,
die empfahl, gegen sexuelle Schmierenkomödianten mit der klassischen Damen-Ohrfeige
vorzugehen. Diese Aufforderung stieß natürlich bei den engagierten
Frauen, Frauenministerinnen und Frauenbeauftragten auf taube Ohren, denn Frau
schützt sich nicht selbst, soll es nicht und kann es nicht. Frau wird geschützt
von einem sich zusehends ausbreitenden staatsfeministischen Apparat. Mit welchen
politischen Aussichten auf diese Weise notwendige Emanzipation (ich bin dafür)
in Verwaltung und letztendlich allenfalls in Billig-Therapie überführt
wird, davon gaben bereits früh zwei Untersuchungen über "S.B. am
Arbeitsplatz" einen ziemlich schlechten Vorgeschmack. Die eine kam aus Bonn
und war vom zuständigen Ministerium für Frauen und Jugend zur Fundierung
der Gesetzesvorlage veranlaßt worden. Die andere, bescheidenere, kam aus
dem Büro der Frauenbeauftragten an der FU Berlin.1
Was einem da generell weisgemacht werden soll, ehe
es losgeht mit der Empirie, ist: S.B. hat nie und nimmer etwas mit Sexualität
zu tun. Jeder Belästiger bedient sich der Sexualität bloß als
eines praktischen Vehikels, um Frauen, die sich in der Männerdomäne
Arbeitswelt ein Plätzchen erkämpft haben, niederzumachen und einzuschüchtern.
Gewiß, es gibt sexuell konnotierte Gemeinheit, etwa wenn ein Kollege seine
Kollegin anzischt: "Wenn Sie einen Mann abgekriegt hätten, müßten
Sie Ihren Frust nicht an mir ablassen!" Wenn andererseits eine Frau beim
Überqueren des Fabrikhofs in der Mittagspause mit Blicken, Pfiffen und Kommentaren
bedacht wird, dann kann das der Frau peinlich sein - daß aber dieses, stilistisch
gesehen, prolohafte Männerverhalten nichts mit Sexualität, dafür
aber um so mehr mit männlichem Dominanzverhalten zu tun hat, das halte ich
für lebensfremd, um nicht zu sagen, für Hirnwäsche seitens engagierter
Forscherinnen, die gut beraten wären, auch einmal Feindkontakt aufzunehmen.
Warum gibt es Pin-ups in Büros und Fabriken,
wie seinerzeit am Soldatenspind? Um Frauen zu erniedrigen? Doch wohl kaum. Es
geht wohl eher darum, der Trostlosigkeit von Krieg und Arbeitsmonotonie im Männerkollektiv
einen bildlich-imaginären Ausweg freizuhalten. Stilistisch diskutabel, in
der Sache kaum. Es geht um Sex.
Am meisten belästigt werden übrigens Frauen zwischen 20 und 30, 35,
ungebunden und unverheiratet. Bierernst erläuterten uns das die Forscherinnen
mit der Machtlosigkeit der Berufsanfängerin und dem minderen Status der nicht
verehelichten Frau. Naheliegendere Ursachen der S.B. gerade für diese Altersgruppe
werden schlicht ignoriert. Als Dame eines reiferen Jahrgangs kann ich aus Erfahrung
versichern, das Problem der S.B. erledigt sich irgendwann einmal von selbst -
so gesehen.
Wie erledigt man beziehungsweise Frau es nun aber aktuell? Wie andere
Erlebnisse widriger Art auch: Im Gespräch mit Kolleginnen, Freundinnen und
Freunden. Ein korrektes Bewußtsein dafür, daß S.B. ein Vorkommnis
ist, das regelhaft amtlich gemacht werden müßte, fehlt den Frauen.
Ja, auch die fürsorglichste Forschung an der FU Berlin kann die Tatsache
nicht vernebeln, daß die allermeisten Frauen einen begrüßenswerten
und unterstützungswürdigen Ehrgeiz haben, Vorkommnisse dieser Art selbständig
und mit eigenen Mitteln zu bewältigen. Bedauerlich für alle AGs, die
- im Zug einer weiteren Kolonisierung der Lebenswelt - der S.B. eine bürokratische
Regelung mit geschulten Expertinnen zugedacht haben. Wenn dann dort das Telefon
nicht klingelt, wie es offenbar oft der Fall ist, dann muß man sich das
mit "Verdrängung" erklären, mit der noch unzureichenden "Enttabuisierung"
des Problems. Raus aus der Schweigezone, rein in die Sprechstunde und weiter in
die therapeutische Gesprächsrunde, wo alles aufgearbeitet wird.
Überhaupt ist das Ergebnis der Berliner Studie, verglichen
mit den 72 Prozent, auf die die Bonnerinnen kamen, eine Enttäuschung: 34,8
Prozent der befragten Frauen waren es hier bloß, die eine Erfahrung mit
S.B. meldeten. Dazu kommen interessante 12 Prozent, die nicht wußten, ob
oder ob nicht. Anders ausgedrückt: Sie hatten kein Problem, das ihnen zu
schaffen machte, sondern, bei aller Gutwilligkeit, ein Klassifikationsproblem.
Kann Frau S.B. ausgesetzt werden, ohne es zu bemerken? Ihr mageres Ergebnis besserten
die Berlinerinnen mit Vermutungen über die Dunkelziffer auf, obwohl die in
der Umfrageforschung nun wirklich nichts verloren hat, und mit Nachfragen bei
Frauen, die zwar selbst nicht betroffen sind, aber von anderen Fällen gehört
haben.
Ich weiß aus Erfahrung, daß Kritik an
Zahlenkonstruktionen, mit denen wir vom Umfang und der Dringlichkeit eines Mißstands
überzeugt werden sollen, schnell mit tragischem Tremolo abgewehrt wird: Ist
nicht eine einzige Frau (und einige mehr sind es natürlich, die böse
Erfahrungen machen) genug, der ihr Arbeitsplatz vermiest und die zum Betriebswechsel
gezwungen wird? Ja, so gesehen schon - bloß kann man dann schlecht einen
allgemeinen Notstand ausrufen und S.B. zum Strukturmerkmal der Arbeitswelt ernennen.
Da hat der Gegensatz von Kapital und Arbeit doch noch entschieden mehr Erklärungswert
für sich, dessen Nachfolge in politischen Grundsatzdebatten der Geschlechterkampf
offensichtlich angetreten hat. Nicht von ungefähr gleicht die harsche Kritik
der Bonner Forscherinnen an den Frauen aufs Haar der, die seinerzeit so gern am
falschen und fehlenden Bewußtsein der Werktätigen und den Spaltungsmanövern
von Renegaten geübt wurde. Eine Stichprobe korrekter Opfer von S.B. (über
frauenbewegte Stellen vermittelt) spricht den Bonnerinnen trotz indirekter Rede
direkt aus dem Herzen: "Der Wirkungsgrad vorhandener Anlaufstellen werde
eingeschränkt, da im Bewußtsein der Männer, aber auch vieler Frauen,
S.B. zumeist nicht existiere. Außerdem fehle es an Solidarität. Die
belästigten Frauen fühlen sich besonders von ihren Kolleginnen im Stich
gelassen, die aus Angst vor Sanktionen schweigen oder sich sogar den Männermeinungen
anschließen, um sich nicht unbeliebt zu machen. So lange die Frauen gegeneinander
arbeiten, und sich von den Männern entzweien lassen, werde sich das Problem
der S.B. nicht lösen lassen."
Resümiere ich meine Leseerfahrung, dann ergibt
sich unterm Strich, daß auch die engagierteste Forschung es nicht schafft,
"S.B. am Arbeitsplatz" zu einem Notstand zu stilisieren, dem mit Gesetzen,
Spezialisten, Anlaufstellen, Ämtern und Therapieangeboten begegnet werden
muß. Die Basis fehlt, nicht zuletzt die massenhaft weibliche. Gefragt, wie
sie S.B. definieren würden, denken die meisten Frauen (und Männer) an
krasse Fälle von Machtmißbrauch und Nötigung, die auch heute schon
geahndet werden können und eben doch sehr selten sind. Weiter gefragt, wissen
zwar viele Frauen Vorkommnisse zu berichten, die man unter "S.B." rubrizieren
kann (kumpelhaftes Verhalten zählen die Forscherinnen auch dazu, dito Flirtversuche,
wo Sachlichkeit geboten wäre) - sie geben aber nur sehr unzureichend zu erkennen,
daß sie damit nicht allein fertig werden oder es doch versuchen wollen.
Die Pleite bei der Basis gleicht die Bonner Studie durch die Einvernahme sogenannter
Ansprechpersonen aus den Chefetagen aus. Die haben zwar auch noch nicht viel von
S.B. mitgekriegt, triefen aber von Verantwortungsbewußtsein für ihre
Untergebenen und werden sich Fortbildungsmaßnahmen gewiß nicht entziehen.
So wird uns ein aufgesetzter Feminismus von doktrinärem Charakter noch lange
erhalten bleiben. Sexualpolitisch segelt er längst im Fahrwasser der alten
Reaktion.

FUSSNOTE
1 Sexuelle Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen an
der Hochschule, Dokumentation der zentralen Frauenbeauftragten an der FU Berlin,
1992.
Monika Holzbecher / Anne Braszeit / Ursula Müller / Sibylle Plogstedt: Sexuelle
Belästigung am Arbeitsplatz, Schriftenreihe des BMJFFG. Stuttgart 1991.
Katharina Rutschky lebt und arbeitet als freie Publizistin in Berlin. Von
der Akademie der Künste wurde Sie mit dem Heinrich-Mann-Preis 1999 ausgezeichnet.
Kürzlich erschienen: Emma und ihre Schwestern. Ausflüge in den real
existierenden Feminismus, Hanser Verlag, München 1999, DM 29,80. In Novo39
ist erschienen: "Kinderopfer: Phantasmen der Unschuld".