<<Gegen-Dossier [Forts.]>>
6. KOMMENTARE
ZUM ZEIT-DOSSIER
"Ein Presse-Scoop? Ein Bravourstück? Investigativer Journalismus? Pustekuchen.
Eine Gefälligkeit. Gunter Hofmann, Bonner Korrespondent der Zeit,
hatte sich vom Auswärtigen Amt (AA) munitionieren lassen... Nachgebetet -
statt hinterfragt - werden alle Rechtfertigungsarien: '26. Juni 1998: Der Flüchtlingsstrom
im Kosovo wächst.' Hat nicht das gleiche Amt am 6. Mai, am 8. Juni, am 13.
Juli das Gegenteil behauptet? Daß es 'eine Gruppenverfolgung ethnischer
Albaner' im Kosovo nicht gibt?" (Wolfgang Michal: "Orientalische
Fragen. Deutschlands Rolle im Kosovo-Krieg", in: Wie Dr. Joseph Fischer
lernte, die Bombe zu lieben...)
"'Düster, fast prophetisch', lesen sich die Akten, wie die Zeit
vermeldet. Vor unseren Augen wird ein Schwarzbuch aufgeschlagen. Die deutsche
Seite kommt gut weg - aber ist das so überraschend, wenn man nur die Aufzeichnungen
einer Seite auswertet? Auf das Verhalten der Vereinigten Staaten und besonders
das von Großbritannien und Frankreich fällt dagegen ein Schatten. Die
beiden europäischen Staaten haben ihr eigenes Spiel gespielt, ein selbstherrliches,
an dem der Rest der Europäischen Union nicht teilhaben sollte. Als 'Entente
cordiale' werden sie einmal bezeichnet. Da ist der Erste Weltkrieg auf einmal
wieder ganz lebendig, an dessen Ende aus deutschen Akten der Beweis geführt
werden sollte, daß nur das diplomatische Ungeschick der anderen den Krieg
verschuldet habe. 'Und so ist es auch ein Ergebnis dieser Lektüre von Akten,
daß der Öffentlichkeit nicht ein X für ein U vorgemacht worden
ist', heißt es in der Zeit. Aber können wir das schon so sicher
wissen, nachdem sich das Auswärtige Amt am Mittwoch [12.5.99] zu versichern
beeilte, daß 'auswärtige Verschlußsachen' der Zeit selbstverständlich
gar nicht zugänglich gemacht worden seien?" (Andreas Platthaus: "Farbbücher.
Offenheit in Kriegszeiten: Die Akten der deutschen Kosovo-Politik", FAZ,
14.5.99)
7. JOURNALISTISCHE
TRICKKISTEN
Im Zeit-Dossier wurden die Hände
der deutschen Unterhändler in Rambouillet in Unschuld gewaschen und die jugoslawische
Delegation zum Buhmann gemacht. Das zeigen in die Ausarbeitung gepflanzte Schlußfolgerungen
von Gunter Hofmann, die in der Textfolge oft keinen Sinn ergeben. So rezipiert
er die von Fischer wiederholt vorgetragene Position, es sei nie über die
Annexe zur Implementierung gesprochen worden. Dieses Argument ist schwach, denn
mit oder ohne Annex lehnte die jugoslawische Führung es ab, 28.000 NATO-Soldaten
ins Land zu lassen und die eigene Souveränität zu begraben. Es ist hinreichend
bemerkt worden, daß es den westlichen Unterhändlern von einem gewissen
Zeitpunkt an um nichts anderes mehr als die Truppenstationierung ging. Andreas
Zumach bemerkte zu dieser fadenscheinigen Argumentation Fischers: "Das ist
zwar richtig. Und insofern ist die Behauptung, die Konferenz von Rambouillet sei
am Annex B gescheitert, falsch. Es bleibt allerdings die Frage, ob andere Formulierungen
in Annex B sowie in Kapitel 7 (zum Beispiel über eine UNO-Truppe statt einer
NATO-Truppe) die Chancen für einen Erfolg der Konferenz nicht doch erhöht
hätten" (Krieg im Kosovo...).
Vollkommen deplaziert (oder wie auf Bestellung
des AA eingefügt) erscheinen Passagen im Dossier an anderer Stelle: Zunächst
beschreibt Hofmann ausführlich, daß sich die Kosovo-Albaner am 23.
Februar kategorisch weigerten, dem Vertrag zuzustimmen, daß die Verhandlungen
mit der jugoslawischen Delegation über den politischen Teil weit gediehen
und daß aus Belgrad sogar in letzter Minute Zugeständnisse hinsichtlich
der militärischen Implementierung angedeutet worden waren. Dann schlußfolgert
er: "Doch letztlich lag die Verantwortung für das Scheitern bei den
Serben... Milosevic ist von seinem prinzipiellen Nein nie wirklich abgerückt".
Gleich zu Beginn des Dossiers stellt
die Zeit-Redaktion sicher, daß die Emotionen der Dossier-Leser richtig
gepolt sind. Hofmann benutzt als Einstieg in seinen Text moralisierende Äußerungen
von Außenminister Fischer über einen Vorfall in Racak, bei dem 45 Kosovo-Albaner
getötet wurden: "Racak, sagt Joschka Fischer, war 'für mich der
Wendepunkt'. 45 Zivilisten sind in diesem Dorf im Kosovo am 15. Januar 1999 liquidiert
worden." Hofmann mag dem Außenminister seine Betroffenheit abkaufen,
andere werden sie als vorgespielt empfinden. Unklar bleibt zudem, warum Racak
in den Vordergrund gerückt wird, wo es im Dossier doch um die Diplomatie
in Rambouillet geht. Selbst wenn es in Racak zu einem Massaker an 45 Zivilisten
kam: Ist das eine Legitimation oder Entschuldigung für das Auftreten westlicher
Unterhändler in Rambouillet und den folgenden NATO-Krieg gegen Jugoslawien?
Hofmann führt außerdem nicht näher aus, daß die Ereignisse
in Racak umstritten sind. Die jugoslawische Seite hat den Vorwurf zurückgewiesen,
daß es sich um ein gezieltes Massaker an Zivilisten handelte. Vielmehr habe
die UCK zu Propagandazwecken manipuliert und gefallene Kämpfer aus den eigenen
Reihen aufgebahrt. Renommierte Journalisten aus der ganzen Welt haben Zweifel
an der offiziellen Massaker-Version angemeldet, Diana Johnstone hat in einer substantiellen
Recherche die Fakten zusammengetragen ("Das Racak-Massaker als Auslöser
des Krieges", in: Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben...).
In ihrem Beitrag geht sie auch auf die Rolle des von Hofmann erwähnten Leiters
der KVM (Kosovo Verification Mission) der OSZE ein, der bereits von einem Massaker
sprach, als noch gar keine Untersuchungen stattgefunden hatten - sein Name ist
übrigens William Walker und nicht, wie Hofmann schreibt, Edward Walker.
Im Zeit-Dossier ist weiter zu lesen, daß der EU-Verhandlungsleiter
in Rambouillet, Wolfgang Petritsch, "vergangene Woche" (d.h. Anfang
Mai 1999) aus Helsinki heimkehrte, wo ihm finnische Forensikexperten, die die
Leichen von Racak untersucht hatten, ihre Ergebnisse präsentiert hatten:
"Vier Monate später weiß Wolfgang Petritsch Bescheid... Vergangene
Woche ist er aus Helsinki nach Wien zurückgekehrt. Finnische Experten haben
zum wiederholten Mal die Opfer aus Racak untersucht, von denen Belgrad behauptet
hatte, es seien Kämpfer der UCK gewesen. Eine rasche Untersuchung hatte Milosevic
seinerzeit verhindert. Die Ergebnisse sind eindeutig: Eine geplante Mordtat an
45 Menschen, allesamt von der Seite oder von vorne erschossen, manche enthauptet."
Hieraus ergeben sich Widersprüche und Fragen: Petritsch wußte demnach
erst Anfang Mai über Racak "Bescheid", Fischer hingegen sah darin
bereits im Januar einen Wendepunkt in Richtung Krieg. Die Ausführungen über
die Arbeit der finnischen Experten sind sehr schwammig: Haben sie im Mai erneute
Untersuchungen vorgenommen? Warum heißt es auf einmal "Mordtat an 45
Menschen" statt Zivilisten? (UCK-Kämpfer sind auch Menschen.) Und was
soll die Bemerkung beweisen, daß sie von vorne und von der Seite erschossen
wurden?
Mit diesen Ausführungen über Racak,
über die auch Außenminister Fischer immer wieder referierte, wurden
von der Zeit-Redaktion anscheinend moralisierende Rauchbomben an den Anfang
des Dossiers plaziert, um die Stimmung des Lesers entsprechend einzupendeln. Dazu
paßt auch, daß eine berühmte Aufnahme mit Leichen aus Racak im
Zeit-Dossier abgedruckt wurde mit der Bildunterschrift: "16. Januar
1999. Das Massaker von Racak, wo 45 albanische Zivilisten liquidiert werden, gilt
inzwischen als Wendepunkt für die Diplomatie."
Eine zweite Aufnahme in der Bilderleiste des Zeit-Dossiers fällt ebenfalls
unter diese Kategorie. Obwohl die Vertragsunterzeichnung von Rugova und Thaci
am 18. März in Paris primär der Gesichtswahrung und Kriegslegitimation
der westlichen Unterhändler diente, wird dem Leser just dieser Moment präsentiert
mit der Bildunterschrift: "18. März 1999. Nach wochenlanger Pause tritt
die Konferenz in Paris wieder zusammen. Den Vertrag unterschrieben nur die Albaner."
8. LITERATUR UND
QUELLEN
Gunter Hofmann: "Wie Deutschland in den Krieg geriet.", Die
Zeit, 12.5.1999.
Pedrag Simic: "'Die Amerikaner wollten nicht hören' Was Slobodan
Milosevic bereit war zu unterschreiben - die Verhandlungen von Rambouillet aus
serbischer Sicht", Die Zeit, 12.5.1999.
Jan Öberg: "Kanonenboot-Diplomatie in Rambouillet", in:
Klaus Bittermann / Thomas Deichmann (Hg.): Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die
Bombe zu lieben, Edition Tiamat, Berlin 1999.
Andreas Zumach: "'80 Prozent unserer Vorstellungen werden durchgepeitscht.'
Die letzte Chance von Rambouillet und die Geheimdiplomatie um den 'Annex B', in:
Thomas Schmid (Hg.): Krieg im Kosovo, Rowolt Tb Verlag, Reinbek bei Hamburg
1999.
Paul-Marie de la Gorce: "Krieg auf dem Balkan. Was in Rambouillet
und in der Rue Kleber geschah", Le Monde diplomatique, Mai 1999.
Branko Brankovic: "Statement by his excellency Branko Brankovic, Ambassador
of the Federal Republic of Yugoslavia to the United Nations in Geneva", Brienz,
17.5.1999.
Rambouillet-Vertrag: Eine deutsche Arbeitsübersetzung von annähernd
zwei Dritteln des Vertrages sind abgedruckt in: Blätter für deutsche
und internationale Politik, 5'99. Der Text findet sich auch auf der Homepage
der Blätter: www.blaetter.de.
Die englische Originalfassung gibt es unter: www.balkanaction.org.
Einleitung
1. Eckdaten der Eskalation
2. Zeitplan der "Kriegs-Diplamatie" 1999
3. Meinungen zu Rambouillet
4. Die "10 Prinzipien"
5. Fischers Kabinettstückchen
6. Kommentare zum Zeit-Dossier
7. Journalistische Trickkisten
8. Literatur und Quellen