<<Gegen-Dossier [Forts.]>>
4. DIE »10
PRINZIPIEN«
Die Kontaktgruppe einigte sich Ende Januar 1999 auf zehn Prinzipien für eine
politische Lösung der Kosovo-Krise: die Notwendigkeit eines Waffenstillstands;
eine friedliche Lösung durch Dialog zwischen den Konfliktparteien; eine dreijährige
Übergangsphase bis zur Ausarbeitung einer endgültigen Lösung; Untersagung
jeglicher einseitigen Veränderung des provisorischen Status der Provinz Kosovo;
territoriale Integrität Jugoslawiens und seiner Nachbarstaaten; Wahrung der
Rechte aller Volksgruppen; Durchführung freier Wahlen unter Aufsicht der
OSZE; Verzicht auf Strafverfolgung für alle Handlungen, die während
des Kosovo-Konflikts begangen wurden, mit Ausnahme von Kriegsverbrechen und Verbrechen
gegen die Menschlichkeit; eine Amnestie und Freilassung aller politischen Gefangenen;
Zusammenarbeit der beiden Konflikt-Parteien bei der Verwirklichung einer Regelung
unter internationaler Beteiligung. Diese KG-Prinzipen galten als nicht verhandelbar.
Ihre Einhaltung wurde mit Beginn der Rambouillet-Verhandlungen von der jugoslawischen
Delegation vergeblich eingefordert.
5. FISCHERS KABINETTSTÜCKCHEN
24. Februar (Mittwoch): Nach dem Scheitern von Rambouillet verbreitet Außenminister
Fischer bei der mündlichen Unterrichtung des Auswärtigen Ausschusses
des Bundestages gute Stimmung. Andreas Zumach bemerkt hierzu: "Die optimistisch
gefärbten Rambouillet-Berichte Fischers und seiner vier westlichen Amtskollegen
aus der Balkan-Kontaktgruppe verfehlten ihren Eindruck bei den Bonner Abgeordneten
nicht" (Krieg im Kosovo...).
25. Februar (Donnerstag): Der Bundestag stimmt der Beteiligung der Bundeswehr
an der militärischen Umsetzung eines Kosovo-Abkommens zu. Die Abgeordneten
sind weitgehend über den Verhandlungsgang in Rambouillet uninformiert. Drei
Wochen später wird auch in Paris keine Einigung erzielt, am 24. März
beginnt der NATO-Krieg gegen Jugoslawien. Fischer betont wiederholt, man habe
in Rambouillet und Paris alles getan, um den Kriegsgang zu vermeiden.
6. April (Dienstag): die tageszeitung (taz) veröffentlicht
Auszüge aus dem umstrittenen militärischen Annex B des Rambouillet-Abkommens.
Das Vertragswerk steht seit geraumer Zeit auf verschiedenen Homepages im Internet,
ist aber in Deutschland weitgehend unbekannt. Andreas Zumach stellt in einem taz-Artikel
mit dem Titel "Die Rambouillet-Lüge. Was wußte Joschka Fischer?"
fest: "Daraus wird deutlich, daß mit dem Abkommen nicht - wie von der
Bundesregierung bislang öffentlich dargestellt - lediglich die Stationierung
einer NATO-geführten internationalen 'Implementierungstruppe' im Kosovo beabsichtigt
war. Vielmehr ging es um die Stationierung einer NATO-Truppe in der gesamten Bundesrepublik
Jugoslawien mit de facto uneingeschränkten Rechten einer Besatzungsmacht."
Daraufhin hagelt es Proteste gegen die Desinformationspolitik des Außenministers
Fischer.
Entgegen der Beteuerung des Außenministeriums, man habe bereits
am 24. Februar dem Auswärtigen Amt (AA) die Dokumente übergeben, erklären
zwei Mitglieder der Leitungsebene im Ministerium unter Fischer, daß sie
den Vertragsentwurf bis zur Veröffentlichung in der taz am 6. April "nicht
kannten und sie könnten dazu keine Stellung nehmen". Dabei handelt es
sich um Staatsminister Ludger Vollmer (Grüne), Staatsminister Günter
Verheugen (SPD) und Staatssekretär Wolfgang Ischinger (Andreas Zumach, Krieg
im Kosovo...).
8. April (Donnerstag): Auf Drängen mehrerer Bundestagsabgeordneter
wird ihnen der Vertragstext von Rambouillet in seiner Fassung vom 23. Februar
ausgehändigt.
12. April (Montag): Ludger Vollmer, Staatsminister im Auswärtigen
Amt (AA), präsentiert eine korrigierte Version und erklärt, Annex B
sei "verhandelbar" gewesen und entspreche "weitgehend den üblichen
Vereinbarungen über den Status, den fremde Truppen bei Stationierungen in
einem Aufnahmeland" hätten. Der Anhang habe in Rambouillet "nie
eine Rolle" gespielt, sagt Fischer am Rande der NATO-Außenministerkonferenz
in Brüssel. Das Sekretariat des AA erklärt, Außenminister Fischer
habe am 24. Februar nach einem mündlichem Vortrag vor dem Auswärtigen
Ausschuß auch zwei Exemplare des Rambouillet-Abkommens einschließlich
des Annex B an den Ausschußvorsitzenden Hans-Ulrich Klose (SPD) übergeben.
Fischer habe wegen der noch nicht abgeschlossenen Gespräche um "vertrauliche
Behandlung" der Dokumente gebeten.
Andreas Zumach schreibt in einem weiteren Artikel in der taz: "Die
grundlegende Weigerung Belgrads, über die Vorschläge zur militärischen
Implementierung zu diskutieren, ermöglicht dem Bonner Auswärtigen Amt
heute die Darstellung, diese Vorschläge seien 'verhandelbare Maximalpositionen'.
Von der taz befragte Militärs in der Brüsseler NATO-Zentrale und mehreren
Verteidigungsministerien sehen dies anders... Tatsache ist: Weder die Belgrader
Delegation noch die Kontaktgruppe hat vor oder während der Rambouillet-Konferenz
jemals irgendwelche Vorschläge gemacht für eine Alternative zu einer
NATO-Truppe - z.B. für eine vom UNO-Sicherheitsrat oder der OSZE mandatierte
Truppe mit starker Beteiligung russischer Verbände."
13. April (Dienstag): Severin Weiland zitiert in der taz aus einem Brief
der verteidigungspolitischen Sprecherin der Grünen, Angelika Beer: "Hätte
ich diesen Passus [Annex B] - der aus Sicht Belgrads inakzeptabel sein mußte
- zum Zeitpunkt des Aussetzens der Verhandlungen von Rambouillet gekannt, hätte
ich eingefordert, daß die dann erfolgte zweiwöchige Verhandlungspause
genutzt wird, um den Annex neu zu formulieren, um so doch noch Belgrads Unterschrift
zu erhalten."
In einem weiteren taz-Artikel stellt Stefan Reinecke fest:
"Der Anhang des gescheiterten Rambouillet-Vertrages sieht vor, daß
die NATO in ganz Jugoslawien Manöver abhalten darf. De facto bedeutet dies
eine Art Besatzungsstatut für Jugoslawien - mehr noch: sein Ende als souveräner
Staat... Dieser Anhang bleibt ein Skandal. Wenn die Bundesregierung diesen Passus
nicht kannte, darf man alle Hoffnungen fahrenlassen. Was soll man von einer Regierung
halten, die den gescheiterten Vertrag nicht gelesen hat - und damit den Grund
nicht en detail kennt, warum sie in den Krieg zieht. Wenn die Bundesregierung
diesen Annex freilich gekannt und akzeptiert hat, war dies ein haarsträubender
politischer Fehler."
15. April (Donnerstag): Unter dem Titel "Es ist eine barbarische Form
des Faschismus" erscheint in der taz ein Interview mit Außenminister
Fischer. Er weist die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück und wiederholt,
der besagte Annex habe "nie eine Rolle gespielt", er entspreche außerdem
"den Regelungen, wie sie in Dayton getroffen wurden". Er sagt weiter:
"Von einer Souveränitätseinschränkung für Jugoslawien
zu sprechen, ist völliger Quatsch." Entgegen der Meinung von Militär-
und Völkerrechtsexperten in der ganzen Welt, die in dem Vertrag ein die staatliche
Souveränität aufhebendes Besatzungsstatut sehen, spielt Fischer seine
Bedeutung auf infrastrukturelle Aspekte herunter: "Jeder wußte, daß
die NATO ihre Truppe schützen muß. Durchfahrtsrechte müssen garantiert
werden, weil das NATO-Gebiet im Norden liegt und das Kosovo im Süden Jugoslawiens.
Das kann man bei 20.000 bis 30.000 Soldaten, bei einer dauerhaften Stationierung,
nicht alles auf dem Luftweg regeln." Nach diesem Interview ebbt die Diskussion
über die Rambouillet-Gespräche ab.
12. Mai (Mittwoch): In der Wochenzeitung Die Zeit erscheint das
Dossier von Gunter Hofmann: "Wie Deutschland in den Krieg geriet. Als die
ersten Bomben auf Jugoslawien fielen, endete ein Drama der Diplomatie. Die
Zeit hat mit den deutschen Unterhändlern der Verhandlungen von Rambouillet
gesprochen und die vertraulichen Kosovo-Akten des Auswärtigen Amtes eingesehen.
Deutschland war gutwillig, überfordert, am Ende machtlos". In diesem
Dossier werden nur selektiv Informationen geliefert, um das Bild der jugoslawischen
Schuld am Scheitern der Friedensdiplomatie und der Aufrichtigkeit der Bundesregierung
zu untermauern. Am gleichen Tag beeilt sich das AA auf Anfragen von Journalisten
mitzuteilen, daß "auswärtige Verschlußsachen" der Zeit
selbstverständlich nicht zugänglich gemacht wurden.
Einleitung
1. Eckdaten der Eskalation
2. Zeitplan der "Kriegs-Diplamatie" 1999
3. Meinungen zu Rambouillet
4. Die "10 Prinzipien"
5. Fischers Kabinettstückchen
6. Kommentare zum Zeit-Dossier
7. Journalistische Trickkisten
8. Literatur und Quellen