Droht Deutschland eine Ökodiktatur?
Mit totalitären Methoden stellt Bundesumweltminister
Trittin sicher, daß Öko-Ideologie die Rolle von Sachverstand übernimmt.
Nachdem er diverse Kommissionen mit Atomkraftgegnern neu besetzt hatte, wurden
wissenschaftliche Forschungsberichte und Publikationen, die nicht dem Atomausstieg
das Wort redeten, zensiert. Eine derartige Gleichschaltung der Wissenschaft kannte
man bislang nur aus totalitären Staaten. Von Matthias
Heitmann.
Zwei Tage vor Weihnachten ging die Bombe hoch: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion
löste Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen)
völlig überraschend die aus renommierten Wissenschaftlern zusammengesetzte
Strahlenschutzkommission (SSK) sowie die Reaktorsicherheitskommission (RSK) auf
(s. hierzu: SSK und RSK). Begründet wurde dieser Schritt mit dem Wunsch,
"eine Straffung der Arbeit und mehr Pluralität" zu gewährleisten.
In beiden Kommissionen sollten zukünftig "unterschiedliche Auffassungen
ausgewogener repräsentiert sein" und ihre Arbeit "transparenter"
gemacht werden (BMU-Pressemitteilung v. 22.12.1998). Der Sprecher des Bundesumweltministeriums,
Michael Schroeren, legte noch nach: Man brauche "keine einseitige Beratung
und keine wissenschaftlich verbrämte Atompropaganda" (Pressemitteilung
v. 11.3.1999).
Eine derart offensichtliche Zensur von Wissenschaft durch Politik
und Ideologie sucht in der westeuropäischen Nachkriegsgeschichte ihresgleichen.
Die auf Atomausstieg programmierte grüne Umweltpolitik entledigt sich ihrer
wissenschaftlichen Widersacher. Einer rationalen Auseinandersetzung mit deren
Argumenten soll ausgewichen werden.
Kritische Reaktionen blieben nicht aus. Die Opposition sprach von einer "ungeheuren
Arroganz der Macht", mit der versucht werde, "systematisch Sachverstand
durch Parteiverstand" zu ersetzen (Welt am Sonntag, 3.1.99). Im Ausland
wurden die Vorgänge noch schärfer kommentiert. Die schwedische Tageszeitung
Dagens Nyheter verwies darauf, daß es Ähnliches bislang nur
"im Sowjetreich" gegeben habe (s. hierzu: "Deutscher Vertragsbruch
erweckt Zorn").
Dieser Vergleich ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Bei genauerer
Betrachtung wird offensichtlich, daß die Entlassung der beiden Beratungsgremien
und die Neufassung ihrer Satzungen dazu dienen, künftig eine strikte politische
Kontrolle der Wissenschaftlergremien zu gewährleisten.
SATZUNGSÄNDERUNG: MAULKORB FÜR DIE WISSENSCHAFT
Die Satzungsänderung der Kommissionen vom 22.12.1998 kommt einem Maulkorb
gleich. So ist die neue SSK ausdrücklich nicht mehr befugt, rechtliche Bewertungen
vorzunehmen. Einige bislang zentrale Fachgebiete der SSK (wie z.B. Biophysik,
Strahlengenetik, Radiochemie und Strahlenschutzmedizin) werden in der neuen Satzung
überhaupt nicht mehr explizit aufgeführt.
In Verbindung mit der angekündigten Verkleinerung beider Kommissionen,
der Anzahl ihrer Unterausschüsse sowie der angestrebten "Straffung der
Arbeit" wird klar, daß das Umweltministerium auch auf die Themenwahl
Einfluß zu nehmen gedenkt. Zusätzlich soll nicht mehr alles veröffentlicht
werden, was dort erarbeitet wird: Die neue Satzung sieht ausdrücklich vor,
daß das Bundesumweltministerium Berichte der Kommissionen "auf Anfrage"
veröffentlichen "kann" (s. hierzu: www.ssk.de).
Ganz offensichtlich soll hier das politisch motivierte Eingreifen
in die Arbeit und die Veröffentlichungstätigkeit der Kommissionen erleichtert
werden. Selbst innerhalb des Bundesumweltministeriums wurde die "Kann-Bestimmung"
als "unglückliche Formulierung" bezeichnet. Als "ungewollt"
sind die durch wohldotierte Juristen vorgenommene Veränderungen hingegen
wohl nicht anzusehen.
WISSENSCHAFTSZENSUR À LA TRITTIN
Die politische Kontrolle der Tätigkeit der Kommissionen und Beraterstäbe
wird rückwirkend eingeführt: Im Januar verfügte die "Abteilung
Z" des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), eine Reihe von Publikationen und
Beiträgen aus dem Internet-Angebot aus der Publikationsliste und sonstigen
Distributionslisten "ersatzlos zu streichen".
Offiziell, so verlautbarte das BfS, seien die Streichungen "in
Abstimmung mit dem Bundesumweltministerium" erfolgt. Fachliche Gründe
für diese Einschränkung konnte niemand im BfS benennen. Vielmehr wurde
dort betont, daß man die Streichungen aus dem Angebot "von alleine
sicherlich nicht durchgeführt" hätte. Zudem hätten die durchweg
wissenschaftlichen Texte, die allesamt von Mitarbeitern des Bundesamtes gefertigt
worden seien, in der Vergangenheit "nie einer politischen Abstimmung bedurft".
Dies stellt ein Abgehen von der bisherigen Verfahrenspraxis sowie einen Verstoß
gegen das Errichtungsgesetz des Bundesamts für Strahlenschutz dar; es wird
"gleichgeschaltet".
Ein Blick auf die Liste der gestrichenen Publikationen zeigt, wie
die von Trittin proklamierte "Pluralität und Ausgewogenheit" tatsächlich
aussieht: Aus der offiziellen Liste "Kostenloses Informationsmaterial des
Bundesamtes für Strahlenschutz" vom Januar 1998 fehlen in der aktuellen
Liste vom Januar 1999 insgesamt 20 Publikationen, davon 8 Broschüren, 5 Poster
und 7 Infoblätter. Im Januar dieses Jahres wurden weitere 6 Eintragungen
in der Rubrik "Weitere Texte" sowie 2 Eintragungen in der Rubrik "Verzeichnis
der Schriften und Berichte - Fachbereich KT" aus dem Informationsangebot
gelöscht (s. hierzu: Streichungen aus dem Informationsangebot des BfS).
Auf Nachfrage teilte der Pressesprecher des BfS, Dr. Eckart Viehl,
mit, er könne keine wissenschaftlichen Gründe für die Streichungen
nennen, die Publikationen seien weder aufgrund von wissenschaftlich nachgewiesener
Fehlerhaftigkeit, Überholung oder fehlerhafter und unklarer Abfassung gestrichen
worden, noch seien sie durch überarbeitete Versionen ersetzt worden (s. hierzu:
Nicht nachvollziehbare Zensur).
Daß bei der Auswahl der zensierten Berichte rein ideologische
Auswahlkriterien galten, erklärt sich bei Betrachtung der Wissenschaftstitel
von selbst: Allesamt befaßten sie sich mit genau den Sachfragen, in denen
die rot-grüne Bundesregierung einen neuen politischen Kurs einzuschlagen
gedenkt. So sind zu den politischen Streitpunkten "Schacht Konrad",
"Salzstock Gorleben", "Endlager Morsleben", "Sicherheit
von Castor-Transporten" und "Kernkraftwerk Krümmel" inzwischen
sämtliche Publikationen aus dem Verkehr gezogen worden.
Die Schlußfolgerung liegt nahe: Keine einzige dieser wissenschaftlichen
Untersuchungen und Stellungnahmen des Bundesamtes für Strahlenschutz ist
mit dem Kurs des Umweltministers in Einklang zu bringen, und das Publikationsangebot
soll daher nun auf den politischen Gusto Trittins zurechtgestutzt werden. Ähnliche
Vermutungen wurden auch innerhalb des Amtes erhoben. Verärgerte Mitarbeiter,
deren Berichte gestrichen wurden, sprachen von "Wissenschaftszensur".
Auch andernorts fand man deutliche Worte: So wurden die Vorgänge von Insidern
als "eine Form moderner Bücherverbrennung" bezeichnet - "im
Internet geht das nur sehr viel leichter, ein Mausklick genügt".
Der entlassene, aber erneut in die neue Strahlenschutzkommission
berufene Prof. Dr. Christian Reiners nannte die Streichungen "ein starkes
Stück". Er äußerte Bedenken, "daß die Möglichkeiten
der Wissenschaft, die Politik zu beraten, aus politischen Gründen eingeschränkt
werden." Sei dies der Fall, so Reiners weiter, wäre das "ein Grund,
nicht weiter mitzuarbeiten."
Die umweltpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Birgit Homburger,
kommentierte die Vorgänge als "Zensur wissenschaftlicher Tätigkeit"
und reichte am 5.3.1999 hierzu eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung ein.
Die Antwort der Bundesregierung auf diese Anfrage unterstrich die Dreistigkeit
der Zensoren: Es seien "Positionsbestimmungen und nicht wissenschaftliche
Abhandlungen" gestrichen worden. Wer die Berichte kennt, weiß, daß
dies nicht stimmt.
ÄMTERBESETZUNG DURCH GRÜNE PARTEISOLDATEN
Die rot-grüne Personalpolitik erscheint in diesem Zusammenhang in ganz anderem
Licht: Während Anti-Atom-Protagonisten und grüne Parteisoldaten Einzug
in Bundesbehörden und wissenschaftliche Beratungsgremien halten, werden international
anerkannte Wissenschaftler herausdrängt oder in den Ruhestand geschickt.
Schon kurz nach der Entlassung der Beratungsgremien tat Trittin
kund, daß er die zukünftige Beratung des international renommierten
Topgutachters und ehemaligen Vorsitzenden der RSK, Prof. Adolf Birkhofer, "nur
noch bedingt" schätze. Hierfür mögen weniger Zweifel an dessen
unbestrittener fachlicher Kompetenz als vielmehr dessen Einsatz für die zivile
Nutzung der Kernenergie ursächlich gewesen sein.
Die Neubesetzung des Präsidenten des Bundesamtes für Strahlenschutzes
sorgte sogar bei eingefleischten Atomkraftkritikern für "Irritation",
"Bestürzung" und "ungläubiges Staunen". Der aus
Altersgründen ausgeschiedene Gründungspräsident des seit 1989 bestehenden
Bundesamtes, Prof. Dr. Alexander Kaul (ein durch rund 360 wissenschaftliche Publikationen
in allen Feldern des Strahlenschutzes sowie durch Mitgliedschaft und Vorsitz in
zahlreichen internationalen Fachgremien auch auf UN-Ebene renommierter Wissenschaftler),
wurde durch den Architekten Wolfram König an der Spitze der Bundesoberbehörde
ersetzt. Die grün-alternative taz kommentierte diese Personalentscheidung
mit dem Hinweis, König sei bisher nicht als Strahlenschützer, sondern
nur "als grüner Parteisoldat bekannt" geworden (5.3.99), während
die Opposition vom "ersten grünen Versorgungsfall" der neuen Regierung
sprach.
Aus dem BMU hieß es zu diesen Vorwürfen auf telefonische
Nachfrage lapidar, die Spitze einer "Vollzugsbehörde brauche nicht unbedingt
einen Wissenschaftler als Präsidenten, sondern eher einen Manager."
Es ist zu bezweifeln, ob sich das Bundesamt für Strahlenschutz zukünftig
als bloße "Vollzugsbehörde" des Bundesumweltministeriums
versteht, die lediglich "gemanagt" werden muß. Sollte dies der
Fall sein, wird sich der deutsche Strahlenschutz um seine hohe internationale
Reputation sorgen müssen.
IDEOLOGISCHE SÄUBERUNGSAKTIONEN
Im März vollendete Trittin seine Pläne zur ideologischen Säuberung
der beiden Beratungskommissionen. Nur zwei der alten Mitglieder wurden in die
neue 14köpfige Reaktorsicherheitskommission berufen; immerhin fünf waren
es bei der Strahlenschutzkommission. Die Berufung von drei neuen, als engagierte
Atomkraftgegner einzustufenden Mitgliedern ist jedoch wissenschaftlich höchst
umstritten: Bei Prof. Dr. Horst Köhnlein handelt es sich um einen pensionierten
Strahlenbiologen und emeritierten Professor der Universität Münster.
Seine Berufung stellt einen Verstoß gegen die bisherige Berufungspraxis
dar, die vernünftigerweise vorsah, nur Wissenschaftler zu berücksichtigen,
die aktiv in der Forschung arbeiteten und somit Zugang zum aktuellen Know-how
hatten.
Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt bescheinigen
Fachleute einen durchaus streitbaren wissenschaftlichen Ruf. In keiner Weise gilt
er aber als ein Spitzenvertreter des deutschen Strahlenschutzes, der befähigt
sei, die Bundesregierung in dieser äußerst komplexen Thematik wissenschaftlich
zu beraten.
Der Bremer Physiker Ottfried Schumacher ist nach Angaben von Reiners
in Wissenschaftskreisen "weder persönlich noch durch wissenschaftliche
Veröffentlichungen bekannt." Auch seine Berufung stellt ein Novum dar:
Bislang wurden als Kandidaten überhaupt nur Wissenschaftler ins Auge gefaßt,
die durch eine ausreichende Anzahl hochwertiger wissenschaftlicher Publikationen
ihre herausstechende Qualifikation nachzuweisen in der Lage waren.
Ein weiterer Aspekt fällt auf: Alle drei Personen gehören
der "Gesellschaft für Strahlenschutz" an, einer umstrittenen Wissenschaftlergruppe,
die für ein betontes Hochhängen von Strahlungsrisiken sowie die Verteufelung
der Atomkraft bekannt ist. Mitglieder dieser Gesellschaft hatten u.a. die aberwitzige
Behauptung aufgestellt, allein in Deutschland kämen jährlich 60.000
Menschen infolge von Röntgenstrahlung zu Tode.
Es entbehrt nicht einer gewissen, bitteren Logik, daß auch
das Infoblatt 3/95 des BfS, in dem ähnlich fragwürdige Behauptungen
eines Professors H. Kuni aus Marburg, ebenfalls Mitglied der "Gesellschaft
für Strahlenschutz", widerlegt wurden, nach der Säuberung des Informationsangebotes
nicht mehr erhältlich ist. Was früher den Protest der höchsten
wissenschaftlichen Gremien hervorrief, gilt der neuen Bundesregierung scheinbar
als qualifizierte Beratermeinung.
ZWEI SEITEN EINER MEDAILLE
Diese Vorgänge dokumentieren, daß die Neubesetzung von Beratungsgremien
wie auch die Löschung von Wissenschaftspublikationen zwei Seiten der selben
grünen Medaille sind. Mit allen Mitteln soll der Anti-Atom-Lobby dazu verholfen
werden, sich gegen wissenschaftlich argumentierende Befürworter der Kernenergie
oder gegen wissenschaftliche, neutrale Untersuchungsergebnisse durchzusetzen.
Daß diese Einstellung dem Bundesumweltminister Trittin nicht fremd ist,
bewies er, als er in einer Presseerklärung vom 10.2.1999 verkündete,
die Erkundung des als Endlager vorgesehenen Salzstocks Gorleben noch vor Ostern
unterbrechen zu wollen. Ziel sei es, "der Argumentation gegen den Standort
Gorleben [...] stärkeres fachliches und politisches Gewicht zu geben."
Wie dieses "fachliche und politische Gewicht" zukünftig aussehen
soll, offenbaren die zensorischen Maßnahmen gegen wissenschaftliche Publikationen,
die Entlassungen von Fachgremien und die Ernennungen von umstrittenen oder gar
fachfremden Entscheidungsträgern: Aus Fachgremien werden Gesinnungs- und
Gleichschaltungskommissionen. Die grüne Politik konstruiert so ihre eigene
wissenschaftliche Pseudo-Legitimation. Wer bislang glaubte, dies alles gäbe
es nur in Diktaturen oder in der Welt von James Bond 007, der irrt gewaltig.

Matthias Heitmann ist NOVO-Redakteur und
freier Journalist in Frankfurt am Main.
Kontakt: Matthias.Heitmann@gmx.de