Brief an Goethe
Von Sinasi Dikmen
Lieber Onkel Goethe,
obwohl schon einige Wochen vorbei sind, habe ich von Dir noch keine Antwort auf
meinen letzten Brief bekommen. Ich nehme mal an, weil Du keine Zeit hast wegen
Deines Geburtstages. Ich muß Dir jetzt erst mal eins sagen: Ich bewundere
Deine Geduld. Wie kannst Du ein ganzes Jahr lang die blöden Bemerkungen Deiner
Tanten und Onkels aushalten? Mein Onkel Ismet, ein Faulenzer, ist jeden Tag bei
uns. Er frißt und schläft bei uns. Er will nicht mehr arbeiten, und
ausgerechnet er sagt zu mir bei jedem Geburtstag: "Junge, sei fleißig
in der Schule. In deinem Alter war ich der Klassenbeste." Ich kenne keinen
Erwachsenen, der früher nicht der Klassenbeste war. So viele Klassen kann
es doch nicht gegeben haben. Oder lies, was die Tante immer sagt: "Mensch,
der Junge ist innerhalb eines Jahres so groß geworden. Und klug auch. Na
ja, schließlich ist er ja auch mein Neffe." Bringen Deine Tanten und
Onkels auch immer nur mickrige Geschenke mit und reden dafür solchen Stuß?
Da Du Dich mit Deinem Geburtstag beschäftigst,
und Deine Verwandtschaft Dich sicher voll beansprucht, kamst Du bestimmt auch
nicht dazu, zu lesen oder fernzusehen. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber
der Finanzminister ist abgehauen. Einfach auf und davon. Ob mit der Kasse? Weiß
ich nicht. Er soll seinen Leuten gesagt haben: "Freunde, ich gehe heim und
komme nie mehr zurück." Mein Vater sagte: "So einfach will ich
es auch mal haben. Freunde, ich gehe weg, und komme nie mehr wieder nach Deutschland
zurück." Er weiß bloß nicht, wo er hingehen soll. Abgesehen
davon ist meine Mutter dagegen: "Hock dich auf deinen Hintern. Hier hast
du Haus und Heim", sagte sie zu ihm. Mein Onkel Ismet bedauert besonders
den Rücktritt von Verona Feldbusch: "Schade. Sie hat den Türken
mehr gegeben als alle deutschen Finanzminister und die NATO zusammen."
Kennst Du die NATO? Ich habe die NATO neulich im
Fernsehen kennengelernt. Das ist so eine Erwachsenenorganisation. Die Erwachsenen
kommen da zusammen, wenn sie nichts anderes zu tun haben. Meistens reden sie über
Frauen. Da ist ein Spanier dabei, ein Türke, ein Grieche, ein Italiener,
ein Franzose, ein Engländer, ein Kanadier, ein Deutscher, und noch ein paar
mehr. Und der Chef ist aber immer der Amerikaner.
Ich habe es vor ein paar Wochen gesehen, wie sie sich wieder einmal
trafen. Sie hatten sonst nichts zu tun. Auf ihren Tischen standen viele Kaffeetassen.
Früher, also vor meiner Geburt, soll die NATO gegen Russen gekämpft
haben. Jetzt ist der Russe müde und krank. Er sieht sehr alt aus.
Sie saßen da ziemlich lange rum. Ich nehme an, sie tranken
viel Kaffe, und sie unterhielten sich bestimmt über Fußball und Frauen.
Dann wurde ihnen langweilig, und der Amerikaner bestellte sich zur Abwechslung
einen türkischen Kaffee. Daraufhin sprang der Grieche hoch und sprach: "Hi,
Jo, du benachteiligst immer wieder den hellenistischen Kaffee. Er stammt aus der
Antike, also aus dem alten Athen, und er schmeckt auch historisch." Die anderen
beruhigten ihn und bestellten europäischen Kaffee. Plötzlich klingelte
das Handy von Jo. Er telefonierte sehr leise, und mit rotem Kopf schrie er dann
auf einmal in die Runde: "Freunde: Da ist meine Frau dran, sie sagte mir
gerade, bei euch in Europa muß das Recht des Menschen verletzt worden sein.
Aber sie wußte nicht wo. Sie kennt sich in Europa nicht aus."
Der Grieche stand sofort auf: "Ich weiß, wo das ist:
In der Türkei - wenn man dieses Land überhaupt europäisch nennen
darf. Die Kurden werden dort nämlich..." Der Türke war stinksauer
auf den Griechen: "Und was ist mit deiner türkischen Minderheit in Nordgriechenland.
Du nennst sie nicht Türken, sondern moslemische Griechen." Jeder beschuldigte
den anderen, sie schmissen die Kaffeetassen um sich, schrien sich gegenseitig
an: "Du, Giovanni, du schmeißt die Albaner, die bei dir Asyl suchen,
direkt ins Meer. Du, Henry, halt die Klappe, bei euch werden die Irren irre. Du,
Jean-Claude, du würdest doch am liebsten alle Marokkaner in die Wüste
schicken. Du, Hannes, halt's Maul, ich nenne dir nur zwei Städtenamen: Mölln
und Solingen. Du, José, was ist mit deinen Basken, hä?"
Währenddessen telefonierte Jo seelenruhig weiter. Er hatte
die Füße auf den Tisch gelegt. Als Johannes und Henry gemeinsam Mehmet
von Costas wegzerrten, weil er ihm an die Gurgel gegangen war, schrie Jo auf einmal:
"Wer von euch weiß, wo Pristina ist? Es muß irgendwo in Serbien
sein. Da wird das Recht des Menschen verletzt." Die Europäer fragten
sich, wo Serbien wohl liegen könne. Plötzlich schrie Giovanni: "Ich
weiß, ich weiß, wo Serbien ist. Serbien ist ungefähr da, wo auch
die Albaner herkommen, man nennt es das Kosovo." So, lieber Onkel Goethe,
hat die NATO das Kosovo entdeckt.

Sinasi Dikmen ist Mitbegründer der Käs,
dem Kabarett Änderungsschneiderei in
Frankfurt am Main.
Web: http://www.die-kaes.com