Atomkraft? Allerdings!
Thilo Spahl
ist der Meinung,
daß wir unseren Kindern
gerne Windräder vorenthalten können,
aber auf keinen Fall Kernkraftwerke.
Trittin steht nicht allein. Atomkraft ist in der deutschen Bevölkerung ungefähr
so beliebt wie abgestandenes Bier. Von Begeisterung für die Umwandlung von
Materie in Energie fehlt jede Spur. Ein neuer Weltrekordler im Gummistiefelweitwurf
fürs Guinness-Buch der Rekorde erhält in den Medien mehr anerkennende
Beachtung als das niedersächsische Atomkraftwerk Grohnde, das 1998 "Weltmeister"
in der Stromproduktion wurde. Es lieferte 11,76 Milliarden Kilowattstunden. Neben
Grohnde finden sich unter den ersten sechs in der Welt noch drei weitere deutsche
Kraftwerke. Man stelle sich vor, Deutschland wäre auf der ATP-Weltrangliste
ähnlich gut vertreten. Wer würde es wagen, den Ausstieg Deutschlands
aus dem Tennis zu fordern?
Natürlich sind die beiden Sachen nicht zu vergleichen; auf
dem Tennisplatz sterben viel mehr Menschen als in Atomkraftwerken. Und vom Tennis
verstehen die meisten Menschen viel mehr als von Atomkraft. Tennis ist einfacher.
BESCHLOSSENE SACHE
In den ersten Monaten der rot-grünen Regierung durften wir eine Ausstiegsdebatte
beobachten, die manches Kopfschütteln und Augenverdrehen bewirkte, eine Inszenierung,
an der drei Regisseure zur gleichen Zeit arbeiteten und die daher nicht gerade
als großes Kunstwerk in die Geschichte der deutschen Politik eingehen wird.
Manchem wird inmitten des Getummels entgangen sein, daß es um nichts Grundsätzliches
ging. Es ging lediglich um den bescheidenen Unterschied zwischen "Jetzt aber
ruck zuck!" und "Nicht jetzt gleich, sondern wirtschafts- und sozialverträglich!".
Von einer Kontroverse kann man bei der ganzen Debatte nicht sprechen, der Ausstieg
blieb, wie schon seit Jahren, beschlossene Sache. Die Frage scheint heute nur
noch, wie man ihn am besten voranbringt. Sehr gut kommt das zum Ausdruck, wenn
man liest, wie die Süddeutsche Zeitung ihre Leserumfrage zum Thema
formulierte:
Läßt sich im Bestreben um einen Ausstieg
aus der Atomenergie nur vehement etwas erreichen, und bringen deshalb die Äußerungen
Trittins die Debatten um den Atomausstieg voran - oder schaden sie eher der Sache?
Halten Sie die Vorgehensweise des Umweltministers in der Atompolitik für
richtig?
Das Vorgehen in der Atompolitik ist also dann am ehesten
richtig, wenn es der guten Sache, dem Atomausstieg, am besten dient. Andere Meinungen
scheinen gerade mal noch Lobbyisten der Atomindustrie, einer aussterbenden Spezies,
und der CSU vorbehalten zu sein.
ENERGIE: SCHLIMM
ATOMENERGIE: NOCH SCHLIMMER
In der grünen Weltsicht (die sich heute mehr oder minder ausgeprägt
in allen politischen Parteien findet) ist Energieverbrauch als solcher schon etwas
Schlechtes. Da ist es nicht verwunderlich, daß die Energiequellen, die am
meisten liefern, irgendwie die unsympathischsten sind. Dazu gehören neben
Atomkraftwerken vor allem große Staudämme. Beliebt dagegen sind Windrädchen,
Solarzellen oder vielleicht noch Blockheizkraftwerke, also alles, was sich ohne
Probleme im Vorgarten unterbringen läßt. Atomkraft jedoch gehört
nicht in den Vorgarten und befindet sich damit außerhalb des braven Häuslebauers
Horizont. Atomkraft ist eine technisch aufwendige Form der Energiegewinnung. Das
unterscheidet sie von Verbrennungsenergie oder Wasserkraft, wie wir sie schon
im letzten Jahrhundert genutzt haben. Sie ist die Energie der Zukunft, sie wird
nach dem Ende der Ära fossiler Energien neben der Sonnenenergie die Hauptenergiequelle
für die menschliche Zivilisation sein. Während fossile Energieträger
ganz deutlich endlich sind und in ein paar hundert Jahren keine große Rolle
mehr spielen werden (vgl. Abb. "Consumption of Fossil Fuels"), beträgt
nach heutigem Wissensstand die Reichweite von Uran bei intelligenter Nutzung mehrere
tausend Jahre. Ähnliche Reichweiten sind für den anderen nuklearen Energieträger
Thorium zu erwarten. Die Reichweite der Energieträger Deuterium und Lithium,
die in zukünftigen Fusionsreaktoren genutzt werden, ist praktisch unendlich.
Das 21. und 22. Jahrhundert werden, objektiv betrachtet, die Periode des Übergangs
zum eigentlichen Atomzeitalter sein. Im Rückblick wird es recht skurril anmuten,
wenn man sich die heutigen Debatten um den Ausstieg anschaut.
POSITIVE BILANZ
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war in gewisser Hinsicht die Frühphase
des Übergangs zum Atomzeitalter. Betrachtet man sie als Erprobungszeit, muß
man konstatieren, daß der Einstieg erstaunlich problemlos gelaufen ist.
Vergleicht man mit den Umwelt- und Gesundheitsbelastungen während der Entwicklung
der technischen Nutzung fossiler Energien aus Kohle, Öl und Gas, so erweist
sich die Atomenergie als um Dimensionen sauberer und sicherer. Die größten
Belastungen entstanden zweifellos in den "wilden Jahren" des Uranabbaus
in den späten 40er und den 50er Jahren, in denen Hunderttausende von Bergarbeitern
hohen Strahlendosen ausgesetzt waren. Der GAU von Tschernobyl kostete 1986 59
Menschen das Leben und führte zu mehreren Hunderten zusätzlicher Fälle
von Schilddrüsenkrebs und 17 weiteren dokumentierten Todesfällen in
den folgenden zehn Jahren (s. in diesem Heft der Artikel von Patrick Körber).
Vergleicht man mit anderen Unfällen in den 80er Jahren, etwa dem Grubenunglück
in Mexiko 1984 mit über 500 Toten, dem Dammbruch 1985 in Italien mit 250
Toten, der Explosion auf der Ölbohrinsel Piper Alpha in der Nordsee 1988
mit 167 Toten oder dem Pipelineleck und dem Feuer in Asha-ufa (Sibirien) 1989
mit 600 Toten, so darf man 1986 nicht unbedingt zu den schwärzesten Jahren
in der Geschichte der Energiegewinnung zählen. In der gesamten Zeit der friedlichen
Atomenergienutzung sind durch Unfälle weltweit bislang weniger Menschen gestorben
als jede Woche in Deutschland allein im Straßenverkehr.
Es dürfte schwer sein, eine komplizierte neue Technologie zu
finden, die in den ersten vierzig Jahren ihrer Nutzung, eingesetzt in 32 Ländern
der Erde, so wenig unerwünschte Nebenwirkungen mit sich gebracht hat wie
die Kernenergie.
SCHRECKENSMELDUNGEN UND UNGLÜCKSVISIONEN
Leider interessieren sich viele Menschen nicht sonderlich für die Fakten,
weil sie zu sehr von Schreckensmeldungen und Unglücksvisionen beeindruckt
sind. Viele hegen Zweifel, ob man diesen entwarnenden Zahlen trauen dürfe.
Wird da nicht doch einiges verheimlicht? Viele mutmaßen auch, daß
das, was an Katastrophen bisher nicht eingetreten ist, ja noch kommen und dann
ungeahnte Ausmaße annehmen könne. Für die weite Verbreitung beider
Bedenken gibt es Gründe.
Verheimlichte "Verseuchungen" lassen sich bei der Atomkraft
besonders gut vermuten, da man die Strahlung ja weder riecht noch sieht und sie
gerade deshalb eine so heimtückische Gefahr darstellt. Das ist richtig. Andererseits
reicht es nicht aus, um wirklich heimliche Katastrophen anzunehmen. Denn unbemerkt
können sie nicht bleiben, da Strahlung ja, so unsichtbar sie auch ist, durchaus
ständig gemessen und überwacht wird. Man muß also zusätzlich
eine regierungsseitige Verschwörung von globalem Ausmaß annehmen, die
uns solche Informationen bewußt vorenthält. Dies jedoch entbehrt jeder
Plausibilität.
Die noch zu erwartenden Katastrophen ungeahnten Ausmaßes erscheinen
auf den ersten Blick nicht unwahrscheinlich - schließlich hat man gesehen,
was Atombomben anrichten können. Andererseits weiß man auch, daß
Atombomben dafür gebaut sind, größtmögliche Zerstörungen
anzurichten, während Atomkraftwerke dafür konstruiert sind, jedes mögliche
Risiko zu minimieren. Da gibt es schon Unterschiede. Die begonnene Kernschmelze
im Reaktor Three Mile Island bei Harrisburg hat gezeigt, daß ein sicherheitstechnisch
mittelmäßiges Kraftwerk zwar bei einem Unfall komplett zerstört
werden kann (womit eine Milliarde Dollar vernichtet wurden), jedoch bereits vor
zwanzig Jahren einen GAU ohne Gefährdung der Bevölkerung überstehen
konnte. Neue Reaktortypen sind weit sicherer und setzen zunehmend auf Mechanismen,
die eine Kernschmelze naturgesetzlich unmöglich machen.
ATOMMÜLL: EINE HYPOTHEK FÜR DIE ZUKUNFT?
Bleibt die Frage der Entsorgung. Die wird gemeinhin als vielleicht das größte
Problem gewertet; man trifft jedoch nur selten jemanden, der sagen kann, was daran
problematisch sei. Unter Atommüll verstehen wir strahlende Materialien aus
Atomkraftwerken. Der größte Teil davon ist schwach radioaktiv und wird
einfach vergraben. Viele Gedanken macht man sich um die Endlagerung hochradioaktiver
Stoffe, die nur in geringen Mengen anfallen, jedoch noch über Tausende von
Jahren strahlen und deshalb nicht in Kontakt mit Lebewesen kommen sollten, die
sie schädigen können. Das ist technisch gesehen eine durchaus zu bewältigende
Aufgabe.
Stand der Überlegungen heute ist, sie zu verglasen und dann
in Gesteinen oder Salzstöcken zu lagern, in denen sich schon seit mehreren
Hundert Millionen Jahren nichts geregt hat. Das ist eine Methode, die weit sicherer
ist, als das Gefährdungspotential es erfordern würde. Abgesehen von
der Tatsache, daß man etwa Plutonium lieber weiter zur Energiegewinnung
nutzen sollte, statt diese kostbare Substanz zu vergraben, spricht nichts gegen
diese Form der Endlagerung.
DAS WISSEN DER ZEIT NUTZEN
Die wichtigste Ressource für die Entwicklung der Menschheit ist die menschliche
Intelligenz. Das zunehmende Wissen über die Natur ermöglicht es uns,
diese zu nutzen und unser Leben zu verbessern. Es war seit Beginn der Wissenschaften
immer selbstverständlich, daß die Menschen darauf brannten, neue Erkenntnisse
zu nutzen, um die eigenen Möglichkeiten und die folgender Generationen zu
erweitern. Die Fortschritte in der Kernphysik gehören zu den großen
Errungenschaften des 20sten Jahrhunderts. Die kleine Einsteinsche Formel e=mc2
verweist darauf, daß Materie in Energie umgewandelt werden kann. (Das ist
beim Verbrennen von Holz oder Kohle keineswegs der Fall, es sieht nur so aus,
weil feste Stoffe weitgehend in gasförmige umgewandelt werden, wobei jedoch
kein Masseverlust zu verzeichnen ist.) Dies passiert, wenn große Atome (etwa
Uran) zu kleineren gespalten oder kleine (z. B. Wasserstoff) zu größeren
verschmolzen werden. Dabei geht tatsächlich Materie verloren, und große
Mengen an Energie werden frei. Aus dieser Kenntnis eröffnen sich phantastische
Möglichkeiten - aber kaum mehr einer findet sich, der sie nutzen möchte.
Die "Wollen-wir-nicht! Brauchen-wir-nicht!"-Haltung gegenüber
der Kernenergie am Ende des zweiten Jahrtausends werte ich nicht als Ausdruck
tatsächlicher Bedenken, als Ausdruck (wenigstens für sich selbst) begründeter
Angst, schon gar nicht als verantwortliche Entscheidung auf Basis einer aufgeklärten
gesellschaftlichen Debatte. Ich werte sie in erster Linie als Ausdruck der Perspektivlosigkeit,
als Ausdruck einer tiefgreifenden Begeisterungslosigkeit und Zukunftsferne.

Thilo Spahl ist NOVO-Redakteur des
Ressorts Wissenschaft und Technik.
Kontakt: novo@gmx.de