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Von Sabine Reul
Die Handhabung des Kosovo-Konflikts durch die Bundesregierung ist allerdings kaum geeignet, Vertrauen in die Reformfähigkeit der Politik zu wecken. Der Verwüstungskrieg, der gegen Jugoslawien geführt wird, ist das bislang grausamste und aberwitzigste Produkt eines gegenteiligen Prozesses: Die Politik hat abgedankt. Die Bundesregierung hat, gemeinsam mit ihren Allianzpartnern, ohne Not und in voller Kenntnis der Unabsehbarkeit der Folgen der Eigendynamik einer brutalen militärischen Option Vorrang vor der Politik eingeräumt. Alle Beobachter, denen in diesen wirren Zeiten ein Restverstand verblieben ist, sind sich einig: Hier läuft in blinder Zwanghaftigkeit ein politisches und menschliches Desaster ab. Und was soll das für eine Politik sein, die versichert, zu diesem Desaster gebe es "keine Alternative"? Es ist keine Politik mehr. Und da schließt sich
der Kreis zum Abgang Lafontaines. Es ist viel Unsinn über seinen Rücktritt
geschrieben und gesagt worden. Hier habe der linke Freund der Lohnabhängigen
vor den rechten Modernisierern und der Wirtschaftslobby die Segel gestrichen,
meinten Kommentatoren. Zwischen Lafontaine und Schröder mögen,
was die Persönlichkeiten, innerparteilichen Rollen und Nuancen der politischen
Orientierung betrifft, Unterschiede bestehen. Viel größer sind indessen
die Gemeinsamkeiten. Beide sind Politiker identischen Schlages. Beider Aufstieg
erfolgte vor dem Hintergrund des Zerfalls der alten sozialdemokratischen Milieus
und Politikerwartungen ab Anfang der achtziger Jahre. Lafontaine und Schröder
gelangten im Kontext der sozialdemokratischen Orientierungskrise durch gezielten
Tabubruch in ihre Führungsämter. Die Politik der SPD wurde unter der Ägide der Enkelgeneration zu einem diffusen Nebeneinander schillernder Fragmente. Teils wollte man die Ängste der von Sozialabbau betroffenen alten Anhängerschaft mit Resten sozialdemokratischer Rhetorik - inklusive dürftig verhüllter Ausländerfeindlichkeit - an sich binden, teils den Grünen die umweltorientierte Klientel abwerben, teils die Wirtschaft und neue Mittelschichten mit Modernisierungsgelöbnissen für sich gewinnen. Sofern Lafontaine seit dem Bundestagswahlkampf im vergangenen Jahr diesem Gemisch eine originelle, eigene Note beigefügt hat, so war es das Konzept eines dirigistischen globalen Protektionismus, der den Widersprüchen der wirtschaftlichen Entwicklung durch weitreichende Staatseingriffe sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene begegnen will. All das ist in großer Ausführlichkeit in dem von Lafontaine und seiner Gattin Christa Müller veröffentlichten Werk Keine Angst vor der Globalisierung (Dietz-Verlag) nachzulesen. Hier wird ein bürokratisches Regulationsmodell erkennbar, das auf die Probleme der sozialen Wirklichkeit nur noch restriktivste Antworten findet. Man muß Lafontaine allerdings zugute halten, daß er hier und auch sonst für das Primat und die Verantwortung der Politik gegenüber der Kapitulation vor vermeintlichen Sachzwängen eintrat. Doch auch das war, wie Lafontaine durch seinen eigenen Abgang verdeutlicht hat, wohl ebenfalls nicht mehr durchhaltbar. In diesem politischen Potpourri hat sich die Partei
schließlich verloren. Und dabei wurde nicht nur die Politik zusehends fragmentiert,
sondern auch die Personen. Vor der Psychologisierung politischer Phänomene
ist zwar immer zu warnen. Aber es läßt sich hier und heute nicht mehr
übersehen, daß da auch psychische Prozesse ablaufen. |
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Wir spüren in den Nischen des globalen intellektuellen Diskurses Ideen und Konzepte auf, die Wege aus der aktuellen geistigen und politischen Stagnation weisen können... >>
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