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Inside Prozeßsucht:
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Immer häufiger werden Unternehmen und Institutionen von Privatpersonen verklagt, die durch den Konsum derer Produkte oder die Inanspruchnahme ihrer Dienstleistung zu Schaden gekommen sein wollen. Frank Furedi ist der Ansicht, daß solche Verfahren eine Kultur der Verantwortungslosigkeit auf Seiten der Kläger offenbaren.
In England wird die Glaubwürdigkeit von
Schadensersatzklagen für einen immer ausufernderen Katalog von Phobien und
Syndromen nur noch selten hinterfragt. Im staatlichen Gesundheitswesen hat sich
der Betrag der gezahlten Entschädigungen und Verfahrenskosten seit 1991 verfünffacht.
Es wird erwartet, daß er in diesem Jahr bei 300 Mio. Pfund (DM 816 Mio.)
liegen wird. Anwälte und ihre Klienten bedienen sich
aus der amerikanischen Erfahrung mit Entschädigungsklagen. Auch in Großbritannien
haben inzwischen Klägervereinigungen Gemeinschaftsklagen (in den USA sogenannte
"class action suits") gegen eine Reihe von Pharma- und Mobilfunkunternehmen
eingeleitet. Eine weitere Gruppe hat sich zusammengeschlossen, um die Hamburgerkette
McDonald's zu verklagen. Sie behaupten, sie hätten sich an den im Restaurant
servierten heißen Getränken den Mund verbrannt. Die Multiplikation solcher Prozesse ist schon
jetzt ein großes Problem für die Tourismusbranche. Anbieter von Pauschalreisen
werden inzwischen für alle Aspekte ihrer Angebote rechtlich zur Verantwortung
gezogen - darunter auch solche, auf die sie eindeutig keinen Einfluß haben.
Vor zwei Jahren erhielten zwei jungen Frauen staatliche Rechtsbeihilfe für
eine Klage gegen das Reiseunternehmen Thomson, da sie angaben, in Tunesien sexuell
belästigt worden zu sein. Thomson wurde schließlich verurteilt, den
Klägerinnen 3000 Pfund (DM 8.160) zu zahlen. Da kann es kaum überraschen,
daß inzwischen eine Lawine von Klagen die Tourismusanbieter überrollt. Im April 1996 kam es zu einem wichtigen Präzedenzfall.
John Walker, einem Sozialarbeiter in leitender Position, wurden 175.000 Pfund
(DM 476.000) Schadensersatz für "psychiatrische Schädigung einer
ansonsten robusten Persönlichkeit" zugesprochen. Das Gericht befand,
"exzessive Arbeitsbelastung" habe bei Herrn Walker einen Nervenzusammenbruch
ausgelöst. Inzwischen bedienen sich auch die Gewerkschaften des populären
Themas Streß und regen ihre Mitglieder an, gegen Arbeitgeber mit Schadensersatzforderungen
vor Gericht zu ziehen. Der schon erwähnte stellvertretende Schulleiter begründete seine Klageforderung damit, er sei als "kompetenter, selbstbewußter Mensch an die Schule gekommen und habe sie als das genaue Gegenteil" verlassen. Hauptauslöser seines Zusammenbruchs war offenbar ein Vorfall im Dezember 1991: Man bat ihn, auf einer Weihnachtsfeier einer ehemaligen Kollegin ein verpacktes Geschenk zu überreichen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Phallus aus Schokolade und eine Weihnachtskarte mit der Inschrift: "Ich hoffe, diese Weihnachten macht Ihnen das Knabbern Spaß". Den Kläger versetzte der Vorfall offenbar in solche Scham und Seelenqual, daß er den Lehrberuf aufgeben mußte. Viele Eltern der Kinder an der Sageston County Primary School in Carew waren empört, daß 100.000 Pfund (DM 272.000) Schadensersatz für ein Ereignis ausgezahlt wurden, das den meisten als - wenn auch geschmacklich fragwürdiger - Scherz erschien. Was ihnen offenbar noch nicht ersichtlich war, ist, daß in Entschädigungsfällen heute Leid nicht mehr danach definiert wird, was Menschen angetan wurde, sondern wie sie behaupten, sich gefühlt zu haben. Exzentrische Forderungen wie diese sind nur
die Spitze des Eisbergs. Tracy Brown, Expertin für Prozeßkultur bei
der britischen Forschungsgruppe Global Futures, hat festgestellt, daß Führungskräfte
inzwischen "auf solche Probleme ausweichend reagieren". Folglich bestehe
in Großbritannien eine verborgene Krise im Bereich der Rechtskultur, die
sich darin äußert, daß "immer mehr Unternehmen einem außergerichtlichen
Vergleich zustimmen, um sich nicht einen schlechten Ruf einzuhandeln". Viele
Großunternehmen haben inzwischen solche Furcht vor Klagerisiken, daß
sie die Entwicklung neuer Produkte vertagen. Laut Tony Eaton, PR-Direktor bei
Hoechst Marion Rousell, haben sich Kläger und Medien zusammengetan, um das
öffentliche Vertrauen in eines der Produkte des Unternehmens - das Verhütungsmittel
Norplant - zu untergraben. Er meint, die neue Prozeßkultur halte schon jetzt
viele wichtige Innovationen in der Verhütungsmedizin vom Markt. Und laut
Mike Wallace, Geschäftsführer bei Schering Health Care, hat negative
Publizität von Unternehmen, gegen die Klageverfahren anhängig sind,
oft eine solche Dynamik, daß jede sachliche Diskussion unmöglich wird. Leider sieht es nicht so aus, als sei das alles eine
nur vorübergehende Fehlentwicklung. Die Öffentlichkeit ist nervös,
und niemand will das Thema offen diskutieren. Außerdem setzen Versicherungsgesellschaften
Unternehmen unter Druck, indem sie ihnen raten, Entschädigungsforderungen
möglichst schnell außergerichtlich zu vergleichen. Wenn alle das tun,
wird die Flut der Klagen weiter anwachsen. Das Schweigen über diese Entwicklung
wird das Problem nicht lösen, sondern die Kultur der Verantwortungslosigkeit
stärken.
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