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Primo Levi hatte noch befürchtet, dass die Erinnerung an die Schoa allmählich dem Vergessen weichen werde. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Das Erinnern an historisches Leid und Unrecht gewinnt, nicht nur in Hinblick auf die Judenvernichtung, immer mehr an Bedeutung. Ian Buruma kommentiert in diesem Essay die Gründe und Folgen dieser Form der Suche nach Anerkennung.
Schulfahrten zu den Todeslagern gehören in Israel zur staatsbürgerlichen Erziehung. Die politische Botschaft ist klar: Israel wurde auf der Asche des Holocaust gegründet; hätte es den Staat jedoch schon 1933 gegeben, wäre der Holocaust nie geschehen. Nur in Israel können Juden sicher und frei leben. Der Holocaust hat das bewiesen. Die Opfer Hitlers starben also als Märtyrer für die neue jüdische Heimat, sozusagen als israelische Staatsbürger in spe, und der Staat Israel ist zugleich Symbol und Garant für das Überleben der Juden und des Judentums. Segev fiel auf, daß die Besuche in den Todeslagern einen eigentümlich religiösen oder pseudoreligiösen Charakter haben. In seinen Augen verhielten sich die israelischen Schüler in Polen ganz ähnlich wie die christlichen Pilger in Jerusalem - sie waren blind für alles, ausgenommen die heiligen Stätten, und schritten die Eisenbahngleise in Auschwitz-Birkenau ab wie Christen die Via dolorosa. Im Krematorium eines der Lager zündeten sie eine Kerze an, knieten nieder und beteten. Manche bezeichnen so etwas als eine Form säkularer Religion. Der Historiker Saul Friedländer war weniger gnädig, er sprach von einer Verbindung aus Kitsch und Tod. Das mag man sehen, wie man will. Auf jeden Fall ist die gegenwärtige Erinnerungskultur von der allgemeinen Vergeßlichkeit, die Primo Levi einst befürchtete, weit entfernt. Eine der schrecklichsten Verwünschungen, die ein SS-Offizier in Auschwitz den jüdischen Opfern entgegenschleuderte, war die Verheißung, selbst wenn ein Jude das Lager überleben sollte, werde ihm nachher niemand glauben, was ihm hier widerfahren sei. Der SS-Mann irrte. Das jüngste und schrecklichste Kapitel in der langen Geschichte jüdischen Leidens ist vom Vergessen nicht bedroht - die Erinnerung daran gewinnt sogar an Resonanz, je weiter die Ereignisse in die Vergangenheit zurücktreten. Manchmal hat man den Eindruck, als wollte alle Welt an der Olympiade des Leidens teilnehmen, wie ein israelischer Freund diese sonderbare Konkurrenz mal genannt hat. Täusche ich mich, oder ist wirklich eine Spur von Neid im Spiel, wenn sich Iris Chang, die chinesisch-amerikanische Verfasserin eines Bestsellers über das Massaker von Nanking im Jahr 1937, wünscht, die Amerikaner chinesischer Herkunft möchten endlich ihren Steven Spielberg finden? (Ihr Buch trägt den Untertitel: "Der vergessene Holocaust des Zweiten Weltkriegs".) Anscheinend genügt es den chinesischen Amerikanern nicht, wenn man in ihnen die Erben einer großen Zivilisation sieht; sie wollen als die Erben ihres eigenen Holocaust anerkannt werden. Ähnliche Vorstellungen von "victimhood", von "Opfertum" oder "Opfer-Sein", sind auch bei Hindu-Nationalisten und Armeniern im Schwange, ebenso bei Afroamerikanern, Serben, Indianern, Amerikanern japanischer Herkunft und bei den Homosexuellen, die Aids zum Abzeichen ihrer Identität erhoben haben. Larry Kramers Buch über Aids trägt den Titel "Reports from the Holocaust". Kramer stellt darin die Aids-Epidemie auf eine Stufe mit dem Versuch der Nazis, die Juden auszurotten. Selbst die sanftmütigen, wohlsituierten Holländer, vor allem jene zwischen fünfzehn und dreißig, die Kriegsgreuel unmöglich erlebt haben können, schränken ihre historische Perspektive nun oft auf die Nöte ein, die die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg ihrem Land beschert hat. Zu wundern braucht man sich darüber nicht, denn die Historie der Zeit vor dem zwanzigsten Jahrhundert wurde wegen angeblicher Irrelevanz aus dem niederländischen Lehrplan praktisch gestrichen. Auch Frauen und Homosexuelle sind unbestreitbar diskriminiert worden. Und ob die Indianer nun recht haben oder nicht, wenn sie Kolumbus an seinem Geburtstag einen Massenmörder nennen - es besteht jedenfalls kein Zweifel daran, daß ihre Vorfahren Opfer eines Genozids waren. Das alles ist wahr. Problematisch wird es jedoch, wenn eine kulturelle, ethnische, religiöse oder nationale Gemeinschaft die sentimentale Solidarität, die aus der Erinnerung an das eigene "Opfersein" erwächst, zur wichtigsten Grundlage ihrer gemeinschaftlichen Identität macht. Leicht führt dieser Weg in historische Kurzsichtigkeit und im Extremfall bis zur Blutrache - oder ins Kosovo, wo unter Berufung auf eine serbische Niederlage, die fast tausend Jahre zurückliegt, immer noch unschuldige Menschen ermordet werden. Etwas Ähnliches geschah in Westeuropa, vor allem in Frankreich. Dort errichtete de Gaulle ein gemeinsames Dach, unter dem alle Platz finden sollten, die durch den Krieg gekommen waren: Mitglieder der Résistance, Anhänger der Vichy-Regierung, Kollaborateure, Freie Franzosen und jüdische Überlebende. Offiziell waren sie alle Bürger des ewigen Frankreich und hatten sich allesamt dem deutschen Feind widersetzt. Weil die französischen Juden, die überlebt hatten, um nichts auf der Welt noch einmal als etwas Besonderes behandelt werden wollten, fanden sie sich mit dieser Fiktion ab. Die Leiden der japanischen Amerikaner, die während des Krieges von ihrer eigenen Regierung als "Japs" interniert wurden, kann man mit dem, was den europäischen Juden widerfahren ist, zwar nicht gleichsetzen - ihre Reaktionen in der Zeit nach dem Krieg waren jedoch auffällig ähnlich. Wie die französischen Juden waren sie froh, als sie wieder in die Gesellschaft integriert wurden, und schwiegen über die erlittenen Demütigungen. In China wiederum wurde der Umgang mit der Erinnerung stark durch politische Faktoren geprägt. In der Volksrepublik machte man zunächst wenig Aufhebens um das Nanking-Massaker, weil sich 1937 in der Hauptstadt der Nationalisten keine kommunistischen Helden hervorgetan hatten. Es waren überhaupt keine Kommunisten dort gewesen. Viele von denen, die damals zu Tode kamen, waren Soldaten in der Armee Tschiang Kai-scheks gewesen. Und später war es für die Überlebenden mit der falschen Klassenzugehörigkeit oder dem falschen politischen Hintergrund so schwierig, Maos Säuberungen zu überstehen, daß ihnen für eine Besinnung auf das, was ihnen unter der japanischen Besetzung zugestoßen war, die Kraft fehlte. Den Söhnen und Töchtern der Opfer blieb es überlassen, das Schweigen zu brechen. Im Falle Chinas bedurfte es auch eines politischen Wandels: Teng Hsiao-pings Politik der offenen Tür und die neue Abhängigkeit von japanischem Kapital mußten mit Stichen gegen das japanische Gewissen kompensiert werden. So schenkte die kommunistische Regierung dem Massaker von Nanking erst nach 1982 zum erstenmal Beachtung. Aber wie kam es, daß sich in anderen Ländern die Söhne und Töchter von Überlebenden in den sechziger und siebziger Jahren entschlossen, den Mund aufzumachen? Wie erklärt sich die Verbissenheit eines Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz umgebracht wurde und der so viel dafür getan hat, öffentliche Aufmerksamkeit auf das Geschick der französischen Juden zu lenken? Wenn wir uns an die eigenen Eltern erinnern, so ist
das stets ein Akt der Pietät. Auf diese Weise ehren wir sie. Sich der eigenen
Eltern zu erinnern, ist aber zugleich ein Akt der Selbstvergewisserung. Es ist
verständlich, daß französische Juden und japanische Amerikaner
ihre Narben verdeckten, daß sie unauffällig in den Hauptstrom der Gesellschaft
zurückgleiten wollten. Aber ihren Kindern und Enkeln genügt das nicht.
Für sie war es, als hätte das Schweigen ihrer Eltern ihnen einen Teil
ihrer selbst amputiert. Eine neue Generation kann sich mit dem Leiden früherer
Generationen nur identifizieren, indem sie dafür sorgt, daß dieses
Leiden wieder und wieder öffentlich anerkannt wird. Dieser Weg erscheint
vor allem dann verlockend, wenn nur mehr wenige Merkmale gemeinschaftlicher Identität
vorhanden sind - und dies oft gerade deshalb, weil die Überlebenden sich
unbedingt assimilieren wollten. Wenn sich Jüdischsein auf eine Vorliebe für
Woody-Allen-Filme und Bagels und Chinesischsein auf die Romane von Amy Tan und
Frühlingsrollen aus der Tiefkühltruhe reduziert, erscheint die Quasi-Authentizität
kollektiven Leidens plötzlich sehr attraktiv. Das stärkste Band, das nationale Gemeinschaften in Freiheit oder Despotie zusammengehalten hat, war wohl das Regierungssystem, für das sich diese Gemeinschaften entschieden haben oder das ihnen aufgezwungen wurde. Manche Nationen sind vor allem durch ihr politisches System definiert worden, zum Beispiel die Vereinigten Staaten, aber auch das Vereinigte Königreich und in geringerem Maße Frankreich. Daß sich politische Utopien auf reiner Vernunft gründen lassen, war eine der überschwenglichen Ideen, die aus der Aufklärung und der Französischen Revolution hervorgegangen sind. Der Nationalismus, der den Nationalstaat als Ausdruck des Volkswillens verherrlicht, war Teil dieser Idee. Politik sollte an die Stelle religiöser, regionaler oder ethnischer Bindungen treten. Die doppelte Katastrophe des Kommunismus und des Faschismus hat jedoch gezeigt, wie gefährlich es ist, im Nationalstaat nichts anderes als den reinen Ausdruck des Volkswillens zu sehen. Jedenfalls ist die politische Ideologie, die in der Teilung zwischen Rechts und Links in der französischen Nationalversammlung ihren Ausgang nahm und im Kalten Krieg kulminierte, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion effektiv verschwunden. Heutzutage zehren die Auswirkungen des globalen Kapitalismus an der Vorstellung, Nationen würden vor allem durch ihr Regierungssystem definiert. Tom Segev glaubt, die in Israel erkennbare Tendenz, aus dem Holocaust eine staatsbürgerliche Religion zu machen, sei eine Reaktion auf den säkularen Zionismus. Der "neue Mensch", der sozialistische, heldenhafte Pionier, habe sich als untaugliches Modell erwiesen. Immer mehr Menschen wollen sich auf ihre historischen Wurzeln besinnen. Ernsthaftigkeit in religiösen Dingen ist jedoch ein anspruchsvolles Unterfangen. Segev schreibt: "Ein emotionales Geschichtswissen um den Holocaust bietet einen sehr viel leichteren Weg, der nicht einmal mit einer realen persönlichen Verpflichtung verbunden sein muß." Ähnliches gilt auch für andere Gemeinschaften. Unter den Hindus der indischen Mittelschicht ist das Aufleben des Nationalismus besonders spürbar - eine Reaktion auf Nehrus Vision von einem sozialistischen, säkularen Indien. Da viele städtisch geprägte Hindus der Mittelschicht nur über eine oberflächliche Kenntnis des Hinduismus verfügen, eröffnet das aggressive Ressentiment gegen die Muslime einen leichteren Weg. So ist in Indien die eigentümliche Situation entstanden, daß sich eine mächtige Mehrheit von einer schlecht bemittelten Minderheit attackiert fühlt. Wie auf den säkularen Rationalismus der französischen Aufklärer der romantische Idealismus folgt, so kündigt sich in der Faszination, die Kitsch und Tod für uns besitzen, ein neues romantisches Zeitalter an, das antirational, sentimental und kommunitarisch sein wird. Man erkennt das auch an der Politik eines Bill Clinton oder eines Tony Blair: Die sozialistische Ideologie wird durch die Berufung auf ein gemeinsames Empfinden ersetzt, wobei jeder Anteil am Leiden der anderen nehmen soll. Diese Art von Anteilnahme ist inzwischen bis in unser Verständnis von Geschichte vorgedrungen. In der Geschichtsschreibung geht es heute immer weniger darum, herauszufinden, wie etwas wirklich gewesen ist. Immer mehr Menschen meinen, daß es historische Wahrheit gar nicht gebe. Statt dessen studieren wir die Erinnerung, also empfundene, gefühlte - vor allem von ihren Opfern gefühlte - Geschichte. Anschaulich wurde das in den außergewöhnlichen Szenen, die wir nach dem Tod von Prinzessin Diana erlebten, als sich die ganze Welt - so jedenfalls behaupteten die Fernsehreporter - in Trauer über den Tod der Prinzessin vereinte. Sie war die perfekte Verkörperung unseres Opferseins. Sie identifizierte sich nicht nur in oft löblicher Weise mit Opfern, indem sie Aids-Kranke und Obdachlose umarmte, sondern galt auch selbst als Opfer: des männlichen Chauvinismus, monarchischer Arroganz, der Medien, der britischen Gesellschaft usw. Jeder, der sich selbst als Opfer fühlte, identifizierte sich mit Diana, insbesondere Frauen und Angehörige der ethnischen Minderheiten. Und es sagt auch etwas über den Zustand des durch Immigration, Amerikanisierung und Europäisierung gewandelten, aber seiner Rolle in Europa noch immer ungewissen Vereinigten Königreichs, daß so viele Menschen sich erst im Tod der Prinzessin der Wehmut als Nation vereint fühlten. Ich zweifle nicht am Ernst der Gefühle von Vera Schwarcz, aber ich frage mich, ob solche Auslassungen historisch aufklärend wirken können. Sie sind ganz und gar ahistorisch, denn sie verrühren die Erfahrungen tatsächlicher historischer Opfer zu einer Art Leidenseintopf, in dem alle Schmerzen gleich sind. Auch wenn es zweifellos wahr ist, daß Chinesen, Juden, Homosexuelle und andere gelitten haben, so haben doch nicht alle auf die gleiche Weise gelitten. Die Unterschiede, auf die es doch ankommt, drohen verlorenzugehen. Es ist typisch für unser neoromantisches Zeitalter, daß ein bekannter holländischer Ballettänzer und Schriftsteller, Rudi van Dantzig, in einer vom Amsterdamer Widerstands-Museum herausgegebenen Flugschrift fordert, Homosexuelle und andere Minderheiten in den Niederlanden sollten sich die Widerstandskämpfer der Nazizeit als Vorbild für ihren Kampf gegen gesellschaftliche Diskriminierung nehmen. Abgesehen von der Sentimentalität, die das öffentliche Leben im Gefolge dieser Opfer-Kultur prägt, birgt diese neue Religion des Kitsches und Todes auch andere beunruhigende Tendenzen. Zwar spricht Vera Schwarcz davon, daß gemeinsames Trauern Brücken zwischen verschiedenen Gemeinschaften baue. Ich denke, daß die Neigung, Authentizität in gemeinschaftlichem Leiden zu suchen, in Wirklichkeit das Verständnis zwischen Menschen eher behindert. Gefühle lassen sich nur ausdrücken, aber nicht diskutieren. Sie führen daher nicht zu gegenseitigem Verstehen, sondern nur zu stummer Hinnahme dessen, was Leute über sich selbst sagen, oder gewaltsamer Konfrontation. Das gilt auch für den politischen Diskurs. Ideologie hat zweifellos, vor allem dort, wo sie mit Zwang durchgesetzt wurde, großes Leid hervorgebracht. Aber Politik ohne jede Ideologie wird gestaltlos und bedeutet, daß Politiker nicht mehr Ideen ansprechen, sondern Gefühle. Das führt schnell zu Autoritarismus, denn mit Gefühlen ist Auseinandersetzung unmöglich. Wer es trotzdem versucht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern als gefühllos und kalt denunziert - als ein schlechter Mensch, mit dem zu reden überflüssig ist.
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