Kinderopfer
Phantasmen der Unschuld
Moderne, säkularisierte Gesellschaften
befriedigen ihre religiösen Bedürfnisse im Kinderkult, der sich um reale
Kinder nicht schert. Er kreist wie je zuvor im christlichen Abendland um Phantasmen
der Unschuld und der Asexualität sowie des Opfers beider im Kind. Dabei denkt
das sogenannte Abendland gar nicht mehr christlich. Aber die religiöse Struktur
bleibt erhalten und beeinflußt alles, was für Kinder unternommen wird.
Von Katharina Rutschky.
Anfang August letzten Jahres kam es in einem Berliner Mietshaus zu einer
Gasexplosion. Es gab sieben Tote, darunter den 13jährigen Sven; alle anderen
Opfer waren erheblich älter, ja alt. Schon bei den Rettungsarbeiten konzentrierte
sich das Interesse der Massenmedien und des versammelten Publikums auf den Jungen.
Die anderen Hausbewohner, nach denen die Feuerwehr grub und buddelte, interessierten
kaum. Suchgeräte schienen eine Weile noch Leben unter den Trümmern anzuzeigen.
Die Berliner Menschheit hätte aufgeatmet, wenn das Kind lebend aus den Trümmern
hätte geborgen werden können. Zutage gefördert wurden dann aber
bloß ein Hund und eine Katze - als Säugetiere senden sie dieselben
Signale wie ein Mensch.
Die Eltern des besagten Sven hatten außer Haus genächtigt.
Noch nie, so beteuerten sie gegenüber den Massenmedien, hätten sie ihr
Kind allein gelassen. Und nun, ausgerechnet bei diesem ersten Mal, passierte das
Unglück. Bei der Totenfeier auf dem Friedhof hatten sie nichts dagegen, daß
die Medien dabei waren. Die Beerdigung der anderen sechs Opfer interessierte niemanden:
Der Rentner und seine Tochter, die 46jährige Zeitungsbotin, welche mit dem
Druck auf den Lichtschalter am Morgen nichtsahnend die Explosion ausgelöst
hatte, der mittelalte Angestellte - ihnen allen kommt außerhalb der Unfallstatistik
keine Bedeutung zu.
Ein gerettetes Kind hätte die anderen Toten nicht vergessen
gemacht, aber vielleicht erlöst vom Verdikt des sinnlosen Sterbens durch
einen banalen Zufall. Der Sven, der überlebt hätte, wäre für
einige Wochen so populär gewesen wie der tote nur einige Tage. Statt Blumen
an der Unglücksstelle hätte ein flinker Sponsor ihm eine Ferienreise
gestiftet; denn das Unglück ereignete sich mitten in den Schulferien, die
Sven, das einzige Kind der sehr jungen Eltern, zu Hause verbringen mußte.
RELIGIÖSE ENERGIE
An den Reaktionen auf das Unglück in Berlin wurde ein auch anderswo zu beobachtender
Trend ersichtlich: Wenn ein Kind gerettet wird, wird mehr als ein Kind gerettet.
Und wenn ein Kind ums Leben kommt, nur dann ist das Opfer mehr als ein toter Mensch.
Wallfahrtsähnliche Szenen und altarhafte Aufbauten konnte man in den letzten
Jahren besonders dann beobachten, wenn ein Kind einem Sexualverbrechen zum Opfer
gefallen war. Es ist das kindliche Menschenopfer, das Pilger anzieht und große,
aber unbestimmte Gemütswallungen auslöst.
Über die Ursachen hierfür herrscht Unklarheit. Gewöhnlich
wird den bösen Massenmedien die Schuld an hysterischen Szenen gegeben, bei
denen jede Rücksicht auf das wirkliche Opfer und seine Angehörigen verlorengeht.
Doch das ist eine kurzsichtige Interpretation. Vielmehr führt die Opferfeier
aufs Terrain einer unvernünftigen, vorkirchlichen Religiosität. Es scheint
geradezu so, als ob Kinder immer mehr in den Mittelpunkt rücken und religiöse
Energie binden, je weiter sich die Gesellschaft von den etablierten Kirchen entfernt.
Gerade als Ausnahme erinnert das Opfer an das, was den Menschen am heiligsten,
aber keineswegs völlig selbstverständlich ist: den Respekt vor dem Leben
des anderen, den Verzicht auf Gewalt, den Schutz der Schwachen und die Bändigung
der Sexualität. Der Umgang mit Sexualstraftaten in unserem Rechtssystem mißlingt,
weil wir in der Tat, unbewußt, aber nicht einmal zu Unrecht, eine Attacke
auf unser aller Religion vermuten. Doch das sei hier nur am Rande erwähnt.
EIN HERZ FÜR KINDER
Kindern kommt heute in der zwischen Bevormundung, Sozialpolitik und Religion zunehmend
gespannten Atmosphäre eine neue Bedeutung zu. Der 13jährige Berliner
Schuljunge Sven - ich zögere, es zu Papier zu bringen - kann froh sein, daß
er tot ist. Ebenso seine Eltern und wir alle, die an den Rettungsarbeiten Anteil
genommen, Blumen abgelegt oder zumindest in den Zeitungen die Begebenheiten bewegt
verfolgt haben. Schon wegen der Auseinandersetzung mit den Versicherungen der
toten Hausbewohner und ihren Erben (auch der Hausbesitzer will entschädigt
werden) kam es zu scharfen polizeilichen Ermittlungen. Natürlich hatten auch
die städtischen Gaswerke ein großes Interesse daran, ihren Ruf wieder
aufzupolieren.
Einige Wochen nach der Gasexplosion sprach alles dafür, daß
wir in Sven den Täter beziehungsweise den Auslöser der Katastrophe zu
sehen haben, dem, außer ihm, sechs weitere Menschen zum Opfer fielen. Es
sieht so aus, als habe der Junge einen Prüfstutzen der Gasleitung im Keller
manipuliert, etwa eine halbe Stunde vor der Explosion.
Erst als diese Information ans Tageslicht kam, änderte sich
das Bild. Nun plötzlich erfuhren wir Einzelheiten über Sven, und wir
konnten auch versuchen, uns die Eltern vorzustellen, die ihn in jener verhängnisvollen
Nacht allein gelassen hatten. Sven war alles andere als ein Musterknabe. Dauernd
hat er etwas angestellt: er hat gekokelt, Autoreifen zerstochen, Kot in die Briefkästen
geschmiert, mit einem Luftgewehr aus dem Fenster geschossen und Nachbarn zu Tode
erschreckt. Das waren keine Pubertätssymptome; bei dieser Massierung von
Untaten kann auch von Lausbubenstreichen wohl nicht mehr die Rede sein, zumal
er sie allein verübt hat.
Die Eltern, gerade dreißig und, wie man so sagt, einfache
Leute, waren überfordert. Kein Lehrer, kein Schulpsychologe oder Kinderarzt,
auch kein Nachbar konnte oder wollte ihnen raten. Mitten in Berlin, das über
ein ausgezeichnetes Netz von Hilfseinrichtungen für schwierige Kinder und
Familienverhältnisse verfügt, wurde nach einer langen Anlaufzeit ein
Schuljunge zum Mörder und Selbstmörder. Er hat nicht gehungert und gefroren;
die Eltern haben ihn nicht mißhandelt; er wurde nicht als Kinderarbeiter
ausgebeutet; er durfte zur Schule gehen, und seine Eltern hatten ihm Hund und
Katze geschenkt.
DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE
Ein weiteres Beispiel macht ebenso deutlich wie der Fall Sven, daß Sachlichkeit
rasch abgelegt wird, sobald Kinder im Spiel sind. In Düsseldorf wurde vor
wenigen Monaten ein Hochstapler verurteilt. Unter falschem Namen, mit erschwindelten
Titeln und dito Geldern gründete ein Dr. Jung 1994 eine Initiative mit dem
Namen "Kinder sind tabu". Sie wollte sich dem Ziel verschreiben, endlich
den massenhaften, aber auch 1994 immer noch angeblich sträflich vernachlässigten
sexuellen Mißbrauch von Kindern zu bekämpfen. Angeregt zu diesem Unternehmen
wurde Dr. Jung alias Willi Luchs durch Ex-Außenminister Klaus Kinkel, der
auch gleich die Schirmherrschaft übernahm. Schnell gewonnen wurden andere
Prominente, so die ARD-Moderatorin Sabine Christiansen - die bei der UNICEF, dem
Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, als Botschafterin tätig ist - und
auch Max Schautzer, der Fernsehstar.
Niemand hat es ausgeschlachtet, daß der frühere Außenminister
der Bundesrepublik Deutschland einem Hochstapler zum Opfer fiel. Auch die UNICEF
hat es Sabine Christiansen nicht verübelt, daß sie bei einem Schwindelunternehmen
mitgemacht hat. Den Grund für diese Zurückhaltung vermute ich in unser
aller recht blinden Begeisterung für die Kinderrettung. Der hohe Zweck heiligt
die Mittel - da ging es nicht an, Kinkel wegen Dummheit zu tadeln und Schlüsse
auf seine Fähigkeit zur Amtsführung zu ziehen. Seine und natürlich
auch die moralische Integrität von Sabine Christiansen e tutti quanti standen
ohnehin nicht zur Debatte, denn allem Anschein nach gilt: Wer sich, wo auch immer,
mit wem auch immer und wie auch immer für Kinder einsetzt, noch dazu für
solche, die sexuell mißbraucht worden sind, ist über jede Kritik erhaben,
mögen da auch Millionen verschleudert worden sein.
IRREALER KINDERKULT
Der Kinderkult schert sich nicht um reale Kinder. Je weniger die Leute in ihrem
Alltag mit Kindern zu tun haben (und das ist der Großteil der Bevölkerung),
desto sentimentaler werden sie. Ihr Entsetzen und ihr Mitleid werden grenzenlos,
weil sie sich, wie eine nordamerikanische Therapieschule lehrt, eben nicht mit
wirklichen Kindern, sondern mit dem Kind in sich beschäftigen. Das ist das
verkannte, womöglich noch geschlagene Wesen, das sie einmal waren, und das
ist der Unschuldsengel, den sie tief drinnen immer noch beherbergen. Das wahre
Kind ist nie das nächste Kind, das man sehen und hören kann, mit all
seinen Widersprüchen - das wahre Kind ist das wahre Selbst, von dem man träumt.
Einen deutlichen Hinweis hierauf gab es, als kürzlich Berlin
- als neunter deutscher Stadt - die UNICEF-Partnerschaft übertragen wurde.
Es stellte sich heraus, daß 1996 München in derselben Rolle 4,5 Millionen
Mark Spendengelder zusammengebracht hatte. In Magdeburg waren es 1997 nur 830.000
Mark. Düsseldorf sollte es, den Halbzeitergebnissen zufolge, bis Ende 1998
auch noch auf 900.000 Mark bringen. Über das Abschneiden Berlins wurde gemutmaßt.
Interessanter ist aber eigentlich die Frage, warum München so exorbitant
aus der Reihe fällt mit dem Spendenaufkommen. Ich behaupte: München
hat ein großes Herz für Kinder, weil es die Stadt der Singles ist,
die teils gut verdienen, teils häufig über ihrer Kindheit brüten.
ANGSTMACHE MIT KINDERGEWALT
In München wollte man aber auch ein Exempel statuieren. Wegen zahlloser Straftaten
wurde ein 14jähriger Junge türkischer Herkunft, jedoch nicht in der
Türkei geboren, aus Deutschland ausgewiesen. Seine Eltern lebten und arbeiteten
seit dreißig Jahren in der bayerischen Hauptstadt. Die lange Liste der Straftaten
des Jungen konnte man schwer beurteilen, weil einer, der noch nicht strafmündig
ist, natürlich auch nicht Objekt sorgfältiger polizeilicher oder richterlicher
Ermittlungen sein kann.
An dieser Abschiebung zeigte sich die Kehrseite der Medaille, auf
der vorn groß die Kinderliebe für die mißbrauchten und mißhandelten
Kinder in aller Welt steht. Auf dieser Kehrseite der Medaille ist von der Gewalt
die Rede - der Gewalt, welche Kinder gegen ihresgleichen beispielsweise auf dem
Schulweg ausüben. Andere Leute, die Kinder nicht kennen, versuchen, uns mit
der zunehmenden Kriminalität von Kindern zu erschrecken. Manche plädieren,
um der Flut Herr zu werden, für eine Senkung des Alters, von dem ab ein Mensch
für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden kann. Manche plädieren
auch dafür, Eltern zur Rechenschaft zu ziehen, die ihre Erziehungsaufgaben
vernachlässigen.
Erneut zeigt sich: Wer hier und heute über Kinder redet, redet
nicht über Kinder, sondern über eine Phantasie. Die Leute, die nicht
flüssig von ihrer unglücklichen oder doch mißglückten Kindheit
parlieren können, sind sehr selten. Welches Unrecht ist ihnen geschehen -
was hätte aus ihnen werden können, wenn nicht Mama und Papa alles falsch
gemacht hätten. Das Selbstmitleid paßt gut zur ewigen Erschütterung,
weshalb die Nachgeborenen, eigene oder fremde, so undankbar sind. Warum sind sie
nicht friedlich und ökologisch unbedenklich, sondern prügeln sich mit
anderen und essen bevorzugt Hamburger? Es sind eben Kinder.
Wenn es so einfach wäre: Mit Kindern betreten wir das Terrain
der Religion, nicht das der Sozialpolitik oder der humanitären Hilfe. Kinder
provozieren uns als Opfer zur Mildtätigkeit und als Täter zum Durchgreifen.
Es gehört beides zusammen: Hier schmelzen wir vor Mitleid hin und spenden
gern, da sind wir empört, weil unser Wohlwollen nicht honoriert wird. Es
wäre statt dessen angesagt, über Kinder und Kinderpolitik in völliger
Nüchternheit zu verhandeln.

Von Katharina Rutschky ist erschienen:
Erregte Aufklärung. Kindesmißbrauch: Fakten & Fiktionen (Klein
Verlag, Hamburg 1992, DM 28; als Taschenbuch bei Goldmann, München 1994,
DM 9,90).
In Kürze erscheint bei Rowohlt in erweiterter Neuauflage:
Katharina Rutschky / Reinhard Wolff: Handbuch sexueller Mißbrauch.