Brief an Goethe
Von Sinasi Dikmen
Lieber Onkel Goethe,
zuerst grüße ich Dich herzlich aus Bockenheim und küsse Deine
baumwollweichen Hände. Ich hoffe, es geht Dir gut, auch Deiner Familie und
Deinen Freunden.
Unsere Lehrerin Frau Symirczki erzählte in der Klasse, daß Du dieses
Jahr Geburtstag hast und Deutschland das ganze Jahr Deinen Geburtstag feiert.
Herzlichen Glückwunsch! Ich weiß zwar nicht, wie ein Mensch in Deutschland
ein ganzes Jahr Geburtstag haben kann. Aber vielleicht weißt Du ja selbst
nicht, wann Du geboren worden bist? So wie mein Vater. Mein Vater sagt immer:
Ich kann jeden Tag meinen Geburtstag feiern, oder auch zwei, drei Tage hintereinander.
Mein Vater ist ein komischer Mensch. Er ist nicht einmal doppelter Staatsbürger.
Mein älterer Bruder ist Deutscher. Meine Mutter will keine Deutsche werden,
meine ältere Schwester auch nicht. Ich weiß noch nicht, ob ich Deutscher
werden will oder nicht. Vielleicht will ich Grieche werden, oder am besten ein
Indianer. Ein Schwarzer wäre auch nicht schlecht, aber nur dann, wenn ich
die Farbe meines Gesichtes ändern kann, wenn ich in die Schule gehe. Der
Joachim, obwohl er Deutscher ist, heißt in der Klasse nur Neger, und ich
will kein Neger werden. Schwarzer ja, aber Neger ist schlimm. Tamagochi würde
ich auch werden wollen, aber den muß man immer füttern, und wenn er
keinen Fraß bekommt, verreckt er. So sind die Japaner, sagt Swen.
Wie ist das, Onkel Goethe, wenn ich jetzt als Türke
in Deutschland ein Indianer werden will: Reicht es, wenn ich sage: Ja, ab jetzt
bin ich ein Indianer, oder muß ich vorher unbedingt den Indiananerpaß
in der Tasche haben, um sagen zu dürfen: Ich bin ein Indianer?
Der Beckstein (der ist, glaube ich, Minister) behauptet: Um Deutscher zu sein,
muß man das Recht des Blutes walten lassen. Unter uns gesagt, Onkel Goethe,
wenn das so ist, dann darf mein Bruder kein Deutscher sein. Meine Mutter sagt
nämlich immer über ihn: Er ist ein Schlingel, aber er ist mein Blut.
Oder ist meine Mutter eine verkappte Deutsche? Vielleicht weiß sie selber
nicht, daß sie eine Deutsche ist? Soll ich es ihr sagen, oder soll sie nie
erfahren, daß sie Deutsche ist? Vielleicht wird sie dann unglücklich.
Als mein Bruder Deutscher werden wollte, sagte sie ihm: Deutscher sein bringt
auch kein Glück. Schau dir die Deutschen an, mein Sohn, sie sind zwar alle
Deutsche, aber sie jammern ständig.
Erst müssen die Ausländer integriert
werden, sagte dieser Minister...Onkel Goethe, muß man unbedingt Minister
werden, um solchen Stuß sagen zu dürfen, oder reden alle Minister solchen
Stuß? Wie ich gehört habe, bist du auch Minister gewesen, und?
Die deutsche Sprache muß man zuerst können, sagte er. Gut, Pjetro Müller
aus Kasachstan kann nicht gut deutsch. Er ist aber Deutscher, und meine Schwester
nicht, obwohl sie immer meine Aufsätze verbessert. Meine Schwester sagt,
wenn dieser Minister von Integration spricht, dann meint er, daß er aus
uns allen Deutsche machen will. Jetzt komme ich überhaupt nicht mehr mit.
Einige Parteien wollen uns zu Deutschen machen, die anderen wollen nicht, obwohl
sie aus uns das gleiche machen wollen. Ich fragte meine Schwester, was das bedeuten
soll. Sie antwortete mir: Goethe schrieb mal über die Deutschen: Wir sind
in Deutschland sehr verständig und haben guten Willen, beides für den
Hausgebrauch; wenn aber einmal etwas Besonderes zum Vorschein kommt, so wissen
wir gar nicht, was wir damit anfangen sollen, der Verstand wird albern und der
gute Wille schädlich.
Ich hatte gar nicht gewußt, daß Du
schreibst, Onkel Goethe. Und obwohl ich nichts verstanden habe, verspreche ich
Dir eins: Ich werde Dich lesen, egal, ob ich Doppelter werde, oder Indianer, oder
ob ich Türke bleibe. Das wird mir kein saudummer Minister verbieten können.
Und der wird auch nicht merken, daß ich Dich lese.
Sinasi Dikmen ist Mitbegründer der Käs,
dem Kabarett Änderungsschneiderei in
Frankfurt am Main.
Web: http://www.die-kaes.com