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  März/April 1999 ZUR SACHE


 
 

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NOVO 39

Editorial

von Thomas Deichmann

Zum Helden wird
nur, wer sich
schwach gibt.
Am besten, man
hat gleich mehrere
Gebrechen ...

Das ist, wie
früher beim Gebet,
rituelle Selbstver-
gewisserung unserer
Schuld und Grenzen ...


 

Editorial




OPFERHELDENTUM

 

Früher gab es eine Menge Leute mit echtem Weitblick und Selbstbewußtsein, Leute mit einer großen Klappe, denen Risiken erst mal schnurz waren, Leute, die persönlichen Erfolg hatten und die Gesellschaft voranbringen wollten: Solche Leute waren gefragt und wurden als Helden bewundert.
Heute ist das anders: Niedrige Erwartungen und Moralgedusel sind gefragt. Wer sich zu weit aus dem Fenster hängt, ist sogleich verloren. Zum Helden wird nur, wer sich schwach gibt. Am besten, man hat gleich mehrere Gebrechen und präsentiert sich als von korrupten Mitmenschen oder ungerechten Sachzwängen aussichtslos gepeinigt.

Helden von einst können nur mithalten, wenn sie sich einem Relaunch unterziehen. Die Boxlegende Muhammed Ali sorgte einmal für Schlagzeilen, als sie dem US-Präsidenten ein beherztes "Fuck off - A Vietcong never called me a Nigger!" entgegenschleuderte, nachdem der den Ali gefragt hatte, ob er nicht für sein Land in den Vietnamkrieg ziehen wolle. Heute reist Ali wieder durch die Welt - als UN-Botschafter für den Frieden. Er ist von Parkinson gezeichnet, kann sich kaum noch artikulieren, symbolisiert aber dafür hervorragend das moderne Opferheldentum. Der großmäulige Ohr-Knabberer Mike Tyson hingegen (eine ebensolche Legende des Boxsports) kann es heute nicht weit schaffen.

Die meisten zeigen sich darüber erfreut und erleichtert: Die arrogante Menschheit gibt endlich klein bei. Sie gibt zu, daß sie längst nicht so toll ist, wie die alten Angeber meinten. "Opfer" werden in diesem Klima neue moralische Instanzen. Deshalb ist es heute populär, ständig neue Regelungen zum Schutz von Kindern vorzuschlagen oder sich um die "Rechte" von Tieren zu kümmern. Das ist, wie früher beim Gebet, rituelle Selbstvergewisserung unserer Schuld und Grenzen. Das führt dazu, daß man die schwächsten Glieder der Gesellschaft als Ausgangspunkt für die Zukunftsplanung nimmt.
Auf den modernen Opferkult und seine spezifischen Ausprägungen werden wir in NOVO auch in künftigen Ausgaben wieder zurückkommen, denn es zeichnet sich ab, daß dieser Trend unter Rot-Grün gehörig an Fahrt gewinnt.

In dieser Ausgabe stellen wir das Thema ausführlich zur Diskussion. Hervorragende Autoren, deren Beiträge die Vielschichtigkeit des Themas verdeutlichen, melden sich zu Wort: Cora Stephan, die bereits in Ihrem 1993 erschienenen Buch "Der Betroffenheitskult" die zunehmende Politisierung des Privaten und die Untergrabung demokratischer Prinzipien kommentierte und für NOVO auf das Wechselspiel von Opfer- und Schuldempfinden eingeht; Ian Buruma, der die moderne Identitätsstiftung durch das Erinnern an historisches Leid analysiert; Katharina Rutschky, die sich mit dem quasi-religiösen Kinderkult befaßt, und Frank Furedi, der auf die neue Prozeßsucht von Konsumenten eingeht. Unsere Rechtsexpertin Christine Horn hat zudem betrachtet, wie bedenklich sich die Konzentration auf Opfer auf unser Strafrechtssystem auswirkt. Ein Interview mit Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer beleuchtet dieses Problem.

In der Beilage der WELT "Die literarische Welt" erschien am 13. Februar ein Artikel mit dem Titel "Frankfurter Frechheit". Gemeint war damit eine "Zeitschrift gegen Betroffenheitskult, Weinerlichkeit und satuierten Pessimismus" namens NOVO. Als "Labsal für kritische Geister" wurde unser Magazin beschrieben und in Aussicht gestellt, daß NOVO ein Forum für all jene werden könnte, "denen die Selbstgerechtigkeit dieser Elite zunehmend auf den Geist geht." Dieses Forum bieten wir gerne. Sagen Sie es bitte allen weiter, die es interessieren könnte. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wieder eine anregende Lektüre.

Thomas Deichmann
Chefredakteur

   
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